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	<title>fxneumann · Blog von Felix Neumann &#187; Feuilleton</title>
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	<description>Nachdenken über Politik, Gesellschaft und Kirche.</description>
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		<title>Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch</title>
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		<pubDate>Sun, 04 Jul 2010 18:13:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>formspring</dc:creator>
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<p><em><a href="http://www.formspring.me/fxneumann/q/760138143">Formspring</a> fragt mal wieder: »Glaubst du die ausufernden Kontrollversuche durch den Staat können abgewehrt werden? Hast du Angst vor der Zukunft?«</em></p>
<p class="formspringmeAnswer">Weder mit Zukunftsangst noch mit der Verklärung von Vergangenheit kann ich etwas anfangen.</p>
<p>Ich stimme zu: Das Maß staatlicher Kontrolle und Bevormundung sieht man beständig steigen, für jede gewonnene Verfassungsbeschwerde taucht ein neuer ACTA-Vertrag, ein neuer Jugendmedienschutzstaatsvertrag, eine neue Zensurinfrastruktur auf. <a href='http://fxneumann.de/2010/06/25/vom-parlament-zur-agora/' title='Vom Parlament zur Agora'>Musikindustrie, Verleger</a> und Politik machen sich wechselweise zu nützlichen Idioten, um ihre jeweiligen Ziele zulasten der Freiheit zu verfolgen. Zu viele flüchten in die wohlige Illusion scheinbarer Sicherheit, die mit Paternalismus und Kontrolle erkauft wird.</p>
<p>Aber trotzdem: Wir haben ein relativ robustes System mit klaren, durch das Grundgesetz vorgegebenen Schranken und ein starkes Verfassungsgericht, das Grundrechte schützt und zumindest die schlimmsten Exzesse wieder kassiert. (Nicht, daß das gerade noch erlaubte Maß nicht schon schlimm genug wäre.) Es ist ja nicht so, daß wir etwa erst noch für gleiches Wahlrecht kämpfen müßten; wir sind in der komfortablen Situation, schon verbriefte Freiheiten zu verteidigen.</p>
<p>Bei vielem, was jetzt kritisiert wird und zum schlimmen Gesamteindruck beiträgt, glaube ich nicht, daß es schlimmer wird. Glaubt wirklich jemand, daß die Polizeigewalt steigt? Als ob es früher sanfter zugegangen wäre, wenn der vermummte und uniformierte Korpsgeist aufmarschiert ist. Als ob es früher nicht willkürliche Hausdurchsuchungen gegeben hätte. Als ob früher nicht jede Möglichkeit ergriffen worden wäre, Macht und Kontrolle auszubauen! Macht hat schon immer korrumpiert (Lord Acton) und alle irgendwie Herrschenden und Befehlenden waren schon immer Schufte (Arno Schmidt).</p>
<p>Nein, die Sichtbarkeit steigt: Nicht mehr nur Privilegierte können sich wehren, jeder kann bloggen und damit Öffentlichkeit erzeugen. Diese Sichtbarkeit ermöglicht ganz neue Formen von Widerstand und Koordination. Verhindern kann man das nur durch totalitäre Maßnahmen, und selbst dann glaube ich, daß es nicht möglich ist, die Öffentlichkeit ganz zu zerstören, selbst dann geht der Geist der Freiheit nicht mehr zurück in die Flasche.</p>
<p>Niemand hat behauptet, daß Freiheit von allein weiterbestehen würde: »Der Preis der Freiheit ist ewige Wachsamkeit.« Politik mit ihrer Kompetenzkompetenz tendiert immer zu mehr Kontrolle und mehr Regelung, und der 11. September mag ein Katalysator gewesen sein, daß das jetzt konsensfähiger und einfacher durchzusetzen wird. Aber gleichzeitig wächst auch die Sichtbarkeit dieser Maßnahmen, und gleichzeitig wachsen die Möglichkeiten, Widerstand und Mißtrauen gegen den Staat zu koordinieren: Die zunehmende Vernetzung sorgt für mehr Möglichkeiten der Überwachung, aber auch für mehr Möglichkeiten, Überwachung zu umgehen und sich zu koodinieren. Mit Hölderlin habe ich keine Angst vor der Zukunft: »Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.«</p>
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		<title>Polemisches Ratespiel</title>
		<link>http://fxneumann.de/2010/06/26/polemisches-ratespiel/</link>
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		<pubDate>Sat, 26 Jun 2010 09:31:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Felix Neumann</dc:creator>
				<category><![CDATA[Feuilleton]]></category>
		<category><![CDATA[Nebenbei]]></category>
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		<description><![CDATA[Ein Rätsel zum Wochenende:

Ich kenne Menschen, die  [...]]]></description>
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<p>Ein Rätsel zum Wochenende:</p>
<blockquote><p>
Ich kenne Menschen, die unendlich viel „lesen“, und zwar Buch für Buch, Buchstaben um Buchstaben, und die ich doch nicht als „belesen“ bezeichnen möchte. Sie besitzen freilich eine Unmenge von „Wissen“, allein ihr Gehirn versteht nicht, eine Einteilung und Registratur dieses in sich aufgenommenen Materials durchzuführen. Es fehlt ihnen die Kunst, im Buche das für sie Wertvolle vom Wertlosen zu sondern, das eine dann im Kopfe zu behalten für immer, das andere, wenn möglich, gar nicht zu sehen, auf jeden Fall aber nicht als zwecklosen Ballast mitzuschleppen.
</p></blockquote>
<p>Von wem stammt diese Definition richtigen Lesens?</p>
<ol style="list-style-type:lower-alpha">
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<li><a href="http://mspr0.de/?p=924">Frank Schirrmacher</a></li>
<li><a href="http://wirres.net/article/articleview/5486/1/6/">Susanne Gaschke</a></li>
<li><a href="http://www.youtube.com/watch?v=u0WOIwlXE9g#t=2m32s">jemand ganz anderem</a></li>
</ol>
<p>Die Lösung gibt es <a href="http://fxneumann.de/2010/06/26/polemisches-ratespiel/#comment-982">in den Kommentaren</a>.<br />
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		<title>… jedes ß ein Protest gegen die Hybris staatlicher Allzuständigkeit</title>
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		<pubDate>Sat, 05 Jun 2010 16:24:46 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Felix Neumann</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Auf Formspring.me wurde ich gefragt, warum ich in alter [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<abbr class="unapi-id" title="http://fxneumann.de/?p=1997"><!-- &nbsp; --></abbr>
<p><em>Auf <a href="http://www.formspring.me/fxneumann/q/647269013">Formspring.me wurde ich gefragt</a>, warum ich in alter Rechtschreibung schreibe. Da das etwas länger ist, landet die Antwort hier im Blog.</em></p>
<p>Ich schreibe nicht nach alter Rechtschreibung, jedenfalls nicht in strenger Obödianz des Altschreib-Dudens letzter Hand (das ist die 20. Auflage von 1991 – habe ich schon mal erwähnt, daß ich Rechtschreibduden sammle?). Wenn ich vorgebe, nach Regelwerk zu schreiben, dann verweise ich auf den <a href="http://www.perlentaucher.de/buch/3203.html">Ickler – Normale deutsche Rechtschreibung</a>. (Und damit meine Rechtschreibung nicht deformiert wird, wende ich, wo neue verlangt wird, einfach die neue ß-Regelung an. Merkt niemand.)</p>
<p>Dahinter stecken zwei Gründe: Es ist mir zuwider, wenn staatliche Macht in die gesellschaftliche Sphäre übergriffig wird. Es ist schlicht nicht in der Kompetenz des Staats, die Rechtschreibung zu regeln. Und ich halte eine nach gewachsenen ästhetischen Regeln normierte Sprache (bzw. ihre Verschriftlichung) für der Sprache angemessener als eine am Reißbrett erfundene Planorthographie.<br />
<span id="more-1997"></span></p>
<p>Was ich mache, ist im wesentlichen zweierlei: schreibend nicht den Gesslerhut der <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Heysesche_s-Schreibung">heyseschen s-Schreibung</a> zu grüßen und stattdessen die hergebrachte <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Adelungsche_s-Schreibung">adelungsche</a> zu verwenden, und als Regel für Getrennt- und Zusammenschreibung Betonung und <a href='http://fxneumann.de/2004/07/31/una-sancta-orthographica/' title='Una sancta orthographica'>Sinnzusammenhang</a>, nicht irgendeine abstrakte, starre Regel zu verwenden. Dazu kommen noch ein paar kecke Arabesken (»in bezug auf« kleinschreiben; wie denn nun nach alter Rechtschreibung fahrrad- und autofahren unterschieden wurden, wußte ich dagegen noch nie).</p>
<p>Daß die alte Rechtschreibung in der Formulierung des Dudens (der damals noch staatlich sanktioniert »maßgeblich in allen Zweifelsfällen« war) alles andere als perfekt war, daß die Duden-Redaktion manchmal seltsam präskriptive Anwandlungen hatte: Geschenkt. Da wurde über Auflagen hinweg versucht, künstliche Schreibungen wie »Kautsch« durchzudrücken, an niemandem vermittelbaren Regeln wie eben der von der Unterscheidung von Fahrrad- und Radfahren wurde festgehalten.</p>
<p>Dennoch war die Rechtschreibung eigentlich in ganz gutem Zustand, und man hätte auch weiterin behutsam deskriptiv arbeiten können (also die real geschriebene Sprache abbilden) mit nur wenigen Wertentscheidungen, die einen Ordnungsrahmen vorgeben. (Damit »Mandy&#8217;s Imbiss Stube« auch weiterhin als falsch angesehen wird; die neue Rechtschreibung nimmt dazu übrigens Stellung: »Carlo&#8217;s Taverne« sei erlaubt, um eine Unterscheidung von »Carlos&#8217; Taverne« zu ermöglichen – was natürlich in scheinbare Ordnung verpackter Bullshit ist.)</p>
<p>Dann wurde aber entschieden, daß man eine einfachere Rechtschreibung brauchen würde. Tatsächlich hat die Rechtschreibreform nicht eine einfachere Rechtschreibung geschaffen (stellenweise sogar deutlich komplizierter, mußte man doch, um eine korrekt Getrennt- und Zusammenschreibung anzuwenden, eine <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Partikelliste">umfangreiche Partikelliste</a> auswendiglernen!), sondern nur eine andere.</p>
<p>Die Hauptregelung, die Umstellung auf die heysesche s-Schreibung, das eigentliche <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Schibboleth">Schibboleth</a> der neuen Rechtschreibung, ist exakt gleich schwer: Vorher gab es eine ästhetische Regel (»ß« nach Diphtongen, langen Vokalen und Wortfugen), danach eine phonetische: (»ß« nach langen Vokalen und Diphtongen). Das läßt die Schwierigkeiten bestehen (»Bus oder Buss« ist jetzt die Frage statt »Bus oder Buß«) und macht regionale Probleme (in Wien sagt man aber »Geschoß« mit langem o, im oberdeutschen Sprachraum sagt man »Spass« mit kurzem a). Die Geschichte (nämlich eine Regel, die zum ästhetischen Setzen von Fraktur benötigt wurde), wird ohne Not über Bord geworfen.</p>
<p>Obwohl eine Vereinfachung der Schreibung für die Schule vorgeschützt wurde, ging es tatsächlich darum, sich politische Kompetenz über die Schrift anzumaßen. (Das war auch schon ausführlich Thema in der Urzeit meines Blogs, <a href='http://fxneumann.de/2004/08/14/sophistes/' title='Sophistes'>hier ein Artikel von 2004, der viele Kritikpunkte benennt.</a>) Das muß schiefgehen, ist aber eine übliche politische Übergriffigkeit. »Anmaßung von Wissen«, »Hybris der Planbarkeit« sind allzu oft austauschbare Begriffe für »Politik«. Schrift halte ich für einen Paradefall der Theorie der kulturellen Evolution und der spontanen Ordnung Friedrich August von Hayeks:</p>
<blockquote><p>
The structures formed by traditional human practices are the result of a process of winnowing or sifting, directed by the differential advantages gained by groups from practices adopted for some unknown and perhaps purely accidental reasons.</p>
<p><em>(F.A. von Hayek, Law, Legislation and Libert, Vol. III, London 1979, S. 155.)</em>
</p></blockquote>
<p>Schrift und Sprache werden nicht geplant hergestellt, sie werden gesprochen und geschrieben. Sprache ist das Ergebnis von Handeln, nicht von Design. Ich halte es nicht für möglich, eine Sprache völlig in Regeln zu fassen, nicht einmal ein Momentzustand. Selbst die Verschriftlichung ist immer noch zu komplex, als daß alle Fälle abgedeckt werden könnten – selbst in der Theorie: Sprache als Mittel der Kommunikation entwickelt sich im Gebraucht beständig weiter. Die Rechtschreibreform möchte aber die Illusion der Planbarkeit erzeugen und erkauft das unter anderem damit, daß sie ästhetische Regeln abschafft und die Sprache sich so geschrieben technischer anfühlt. Rechtschreibung funktioniert ganz gut ohne zentrale Regelung (die verschiedenen englischen Rechtschreibungen zeigen das).</p>
<p>Sehr ähnliche Gründe nennt Augušt Maria Neander in <a href="http://lichtwolf.de/einkaufen.php?heft=23">Lichtwolf Nr. 17 (S. 4–6)</a> (leider nicht online und vergriffen) radikalisiert in seinem unnachahmlichen Stil in seinem Essay »Das Elend des Szientismus«:</p>
<blockquote>
<blockquote><p>
Laß ersterben die Ästhetik,<br />
Laß erblühn die Arithmetik!<br />
Schüler, auf! zum Heiligtume<br />
Der addierten Bröselkrume<br />
Walle feierlichen Schritts!</p>
<p><em>Friedrich Theodor Vischer, »Faust, der Tragödie dritter Theil«</em>
</p></blockquote>
<p>[…]<br />
Der Schreibende wird paternalistisch sowohl seiner Verantwortung für das Geschriebene und den Leser als auch seiner gewachsenen Geschichte enthoben, indem die gewachsene Orthographie als diskriminierend und elitistisch identfiziert wird und mit Mitteln der scheinbar modernen Sprachwissenschaft ihrer Kanten (doch damit auch ihres Profiles) entledigt wird.</p>
<p>[…]</p>
<p>Als vermeintlicher Status quo wird festgestellt, was festgestellt werden soll (die Rechtschreibung ist zu kompliziert, und nicht: wir haben ein Bildungsproblem), um daraus die Notwendigkeit einer Verwissenschaftlichung künstlich zu schaffen. Weiche Kriterien wie die Ästhetik werden zugunsten scheinbar härterer Kriterien geopfert (Paradebeispiel ist die Verwendung des »ß«, das früher nach ästhetischen Kriterien, jetzt nach technischen gesetzt werden soll), um das Ideal einer »logischen« Sprache zu schaffen, da der Kurz-Schluß von Wissenschaftlichkeit auf Qualität gezogen wird.</p>
<p>Sprache ist praktisch, nicht logisch. Wenn Sprache – selbst über den Umweg ihrer Verschriftlichung – zur gesellschaftlichen Steuerung verändert wird, mithin Kultur als sinnreicher Selbstzweck dem Konstruierten als missionarische Verzweckung untergeordnet wird, ist dies der erste Schritt zum totalitären Tugendterror.
