Bloggen und Gender

Yesterday I gave a talk on »Blogging and Gender« during the »Expert’s meeting ›Media and Gender equality‹«, organized by the spanish Ministry of Equality. Here you can download my slides with notes (in English).

Gestern habe ich in Madrid beim »Expert’s meeting ›Media and Gender equality‹«, veranstaltet vom spanischen Gleichstellungsministerium im Rahmen der spanischen Ratspräsidentschaft, einen kurzen Vortrag zum Thema »Blogging and Gender« gehalten. Die Folien (auf englisch mit Anmerkungen) sind hier zu finden, der ausformulierte Vortrag folgt unten. (Für die vermutete Zielgruppe meines Blogs sollte nichts allzu neues dabei sein; die meisten düften die Diskussion in der deutschen Blogosphäre mitverfolgt haben.)


Etwas überraschend fand ich mich im Panel »Good practices for equality in the mass media« wieder. Mit Massenmedien habe ich nun so gar nichts zu tun, stattdessen habe ich versucht, mein Thema so hinzudrehen, daß man in Hinblick auf Medien Schlüsse ziehen kann.

Meine Ziele waren, einmal über Gender gaps, Gender biases und andere geschlechtsbezogene Aspekte von Bloggen zu sprechen, aber auch ein paar Gründe zu liefern, warum nur ein (thematisch wie nach Größe) sehr kleiner Teil der Blogosphäre von der Medienberichterstattung abgedeckt wird.

Das besondere am Netz allgemein und Blogs im besonderen ist der offene und freie Zugang und der Mangel an Knappheit an Raum. Dadurch erhält man quasi ein natürliches Experiment, von dem sich ableiten läßt, welche Kommunikationsstrukturen entstehen, wenn es keine niedergeschriebenen Regeln gibt.

Theoretisch ist das Internet ein Raum völliger Freiheit: Alle können publizieren, alle können sich selbst eine Rolle entwerfen. Der berühmte Cartoon »On the internet, nobody knows that you’re a dog« (zwei Hunde vor einem Computer mit dieser Unterschrift) aus den frühen 90ern drückt diese Sicht aus. Virtualität schien die Emanzipation von gesellschaftlich zugeschriebenen Rollen zu ermöglichen. (In dieser Hinsicht ist das sehr ähnlich zu Donna Haraways »Cyborg feminism«, der den Essentialismus klassischer Geschlechterrollen zu dekonstruieren suchte mittels der Metapher des Cyborgs, erinnert aber auch an aktuelle Queer-Theorie und ihre populärwissenschaftliche Rezeption, etwa zur Zeit im Piraten-Gender-Diskurs.) Und dennoch: Es hat sich gezeigt, daß auch im Netz Männer Männer, Frauen Frauen und Hunde Hunde bleiben. Gesellschaftliche Strukturen werden nicht dekonstruiert, aufgebrochen und umgeschrieben, wenn der Sprung von einer gegenständlichen in eine virtuelle gewagt wird, sie werden reproduziert. (Und, wie wieder die Piraten-Gender-Debatte zeigt, manchmal sogar noch verstärkt.)

Interessant ist, daß die numerischen Geschlechtsunterschiede beim Bloggen ganz anders sind als erwartet: 66 % der deutschen Blogs werden laut einer Untersuchung von Franka Hesse von Frauen geschrieben (um genauer zu sein: die meisten Blogs werden von weiblichen Teenagern geschrieben). Betrachtet man die Alphablogger, sieht es dann schon anders aus: Von ihnen sind nur 30 % Frauen. (Auch lesenswert: eine Studie zum gleichen Thema von Jan Schmidt)

Betrachtet man eine Karte der deutschen Blogosphäre, fällt auf, daß es eine klare Haufenbildung gibt: Eine gut vernetzte Kern- und Alphablogosphäre und davon fast unabhängige thematische andere Subblogosphären. Da nur die Alphablogosphäre einen nennenswerte Medienberichterstattung erreicht, fallen die anderen Subsphären aus dem Raster der Massenmedien, es entsteht der Eindruck, daß vorwiegend jüngere weiße Mittelklassemänner bloggen.

