Zuvieldienst

Bei einem sozialen Schulpraktikum hat Felix Neumann die Bahnhofsmission kennen gelernt. Dem Gymnasiasten aus Waghäusl hat es an dem besonderen Knotenpunkt des Lebens so gut gefallen, dass er sich nach dem Abitur um eine Zivistelle am Gleis 1 des Mannheimer Hauptbahnhofs bewarb.

So fängt der Artikel »Wird die Truppe an der Sozialfront zurückgepfiffen, müssen neue Konzepte her« im auch sonst nicht zu empfehlenden Mannheimer Morgen heute an. (Erstens bin ich genausowenig »Gymnasiast« wie »Grundschüler«, zweitens heißt es Waghäusel, drittens habe ich mich dort schon weit früher beworben – all das sollte ein sorgfältig arbeitender Journalist aber selbst korrekt recherchieren.)

Anderen Medien, namentlich dem Usenet, entnimmt man besser Recherchiertes:

Drei Dinge, die sich für die Zivildienstleistenden ändern, sollte der Dienst bis 2008 wirklich abgeschafft werden:

  1. Sie müssen in Zukunft den Geldbeutel der *eigenen* Oma klauen.
  2. Sie müssen sich in Zukunft von jemand anders erzählen lassen, wer die Autobahnen gebaut hat.
  3. Sie können in Zukunft die Rollstuhlrennen nur noch in den eigenen vier Wänden veranstalten.

Die taz findet noch einen Nachteil: Nichts mehr mit rechts husten.

What would Heiner do?

Eigentlich bin ich ja ein langhaariger Bombenleger – immer aber, wenn ich etwas von Heiner Geißler lese, möchte ich gleich darauf in die CDU eintreten. Zum Beispiel nach dem wirklich hervorragenden Zeit-Interview (Tolle, lege!) mit dem schönen Titel »Die Würde des Menschen ist in Gott verankert«

zeit: Finden Sie nicht, dass der Anspruch Ihres Buches eine Anmaßung ist? Immerhin soll Jesus ja Gottes Sohn gewesen sein. Wie wollen Sie wissen, was der heute dächte?

Geissler: Ich halte mich an den Kern dessen, was er im Neuen Testament gesagt hat. Und Aufklärung im Sinne Kants bedeutet ja wohl auch, jederzeit selbstständig lesen zu können – auch das Evangelium.

zeit: Das nennt man auch Priestertum aller Gläubigen, und es ist eine zutiefst protestantische Haltung. Warum sind Sie eigentlich noch Katholik?

Geissler: Jeder intelligente Katholik ist im Inneren irgendwie auch Protestant. Die Nachfolgeorganisation der Inquisition, die Glaubenskongregation unter Kardinal Ratzinger, kann ja wohl nicht der Maßstab des Glaubens sein… Übrigens haben wir damals auch die Luthersche Rechtfertigungslehre mit ins CDU-Grundsatzprogramm gepackt: Die Würde des Menschen ist unabhängig vom Urteil anderer Menschen, weil sie in Gott verankert ist. Egal, ob du im Abitur durchgefallen oder straffällig geworden bist. Auf das Urteil anderer kommt’s nicht an. Das ist eine befreiende Botschaft.

Eingeladen zum Fest des Glaubens.

Ich war in Berlin. Und zwar auf Einladung von Uschi Eid. Eingeladen allerdings zu einem »Wochenende der Begegnung« des ökumenischen Gebetsfrühstückskreises des Bundestags. (Das wußte ich vorher nicht.) Das Programm war an sich sehr hochwertig: Diskussionen mit Wolfgang Thierse, Guido Westerwelle, Wolfgang Schäuble, Dan Coats und diversen weniger wichtigen Bundestagsabgeordneten, schließlich als Höhepunkt einen Empfang im Schloß Bellevue bei Bruder Johannes persönlich. Nur: die Teilnehmer! Wir vier Freiburger BDKJler waren die einzigen Katholiken, und alle anderen evangelische Freikirchler, Mennoniten und was der rechte Rand noch an Evangelikalen hergibt.