</p></blockquote>
<p>Wenn ich also möglichst nach einer gewachsenen Rechtschreibung schreibe, dann ist jedes »ß« ein Protest gegen die Hybris staatlicher Allzuständigkeit und politischer Planung.<br />
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		<title>Non assumptum, non sanatum: Zu Sex and the City II</title>
		<link>http://fxneumann.de/2010/06/02/non-assumptum-non-sanatum-zu-sex-and-the-city-ii/</link>
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		<pubDate>Wed, 02 Jun 2010 15:33:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Felix Neumann</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Gestern habe ich »Sex and the City II« gesehen. Den F [...]]]></description>
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<p>Gestern habe ich »Sex and the City II« gesehen. Den Film einfach als flach, sexistisch und kulturell unsensibel, mindestens aber als nicht feministisch abzutun, reicht nicht weit genug. <a href="http://gaywest.wordpress.com/2010/05/27/manner-sex-und-mode-dafur-geht-man-gern-ins-kino/">Drüben bei Gay West</a> nimmt Adrian diese einfachen Interpretationen sehr treffend auseinander, und ich kann seiner Schlußfolgerung nur zustimmen. (Auch wenn mir Markus Zierke ziemlich egal ist; schon zu Serienzeiten war ich immer für Aidan – was allerdings auch an meiner verkorksten postmateriellen Sozialisation liegen mag.)</p>
<p>Es ist nämlich nicht so einfach. Einfach einen Feminismus als politisch korrekte Leitkultur aus dem bunten Strauß aus Feminismen auszuwählen, dessen Einstellung zu Sexualität, dessen Ästhetik, dessen Moral, dessen Moral der Ästhetik und dessen Ästhetik der Moral als Maß zu nehmen: Das muß scheitern. Zwischen Burka und Porno gibt es keine gesunde und objektiv bestimmbare Mitte.</p>
<p>Darum geht es nämlich eigentlich in diesem Film, und mir scheint das sehr gelungen zu sein.<br />
<span id="more-1979"></span></p>
<p>Ich habe das nicht erwartet. Der erste Film war enttäuschend. Eine sehr vorhersehbare Handlung, alles dreht sich ums Heiraten, tausendmal gehört. Der Trailer zum zweiten ließ ähnliches erwarten, und ich teile <a href="http://blog.zeit.de/sex/2010/04/21/tschuss-satc-schon-wars-mit-uns-beiden/">Sigrid Neudeckers Einschätzung</a> dazu (die nebenbei auch noch erläutert, warum die Serie so großartig war). Sicher: Der zweite ist keine große Geschichte, und als <em>story</em> versagt er völlig. Was diesen Film stark macht, ist gerade seine plakatartige Ästhetik. Nicht die Geschichte erzählt die Geschichte, die Bilder erzählen die Geschichte.</p>
<p>Es stimmt: In SATC2 werden Frauenbilder verhandelt. Es greift aber zu kurz, diese Frauenbilder als defizitär anzusehen. Susan Vahabzadeh <a href="http://www.sueddeutsche.de/kultur/im-kino-sex-and-the-city-fummel-ueber-der-wueste-1.950423">kommentiert in der SZ</a>:</p>
<blockquote><p>
Das Frauenbild, das Carrie Bradshaw transportiert, war immer schon eine giftige Mischung aus freizügiger Moderne und alten Klischees, wie sie Schopenhauer gefallen hätten: kindisch, putzsüchtig, oberflächlich.
</p></blockquote>
<p>Auch Ruth Schneeberger teilt, <a href="http://www.sueddeutsche.de/kultur/pro-und-contra-sex-and-the-city-wueste-dein-name-sei-sex-1.949688-2">auch in der SZ</a>, diese Meinung:</p>
<blockquote><p>
Diese vier Frauen sind nicht so, wie Frauen sind. Sie sind so, wie schwule Männer sich Freundinnen vorstellen. Das ist keine diskriminierende Aussage &#8211; diskriminierend ist vielmehr, ein solch reaktionäres Frauenbild vorgesetzt zu bekommen.
</p></blockquote>
<p>An Schneebergers Position läßt sich das Problem, das ich sehe, sehr gut ablesen: Die Figuren werden daran gemessen, »wie Frauen sind«. Es gibt aber kein »wie Frauen sind«. Es gibt auch kein »wie Männer sind«, kein »wie schwule Männer sind«. »Die Frau«, »der Mann«, »der schwule Mann«, das sind erstmal natürliche Vorbedingungen, aus denen aber noch nichts Normatives folgt, und aus dem auch noch keine Rollen entstehen. Das ist <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Existentialismus#Jean_Paul_Sartre">mit Sartre</a> gut existentialistisch argumentiert: Die Existenz geht der Essenz voraus. Wie man sein Leben entwirft, hängt von einem selbst ab, und diese Freiheit findet ihre Schranken erst in der Abwägung mit der Freiheit anderer. Oder klassischer, mit Thomas von Aquin argumentiert: Natürlich kann man eine »Artnatur« konstatieren, das, was allen Mitgliedern einer »Art« gleichermaßen zukommt. Und dennoch gibt es auch eine Individualnatur: Was dem je einzelnen natürlich zukommt.</p>
<p>Das ist kein moralischer Relativismus: Hier wird die Individualität, die Personalität der Menschen ernstgenommen. Moralischer Relativismus wäre, jedem einzelnen Menschen eine kollektive Artnatur überzustülpen, die Hybris, ein für alle gleichermaßen gültiges und tragfähiges Lebenskonzept entwerfen oder erkennen zu können.</p>
<p>Aus einer solchen Sicht darf aber auch kein Kulturrelativismus erwachsen: Carry und die Mädchen sind halt so, die Leute in Abu Dhabi sind eben anders, und das ist gleichermaßen gut, und <a href='http://fxneumann.de/2009/12/04/freiheit-wuerde-und-grenzueberschreitung/' title='Freiheit, Würde und Grenzüberschreitung'>solche kulturellen Grenzen hat man zu achten</a>. Eine Argumentationsfigur, die auch in den Kritiken auftaucht, hier etwa bei Vahabzadeh:</p>
<blockquote><p>
Man muss ja gar nicht irritiert darüber nachdenken, ob eine Frau, die in einem arabischen Suk eine Kondom-Debatte vom Zaun bricht, nicht ein ziemlich dummes Huhn ist, da reicht schon der permanente Kleiderwechsel.
</p></blockquote>
<p>(Übrigens eine ziemlich unappetitliche Interpretation der Szene: Samantha bricht keine »Kondom-Debatte vom Zaun«, ihr fallen Kondome aus der Tasche, die ihr weggerissen werden soll – und die Männer drumrum fühlen sich provoziert. Was Samantha dann macht, ist wütend völlig zurecht darauf hinzuweisen, daß es andere einen Scheiß angeht, was sie in ihrer Tasche mit sich trägt. Völlig unabhängig von der Gesetzeslage! Das mag, denkt man über die eigene körperliche Unversehrtheit nach, nicht sonderlich klug gewesen zu sein – aber waren die Suffragetten dann auch dumme Hühner?)</p>
<p>Auf die Spitze treibt die kulturrelativistische Argumentation die taz, die Abu Dhabi als <a href="http://www.taz.de/1/leben/film/artikel/1/reise-ins-praefeministische-terrain/">»präfeministisches Terrain«</a> bezeichnet (und dieses Schlagwort prominent so in der Überschrift plaziert, daß damit nur der ganze Film gemeint sein kann):</p>
<blockquote><p>
[In Abu Dhabi] sind die Frauen verschleiert. Also gar nicht frei! Von nahe liegenden Reflexionen zum Zusammenhang zwischen Freiheit und dem Sex-and-the-City-Regime aus Pilates, Botox, South-Beach-Diät und Christian-Louboutin-Pumps muss mit ergriffenen Huchs!, Wows! und Hachs! vor orientalischer Märchenkulisse abgelenkt werden.