Ein Aspekt davon ist die thematische Schwerpunktsetzung nach Geschlechtern und wie sie interpretiert wird: 60 % der männlichen Blogger schreiben über Politik, 37 % über Privates, bei den Frauen sind es 36 %, die über Politik bloggen und 76 %, die aus ihrem Leben erzählen. (»Frauen stricken und Männer politisieren«) Damit scheint das Problem zu sein, daß Männer einfach über die interessanteren und relevanteren Themen schreiben. (Dazu kommt, daß die Netzpolitik- und Hackerszene durch Konferenzen wie den Kongreß oder die Sigint sehr gut vernetzt sind, während es für andere Subblogosphären eher keine Networking-Veranstaltungen gibt.) Die Interpretation, daß es an »relevanten« vs. »irrelevanten« Schwerpunkten liegt, ist natürlich nicht befriedigend.

Auf eine andere Interpretation bin ich durch einen Artikel von Dorothee Markert gestoßen: Marina Terragnis Konzept von »primärer« und »sekundärer« Politik. Primäre Politik bedeutet »tun, was in einer Gesellschaft getan werden muß«, sekundäre Politik »darüber reden, was in einer Gesellschaft getan werden muß«. Gemeinhin bekommt nur sekundäre Politik das prestigeträchtige und relevanzverheißende Label Politik, obwohl auch primäre Politik relevante gesellschaftliche Fragen behandelt: Erziehung, Kinderbetreuung, Bildung, Umgang mit sexistischen Erfahrungen, mit Bürokratie, Diskussionen über Lebensstile usw. Auch über solche privaten Fragen zu schreiben, nimmt die Lebenswelt von Menschen (die von der politischen und gesellschaftlichen Sphäre beeinflußt wird und für die die Politik dienende Funktion hat) ernst und hat eine wichtige gesellschaftliche Funktion.

Blogs, die sich primär mit primärer Politik beschäftigen, werden in der Debatte ausgeblendet und sind nicht auf dem Schirm der Medien; interessante Stimmen (die oft Debatten weit besser voranbringen würden als ein Betroffenensofa bei Talkshows) werden so marginalisiert.

Dem allen zugrunde liegt eine männliche Norm: Als relevante Themen werden primär männlich konnotierte angesehen, die häusliche Sphäre ist traditionell weiblich konnotiert, die öffentliche männlich. (So daß die gesellschaftliche Norm ist, daß Frauen eher über Privates öffentlich sprechen als Männer.) Dazu kommt eine Sozialisierung, die Frauen eher zum privaten als zu öffentlichen Reden erzieht.

Das Internet wird primär unter dem Fokus Kriminialität, Gefahr und Technik diskutiert. Das Internet als Werkzeug, um Gemeinschaften zu gestalten und Beziehungen zu pflegen spielt dagegen eine untergeordnete Rolle. (Eine weitere These ist, daß die technischen Rankingmechanismen von Männern programmiert werden; weibliche Erfahrungen und Schwerpunktsetzungen gehen nicht ein in das Algorithmusdesign. Diese These kann ich nicht belegen, fände es aber sehr interessant, das zu überprüfen.)

Die spannende Frage ist nun: Was tun? Die Standard-EU-Antwort scheint mir »regulieren« zu sein, was ich natürlich für Blödsinn halte. Dennoch sehe ich hier Lösungsmöglichkeiten für die Politik: Wie immer beginnt es bei der Erziehung. Soziologische Themen sollten auch in der Schule vorkommen, das Thema Geschlechterrollen und ihre Konstruktion auftauchen. Medienkompetenz sollte nicht allein als Gefahrenabwehr gelehrt werden, sondern auch unter dem Fokus von Chancen des Netzes betrieben werden.

