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Twitter ist ein Existentialismus

15. November 2009 in Feuilleton · 1 Kommentar · Druckansicht

Was stand am Anfang von Twitter? Nachrichten von 140 Zeichen und asymmetrische Kontakte (Follower). Was stand am Anfang von Facebook? Die klare Analogie zum Highschool-Jahrbuch. Diese Wurzeln und wie darauf aufbauend die Dienste weiterentwickelt werden, unterscheiden Facebook und Twitter radikal.

Twitter ist ein existenzialistischer Dienst. Facebook ein essentialistischer. Mit Jean-Paul Sartre läßt sich Twitter besser verstehen.

Sartre unterscheidet (u. a.) seinen Existentialismus von einem Menschenbild, wie es von Philosophen vor den Existentialisten vertreten wurde: So wie ein Handwerker von vornherein weiß, was er herstellt, geht dieses Menschenbild davon aus, daß auch der Mensch eine bestimmte Natur, ein bestimmtes Wesen hat. Diese Essenz geht der Existenz voran: »Demnach ist der Begriff Mensch im Geiste Gottes dem Begriff Papiermesser im Geiste des Handwerkers anzugleichen, und Gott erzeugt den Menschen nach Techniken und einem Begriff, genau wie der Handwerker ein Papiermesser nach einer Definition und einer Technik anfertigt.« (Sartre, Der Existentialismus ist ein Humanismus)

Sartre sagt damit etwas über den Menschen aus: Die Existenz geht der Essenz voraus.

Was bedeutet hier, daß die Existenz der Essenz vorausgeht? Es bedeutet, daß der Mensch zuerst existiert, sich begegnet, in der Welt auftaucht und sich danach definiert. (ebd.)

Analoges gilt auch für Twitter: Ursprünglich existierte Twitter zunächst, mit einer eher unklaren, zumindest aber sehr engen Zielsetzung, die kaum über die Beschreibung seiner Funktion hinausgeht: Statusmeldungen von 140 Zeichen senden. Damit unterscheidet sich Twitter radikal von Facebook und anderen sozialen Netzwerken, die von vornherein nicht nur Infrastruktur, sondern auch einen relativ klaren Zweck mitbrachten: Nämlich zumeist, symmetrische Kontaktgeflechte zwischen Abbildungen von Jahrbucheinträgen (also eine operationalisierte Form des Ichs) herzustellen.

In einem Kommentar zu seinem eigenen Artikel »Twitter fällt gegenüber Facebook zurück« unterscheidet Matthias Schwenk Twitter und Facebook so:

Facebook ist wie eine Art privater Raum, wo man sich mit Freunden trifft. Daneben kann man auch Fan einer Marke oder einer Initiative werden. Das ist einfach bzw. auf Anhieb zu begreifen.

Twitter dagegen ist nur scheinbar einfach: In Wirklichkeit ist es sehr abstrakt und nicht so leicht zu durchschauen, weil sich hier der private Raum und das Öffentliche gegenseitig durchdringen. Komisch ist ja auch, dass ich auf Twitter nicht wirklich Herr meiner Kontakte bin: Einerseits kann ich anderen (beliebig) folgen, andererseits habe ich aber wenig bis keinen Einfluss darauf, wer mir folgt. Das schafft eine Konstellation, die wir im “normalen Leben” so kaum je haben.

Facebooks Essenz ist in dieser Interpretation eine Metapher für den privaten Raum in der realen Welt: Beziehungsgeflechte werden abgebildet, man zeigt sich seine Fotoalben, man unterhält sich halböffentlich oder privat. Was Schwenk als einfach identifiziert, ist keine tatsächliche Einfachheit, sondern eine Vertrautheit: Facebook als Metapher kann verstanden werden, wenn man das Signifikat, die reale Welt, kennt.