</p></blockquote>
<p>Natürlich muß man kulturelle Zwänge thematisieren und diskutieren, und ohne Zweifel gehören dazu auch Schönheitsnormen. Das kann aber nicht nur per generellem Unwerturteil geschehen; jede Ächtung führt zu einer Gegenbewegung. Mittel der Wahl müßte eine Stärkung des Selbstvertrauens sein, so daß – wie bei den Protagonistinnen – das »Sex-and-the-City-Regime« ein frei gewähltes ist.</p>
<p>In der taz spielt das keine Rolle; es wird vermischt, was nicht zusammengehört. Ein staatlicher Zwang, Schleier zu tragen, eine staatliche erzwungene Sexualmoral auf der einen Seite, eine freigewählte Lebensgestaltung auf der anderen Seite. Denn dafür steht gerade Sex and the City: Eine Emanzipation von emanzipativen Vorstellungen, die nur einen Zielzustand für alle Frauen (und Männer) gelten lassen will.</p>
<p>Den Unterschied möchte ich mit <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Gregor_von_Nazianz">Gregor von Nazianz</a> deuten. In der Debatte darüber, ob Christus nicht nur menschliches Fleisch, sondern auch menschlichen Verstand angenommen hat, argumentierte er: quod non est assumptum, non est sanatum. Was nicht angenommen ist, ist nicht erlöst. Für die Erlösung des Menschen muß Christus also menschlichen Leib und menschlichen Geist angenommen haben. »Non assumptum, non sanatum« läßt sich aber auch säkular deuten: Verdrängung (Nicht-Annahme der Natur) kann nie zu einem gesunden Verhältnis zu sich selbst führen. (Deshalb folgt aus der Menschwerdung Christi auch viel mehr als nur die Bedingung der Möglichkeit eines sündenkompensierenden Opfergeschäfts. In der Menschwerdung Christi geht es auch um die Rechtfertigung des einzelnen Menschen schlechthin.)</p>
<p>Genau darum geht es bei Sex and the City, oder genauer: Es geht um die Frage nach Sexualisierung. Die vordergründige Antwort auf diese Frage ist, daß es sich um übertrieben sexualisierte Figuren handelt, um ein ungesundes Primat des Sexuellen, daß alle Gespräche mindestens mittelbar um Sexualität kreisen. Daran setzt dann auch eine Spielart feministischer Kritik an: Sexualisierung als Schwester der Objektivierung, und damit eine feministisch nicht zu rechtfertigende Haltung.</p>
<p>In der Serie wurde das bereits aufgebrochen: Sexualisierung findet nicht als Objektivierung statt, sondern aus freien Stücken, affirmativ und im Handeln freier Subjekte. Die Figuren sind der Urkraft Sexualität nicht passiv ausgeliefert (wie es eine klassisch männlich konnotierte Deutung weiblicher Sexualität nahelegen würde), sie gestalten sie aktiv und affirmativ, verhalten sich aber gleichzeitig aus einer ironischen Distanz zu ihr. Insofern ist die Sexualisierung, die Sex and the City betreibt, eine positive Sexualisierung.</p>
<p>Der zweite Film treibt das auf die Spitze in der brillanten Szenenfolge, die zwischen dem Rauswurf aus dem Hotel und was zu ihm geführt hat einerseits und dem Rückflug andererseits liegt. Einer positiven Sexualisierung, einer selbstbewußt gelebten Sexualität tritt eine negative Sexualisierung entgegen, eine verdrängte Sexualität. </p>
<p>Die arabische Kultur wird dargestellt als eine durch und durch sexualisierte Kultur. Sexualität wird zur Obsession, neurotisch wacht eine staatlich garantierte öffentliche Moral darüber, daß Abweichungen nicht toleriert und hart sanktioniert werden. Für alle verbindliche Lebensentwürfe führen dazu, daß Menschen entpersonalisiert werden: Uniforme Kleiderzwänge für Frauen, uniforme Empörungszwänge für beide Geschlechter. Wenn Samantha offensiv-körperlich flirtet und dafür von einem arabischen Ehepaar angezeigt wird, ist es bezeichnend, daß in den Credits die beiden nur als »outraged man« und »outraged woman« angeführt werden; wenn Samantha von einer wütenden Menschenmenge umgeben ist, die sich über ihre knappe Kleidung und die aus der Tasche gefallenen Kondome erregen, tauchen sie auf als »angry man 1–<em>n</em>«. </p>
<p>Wenn dann Frauen heimlich Designerkleider unter ihrem Schleier tragen und im Lesekreis einen Ratgeber zu Wechseljahren besprechen, dann ist das keineswegs der »alte amerikanische Traum von der Weltherrschaft«, wie Schneeberger es interpretiert. Das ist der alte amerikanische Traum des <em>pursuit of happiness</em>, der sich nicht dem gesunden Volksempfinden zu unterwerfen hat.</p>
<p>Sex and the City steht dafür, daß Lebensentwürfe nicht nach ihren Äußerlichkeiten beurteilt werden können. Sex and the City steht für Lebensentwürfe, die jeweils an der individuellen Freiheit gemessen werden müssen. Das leistet der zweite Film in brillanter Weise.<br />
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		<title>Der Öffentlichkeit nicht den Boden entziehen. Anforderungen an ein neues Urheberrecht</title>
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		<pubDate>Tue, 25 May 2010 10:47:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Felix Neumann</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Das Sigint-Panel zum Thema Urheberrecht () hätte der A [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<abbr class="unapi-id" title="http://fxneumann.de/?p=1961"><!-- &nbsp; --></abbr>
<p>Das Sigint-Panel zum Thema Urheberrecht (<a href='http://fxneumann.de/2010/05/24/sigint-2010-urheberrecht-eigentum-und-kunst/' title='Sigint 2010: Urheberrecht, Eigentum und Kunst'>meine Einführung dazu  hier</a>) hätte der Ausschreibung nach lösungsorientiert sein sollen, und das ist grandios gescheitert. Man kann nicht zu Lösungen kommen, wenn eine Partei (hier waren es der Vertreter der Musikindustrie und der exemplarische Künstler) das Problem leugnet. Für eine lösungsorientierte Diskussion des Themas Urheberrecht darf man nicht beim Geld anfangen. Man muß beim zu schützenden Rechtsgut anfangen – und das ist nicht das ökonomische Interesse, das ein fiktives »geistiges Eigentum« kodifiziert und durchgesetzt sehen will. Es ist das Interesse an einer funktionierenden öffentlichen Sphäre.</p>
<p>Die Diskussion über Geld, Leistung und Geschäftsmodelle ist nachgelagert.<br />
<span id="more-1961"></span></p>
<p>Beginnen wir dennoch damit: Die ganze Zeit hörte man »Leistung muß sich lohnen« als Hauptbegründung für das bestehende Urheberrecht; <a href="http://events.ccc.de/sigint/2010/wiki/Fahrplan/speakers/2907.de.html">Stefan Herwig</a>, der Labelvertreter, beklagte ein »Marktversagen«, weil sich Content nicht verkaufen lasse. Zwei fundamentale Fehlannahmen über Marktwirtschaft.</p>
<p>Die vulgärliberale Parole »Leistung muß sich lohnen« verschleiert, was ein Markt leistet: Ein Markt bringt Angebot und Nachfrage zusammen, Preise sind Indikatoren für Knappheit, Bedarf und Verfügbarkeit. Es gibt kein Recht darauf, daß aus Mühe Bezahlung folgt, auch wenn die marxsche Arbeitswerttheorie sympathisch klingt. Arbeitswert ist aber tatsächlich kein Wert; man kann noch so schöne Postkutschen bauen: Im Zeitalter von Flugzeug und Bahn wird man Postkutschen nicht mit dem Argument verkaufen können, man hätte ja einiges an Leistung zur Herstellung erbracht. Leistung kann sich nur lohnen, wenn es Abnehmer dafür gibt.</p>
<p>Und es ist kein Marktversagen, wenn niemand mehr Content kauft. Der Markt ist ein Instrument, mit Knappheit umzugehen. Wenn man ein nicht-knappes Gut nicht verkaufen kann, dann liegt das daran, daß der Markt schlicht das falsche Werkzeug ist. Immaterialgüter verkaufen zu wollen ist aus einer naturrechtlichen Perspektive so sinnvoll wie Luft verkaufen zu wollen.</p>
<p>Es wird damit argumentiert, daß die knappe Ressource nicht das Immaterialgut selbst sei, sondern die Kreativität und die Leistung der Urheber. Als ob Kreativität und der Wille, Kultur zu schaffen, jemals knapp gewesen wären! (Der weitaus größte Teil kulturellen und kreativen Schaffens wird gerade nicht monetarisiert, sondern von uns allen gemacht, weil wir es können und gerne tun!) <a href="http://fxneumann.de/2010/03/18/nebelkerze-des-literarischen-establishments/#comment-604">Antje Schrupp kommentierte</a> vor kurzem hier im Blog:</p>
<blockquote><p>
Besonders entlarvend fand ich ja diesen Satz [der Leipziger Erklärung zum Schutz geistigen Eigentums]: “Missachtung, Aushöhlung und sträfliche Verletzung des Urheberrechts führt zur Entwertung, Aufgabe und schließlich zum Verlust jedweder eigenständigen intellektuellen und künstlerischen Leistung.” Dass soll doch wohl heißen: Wenn wir dafür nicht gebauchpinselt und bezahlt werden, stellen wir das Denken und Schaffen ein. Genau so eine Kunst, die geschaffen wird, um dadurch Status und Geld zu bekommen, brauchen wir aber nicht. […] Es ist eine männliche Vorstellung vom “Originale schaffenden Genie”, das hier zelebriert wird. Frauen haben über viele Jahrhunderte vorwiegend anonym geschrieben, oder unter Pseudonymen. Es geht beim (künstlerischen) Schreiben nicht um Geld, Anerkennung und Status, sondern darum, etwas zu schreiben, wovon man glaubt, dass es geschrieben werden muss.
</p></blockquote>
<p>So sehr sich das Plädoyer für Urheberrechte auch liberal gibt: Tatsächlich ist es nur ein Einfordern von hoheitlich gewährten Privilegien, von künstlich geschaffenen Monopolen, einer politisch durchgesetzten Marktverzerrung. (Auch wenn Content kein marktfähiges Gut ist, wird der Markt doch verzerrt, indem Ressourcen künstlich umgeleitet werden.) Die Argumente der Urheberrechtslobby sind strukturell dieselben wie die der Kohleindustrie, die der Autobranche: Ein Wirtschaftszweig soll künstlich am Leben gehalten werden.</p>
<p>Daher ist es auch nicht sinnvoll, mit der Content-Lobby über Urheberrechte zu sprechen: Ihr Interesse ist es, ihren Wirtschaftszweig zu erhalten. So wie aus Leistung kein Anspruch auf »sich lohnen« folgt, hat aber auch keine Branche eine Bestandsgarantie; im Gegenteil ist es gerade ein Vorteil einer Marktwirtschaft gegenüber einer Planwirtschaft, daß knappe Mittel nicht unnötig einer nicht benötigten Industrie zugeteilt werden. Mit der Content-Industrie über die Zukunft des Urheberrechts zu sprechen ist, als hätte man vor hundertfünfzig Jahren die Postkutschen-Industrie zum Zukunftsgespräch Transport eingeladen.</p>
<p>Es geht also nicht um das Partikularinteresse (und sei es auch noch so sehr mit Appellen an die eigene Gemeinwohlnotwendigkeit gekoppelt) der Musikindustrie. Die Frage der Monetarisierung und Verrechtlichung von Kultur ist (um wieder einmal Habermas zu bemühen) eine Kolonialisierung der Lebenswelt: Die wirtschaftliche Sphäre wird verabsolutiert. Natürlich ist es völlig legitim, auch Kultur unter wirtschaftlichem Paradigma zu behandeln: Skulpturen können verkauft, Symphonien in Auftrag gegeben und bezahlt, Filme gegen Geld im Kino aufgeführt werden. Daraus aber abzuleiten, daß alle Kultur marktförmig zu sein habe, ist ähnlich absurd wie aus der Existenz von Prostitution zu fordern, daß alle Zärtlichkeit monetarisiert werden soll.</p>
<p>Kultur und Kunst gehören in die öffentliche Sphäre und konstituieren sie mit. Was bei einer Erneuerung des Urheberrechts daher an erster Stelle stehen muß, ist die Frage nach der Öffentlichkeit: Welche rechtlichen Rahmenbedingungen sichern Öffentlichkeit?</p>
<p>Öffentlichkeit ist nicht nur der nicht-private Raum: Die Öffentlichkeit ist der Raum, in dem Menschen als gleiche aufeinandertreffen. In der Öffentlichkeit handeln und interagieren Menschen; Öffentlichkeit ist also die Voraussetzung von demokratischer und freiheitlicher Politik, ist die Bedingung der Möglichkeit, daß nicht nur die Gedanken frei sind, sondern auch ihre Äußerung – Öffentlichkeit ist der Resonanzraum, ohne den es keine demokratische Kontrolle von Macht, keine Diskussion, keine Argumente und damit keinen rationalen Diskurs und keinen gesellschaftlichen Fortschritt gibt.</p>
<p>Die Natur von Immaterialgütern paßt hervorragend zur Öffentlichkeit: Sie sind nicht knapp, und alle können sich ihrer bedienen. Francis Bacon wird der Aphorismus zugesprochen, das Argument gleiche »dem Schuß einer Armbrust – es ist gleichermassen wirksam, ob ein Riese oder ein Zwerg geschossen hat«. Immaterialgüter, nicht nur Argumente, auch Zitate, Lieder, Melodien, sind noch in einem weiteren Aspekt mit dem Schuß einer Armbrust zu vergleichen: Die Schützin hat die Kontrolle darüber, ob sie den Abzug drückt oder nicht. Sobald sie aber geschossen hat, ist der Bolzen in der Welt. (Noch einmal, wieder einmal <a href="http://twitter.com/antjeschrupp/status/5095752193">Antje Schrupp</a>: »Wer sein geistiges Eigentum schützen will, muss seine Ideen einfach für sich behalten.«)</p>