Dummerweise wurden wir in Kleingruppen zufällig zusammengewürfelt, und dort war es entsetzlich: In meiner wurde beim Abendessen diskutiert, wie man seine Freunde missionieren kann und ob man in nichtchristliche WGs ziehen soll, um die Leute dort zu bekehren. Widerlich.

Und so fragt man auch nicht Relevantes, wenn man schon mal Spitzenpolitiker da hat, nein: »Herr Schäuble, wofür sollen wir für Sie beten?«, und: »Herr Bundespräsident, meinen Sie nicht auch, daß Deutschland wirtschaftlich nur so gut dasteht wegen seiner christlichen Werte?« Und mit sowas soll man dann Gespräche über Glauben und Werte führen, mit Leuten, die es ganz toll finden, wie man in den USA religiös ist, die Dan Coats beklatschen, wenn er davon schwadroniert, daß der Wählerauftrag, das Volk ja völlig egal ist, wenn man nur nach seinem Glauben handelt.

Demokratie

A healthy democracy requires people willing to draw the president as a sock puppet.

Das schreibt David C. Simpson, der Zeichner von Ozy and Millie, einem der besten Webcomics überhaupt, zu einem Comic, wo er genau das tut. Und: Recht hat er.

Ansonsten meine ich zu den aktuellen Wahlergebnissen: der letzte Schauspieler, der Gouverneur wurde, war schlimmer, und der letzte Österreicher, der im Ausland an die Regierung kam, sowieso.

Erziehung

Der Hildesheimer Bischof Homeyer hat zur Erziehung zum Querdenken aufgerufen. Nicht nur der Nationalsozialismus, sondern auch das Heute fordere zum Widerstand heraus.

Recht hat seine Exzellenz. Ob meine Eltern allerdings damit rechthaben, meiner vierzehnjährigen Schwester Ausgang bis um zwölf zu gewähren? Ich zumindest mußte mit 16 noch um elf zuhause sein. So ändern sich die Zeiten.

»Remember, remember the 11th of September«

Woran man auch mal denken sollte: heute vor 29 Jahren wurde der rechtmäßig gewählte Präsident Chiles, Salvador Allende, durch die Putschisten um General Augusto Pinochet mit Unterstützung des CIA gestürzt und ermordet. Schon bei seiner Wahl 1970 wurden Abgeordnete bestochen mit Geldern aus den USA – und der CDU.

Warum ist George W. Bush im Gespräch für den Friedensnobelpreis? — Kissinger und Arafat haben ihn schon, Bin Laden war leider nicht aufzutreiben.

»Tod und Mordschlag bei der Wahl«

Eben telephonierte ich mit einem Bekannten, den ich eigentlich ganz woanders erwartet habe. Auf die Frage, warum er noch da sei: »Das ist hauptsächlich wegen den Wahlen. Das ist schon gefährlich; da sind schon einige Morde passiert. Und die Verlierer sind auch nicht zimperlich.«

Hoffentlich meinte er nicht die Bundestagswahlen, sondern die Wahlen in Papua-Neuguinea.

Stellungnahme der SMV am St. Paulusheim Bruchsal zum Artikel »Elternbeirat will die Ferien kürzen« vom 17. 10. 2001

Sehr geehrte Damen und Herren,

in Ihrem Artikel vom 17. 10. 2001 berichten Sie von der Absicht des Landeselternbeirats, darauf hinzuwirken, Samstagsunterricht wiedereinzuführen und die Ferien zu verkürzen. Wir, die Schülermitverantwortung (SMV) des St. Paulusheims, bringen einige kritische Anmerkungen zu den Thesen der Landeselternbeiratsvorsitzenden Picker vor.

Picker kritisiert, drei Monate Ferien im Jahr seien »vor allem für Schüler der Oberstufe eindeutig zu viel«. Sie begründet diese Aussage damit, daß Schüler die Möglichkeit haben sollen, »die Lebenszeit vernünftiger zu gestalten«.

Wir verwahren uns gegen dieses Schülerbild: für Picker scheint eine sinnvoll gestaltete Lebenszeit in erster Linie in der Schule ihren Platz zu haben, wie sie überhaupt nur in der Schule Platz für das Lernen sieht.

