Moral ohne Gott? Anmerkungen zu Kolakowski

Unter dem Titel »Ich rechne nicht mit dem Tod Gottes« veröffentlicht die Welt postum ein Gespräch mit dem polnischen Philosophen Leszek Kolakowski, das Scipio zitiert. Kolakowski argumentiert ganz im Sinne Dostojewskis »Wenn es keinen Gott gibt, dann ist alles erlaubt.«. Er sieht Glauben als notwendig für die Moral an:

Was ist Menschwürde, wissenschaftlich gesehen? Aberglaube? Empirisch gesehen sind die Menschen ungleich.


Schon das Beispiel ist grob irreführend. Empirisch gesehen ist so ziemlich nichts gleich, was nicht dasselbe ist. Gleichheit ist ein relationaler Ausdruck: Gleich in bezug auf etwas. Menschen sind gleich hinsichtlich ihres Vernunft- und Freiheitspotentials.

Weiter: Von welchem Wissenschaftsbegriff geht Kolakowski aus? Natürlich kann man Menschenwürde nicht naturwissenschaftlich erklären. Menschenwürde ist eine moralische Kategorie. Aus der Empirie folgen nie direkt moralische Schlüsse (das wäre ein naturalistischer Fehlschluß).

Kolakowskis Argumentation: Menschenwürde sei nicht empirisch nachweisbar, also braucht man eine transzendente Moralquelle. Diese Argumentation stellt apodiktisch zwei Konzepte gegenüber, eine streng naturalistische Ethik gegen eine Ethik, die eine transzendentale Moralquelle kennt. Das ist zu einfach: Er baut den Strohmann eines Szientismus auf, dessen einzige ethische Maxime ist »es ist, also ist es gut«. Daraus folgt: Menschenwürde läßt sich nicht empirisch nachweisen, also gibt es sie nicht.

Wer vertritt denn ernsthaft eine solche Position? Und nur, weil diese Position offensichtlich amoralisch ist (dafür wurde sie konstruiert), folgt daraus nicht, daß automatisch die andere Position stimmen muß. Kolakowski kontruiert hier ein falsches Dilemma.

Kolakowski stellt die Frage: »Welchen Grund gäbe es ohne religiöse Traditionen, die Menschenrechte und die Menschwürde [sic] zu achten?«

Katholisch geantwortet: das mit der menschlichen Vernunft einsichtige Naturrecht. Wenn die Position der Kirche zutrifft (und davon gehe ich aus), daß der Mensch nicht nur mit Vernunft begabt ist, sondern auch vernunftgemäße ethische Strukturen zu erkennen in der Lage ist, dann braucht es dazu keine religiösen Traditionen.

Säkular geantwortet: Aus der wechselseitigen Anerkennung des Anderen als freiheitsbegabtes Wesen folgt schon eine Moral. (Um nur eine Spielart säkularer Moralbegründung aufzuführen.)

Problematisch an Kolakowskis Argumentation ist, daß er aus der Erfahrung eines atheistischen menschenverachtenden Regimes schließt, daß der Atheismus der Grund dafür ist, daß der Kommunismus unmenschlich ist. Der Sündenfall war aber nicht die Ersetzung einer religiös geprägten Kultur durch eine atheistische, sondern die Ersetzung einer von der Achtung des Individuums geprägten Kultur durch eine Kultur, die auf Kollektivismen, auf höhere Ideen, denen es (koste es, was es wolle) zu folgen gilt. (In dieser Formulierung wird auch ein weiteres Problem deutlich: Können wir in allen religiös geprägten Kulturen davon sprechen, daß das Individuum geachtet wird – gerade etwa im zaristischen Rußland, von dem auch Polens Regime ausging?)

Bei allem Respekt vor Kolakowskis Lebensleistung: Augustinus‘ »Liebe – und dann tu, was du willst« funktioniert auch säkular.

(Die Frage einer Moral ohne Gott wird auch im aktuellen Philosophy-Bites-Podcast diskutiert.)

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3 Gedanken zu „Moral ohne Gott? Anmerkungen zu Kolakowski“

  1. Wunschkonzert: Den nächsten Beitrag in diese Richtung bitte zum Thema „Der Religionsunterricht nach Art. 7 (3) GG als einziger Garant öffentlicher Ordnung und Moral im Vergleich zu säkularen Ersatzfächern, die nur schlechte Menschen hervorzubringen im Stand sind“…

    1. Ich halte es ja mit Böckenförde: »Der freiheitliche säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen die er selbst nicht garantieren kann.« Deine steile These finde ich also im Grundsatz so verkehrt nicht; lieber wäre mir aber, das Feld etwas zu weiten und die Problematik, die ein primär staatliches Schulwesen mit sich bringt (daß nämlich die Instanz, die der mündige Bürger zu kontrollieren hat, den mündigen Bürgern nicht nur moralisch, sondern auch politisch, historisch, wissenschaftlich usw. erzieht), zu thematisieren.

      Das läuft auf eine Pluralisierung der Schulträger hinaus: Ich hoffe ja sehr darauf, daß die Humanisten sich nicht damit begnügen, für staatlichen Werteunterricht und den KdÖR-Status zu kämpfen, sondern auch Schulen gründen. (Und wenn wir schon bei einer Pluralisierung des Schulsystems sind, könnten wir gleich auch noch School vouchers diskutieren.)

  2. Diese These ist der Querschnitt unserer Bischöfe zum Artikel 7 in Reinform. Abgesehen davon, dass ich dereinst ausschließlich davon leben werde, dass es diesen Artikel in dieser Form gibt, kann ich die Qualifizierung des Ethikunterrichts als immerhin ‚irgendwo’ sinnvollen Beitrag zur Identitäts- und Wertebildung junger Menschen, aber doch als Fach zweiter Wahl so sicher nicht unterschreiben. Stichwort personales Geschehen usw. im Abgleich mit der erlebten (und gehaltenen) Praxis verbiete ich mir da selbst jede Form der Überheblichkeit gegenüber diesen Kollegen und den Schülern, die deren Unterricht beiwohnen dürfen.

    In der Summe gibt es da ja noch immer die gute alte Annahme, nach der „der Mensch nicht nur mit Vernunft begabt ist, sondern auch vernunftgemäße ethische Strukturen zu erkennen in der Lage ist“. Und das spricht – in Verlängerung deiner Argumentation – auch fundamental gegen die übersteile Eingangsthese. Eine andre Frage wäre die Relevanz von Standpunkte für die Werteerziehung, was deutlich dafür sprechen dürfte, den Ethikunterricht inhaltlich in die Verantwortung von Nichtreligonsgemeinschaften – als Körperschaften oder was auch immer – zu geben und damit vom ‚Werbeverbot’ zu befreien.

    Ich weiß nicht, wie realistisch deine Überlegung einer völligen Trägerpluralität für die Schule in absehbarer Zeit in Deutschland sein würde. Ein Anfang wäre es allerdings, zumindest einen „inhaltlichen Fremdkörper“ (in diesem Punkt stimme ich den Bischöfen gerne zu) für alle Schüler gleichermaßen – wenn auch bekenntnisverschieden – zu realisieren.

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