<p>Sobald ein Werk in die Öffentlichkeit gegeben wird, kann es keine absolute Werkherrschaft mehr darüber geben. Egal, was das positive Recht sagt: Die Melodien werden gesummt, die Gedichte zitiert. Es paßt zur Natur des Immaterialguts und es liegt in der Natur des Menschen, Kontexte und Bezüge herzustellen, darüber zu reden, Kultur nicht nur zu konsumieren, sondern zu produzieren und weiterzuentwickeln. Eine Gesetzeslage, die das verbieten möchte, ist illegitim. (Und auch nicht durchsetzbar.)</p>
<p><em>(Kleiner philosophischer Exkurs: Hier scheint es mir zur Abwechslung wirklich gerechtfertigt, von »der« Natur des Menschen zu reden. Den Menschen als ζῷον λόγον ἔχον, als sprache-habendes Tier, zu fassen, scheint mir immer noch die Grundlage einer der besten Versuche einer anthropologischen Schätzung zu sein: Kommunikation macht den Menschen aus, für Sprache <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Privatsprache#Privatsprache">reicht nie einer allein aus</a>; es ist die Möglichkeit der Intersubjektivität, die den Menschen ausmacht – ob man nun auf die <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Buber#Werk">Ähnlichkeit</a> abhebt, »der Mensch wird am Du zum Ich«, oder auf die <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Face-to-face">radikale Andersheit</a>, auf das »Antlitz des Anderen«.)</em></p>
<p>Auf dieser Basis muß nun ein zeitgemäßes Urheberrecht agieren: Es muß ernstnehmen, daß Öffentlichkeit nicht mehr nur die räumlich begrenzte griechische Polis ist. Öffentlichkeit <em>ist faktisch</em> nicht mehr räumlich begrenzt. Youtube, Facebook, Twitter, Blogs: All das gehört zu einer neuen Öffentlichkeit. Diese neuen Formen von Öffentlichkeit dürfen nicht ihrer Funktion beraubt werden, indem man sie reduziert und unter das Paradigma der wirtschaftlichen Sphäre stellt: Singen am Lagerfeuer und Remixes und Fanvideos auf Youtube sind strukturell, in ihrer Funktion für die Öffentlichkeit, gleich zu bewerten. Ein Leistungsschutzrecht, das Blogs (oder Zeitungen) verbieten würde, kostenlos zu zitieren und die Zitate zu diskutieren, wäre ebenso totalitär wie das Verbot, auf dem Marktplatz über die Schlagzeile der Zeitung zu diskutieren.</p>
<p>Der Öffentlichkeit nicht den Boden zu entziehen: Das muß ein neues Urheberrecht leisten.</p>
<p>Welche Geschäftsmodelle sich innerhalb dieses Ordnungsrahmens etablieren lassen, ist kein Problem des Urheberrechts. Das ist der Kreativität der Geschäftsleute überlassen.</p>
<p><em>Der Artikel ist <a href="http://carta.info/27873/der-oeffentlichkeit-nicht-den-boden-entziehen-anforderungen-an-ein-neues-urheberrecht/">auch bei Carta zu lesen</a>, daher sind hier die Kommentare geschlossen, drüben kann diskutiert werden.</em></p>
<p><em id="20100902-erg">Ergänzung, 2. September 2010:</em> Der Weltgeist ist ein großer Ironiker: Ausgerechnet diesen Artikel kann ich nicht mehr unter CC-Lizenz zur Verfügung stellen. Er wird Teil des Buchprojekts <a href="http://carta.info/30279/buchprojekt-welches-waren-die-besten-blog-texte-zum-medienwandel-der-letzten-beiden-jahre/">»Medienwandel kompakt 2008–2010«</a>, und dafür habe ich dem Nomos-Verlag die exklusiven Druck- und eBook-Rechte zur Verfügung gestellt. Die Vereinbarung wurde am 2. September 2010 geschlossen. Eine Weiterverbreitung online gemäß CC-Lizenz ist selbstverständlich weiterhin erlaubt.<br />
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		<title>Sigint 2010: Urheberrecht, Eigentum und Kunst</title>
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		<pubDate>Mon, 24 May 2010 15:26:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Felix Neumann</dc:creator>
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<p><em>Auf der Sigint 2010 habe ich den Einführungsvortrag zum Panel <a href="http://events.ccc.de/sigint/2010/wiki/Fahrplan/events/3887.de.html">Kommunismus oder Kommunitarismus? Voraussetzungen für und Anforderungen an ein Neues Urheberrecht</a> gehalten. Hier der ausformulierte Vortrag und die <a href='http://fxneumann.de/wp-content/uploads/2010/05/2010-05-23-sigint-urheberrecht-felix-neumann.pdf'>Folien zum Download</a>.</em></p>
<p>Um das Problem des gegenwärtigen Urheberrechts auf die Spitze zu treiben behandle ich zwei Begriffe: Eigentum und Kunst.</p>
<p>Das Thema <strong>Eigentum</strong> gehe ich aus einer liberalen Perspektive an; nicht nur, weil das die Denkschule ist, mit der ich vertraut bin, sondern auch aus einer politischen Notwendigkeit: Mit einer »linken« Argumentation läßt sich eine »Vergesellschaftung geistigen Eigentums« leicht begründen. (Zu unterschiedlichen Begründungs- und Kritikstrategien »geistigen Eigentums« mein Artikel <a href='http://fxneumann.de/2009/09/15/digitalkommunismus-oder-liberale-avantgarde/' title='Digitalkommunismus oder liberale Avantgarde?'>»Digitalkommunismus oder liberale Avantgarde«</a>) Es gilt, FDP und CDU zu überzeugen. (Bei einer nominell christlichen Partei wie der CDU ließe sich auch noch in der Tradition der christlichen Sozialethik argumentieren und, will man am Begriff »geistiges Eigentum« festhalten, dessen Sozialpflichtigkeit betonen. Mit der Rezeption »christlicher« Netz- und Urheberrechtspolitikansätze ist es aber in der CDU nicht weit her. Vergleiche dazu meinen Artikel /<a href='http://fxneumann.de/2009/08/30/netzpolitik-va/' title='netzpolitik.va – was die CDU vom Vatikan lernen kann'>»netzpolitik.va – was die CDU vom Vatikan lernen kann«</a>)</p>
<p>Das Thema <strong>Kunst</strong> habe ich gewählt, weil sich am Beispiel der Kunst alle Fragen, die auch im Alltag auftreten, radikalisieren lassen. Die »bloße« Reproduktion und Kopie eines Werks scheint intuitiv »falsch« zu sein, die Frage wird aber komplexer, wenn man die Werke etwa von Andy Warhol und Marcel Duchamps betrachtet. Kunst hinterfragt scheinbar einfache Konzepte wie »Schöpfungshöhe« und »Urheber«. Freiheit der Kunst ist eine radikalisierte Form demokratischer Offenheit.<br />
<span id="more-1954"></span><br />
Meinen theoretischen Vortrag beginne ich mit einem praktischen Beispiel. Im letzten Jahr habe ich in Freiburg ein Foto aufgenommen und veröffentlicht, als Kommentar schrieb ich »#Rechtsfreier Raum #Freiburg: Wie viele Urheberrechtsverstoesse sind auf diesem Bild zu sehen?«.</p>
<p><a href="http://fxneumann.de/wp-content/uploads/2010/05/IMG00045-20090903-1507.jpg"><img src="http://fxneumann.de/wp-content/uploads/2010/05/IMG00045-20090903-1507-300x225.jpg" alt="" title="Urheberrechtsverletzungen in Freiburg" width="300" height="225" class="aligncenter size-medium wp-image-1953" /></a></p>
<p>An diesem einen Bild kann man zeigen, daß »geistiges Eigentum« und wie es rechtlich verankert ist mehr betrifft als nur Schulkinder, die gebrannte CDs verteilen und Tauschbörsen benutzen. Urheberrecht und verwandte Rechtsgebiete betrifft alle, erst recht unter den Bedingungen ständiger öffentlicher Kommunikation, und es ist so kompliziert, daß so etwas wie Rechtssicherheit nicht mehr gegeben ist.</p>
<p><strong>Das Bild</strong></p>
<p>Ich habe das Urheberrecht an dem Bild, weil ich es fotografiert habe, völlig unabhängig von der Schöpfungshöhe und den handwerklichen Unzulänglichkeiten. <a href="http://www.gesetze-im-internet.de/urhg/BJNR012730965.html#BJNR012730965BJNG001701377">(UrhG § 72 (2))</a> Das Bild wurde mit einem Blackberry im Format JPEG aufgenommen; <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/JPEG#Patent_issues">momentan scheint das Format frei zu sein</a>, aber wer weiß, wer demnächst einen Anspruch auf ein JPEG-Patent erhebt. Ob und wie RIM (der Blackberry-Hersteller) <a href="http://blog.fefe.de/?ts=b520b402">(ähnlich wie bei Videokameras)</a> irgendwelche Rechte geltend macht für mit RIM-Hardware hergestellten Fotos, weiß ich nicht.</p>
<p><strong>Das Motiv</strong></p>
<p>Das Motiv habe ich in Freiburg vom allgemein zugänglichen Gehweg aus gemacht, ohne eine Leiter oder ein sonstiges Hilfsmittel zu benutzen. Damit unterliegt es der <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Panoramafreiheit#Deutschland">Panoramafreiheit</a> – in anderen Ländern kann das anders sein. Auf dem Bild ist der Stand rechts und das Schaufenster links zu sehen – beides fällt wohl nicht mehr unter die Panoramafreiheit. Das Schaufenster könnte »Beiwerk« sein; den Stand selbst wollte ich dokumentieren, es spricht also ein journalistisches Interesse dafür, daß er abgebildet wird. Wie sieht es aber rechtlich aus? Die abgebildeten Personen sind ziemlich sicher nur Beiwerk, daher ist ihre Abbildung wohl zulässig. (Wie sieht es bei dem wohl nicht geschäftsfähigen Kind links aus – wer müßte im Zweifelsfall die Abbildung wie gestatten?)</p>
<p><strong>Die Bilder am Stand</strong></p>
<p>Disney hält das Copyright an den meisten Motiven. Darf ich diese Copyrightverletzung fotografieren und so journalistisch (im Rahmen der Pressefreiheit) und kommentierend (im Rahmen des Zitatrechts) damit arbeiten? Wie sieht es mit dem Urheber der Bilder aus? Darf man einfach Motive von Disney malen und verkaufen? Liegt nach <a hre="http://www.gesetze-im-internet.de/urhg/BJNR012730965.html#BJNR012730965BJNE006400315">§ 24 UrhG</a> hier eine zulässige »freie Benutzung« des Werks Disneys vor – und wenn nicht: Was heißt das etwa für <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Andy_Warhol#Die_Gem.C3.A4lde">Andy Warhols Gemälde</a>, etwa die »bloße« Reproduktion von <a href="http://www.moma.org/collection/object.php?object_id=79809">Campbell&#8217;s Soup Cans</a>?</p>
<p><strong>Die Meta-Ebene</strong></p>
<p>Ich habe das Bild über Twitpic bei Twitter und Facebook veröffentlicht. Ist diese Veröffentlichtung zulässig? Welche neue Rechtslage ergibt sich, wenn die AGB von Twitpic, Twitter und Facebook ins Spiel kommen? Genügt die twitterüblich kurze Bildbeschreibung »#Rechtsfreier Raum #Freiburg: Wie viele Urheberrechtsverstoesse sind auf diesem Bild zu sehen?«, um ein zulässiges Zitat zu schaffen?</p>
<p>Es zeigt sich: Urheberrecht ist relevant und greift ins tägliche Leben und in die demokratische Öffentlichkeit ein. Für eine grundsätzliche Kritik greife ich auf zwei Begriff zurück: Eigentum und Kunst.</p>
<blockquote><p>
<strong>1. Eigentum: Begründungsstrategien und Funktion.</strong></p>
<ul>
<li>Schöpfung</li>
<li>Ordnung</li>
<li>Knappheit</li>
</ul>
</blockquote>
<p>Eigentum wird »geschaffen«, indem die eigene Arbeit mit Materie vermischt wird; so wird begründet, wie Eigentum überhaupt entsteht und wie etwas, das vorher niemandem gehört plötzlich jemandem gehört (ausführlich in <a href='http://fxneumann.de/2009/09/15/digitalkommunismus-oder-liberale-avantgarde/' title='Digitalkommunismus oder liberale Avantgarde?'>»Digitalkommunismus oder liberale Avantgarde«</a>). Dieses Bild wird auch auf »geistiges Eigentum« übertragen: Da der Schöpfer aus seiner Kreativität heraus etwas schafft, »gehört« es ihm.</p>
<p>Eigentum wird normativ gerechtfertigt (etwa <a href="http://www.freidok.uni-freiburg.de/volltexte/2144/">bei Thomas von Aquin</a>) mit einer Ordnungsfunktion: Menschen gehen sorgfältiger mit Dingen um, die ihnen gehören; was im Gemeinbesitz ist, droht zu verfallen, weil sich niemand verantwortlich fühlt. Dieser Gedanke wird in der Debatte um »geistiges Eigentum« aufgegriffen, wenn Urheber ihre Werke nicht verfälscht sehen wollen.</p>
<p>Die relevanteste Definition, die in Urheberrechtsfragen weiterbringt, ist die Knappheit: Die notwendige Voraussetzung für Eigentum ist, daß ein Gegenstand nur einmal existiert. Eigentum ist das exklusive Verfügungsrecht über diesen Gegenstand und die Möglichkeit, andere von der Nutzung auszuschließen. Hier zeigt sich, warum »geistiges Eigentum« bestenfalls eine Metapher, eher ein Kampfbegriff ist: Immaterialgüter sind nicht knapp. Beliebig viele Menschen können über sie verfügen.</p>
<blockquote><p>
<strong>1. Eigentum: Materielle und immaterielle Güter</strong></p>
<p>Materielle Güter sind <em>ihrer Natur nach</em> knapp.</p>
<p>Immaterielle Güter sind <em>ihrer Natur nach</em> nicht knapp.