Dieser Ansatz geht an der Realität vorbei. Es ist einfach, auf die bloße Wochenstundenanzahl von Schülern zu zeigen (in der gymnasialen Oberstufe um die 30 Wochenstunden) und damit eine zu geringe Auslastung zu begründen. Tatsächlich ist es damit noch lange nicht getan: Hausaufgaben und freies Üben machen aus dem scheinbar kleinen Pensum eine Belastung, die wir für durchaus mit der Arbeitsleistung eines erwachsenen Arbeitnehmers vergleichbar halten. Dazu kommt, daß ein Schüler im Gegensatz zum Arbeitnehmer ständig neue Anforderungen gestellt bekommt; einige Wochen bloßen »Dienstes nach Vorschrift« können sich schon verheerend auf die Leistungen auswirken. In der Praxis hat ein Schüler also keine Fünftagewoche, muß doch oftmals auch das Wochenende zur Vor- und Nachbereitung des Unterrichtes eingesetzt werden. Ein denkbares Gegenargument wäre, daß durch zusätzlichen Samstagsunterricht und kürzere Ferien diese Situation entspannt würde, was gerade in Hinblick auf die Anzahl der Klassenarbeiten – bereits in der Mittelstufe bis zu drei pro Woche – sehr plausibel erscheint. Dieser Vorteil allerdings wird in unseren Augen durch mangelndes Eingehen auf den einzelnen Schüler zunichte gemacht: bei Klassenstärken von 25–30 Schülern ist es nicht möglich, jeden einzelnen Schüler optimal zu unterstützen; trotz vielen Verbesserungen pädagogischer Methoden ist der meiste Unterricht noch immer der klassische Lehrervortrag. Auf individuelle Schwächen und Stärken kann im Unterricht praktisch nur auf Kosten anderer Schüler besonders eingegangen werden; im derzeitigen System muß jeder Schüler eigenverantwortlich arbeiten, um einen optimalen Abschluß zu erreichen.

Das scheint uns kein Zustand zu sein, den es zu ändern gilt: gerade in Hinblick auf ein späteres Studium ist es sogar erwünscht, eigenverantwortliche Arbeit zu fördern. Ein Zuviel an Schule wirkt dem radikal entgegen: es ist schwer, bei einem weit größeren Pflichtpensum die Motivation zu außerschulischer Arbeit zu erhalten. Wann sollen sich Schüler erholen? Ein Arbeitnehmer kann auf seine individuellen Bedürfnisse hin Urlaub nehmen – ein Modell, das für die Schule aus offensichtlichen Gründen nicht anwendbar ist: ein weiterer Grund, warum Schüler – scheinbar – soviel Ferien haben. Die im Artikel angesprochenen sechswöchigen Arbeitszeiten zwischen Ferienperioden scheinen in der Tat kontinuierliches Arbeiten schwer zu machen; wir halten es aber nicht möglich, über eine viel längere Zeit kontinuierlich Motivation aufrecht zu erhalten.

Eine weitere Gefahr sehen wir in einer großzügigen Ausweitung des Unterrichts: ehrenamtliches Engagement. Bereits jetzt klagen viele Vereine über mangelnden Nachwuchs. Wir halten Vereine und Verbände für ein wesentliches Element in unserer Gesellschaft und halten es für fatal, wenn Jugendlichen noch weniger Zeit für eine Mitgestaltung des Vereinslebens gegeben wird. In unserem gegliederten Schulsystem ist es besonders wichtig, daß Schülern die Möglichkeit gegeben wird, über die Schule hinaus soziale Kontakte zu knüpfen. Der ideale Ort dafür ist die Freizeit und hier besonders der Verein.

All diese Argumente gegen Pickers Thesen scheinen uns einleuchtend und aus unserer Sicht als Schüler gerechtfertigt. Wir sehen auch, daß in einem kurzen Artikel kein Raum für Picker war, ihre Sicht der Dinge ausführlich zu schildern, und wünschen uns daher eine vertiefende Stellungnahme ihrerseits. Bei unserem gegenwärtigen Wissensstand scheinen uns allerdings die Forderungen des Landeselternbeirats wenig stichhaltig.

Für die SMV des St. Paulusheims:

Felix Neumann