Wikipedias Vulvagate

Am Sonntag war der Artikel Vulva Artikel des Tages bei der Wikipedia – illustriert mit einem Foto des Sujets. Die Aufwallung, die das erzeugt hat, ist beachtlich. Die Diskussionsseite hat es ausgedruckt auf über hundert Seiten gebracht.

Bemerkenswert sind für mich zwei Aspekte: Die Emotion, die die naturalistische Darstellung einer Vulva immer noch hervorruft. Und die Auswirkungen auf das Neutralitäts-Postulat der Wikipedia.

Die Kontroverse wird dadurch erzeugt, daß das Bild auf der Startseite zu finden war; daß es in den Artikel selbst gehört, scheint weitgehend Konsens zu sein. Erwartet man noch das Jugendschutzargument, Anstand und Schamgefühl, gibt es einige ästhetische Beschwerden, die man so nicht hätte erfinden können: »muss mir gleich soeine beharrte F**** in die AUgen springen.«, »kurz nach dem frühstück glatt eine zumutung!!!!! Zumindest eine saubere und gewaschene Vulva…..«, und das sind nur zwei ausgewählte Tiefpunkte.

Eine noch größere Provokation als Geschlechtsteile scheinen Geschlechtsteile zu sein, denen man ansieht, daß sie natürlich sind. Aus vielen Beiträgen zur Diskussion spricht die Forderung nach einer Ästhetisierung des Intimbreichs: Rasur wird als Norm postuliert, Schamhaare gelten als unhygienisch und ungepflegt, die Frage nach der Abbildung überhaupt wird überlagert von der Frage, ob es denn ausgerechnet diese sein muß. Das ist ein Strang der »Kritik«: Leiblichkeit, Körperlichkeit wird pathologisiert – Nacktheit wird zwar als ästhetisch gesehen, aber nur, wenn die Natur möglichst eingehegt ist: Was an Wildwuchs oder gar mögliche Gerüche erinnert, soll nicht gezeigt werden. Indem das Aussehen des Intimbereichs einer Norm von außen unterworfen wird und er nicht einfach so sein darf, wie er ist oder von der Besitzerin subjektiv als gut empfunden wird (also eine Fremdbestimmung über den eigenen Intimbereich), wird (weibliche) Sexualität als Objekt behandelt. Bis zur Intim-OP und dem normierten Geschlechtsteil ist es dann nicht mehr weit. (Einen subversiven Erfolg hatte die Wahl des Artikels dann auch: Das Wort »Vulva« wird ins Gedächtnis gerufen und wurde wohl selten so häufig in einem Umfeld wie der Wikipedia benutzt. Ansonsten wird allzuoft pars pro toto »Vagina« benutzt, was eine Benennung aus einer männlichen, objektivierenden Sicht ist.)

Aber auch wenn man solche sexistischen Bewertungen außen vor läßt: Die Argumente Jugendschutz, Rücksichtsnahme und Anstand werden ebenso ins Feld geführt. Die Debatte dreht sich darum, ob man ungefragt ein derart explizites Bild zeigen soll. Als Alternativen werden Zeichnungen und sehr medizinisch-sachlich beschriftete Fotos genannt. Dieser Einwand scheint mir gewichtiger zu sein.

Was heißt hier »an die Kinder denken«? Es geht ja nicht um Pornographie, also eine Darstellungsform, die Menschen auf ein zu benutzendes Objekt reduziert. Natürlich: Die Darstellung ist fokussiert auf den Intimbereich, nichts weiteres Persönlichkeitsstiftendes wird angezeigt; das kann zwar auch als Analogie zu einer pornographischen Ästhetik gelesen werden (nicht das Antlitz, die Persönlichkeit interessiert, sondern die Funktion als Objekt der Befriedigung) – wenn die Darstellung hier aber objektiviert, dann aus einem wissenschaftlichen Interesse. Die angewiderten Reaktionen sprechen auch für sich: Wenn eine rasierte Norm-Vulva (wie man sie an unzähligen anderen Orten im Netz zu sehen bekommt) so selbstverständlich erwartet wird, dann ist es erst recht sinnvoll, der Norm Normalität gegenüberzustellen. Einer der widerlichsten Kommentare der Diskussion ist für mich ein gutes Argument, solche Bilder (die nicht dem Principle of least astonishment entsprechen, das der hinzugezogene Jimmy Wales anführte) auch ungefragt auf einer Aufklärung, Vernunft und Wissen verpflichteten Plattform anzuzeigen:

Angenommen ich wäre ein 6jähriges Minderjähriges Mädchen, und komme auf die Wikipedia, und sehe das, dann würde ich in Depression verfallen, dass meine Mulle auch mal so hässlich wird, wenn ich erwachsen bin.