</p></blockquote>
<p>Mit der Rede vom »geistigen Eigentum« werden einem Immaterialgut Eigenschaften eines materiellen Gutes zugesprochen, sei es rechtlich, sei es durch künstliche Verknappung und künstliche Zugriffsbeschränkung wie Wasserzeichen und Kopierschutz. (Ausführlich wurde dieses Thema auf der Sigint von Manuel Barkhau besprochen in seinem Vortrag <a href="http://events.ccc.de/sigint/2010/wiki/Fahrplan/events/3798.de.html">»Imaginäres Eigentum«</a>) Während bei materiellen Gütern niemand andere dasselbe (bestenfalls das gleiche) haben kann, können bei Immaterialgütern beliebig viele dasselbe Immaterialgut besitzen oder nutzen.</p>
<blockquote><p>
<strong>1. Eigentum: Geistiges Eigentum als Privileg</strong></p>
<p>Urheberrecht schafft eine künstliche Knappheit.</p>
<p>Ökonomisches Interesse eines »ursprünglichen« Urhebers im Zentrum.</p>
<p>Interessen der Nutzenden und Bearbeitenden?
</p></blockquote>
<p>Die <em>natürliche</em> Situation wäre eine unbegrenzte Verfügbarkeit und Kopierbarkeit. Die faktische Lage <a href="http://twitter.com/antjeschrupp/status/5095752193">benennt Antje Schrupp</a>: »Wer sein geistiges Eigentum schützen will, muss seine Ideen einfach für sich behalten.« Indem das Privileg eines Eigentums an Immaterialgütern gewährt wird, wird Knappheit behauptet, aber nicht erreicht. Realität und Gesetz passen nicht zueinander.</p>
<p>Das Urheberrecht geht von einem einzigen Urheber aus, dem die Rechte zukommen und der auch die Herrschaft über das Werk ausübt: <a href="http://www.gesetze-im-internet.de/urhg/BJNR012730965.html#BJNR012730965BJNE006301307">§23 UrhG</a> gestaltet diese Herrschaft restriktiv: »Bearbeitungen oder andere Umgestaltungen des Werkes dürfen nur mit Einwilligung des Urhebers des bearbeiteten oder umgestalteten Werkes veröffentlicht oder verwertet werden.« Die Interessen der Nutzenden und Bearbeitenden müssen hinter dem Paradigma des schöpferischen Genies zurücktreten.</p>
<blockquote><p>
<strong>2. Kunst. Das Paradigma des schöpferischen Genies</strong></p>
<p>Jedes (Kunst-)Werk hat einen (1) Urheber
</p></blockquote>
<p>Das Urheberrecht schafft die Fiktion eines einzigen Urhebers, der Herrschaft über sein von ihm allein und persönlich geschaffenen Werk hat und dem ein moralisches Recht zukommt, diese Herrschaft auszuüben.</p>
<blockquote><p>
<strong>2. Kunst: Kunst ist Kontext und Bezug</strong></p>
<p>Kunst ist das Reagieren auf und Schaffen von Kontexten.</p>
<p>»No man is an island.«</p>
<p>»Wir sind Zwerge auf den Schultern von Giganten.«
</p></blockquote>
<p>Brecht schreibt in seinen »Fragen eines lesenden Arbeiters«: »Cäsar schlug die Gallier./Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?« – das Urheberrecht ignoriert, daß Kunst immer auf die Verarbeitung und Bearbeitung, die Beheimatung in oder das Abwenden von einer Tradition angewiesen ist. Die Ausnahme in § 24 (1) UrhG (»Ein selbständiges Werk, das in freier Benutzung des Werkes eines anderen geschaffen worden ist, darf ohne Zustimmung des Urhebers des benutzten Werkes veröffentlicht und verwertet werden.«) wird der Kultur nicht gerecht: Musik (die in Absatz 2 von der Ausnahme dann ausdrücklich ausgenommen wird) wird öffentlich gesungen und gespielt, sie wird verändert, mit neuen Texten versehen, parodiert … Kunst hinterfragt Begriffe wie Schöpfungshöhe – welche »Schöpfungshöhe« hat eines von <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Readymades_of_Marcel_Duchamp">Duchamps Readymades</a>?</p>
<blockquote><p>
<strong>2. Kunst: Kontext und Bezug sind (Mittel der) Kunst</strong></p>
<p>Mashup Remix Kontrafaktur Intertextualität Zitat Anspielung Kollaboration Collage Sampling Merz Kulturpoetik Plagiat Hommage Motiv Stoff Link Dada Postmoderne
</p></blockquote>
<p>Kunst ist nicht nur im Außenverhältnis Kontext und Bezug: Kontext und Bezug sind selbst Mittel der Kunst. Aus der Sammlung von Begriffen greife ich drei heraus.</p>
<p>Mit <strong>»Kontrafaktur«</strong> bezeichnet man die Umnutzung einer Melodie. Die Melodien weltlicher Lieder wurden auch für geistliche Lieder benutzt; ein völlig normaler Vorgang, wie man bei den Quellenangaben in jedem kirchlichen Gesangbuch nachvollziehen kann. Heute heißt das gleiche »Plagiat«, wenn Bushido dasselbe macht. Ein anderer Fall sind Hymnen: Auf die Melodie von »God Save the Queen« läßt sich »Heil Dir im Siegerkranz singen«, die von Hanns Eisler komponierte Hymne der DDR <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Auferstanden_aus_Ruinen#Musik">stand sogar im Verdacht,</a> ein Plagiat von <a href="http://www.youtube.com/watch?v=4rR-SL3OCMU">Peter Kreuders »Goodbye Johnny«</a> aus dem Hans-Albers-Film »Wasser für Canitoga« zu sein.</p>
<p>Die Zulässigkeit von <strong>Sampling</strong>, also Ton-Collagen, die Nutzung von Tonmaterial als Instrument, ist ganz der Willkür des identifizierten »ursprünglichen« Urhebers anheimgestellt, da § 24 UrhG und seine Interpretation durch den BGH schon die Nutzung kleinster Melodieschnipsel verbieten – das wird der Technik Sampling nicht gerecht; als hätten Fender oder die Programmierer eines Notensatzprogramms ein Leistungsschutzrecht auf die mit ihren Instrumenten oder ihrer Software gespielte Musik. (Oder ist das gar möglich?) Mehr dazu, diskutiert am Beispiel von Bushido, in meinem Artikel <a href='http://fxneumann.de/2010/03/25/bushido-der-tod-des-autors-und-seine-auferstehung/' title='Bushido, der Tod des Autors und seine Auferstehung'>»Bushido, der Tod des Autors und seine Auferstehung«</a>.</p>
<p>Schließlich: <strong>Stoff</strong>. Während der <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Fauststoff">Fauststoff</a> zum Bildungskanon gehört, ignoriert das Urheberrecht diese kulturelle Standardsituation: Warum kann <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Fanfic">Fanfic</a> aus dem Netz geklagt werden, warum darf sich nur der jeweilige Rechteinhaber am Mittelerdestoff, am Per-Anhalter-durch-die-Galaxis-Stoff, am James-Bond-Stoff bedienen? Natürlich: Auch historisch hat sich etwa <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Don_Quixote#Spurious_Avellaneda_Segunda_Parte">Cervantes dagegen verwandt,</a> daß mit dem Don-Quixote-Stoff Schindluder getrieben wird – wer ein Werk allerdings der Öffentlichkeit aussetzt, muß damit rechnen, daß sich damit öffentlich auseinandergesetzt wird.</p>
<blockquote><p>
<strong>2. Kunst: Keine Freiheit ohne Kontext und Bezug</strong></p>
<p>Rede-, Presse- und Kunstfreiheit gibt es nicht ohne ein Recht auf Zitieren.</p>
<p>Auch ohne Einverständnis der Urheberin.
</p></blockquote>
<p>Bushido wurde vom Richter ermahnt, er hätte gerade wegen seiner »obszönen« Texte »fünfmal« nachfragen müssen, ob er die Melodie übernehmen dürfe. Aber: »gerade das als unmoralisch, obszön und unästhetisch empfundene braucht den Schutz der Grundrechte. Indem der ursprüngliche Urheber die absolute Verfügungsgewalt über sein Stück hat, werden künstlerische Ausdrucksformen unmöglich, die er aus welchem Grund auch immer nicht billigt. Gerade das Gegen-den-Strich-Bürsten, die unerwartete Verwendung eines fremden Fragments, auch gegen den Willen und die Intention des Urhebers, ist eine Ausdrucksform, die so unmöglich gemacht wird.« <a href='http://fxneumann.de/2010/03/25/bushido-der-tod-des-autors-und-seine-auferstehung/' title='Bushido, der Tod des Autors und seine Auferstehung'>(moi-même)</a></p>
<p>Die Frage kann und darf nicht sein: Wie schaffen wir eine Gesetzeslage, die die Schöpfung einzelner genialischer Künstler monetarisiert, sondern: Welche rechtlichen Rahmenbedingungen braucht eine demokratische Öffentlichkeit. Dazu gehört es, Kultur zu rezipieren und zu zitieren, sich auf etwas zu beziehen und Kontexte herzustellen.</p>
<blockquote><p>
<strong>2. Kunst: Mehr Geschichte!</strong></p>
<p>Der genialische eine (1) Urheber ist ein romantisches Paradigma.</p>
<p>Kopieren und verarbeiten ist der ursprünglichere Umgang mit immateriellen Gütern.
</p></blockquote>
<p>»Plagiat« ist zwar ein alter Begriff, er wurde von <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Martial">Martial</a> geprägt, aber erst ab Anfang des 19. Jahrhundert gab es ein rechtlich kodifiziertes Urheberrecht, und auch vorher gab es schon Kultur. Kulturvermittlung und -erhalt fanden und finden wesentlich durch Kopieren statt: Klosterbibliotheken, Kontrafakturen, Stoffkreise. Kultur ist nicht nur Hochkultur und kommerzielle Kultur. Kultur ist Alltagskultur, der alltägliche Bezug, das alltägliche Zitieren. Finanzierung durch das Verkaufen von Content ist eine Nischendebatte, die im wesentlichen nur die Popmusik betrifft. (Selbst die Filmindustrie finanziert sich ja weniger durch Content als durch den Verkauf der knappen Ressource »technisch brillante Aufführung im Kino«.) Auch heute leben die meisten Künstler von Stipendien und Preisen, von Auftragsarbeiten und Kunsthandwerk, nur wenige leben von ihrer Literatur, ihrer Musik, ihrer sonstigen Kunst.</p>
<blockquote><p>
<strong>Konstruktive Diskussion</strong></p>
<p>Reden wir nicht über Helene Hegemann und Bushido.</p>
<p>Reden wir über Thomas Mann und Hanns Eisler.