Das große Problem in der Politik sehe ich darin, daß das Internet primär falsch und sehr selektiv diskutiert wird. Wenn Politiker nur über Kriminalität (wie Kinderpornographie) und technische Aspekte (etwa Breitbandversorgung) sprechen, muß die Politikberichterstattung auch vorwiegend darüber berichten. Gerade die CDU versagt völlig dabei (die SPD aber auch), in Sachen Internet verantwortlich an der Willensbildung des Volkes mitzuwirken: Gerade die Stammwählerschaft der CDU würde am meisten vom Videochat mit den Enkeln profitieren, stattdessen wird ihnen erzählt, daß das Internet nur böse ist.

Solange das Thema Netz und Netzkultur auf diejenigen Bereiche reduziert wird, in denen es eine Überzahl jüngerer, weißer Mittelklassenerds gibt, wird sich wenig daran ändern, daß das Netz als männliche Bastion in den Medien verhandelt wird.

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8 Gedanken zu „Bloggen und Gender“

  1. vielen Dank für diesen sehr spannenden und informativen Beitrag sowie alle weiterführenden Links.

    Eine Frage habe ich:
    „Gemeinhin bekommt nur sekundäre Politik das prestigeträchtige und relevanzverheißende Label Politik, obwohl auch sekundäre Politik relevante gesellschaftliche Fragen behandelt: Erziehung, Kinderbetreuung, Bildung, Umgang mit sexistischen Erfahrungen, mit Bürokratie, Diskussionen über Lebensstile usw. Auch über solche privaten Fragen zu schreiben, nimmt die Lebenswelt von Menschen (die von der politischen und gesellschaftlichen Sphäre beeinflußt wird und für die die Politik dienende Funktion hat) ernst und hat eine wichtige gesellschaftliche Funktion.“

    Müsste nicht dem Sinn nach das zweite „sekundäre“ eigentlich primäre heißen? Bzw. umgekehrt? Wer oder bessergesagt welches Geschlecht blogt denn vermehrt über primäre/sekundäre Politik? Das ist mir nicht ganz klar.

    1. Natürlich hast Du recht, das hätte »primär« heißen sollen. Schon korrigiert, danke für den Hinweis!

      Männer bloggen tendentiell mehr über sekundäre Politik, Frauen über primäre. (Wobei die von mir gelesenen Studien leider nicht solchen Subsphären wie Wein- und Foodblogs explizit behandeln. Das fände ich sehr spannend: Dem Thema nach eher ähnlich, gefühlt deutlich mehr männliche Weinblogger und mehr Frauen bei den Foodblogs, und dann mal schauen, wie sich dort die Verlinkung, Networking und Vergesellschaftungsformen unterscheiden. Sucht noch jemand ’n Thema für ne Abschlußarbeit?)

  2. „(Eine weitere These ist, daß die technischen Rankingmechanismen von Männern programmiert werden; weibliche Erfahrungen und Schwerpunktsetzungen gehen nicht ein in das Algorithmusdesign.“
    Wie immer sprichst du überlegt interessante Themen an. Wir wissen ja alle um den hohen Anteil an Männern in der IT, so daß die These von meinem Bauchgefühl aus zutreffend sein könnte.
    Wäre eine sehr gute Idee, diese These zu verfolgen. Nur wie?
    Vielen Dank für diesen und andere Blogpostings. Sie sind immer Gedankenanregung für mich. Auch und insbesondere dann, wenn ich anderer Meinung bin.

    Schönen Gruß
    Aleks

  3. Könntest du dir vorstellen, dass ein Teil der Geschlechterunterschiede auch biologisch verankert ist?
    Simon Cohen Baren, der an Autismus forscht, meint, dass sich Gehirne von typischen Männern und typischen Frauen stark unterscheiden (wobei Mischformen möglich sind).
    „Die grundlegende Verschaltung des idealtypisch weiblichen Gehirns begünstigt empathische Analysen während im männlichen Gehirn die Netzwerke für das Verstehen und Bauen von Systemen die Fundamente bilden.“

    Da wären dann Themen wie Politik eher was für Männer und Themen wie Beziehungen zu Bekannten, die eher emphatisch sind, eher was für Frauen. Die Ansichten von Cohen-Baron würden demnach auch diese Verteilungen erklären

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