Auf der Wikipedia-Seite proaktiv »Jugendschutz« zu betreiben, ist dort so kontraproduktiv wie anderswo, wenn nicht noch schlimmer. Kein Komitee weiser Wikipediaten, kein Staat, keine Gesellschaft kann die Erziehungsaufgabe der Eltern ersetzen. Entweder die Kinder sind so jung, daß sie die Begleitung der Eltern im Internet brauchen, oder sie sind alt genug, um im Zweifelsfall wirklich problematische Seiten zu finden und nicht auf die Wikipedia angewiesen zu sein. So wie man beim Radio, beim Fernsehen immer damit rechnen muß, daß die Kinderstunde durch breaking news vom jüngsten Anschlag unterbrochen werden, muß man bei einer Enzyklopädie auch damit rechnen, daß nicht nur das, was man für sagbar hält, behandelt wird. Wäre man anderer Meinung, müßte es auch einen Ausschlußmechanismus für die Funktion »zufälliger Artikel« geben, vorgeschaltete Warnhinweise, wenn Links problematische Ziele haben, die Suchfunktion beschnitten werden …

Jugendschutz ist das eine, und es ist das einfachere; schwieriger ist etwa die Frage, wie man mit Triggern umgeht; ohne wirklich fundiert etwas dazu sagen zu können: Filtern dürfte so wenig funktionieren wie beim Jugendschutz. Schwieriger ist die Frage, wie man mit unterschiedlichen Rechtslagen umgeht, wenn man umstrittene Phänomene bebildern will – die Stichworte sind Virgin Killer und Lolicon. Schwieriger ist die Frage, wie man mit kulturellen oder religiösen Tabus umgeht – Stichwort Mohammed-Karikaturen.

Die Antworten kann man nur mit einer Wertentscheidung begründen. Die Behauptung eines »Neutral point of views« ist, absolut gesetzt, Ideologie. Es braucht eine bewußte Wertenscheidung, was man zeigen will und was nicht, wo die Grenze zwischen Selbstzensur und Selbstbeschränkung verläuft. Hier haben sich die Entscheidenden in meinen Augen richtig verhalten. Auch wenn in der anschließenden Diskussion es immer wieder als Skandal befunden wurde, daß trotz der lautstarken Kritik die Entscheidung beibehalten wurde, das Foto auf der Startseite anzuzeigen.

»Es ist fast unmöglich, die Fackel der Wahrheit durch ein Gedränge zu tragen, ohne jemandem den Bart zu sengen«, schreibt Lichtenberg in den Sudelbüchern (Heft G 13); die Enzyklopädisten wurden von Kirche und Obrigkeit verfolgt, weil sie konsequent Wissen verbreiten wollten (auch wenn der Stil der Encyclopédie jeden NPOV-Afficionado in einen anaphylaktischen Schock treibt). Anstand, Sittlichkeit, Rücksichtnahme laufen immer Gefahr, ein Instrument zur Unterdrückung von Wissen und Aufklärung zu sein. Mit einem kasuistischen Sittlichkeitsbegriff, der nicht nach dem warum der Darstellung fragt, sondern schon beim was das Unwerturteil fällt, kommt eine Enzyklopädie nicht weiter; die Wikipedia kann gerade deshalb möglichst neutral informieren, weil sie eine klare, alles andere als neutrale Entscheidung zugunsten offenen Wissens getroffen hat. Und es zeigt sich deutlich, wie beschränkt dieser Ansatz ist, wenn schon ein Foto einer Vulva so viel Bedeutung und Normativität transportiert. In diesem Fall führte das (mehr oder weniger zufällig) zu einem Ergebnis, das auch verantwortet werden kann. Ohne einer dahinterstehende Werthaltung aber explizit zu machen, muß das nicht immer so sein, und nachvollziehbar ist es bis dahin auch nicht.

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5 Gedanken zu „Wikipedias Vulvagate“

  1. Das eigentlich spannende hier ist für mich genau, wie sichtbar diese Achse von „Darstellung zu ‚pornographisch'“ und „Darstellung nicht ‚pornographisch‘ genug“ gemacht wird. Wie gezeigt wird, daß man als Frau eigentlich stets in diesem Kontinuum angesiedelt ist (selbst „unfickbar“ ist ja kein Punkt außerhalb). Wäre nicht in den Köpfen vieler „Frau = Porn“, hätte es zu dieser Entgleisung gar nicht erst kommen können.

    „Und deshalb sagen wir ‚Sexklasse.'“(TM)

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