</p></blockquote>
<p>Es ist einfach, über die (vermeintlich) »minderwertige« Kultur zu reden, die gerade die Debatte dominiert: Bushido, Helene Hegemann. Das greift aber zu kurz: Ein restriktives Urheberrecht greift in alle Bereiche der Gesellschaft ein. Es behindert Kunst und Kultur und freie Meinungsäußerung. Wo Filesharing und Plagiate gemeint sind, wird jeder einzelne getroffen und die demokratische Öffentlichkeit zerstört.<br />
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		<title>Bushido, der Tod des Autors und seine Auferstehung</title>
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		<pubDate>Thu, 25 Mar 2010 13:23:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Felix Neumann</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Auch wenn's den Richtigen trifft: Das Urteil gegen Bush [...]]]></description>
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<p>Auch wenn&#8217;s den Richtigen trifft: Das <a href="http://www.juris.de/jportal/portal/page/homerl.psml?nid=jnachr-JUNA100300798&#038;wt_mc=pushservice&#038;cmsuri=%2Fjuris%2Fde%2Fnachrichten%2Fzeigenachricht.jsp">Urteil gegen Bushidos Samplingpraxis</a> zeigt wieder einmal die Differenz zwischen Recht und Kunst, und wie das Recht die Kunst behindert und formt.</p>
<p>Die <a href="http://rivva.de/http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,685251,00.html">Reaktionen</a> sind erwartungsgemäß einhellig schadenfroh, nachdem Bushido sich mit <a href="http://blog.rebellen.info/2010/02/06/abmahn-gangster-rapper-bushido/">aggresivem Verfolgen seiner Rechte</a> durch Abmahnungen unbeliebt gemacht hat – derselbe Bushido, <a href="http://www.youtube.com/watch?v=Qz0qx2uF5hc#t=3m25s">der sich damit brüstet</a>, im Bedarfsfall gerne auch mal Uhren zu klauen. Immer wieder ist auch zu lesen, daß Bushido ja ohnehin ein minderwertiger Künstler sei.</p>
<p>Und richtig: Bushido ist kein Grandmaster Flash. Bushido <em>könnte</em> aber auch gar kein Grandmaster Flash sein: Hiphop, wie er entstanden ist, ist aufgrund der immer restriktiver verregelten Ideologie vom absoluten geistigen Eigentum nicht mehr möglich.<br />
<span id="more-1895"></span><br />
So sehr man dem »Abmahn-Gangster-Rapper« die Schlappe auch gönnt: Es ist ärgerlich, daß der Diskurs über vermeintliche oder tatsächliche Plagiate in dieser Form geprägt wird; die <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Das_Echolot#Rezeption">Debatte über Kempowskis Echolot</a> kam um Jahre zu früh, um die Analogien zwischen klassischer literarischer Collage und jeglicher Kunst im Zeitalter ihrer kostenlosen Reproduzierbarkeit aufzuzeigen.</p>
<p>Eine seltsame Trennung hält wieder Einzug zwischen Hochkultur und Pop(ulär)kultur, die mit der überstrapazierten Postmoderne doch eigentlich vergessen schien: Während literarische Collage, Montagetechniken, Anspielungen und Zitate in den Kanon aufgenommen sind, wo sogar Brechts prekäre Quellenlage bestenfalls mit einem schenkelklopfenden Herrenwitz noch erwähnt wird, ist ein ähnliches Vorgehen im Bereich der Popkultur gefährlich, Plagiat, unmoralisch, Diebstahl.</p>
<p>War es schon bei den Encyclopédisten verpönt, die Geschichte als Geschichte »großer Männer« zu verstehen, konnten die Poststrukturalisten noch den <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Der_Tod_des_Autors_%28Roland_Barthet%29">Tod des Autors</a> und Intertextualität postulieren, war in den 80ern <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/New_Historicism">Kulturpoetik</a> literaturwissenschaftliche Methoden, die die stets vorhandene kulturelle Dimension eines Werks mit einbezogen, gewinnt dagegen heute wieder eine <em>great-man theory</em> Land. Der tote Autor feiert seine Auferstehung, prächtiger und absoluter, als es sich der Geniekult der Romantik hätte träumen lassen – und das nicht aus genuin künstlerischen Interessen, sondern aus <a href='http://fxneumann.de/2010/03/18/nebelkerze-des-literarischen-establishments/' title='Urheberrecht als künstlerischer Bankrott'>Verwertungsinteressen</a>. Vergeblich spottete Brecht in seinen <a href="http://www.kerber-net.de/literatur/deutsch/prosa/brecht/fragarb.htm">»Fragen eines lesenden Arbeiters«</a>: »Cäsar schlug die Gallier./Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?«</p>
<p>Hier stehen aber die Verwertungsinteressen der Kunst und der Kultur im Weg: Es kommt gar nicht auf die Originalität der Verwendung des Materials an. Was in der Musikgeschichte ein völlig normales Vorgehen war (das gerade <a href="http://www.adwmainz.de/fileadmin/adwmainz/MuKo_Publikationen/Klingende_Denkmaeler/BKD-Kirchenlied.pdf">bei Kirchenliedern</a> praktiziert wurde) und mit dem wohlklingenden Wort <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Kontrafaktur">Kontrafaktur</a> geadelt wurde, ist heute nur noch ein verbotenes »Plagiat« gemäß <a href="http://dejure.org/gesetze/UrhG/24.html">§ 24 <abbr title="Urheberrechtsgesetz">UrHG</abbr> (2)</a> (wo es um die Übernahme von Melodien geht). Selbst das Sampeln kleinster Teile eines fremden Musikstücks, früher konstituierend für den Hiphop, ist nach einer deutlichen <a href="http://medien-internet-und-recht.de/volltext.php?mir_dok_id=1809">Verschärfung durch den BGH</a>  nur mit Genehmigung des »ursprünglichen« Urhebers gestattet.</p>
<p>Nach den Berichten hätte Bushido »fünfmal« nachfragen müssen, da seine Texte zur fremden Melodie als »obszön« empfunden werden. Mag man auch in diesem Einzelfall mit der Entrüstung des Richters konform gehen: Ästhetische und moralische Werturteile sind nichts, zu dem ein Gericht Stellung nehmen kann, und gerade das als unmoralisch, obszön und unästhetisch empfundene braucht den Schutz der Grundrechte. Indem der ursprüngliche Urheber die absolute Verfügungsgewalt über sein Stück hat, werden künstlerische Ausdrucksformen unmöglich, die er aus welchem Grund auch immer nicht billigt. Gerade das Gegen-den-Strich-Bürsten, die unerwartete Verwendung eines fremden Fragments, auch gegen den Willen und die Intention des Urhebers, ist eine Ausdrucksform, die so unmöglich gemacht wird.</p>
<p>Projekte wie Danger Mouses <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/The_Grey_Album">»Grey Album«</a> (ein Mashup aus dem Weißen Album der Beatles und Jay-Zs Black Album) oder Tom Caruanas <a href="http://boomboomchik.com/2010/01/enter-the-magical-mystery-chambers.html">»Magical Mystery Chambers«</a> (Wu-Tang Clan vs. Beatles), wie ein <a href="http://audioporncentral.com/2008/11/guilty-pleasures-volume-two-rickrawked.html">Rick-Astley-Remix-Album</a> werden unmöglich: Kunst, Satire und Parodie hängen vom Einverständnis des Zitierten ab.</p>
<p>Dem liegt ein naturrechtliches Verständnis von geistigem Eigentums zugrunde: Immaterialgüter werden behandelt wie materielles Eigentum – aber während materielles Eigentum dadurch gekennzeichnet ist, daß es einem exklusiven Zugang unterliegen kann, sind Immaterialgüter gerade <em>nicht</em> knapp. (Dazu auch mein Artikel <a href='http://fxneumann.de/2009/09/15/digitalkommunismus-oder-liberale-avantgarde/' title='Digitalkommunismus oder liberale Avantgarde?'>»Digitalkommunismus oder liberale Avantgarde?«</a>) Im Gegenteil gehört es gerade zu ihrem Wesen, verbreitet, verwendet zu werden, andere Immaterialgüter zu beeinflussen, adaptiert und inspiriert zu werden. Die Kulturtechnik Sampling ist nur der logische Schritt, der aus dem Wesen von Immaterialgütern folgt.</p>
<p>Urheberrecht ermöglicht und fördert hier nicht Kunst und Kultur, es sichert dem Rechteinhaber ein künstliches Monopol zu. Es verhindert, was im Zentrum jeder Kultur steht: Das Reagieren auf und Schaffen von Kontexten.<br />
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		<pubDate>Tue, 23 Mar 2010 18:09:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Felix Neumann</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Am Sonntag war der Artikel Vulva Artikel des Tages bei  [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<abbr class="unapi-id" title="http://fxneumann.de/?p=1886"><!-- &nbsp; --></abbr>
<p>Am Sonntag war der Artikel <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Vulva">Vulva</a> Artikel des Tages bei der Wikipedia – illustriert mit <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Vagina,Anus,Pereneum-Detail.jpg">einem Foto des Sujets</a>. Die Aufwallung, die das erzeugt hat, ist beachtlich. Die Diskussionsseite hat es ausgedruckt auf über hundert Seiten gebracht.</p>
<p>Bemerkenswert sind für mich zwei Aspekte: Die Emotion, die die naturalistische Darstellung einer Vulva immer noch hervorruft. Und die Auswirkungen auf das Neutralitäts-Postulat der Wikipedia.</p>
<p><span id="more-1886"></span></p>
<p>Die Kontroverse wird dadurch erzeugt, daß das Bild auf der Startseite zu finden war; daß es in den Artikel selbst gehört, scheint weitgehend Konsens zu sein. Erwartet man noch das Jugendschutzargument, Anstand und Schamgefühl, gibt es einige ästhetische Beschwerden, die man so nicht hätte erfinden können: »muss mir gleich soeine beharrte F**** in die AUgen springen.«, »kurz nach dem frühstück glatt eine zumutung!!!!! Zumindest eine saubere und gewaschene Vulva&#8230;..«, und das sind nur zwei ausgewählte Tiefpunkte.</p>
<p>Eine noch größere Provokation als Geschlechtsteile scheinen Geschlechtsteile zu sein, denen man ansieht, daß sie natürlich sind. Aus vielen Beiträgen zur Diskussion spricht die Forderung nach einer Ästhetisierung des Intimbreichs: Rasur wird als Norm postuliert, Schamhaare gelten als unhygienisch und ungepflegt, die Frage nach der Abbildung überhaupt wird überlagert von der Frage, ob es denn ausgerechnet diese sein muß. Das ist ein Strang der »Kritik«: Leiblichkeit, Körperlichkeit wird pathologisiert – Nacktheit wird zwar als ästhetisch gesehen, aber nur, wenn die Natur möglichst eingehegt ist: Was an Wildwuchs oder gar mögliche Gerüche erinnert, soll nicht gezeigt werden. Indem das Aussehen des Intimbereichs einer Norm von außen unterworfen wird und er nicht einfach so sein darf, wie er ist oder von der Besitzerin <em>subjektiv</em> als gut empfunden wird (also eine Fremdbestimmung über den eigenen Intimbereich), wird (weibliche) Sexualität als Objekt behandelt. Bis zur Intim-OP und dem normierten Geschlechtsteil ist es dann nicht mehr weit. (Einen subversiven Erfolg hatte die Wahl des Artikels dann auch: Das Wort »Vulva« wird ins Gedächtnis gerufen und wurde wohl selten so häufig in einem <a href="http://www.abo.psychologie.uni-wuerzburg.de/virtualcollaboration/publications.php?action=view&#038;id=44">Umfeld wie der Wikipedia</a> benutzt. Ansonsten wird allzuoft <em>pars pro toto</em> »Vagina« benutzt, was eine <a href="http://maedchenblog.blogsport.de/2009/09/30/vulva-die-enthuellung-des-unsichtbaren-geschlechts/">Benennung aus einer männlichen, objektivierenden Sicht</a> ist.)</p>
<p>Aber auch wenn man solche sexistischen Bewertungen außen vor läßt: Die Argumente Jugendschutz, Rücksichtsnahme und Anstand werden ebenso ins Feld geführt. Die Debatte dreht sich darum, ob man <em>ungefragt</em> ein derart explizites Bild zeigen soll. Als Alternativen werden Zeichnungen und sehr medizinisch-sachlich beschriftete Fotos genannt. Dieser Einwand scheint mir gewichtiger zu sein.</p>
<p>Was heißt hier »an die Kinder denken«? Es geht ja nicht um Pornographie, also eine Darstellungsform, die Menschen auf ein zu benutzendes Objekt reduziert. Natürlich: Die Darstellung ist fokussiert auf den Intimbereich, nichts weiteres Persönlichkeitsstiftendes wird angezeigt; das kann zwar auch als Analogie zu einer pornographischen Ästhetik gelesen werden (nicht das Antlitz, die Persönlichkeit interessiert, sondern die Funktion als Objekt der Befriedigung) – wenn die Darstellung hier aber objektiviert, dann aus einem wissenschaftlichen Interesse. Die angewiderten Reaktionen sprechen auch für sich: Wenn eine rasierte Norm-Vulva (wie man sie an unzähligen anderen Orten im Netz zu sehen bekommt) so selbstverständlich erwartet wird, dann ist es erst recht sinnvoll, der Norm Normalität gegenüberzustellen. Einer der widerlichsten Kommentare der Diskussion ist für mich ein gutes Argument, solche Bilder (die nicht dem <em>Principle of least astonishment</em> entsprechen, das der hinzugezogene Jimmy Wales anführte) auch ungefragt auf einer Aufklärung, Vernunft und Wissen verpflichteten Plattform anzuzeigen:</p>
<blockquote><p>
Angenommen ich wäre ein 6jähriges Minderjähriges Mädchen, und komme auf die Wikipedia, und sehe das, dann würde ich in Depression verfallen, dass meine Mulle auch mal so hässlich wird, wenn ich erwachsen bin.