Die scheinbare Einfachheit Twitters ist eine tatsächliche; die Existenz von Twitter ist nicht nur einfach, sondern gleichzeitig trivial: 140-Zeichen-Nachrichten und die Möglichkeit des Abonnements. Was die Rede von »scheinbarer« Einfachheit dann aber doch rechtfertigt, kann man auch bei Sartre nachlesen. Ist der Benutzer bei Facebook noch geborgen in der Zielsetzung des Schöpfers, ist er bei Twitter metaphysisch obdachlos: Wie der Mensch bei Sartre verlassen ist von den Sicherheiten, die ein essentialistisches Menschenbild zur Verfügung stellt (Gott hat die Moral eingerichtet, es gibt eine unabhängige Wahrheit und Moral, es gibt absolute Werte), und damit völlig auf seine eigene Freiheit geworfen ist (ja: seine Freiheit erst dadurch begründet ist), wird der Benutzer bei Twitter in ein unterbestimmtes Medium geworfen, das damit offen ist für einen individuellen Entwurf. Jeder Twitter-Benutzer schafft sich ein eigenes Twitter-Bild. Twitter kann Zitateschleuder, Chat, Linkverteiler, Verkaufsmedium, Kunst, Prozeßmonitor und vieles mehr sein.

(Deshalb braucht Twitter auch aktivere Benutzer zur Weiterentwicklung – Hashtags, Retweets, @-Mentions sind Ergebnisse eines bottom-up-Prozesses, keine top-down-Designentscheidung –, während Facebook ohne aktive Nutzung immer noch etwa Adreßbuch – wieder eine Metapher – sein kann.)

Twitter ist damit ein postmodernes Medium par excellence (Facebook weniger, in noch geringerem Maße Xing – für Xing habe ich das schon einmal diskutiert): Das moderne Paradigma »technischer und Inhalte kontrollierender Verwalter vs. Benutzer« wurde hier radikalst möglich gegen das postmoderne »technischer Verwalter vs. inhaltgenerierender Benutzer« getauscht.

Daß Twitter existentialistisch ist, ist gleichzeitig Stärke und Schwäche: Eine Stärke, weil es Twitter schlagkräftig macht, wandelbar, vielfältig. Eine Strärke, weil Twitter (im Gegensatz zu Facebook) keinen riesigen Firmenkomplex braucht, sondern klein und wendig bleiben kann. Eine Schwäche, weil Twitter aktivere Benutzer braucht, weil mit der größeren Freiheit die größere Eigenverantwortung kommt (Facebook ist bequem, da man dort aktiv gedrängt wird, in einer bestimmten Weise beizutragen), weil unweigerlich die Frage »Was ist Twitter?« kommen wird – und die Antwort schwerfällt, da sie unbefriedigend ausfallen muß:

Wenn der Mensch, so wie ihn der Existentialist begreift, nicht definierbar ist, so darum, weil er anfangs überhaupt nichts ist. Er wird erst in der weiteren Folge sein, und er wird so sein, wie er sich geschaffen haben wird. Also gibt es keine menschliche Natur, da es keinen Gott gibt, um sie zu entwerfen. Der Mensch ist lediglich so, wie er sich konzipiert – ja nicht allein so, sondern wie er sich will und wie er sich nach der Existenz konzipiert, wie er sich will nach diesem Sichschwingen auf die Existenz hin; der Mensch ist nichts anderes als wozu er sich macht.

Bleibt die Frage nach dem Geschäftsmodell.

Nachtrag, 18. November 2009: Dazu paßt auch wunderbar ein Kommentar von Lance Ulanoff im PC Magazine, in dem er sich über die Art ärgert, wie Twitter selbst ein Retweet-Feature implementiert hat, ohne daß die im Gebrauch entwickelten Konventionen eingehalten werden (»Are these guys not even aware of how their own service works?«):

[I imagine] that the Twitter leaders, Biz Stone and Evan Williams, are pretty cool guys who not only get the Internet but understand better than most how people communicate. The truth seems somewhat contradictory. How could they be so dictatorial? How can they so fundamentally misunderstand their own service?

You know what? I refuse to believe it. This random idea must’ve come from a mid-level functionary who thought he or she was doing the right thing for Twitter. (Letzter Link von mir ergänzt.)

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