</p></blockquote>
<p>Auf der Wikipedia-Seite proaktiv »Jugendschutz« zu betreiben, ist dort so kontraproduktiv wie anderswo, wenn nicht noch schlimmer. Kein Komitee weiser Wikipediaten, kein Staat, keine Gesellschaft kann die Erziehungsaufgabe der Eltern ersetzen. Entweder die Kinder sind so jung, daß sie die Begleitung der Eltern im Internet brauchen, oder sie sind alt genug, um im Zweifelsfall wirklich problematische Seiten zu finden und nicht auf die Wikipedia angewiesen zu sein. So wie man beim Radio, beim Fernsehen immer damit rechnen muß, daß die Kinderstunde durch <em>breaking news</em> vom jüngsten Anschlag unterbrochen werden, muß man bei einer Enzyklopädie auch damit rechnen, daß nicht nur das, was man für sagbar hält, behandelt wird. Wäre man anderer Meinung, müßte es auch einen Ausschlußmechanismus für die Funktion »zufälliger Artikel« geben, vorgeschaltete Warnhinweise, wenn Links problematische Ziele haben, die Suchfunktion beschnitten werden … </p>
<p>Jugendschutz ist das eine, und es ist das einfachere; schwieriger ist etwa die Frage, wie man mit <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Trauma_trigger">Triggern</a> umgeht; ohne wirklich fundiert etwas dazu sagen zu können: Filtern dürfte so wenig funktionieren wie beim Jugendschutz. Schwieriger ist die Frage, wie man mit unterschiedlichen Rechtslagen umgeht, wenn man umstrittene Phänomene bebildern will – die Stichworte sind <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Virgin_Killer">Virgin Killer</a> und <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Lolicon">Lolicon</a>. Schwieriger ist die Frage, wie man mit kulturellen oder religiösen Tabus umgeht – Stichwort <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Jyllands-Posten_Muhammad_cartoons_controversy">Mohammed-Karikaturen</a>.</p>
<p>Die Antworten kann man nur mit einer Wertentscheidung begründen. Die Behauptung eines <a href="http://fxneumann.de/2009/10/18/relevanz-ist-irrelevant#wertfreiheit">»Neutral point of views« ist, absolut gesetzt, Ideologie</a>. Es braucht eine bewußte Wertenscheidung, was man zeigen will und was nicht, wo die Grenze zwischen Selbstzensur und Selbstbeschränkung verläuft. Hier haben sich die Entscheidenden in meinen Augen richtig verhalten. Auch wenn in der anschließenden Diskussion es immer wieder als Skandal befunden wurde, daß trotz der lautstarken Kritik die Entscheidung beibehalten wurde, das Foto auf der Startseite anzuzeigen.</p>
<p>»Es ist fast unmöglich, die Fackel der Wahrheit  durch ein Gedränge zu tragen, ohne jemandem den Bart zu sengen«, schreibt Lichtenberg in den Sudelbüchern (Heft G 13); die Enzyklopädisten wurden von Kirche und Obrigkeit verfolgt, weil sie konsequent Wissen verbreiten wollten (auch wenn der Stil der Encyclopédie jeden <abbr title="Neutral point of view">NPOV</abbr>-Afficionado in einen anaphylaktischen Schock treibt). Anstand, Sittlichkeit, Rücksichtnahme laufen immer Gefahr, ein Instrument zur Unterdrückung von Wissen und Aufklärung zu sein. Mit einem kasuistischen Sittlichkeitsbegriff, der nicht nach dem <em>warum</em> der Darstellung fragt, sondern schon beim <em>was</em> das Unwerturteil fällt, kommt eine Enzyklopädie nicht weiter; die Wikipedia kann gerade deshalb möglichst neutral informieren, weil sie eine klare, alles andere als neutrale Entscheidung zugunsten offenen Wissens getroffen hat. Und es zeigt sich deutlich, wie beschränkt dieser Ansatz ist, wenn schon ein Foto einer Vulva so viel Bedeutung und Normativität transportiert. In diesem Fall führte das (mehr oder weniger zufällig) zu einem Ergebnis, das auch verantwortet werden kann. Ohne einer dahinterstehende Werthaltung aber explizit zu machen, muß das nicht immer so sein, und nachvollziehbar ist es bis dahin auch nicht.<br />
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		<title>Urheberrecht als künstlerischer Bankrott</title>
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		<pubDate>Thu, 18 Mar 2010 15:43:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Felix Neumann</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Die »Leipziger Erklärung zum Schutz geistigen Eigentu [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<abbr class="unapi-id" title="http://fxneumann.de/?p=1877"><!-- &nbsp; --></abbr>
<p>Die <a href="https://vs.verdi.de/urheberrecht/aktuelles/leipziger-erklaerung">»Leipziger Erklärung zum Schutz geistigen Eigentums«</a> ist eine Nebelkerze. Vordergründig geht es um das Gute, Wahre und Schöne: Um die Rettung echter Kunst vor einem zerstörerischen Sturm aus Plagiaten, Epigonen und Raubkopien. Tatsächlich ist die Erklärung ein künstlerischer Offenbarungseid: Die unterzeichnenden Autoren machen sich stark für ein allzu einfaches Kunstverständnis, das in erster Linie den Verlegern dient.</p>
<p><span id="more-1877"></span><br />
Die Erklärung stützt sich auf Sätze wie Hammerschläge: »Jedes literarische Werk ist ein originäres Kunstwerk.« Das hätte der Beginn eines Plädoyers für eine Selbständigkeit der Kunst sein können, einer Unabhängigkeitserklärung, die feststellt, daß Werke ihren Wert nicht aus ihrem rechtlichen, sondern aus ihrem künstlerischen Gehalt ziehen: Eine Forderung, daß jedes literarische Werk zunächst als originäres Kunstwerk bewertet werden muß. Kunst ist nicht Olympia. Fairness ist kein ästhetischer Maßstab. Helene Hegemann sollte Buchpreise nicht wegen Fairness erhalten oder nicht, sondern wegen der Qualität ihres Werks. Kunst, jede Kulturleistung, ist ohnehin nicht denkbar ist ohne eine Verwurzelung in Vorgängern und Werken anderer. Ob implizit oder explizit: Von den Schultern der Giganten kann auch der größte und originärste Kunstschaffende nicht hinabsteigen, und sei es, indem er sich möglichst spektakulär von diesen Schultern abstoßen will.</p>
<p>Eine Abgrenzung der explizit als zulässig genannten Collage (man möchte ja nicht Kempowski und Döblin exkommunizieren) vom bösen Plagiat wird nicht vorgenommen. Kein Wort über Remixes, über Mashups, über – wenigstens das hätte man von Kulturschaffenden der Gegenwart erwarten können – Intertextualität. Kein Wort über die Grenze, die zwischen Anspielung, Hommage, Sprachspiel auf der einen und Plagiat auf der anderen Seite steht, und kein Wort darüber, daß gerade diese Grenze <em>auch</em> Quelle künstlerischer Aktivität sein kann. (Nebenbei: Wenn das raubkopierte PDF, das mir von Günter Grass&#8217; »Ein weites Feld« vorliegt, nicht lügt, wird übrigens der Name Fontane darin nie genannt, was selbstverständlich ein literarisches Spiel diesseits der Plagiatsgrenze ist.)</p>
<p>Um all das geht es in der Erklärung aber nicht. Strenggenommen geht es überhaupt nicht um Kunst. Es geht um wirtschaftliches Verwertungsinteresse; das ist nicht verwerflich, und das ist verständlich. (Die Erklärung wurde auch folgerichtig nicht etwa vom PEN initiiert, sondern vom zu ver.di gehörenden Verband deutscher Schriftsteller, und dessen Geschäftsführer äußert sich <a href="http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,683716,00.html">im Spiegel auch klar dahingehend</a>.) Es ist aber nicht ehrlich: Die Erklärung verharrt im Duktus einer künstlerischen Programmatik. Und als künsterische Programmatik versagt sie völlig.</p>
<p><strong>Die Leipziger Erklärung versagt in ihrem Kunstbegriff:</strong> Recht und Kunst werden nicht als verschiedene gesellschaftliche Sphären gesehen, und anstatt ein Primat der Kunst festzustellen, eine Ästhetisierung der Gesellschaft zu fordern (wie bei Beuys, <a href="http://www.walkerart.org/archive/1/A843698FB2232A536167.htm">»Everyone is an artist«</a>), was wenigstens eine künstlerische Position wäre, wird ein Primat des Rechts über die Kunst festgestellt. Eine rechtsstaatliche Variante eines wilhelminischen Kunstverständnisses: Kunst ist nicht mehr, was der Kaiser schön und der Erbauung dienlich findet, sondern was vom Recht als rechtmäßig definiert wird. Mit Habermas ist das eine Kolonialisierung der Lebenswelt: Die Handlungslogik des Rechts durchdringt <a href='http://fxneumann.de/2009/10/24/die-eu-maultasche-kolonialisiert-die-lebenswelt/' title='Die EU-Maultasche kolonialisiert die Lebenswelt'>alle Sphären der Gesellschaft</a>, und sogar die der Kunst, die gerade eine Antithese zur strengen Ordnung und Systematisierung des positiven Rechts ist. Nicht nur die Legitimität (das wäre schon fragwürdig genug), sondern bereits der künstlerische Gehalt der Kunst wird vom positiven Recht bestimmt: »Schutz geistigen Eigentums« genießt »uneingeschränkt Geltung und Priorität«; <em>l&#8217;art pour l&#8217;art</em> war vorgestern.</p>
<p>Es scheint, als sei die hergebrachte und wahre Kunst bedroht durch neue Technik und eine neue Mentalität. Daß es gerade Aufgabe der Kunst wäre, darauf zu reagieren, taucht nicht auf. Daß »das Internet« nicht nur ökonomische Auswirkungen hat, <a href="http://blog.koehntopp.de/archives/2518-Falscher-Planet,-falsches-Jahrtausend.html">sondern auch kulturelle,</a> taucht nicht auf. (Zumindest Grass sei zugute gehalten, daß er das Internet in seiner Novelle »Im Krebsgang« von 2002 zu verstehen versuchte, zwar unbeholfen formuliert und kulturpessimistisch aufgeladen, aber immerhin.) Daß nicht ein gewandeltes Kunstverständnis, gewandelte künstlerische Ausdrucksformen defekt sein könnten, sondern das Urheberrecht – das wird nicht einmal in Erwägung gezogen. Das Fremdeln mit gesellschaftlichem Wandel ist ein allzu bekanntes Muster: Wenn Gesellschaften sich verändern, dann schreiben die einen Lodenromantik und Heidedichtung, die anderen »Berlin Alexanderplatz«, die einen unter Creative-Commons-Lizenzen, die anderen den Heidelberger Appell.</p>
<p>Es geht aber ja eigentlich nicht um den Kunstbegriff; man zeigt zwar auf das künstlerische Plagiat, meint aber die ökonomische Raubkopie. Man überhöht das Urheberrecht zum eigentlichen künstlerischen Agens, meint aber <a href='http://fxneumann.de/2009/08/16/klientelwirtschaft-statt-open-access/' title='Klientelwirtschaft statt Open access'>wieder einmal das Verwertungsinteresse</a>. Das »Plagiat« wird ökonomisch und juristisch kritisiert, nicht künstlerisch:</p>
<blockquote><p>
Wenn ein Plagiat als preiswürdig erachtet wird, wenn geistiger Diebstahl und Verfälschungen als Kunst hingenommen werden, demonstriert diese Einstellung eine fahrlässige Akzeptanz von Rechtsverstößen im etablierten Literaturbetrieb.
</p></blockquote>
<p><strong>Die Leipziger Erklärung versagt in ihrem Bild vom Künstler:</strong> Der Künstler im Sinne der Leipziger Erklärung ist das Genie. Eine überhöhte romantische Vorstellung von Urheberschaft, die heroisch aus einem einzeln schöpfenden Titanen sprudelt, so mächtig, daß nicht der künstlerische Wert des Werks zählt, sondern das ursprüngliche Genie des Künstlers. Aus der ganzen Erklärung spricht ein Verständnis von Autorschaft, das zeitlos, überzeitlich ist. Die Argumente sind historische Übertreibungen und Fehldeutungen, die den Künstler untergehen sehen, wenn es kein Urheberrecht mehr gibt. Was hier präsentiert wird, ist erst denkbar mit dem Geniekult der Romantik, des Sturm und Drangs. Der Künstler selbst sei ganz existentiell bedroht durch Plagiate:</p>
<blockquote><p>
Künstlerische Kreativität kann langfristig in einer Gesellschaft nur gedeihen, wenn Übersetzerinnen, Schriftsteller, wenn alle künstlerischen Wortschöpfer sich grundsätzlich und gänzlich darauf verlassen können, dass ihr Urheberrecht an ihren Werken geachtet wird.</p>
<p>Missachtung, Aushöhlung und sträfliche Verletzung des Urheberrechts führt zur Entwertung, Aufgabe und schließlich zum Verlust jedweder eigenständigen intellektuellen und künstlerischen Leistung.
</p></blockquote>
<p>Das ist nicht nur pathetisch, das ist historisch schlicht falsch. Urheberrechte sind ein relativ neues Phänomen, auch wenn schon Martial  sich über Plagiate beklagt hat (und den Begriff geprägt hat). Die ersten Urheberrechte waren Verlegerrechte und bestanden im wesentlichen aus einer staatliche Aufsicht über das Druckwesen – eine <em>Private-public partnership</em> zwischen verlegerischem Monopol- und obrigkeitlichem Kontrollinteresse. Das erste echtes Urheberrecht ist das britische <a href="http://www.copyrighthistory.com/anne.html">Statute of Anne</a> von 1710; in Deutschland wurde die Materie erst 1837 geregelt (auch wenn bereits 1793 Fichtes <a href="http://www.copyrighthistory.com/fichte.html">»Beweis der Unrechtmäßigkeit des Büchernachdrucks«</a> publiziert wurde),  international sogar erst 1886 mit der <a href="http://www.wipo.int/treaties/en/ip/berne/summary_berne.html">Berner Übereinkunft</a>. »Eigenständige intellektuelle und künstlerische Leistung« ist mittlerweile (geschichtswissenschaftlich gesichert) eindeutig für die Zeit vor 1710, vor 1837, vor 1886 nachgewiesen.</p>
<p>Darin zeigt sich, daß der Appell ein Projekt von Großschriftstellern ist: Ein Interesse daran, Kunst nicht nur zu schaffen und zu verkaufen, sondern auch zu verbreiten, weiterzuverarbeiten, zu rezipieren, besteht nicht. Es ist die Sicht von Großschriftstellern, die von ihrer Arbeit leben können, die ohnehin Verbreitung finden und für die der Absatz so lohnend ist, daß sie seine Schmälerung durch »Raubkopien« tatsächlich fürchten. Das Plagiat, das die unbekannte Bloggerin wie den Nobelpreisträger gleichermaßen treffen kann, ist nur vorgeschoben. Die »materielle Basis allen kreativen Schaffens« ist für die meisten Schriftsteller nicht das Urheberrecht, ist nicht das Honorar, sondern dasselbe, das schon Martial zu Lohn und Brot verholfen hat: klassisches Mäzenatentum, heute in seiner modernen Form, also Literaturpreise und Stipendien – oder ein »richtiger« Beruf.</p>
<p>Wenn die Erklärung damit endet, daß der »Wert der Wortkunst und die künstlerische Freiheit aller Autorinnen und Autoren« geschützt werden soll, dann ist mit »Wert« allein der ökonomische gemeint, und »künstlerische Freiheit« ist nur die Sicherheit, daß die Kunst in einem romantisierten Status quo ante verharrt, den auch die alte Garde der Leipziger Erklärenden versteht und beherrscht.<br />
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		<title>Placebo-Knopf gegen Kinderpornographie</title>
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		<description><![CDATA[Auf der CeBit stellte der niedersächsische Innenminist [...]]]></description>
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<p> Man gibt sich modern: <a href="http://www.jetzt-loeschen.de">jetzt-loeschen.de</a> steht unter einer CC-Lizenz, das Addon wird als Open source unter der GNU-Lizenz vertrieben, die Entwicklung über <a href="http://sourceforge.net/projects/reportabuse">Sourceforge</a> koordiniert: Strafverfolgung als einfacher und sympathischer Web-2.0-Mitmachdienst. Ob das ganze aber wirklich so anonym und sicher ist, darf bezweifelt werden.<br />
<span id="more-1822"></span><br />
 Die Technik ist eher trivial (ich habe mir den Quellcode angesehen; entpackt man die xpi-Datei − ein ZIP-komprimiertes Archiv −, findet sich der Code in der Datei <code>chrome/content/overlay.js</code>; die einschlägigen Zeilen sind 1−3 und 63−76): per HTTP Post wird die URL an http://api.jetzt-loeschen.de/notifications/index.php geschickt; anonymisiert man also nicht selbst, werden die Daten völlig offen übertragen &#8211; IP-Adressen können damit mitgeloggt werden. Auf der Startseite wird der Dienst angepriesen als »anonym, schnell und völlig unkompliziert«. Was anonym heißt, findet sich nirgends. Interessant ist, daß im <a href="http://209.85.135.132/search?hl=de&#038;safe=off&#038;client=firefox-a&#038;rls=org.mozilla%3Ade%3Aofficial&#038;q=cache%3Ahttp%3A%2F%2Fwww.jetzt-loeschen.de%2Fdatenschutz.html&#038;btnG=Suche&#038;meta=&#038;aq=f&#038;oq=">Google-Cache</a> eine Seite jetzt-loeschen.de/datenschutz.html zu finden ist mit folgender Zusicherung:</p>
<blockquote cite="http://209.85.135.132/search?hl=de&#038;safe=off&#038;client=firefox-a&#038;rls=org.mozilla%3Ade%3Aofficial&#038;q=cache%3Ahttp%3A%2F%2Fwww.jetzt-loeschen.de%2Fdatenschutz.html&#038;btnG=Suche&#038;meta=&#038;aq=f&#038;oq=">
<p>Wenn Sie eine Seite an die Beschwerdestelle des eco e.V. durch das Add-On jetzt.löschen übermitteln, wird an einen für diesen Zweck eingerichteten Server bei der Bremer Kommunikationstechnik GmbH, Stolzenauer Straße 32, 28207 Bremen unter der Adresse api.jetzt-loeschen.de ausschließlich die zu meldende URL gesendet. Der Webserver unter der Adresse api.jetzt-loeschen.de erstellt keinerlei Protokolldateien, insbesondere zeichnet er keine IP Adressen auf. Damit ist gewährleistet, dass jede Meldung von Ihnen vollkommen anonym ist und keinerlei personenbezogene Daten gespeichert werden.
</p></blockquote>
<p><del datetime="2010-03-04T14:49:54+00:00">Mittlerweile ist die Seite <a href="http://www.jetzt-loeschen.de/datenschutz.html">datenschutz.html</a> zwar noch verhanden, aber nicht mehr verlinkt und ohne Inhalt.</del>  <ins datetime="2010-03-04T14:49:54+00:00">Die Seite ist wieder online.</ins> Ein Klick auf den Meldeknopf im Browser verweist zusätzlich auf die <a href="http://www.eco.de/services/1863.htm">Beschwerdeordnung des eco</a>, die für Beschwerden Anonymität zusichert (§§ 7 und 8). Ruft man <a href="http://api.jetzt-loeschen.de/">api.jetzt-loeschen.de</a> im Browser auf, sieht man eine Seite, die Google Analytics benutzt und auch sonst nicht viel zu sagen hat über Datenschutz oder gar Anonymisierung.</p>
<p>Was das in der Praxis bedeutet, ist unklar. Im Moment wird nicht zugesichert, daß keine IP-Adressen von api.jetzt-loeschen.de gespeichert werden. (Zur Frage, ob IP-Adressen personenbezogene Daten sind, gibt es <a href="http://www.heise.de/newsticker/meldung/Gericht-IP-Adressen-sind-keine-personenbezogenen-Daten-210449.html">unterschiedliche Meinungen</a>; die eco-Beschwerdeordnung kann also auch nicht eindeutig ausgelegt werden.) Nachdem vor kurzem vom OLG Hamburg bereits das <a href="http://www.heise.de/newsticker/meldung/Urteil-Kinderpornos-anklicken-ist-strafbar-931446.html">Betrachten von Kinderpornographie im Browser als »Besitz« gewertet</a> (wobei natürlich gilt OLG Hamburg + Internet = <a href="http://blogs.sueddeutsche.de/schaltzentrale/2010/02/18/das-urteil-ist-falsch-wie-ein-oberlandesgericht-die-frage-nach-dem-besitz-von-digitalen-daten-neu-definiert/">umstritten</a>), sollte man es sich also gut überlegen, ob man (falls man denn tatsächlich versehentlich auf Kinderpornographie stößt) den Meldeknopf drückt − immerhin kann jede Übermittlung als Beweis dienen, daß Kinderpornographie erkannt und betrachtet wurde. (Wenn auch damit mutmaßlich dokumentiert ist, daß es nicht vorsätzlich passiert ist − aber will man sich darauf verlassen?)</p>
<p><em>Technisch</em> ist das ganze also undurchsichtig mit Tendenz gefährlich.</p>
<p><em>Politisch</em> hat Schünemann einen gelungenen PR-Stunt hingelegt: Das Märchen von der überall im Web zu findenden Kinderpornographie, über die man zufällig stolpert, wird nicht nur wieder einmal in die Medien gehoben. Wer sich den Warnbutton installiert, wird auch noch beständig an die angebliche Gefahr erinnert durch den dicken roten Feuermelder-Knopf neben der Adreßzeile. Über den Button wird »das Internet« als potentiell böse gekennzeichnet; jede Browserbenutzung ruft das in Erinnerung. Nebenbei generiert man eine große Anzahl an »false positives«, die sich auch werbewirksam einsetzen lassen: Schon so viele Tausend Kinderporno-Meldungen! Auch <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Kinderpornographie#Operation_Himmel">künstlich generierte Ermittlungsverfahren</a> kommen in die Statistik (in die <a href="http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,525248,00.html">Presse</a> sowieso), mit der man eine dramatische Gefahr konstruieren kann &#8211; und schon hat man das schönste Zensursula-Lynchmob-Klima, in dem sich Jugendschutzmedienstaatsverträge, Vorratsdatenspeicherung, Internetsperren und mehr durchsetzen lassen.</p>
<p><em id="20100306-erg">Ergänzung, 6. März 2010:</em> Auch nicht schlecht: Die Zugriffsstatistiken liegen offen auf dem Server: <a href="http://jetzt-loeschen.de/log.html">jetzt-loeschen.de/log.html</a> – bis eben keine 2500 <em>Unique visitors</em>, das Addon selbst wurde bis jetzt (19.30 Uhr) etwa 1500 Mal heruntergeladen.</p>
<p><em id="20100308-erg">Ergänzung, 8. März 2010:</em> In den <a href='http://fxneumann.de/2010/03/04/placebo-knopf-gegen-kinderpornographie/#comment-573' title='Kommentar zu: Placebo-Knopf gegen Kinderpornographie'>Kommentaren weist Otzenpunk</a> auf eine alternative Strategie hin, der es nicht um eine künstlich hohe Zahl an Meldungen geht, sondern um eine durch das Verfahren wissentlich niedrig gehaltene:</p>
<blockquote><p> Wer stößt schon zufällig im Netz auf Kinderpornografie? Ich bisher jedenfalls noch nie.</p>
<p>Nach einem Jahr beschwert man sich dann, dass “die Community” ja überhaupt keine Seiten meldet, und dass “Löschen statt Sperren” daher gescheitert sei.</p></blockquote>
<p><em id="20100308-erg">2. Ergänzung, 8. März 2010:</em> Und dann das noch: Sollte der Löschknopf eine <a href="http://webpatrol.wordpress.com/2010/03/04/ist-denn-web-patrol-wirklich-so-toll/">böse Raubkopie des Originals vom <abbr title="Bund deutscher Kriminalbeamter">BDK</abbr></a> sein? (Danke an <a href="http://twitter.com/dasgesetzbinich/statuses/10174893638">Jörg Heidrich</a> für den Hinweis.)</p>
<p><em id="20100312-erg">Ergänzung, 12. März 2010:</em> Beim AK Zensur gibt&#8217;s den praktischen Service <a href="http://denounce.qb352.de/">Denunziator</a>, sowohl manuell per Formular als als auch per Firefox-Addon. Im <a href="http://wiki.ak-zensur.de/index.php/Denunziator_2.0">Wiki</a> wird nochmal erklärt, was an derartigen Ideen problematisch ist.</p>
<p><em id="20100407-erg">Ergänzung, 7. April 2010:</em> Das <a href="#20100308-erg">am 8. März</a> erwähnte vorgebliche Original <a href="http://www.heise.de/newsticker/meldung/Kripo-Beamte-fordern-Notrufsystem-fuer-das-Internet-971705.html">ist wieder in den Medien</a>. Bei Netzpolitik.org wird die BDK-Idee eines Notrufknopfs im Netz <a href="http://www.netzpolitik.org/2010/reloaded-bosbach-und-blockwart-button-fuer-browser/comment-379171">nett kommentiert</a>:</p>
<blockquote><p>
Das ist nun mal sein Stand der Technik: Ist man online geht das Telefon nicht.
</p></blockquote>
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