Vom Mythos zum Logos. Die griechischen Naturphilosophen


τέσσαρα γὰρ πάντων ῥιζώματα πρῶτον ἄκουε· Ζεὺς ἀργὴς Ἥρη τε φερέσβιος ἠδ’ Ἀιδωνεύς Νῆστίς θ’, ἣ δακρύοις τέγγει κρούνωμα βρότειον.

Mythos und Logos

Die Ursprünge der griechischen Philosophie sind im Mythos zu suchen. Etwa 700 vor Christus entwickelt sich eine mythische Kosmo- und Theogonie unter anderem in den Werken Hesiods und Homers. Sie sind keine Philosophen im eigentlichen Sinne, da er rein auf bloßem Glauben an die Überlieferung beruht. Dennoch hält Aristoteles die Anhänger von Mythen durchaus für eine Art Philosophen, da sie sich mit den gleichen Problemen wie die Philosophie beschäftigen. Der Gegensatz zur Philosophie liegt in der Reflexion des Welterklärungsmodells, die beim Mythos nicht vorliegt, und so stellt Aristoteles dem Mythos diejenigen entgegen, οἱ δι’ ἀποδείξεος λέγοντες, die aufgrund von Beweisen reden.

Damit ist auch das revolutionär Neue der Philosophie gegenüber vorherigen Welterklärungsmodellen definiert: nicht mehr der blinde Glaube an die Überlieferung, sondern das denkende Individuum ist in den Mittelpunkt gerückt.

Die Milesier

Der eigentliche Beginn der griechischen Philosophie liegt in Ionien an der kleinasiatischen Küste. Unter anderem in den Städten Milet, Ephesus und Samos lebten Menschen, die die Natur betrachteten und versuchten, daraus Schlüsse zu ziehen. Sie sahen ihre Aufgabe darin, die materiellen Urgründe, die ἀρχαί, zu finden. So propagierten die Milesier als erste στοιχεῖα, Elemente, aus denen alles bestünde und von denen alles ausgehe. Welches Element der eigentliche Urgrund war, war umstritten.

Thales von Milet (ca. 624–546) hielt das Wasser für den Urgrund. Neben dem Satz, daß alles aus Wasser sei, steht der zweite Satz: alles ist voller Götter. Mit »Götter« bezeichnete Thales nicht die Götter des Mythos (die er rational nicht fassen kann), sondern lediglich unmenschliche Wesen; in seiner Vorstellung ist alles beseelt: ein Magnet zieht deshalb Eisen an, weil er eine Seele hat. Dieser sogenannte Hylozoismus ist typisch für das Denken der Vorsokratiker und eine typisch menschliche erkenntnistheoretische Handlung – das Sein wird anthropomorph gedeutet. Nicht nur seine Welterklärungsmodelle sind berühmt; Thales ist auch bekannt als Mathematiker und Astronom: so sagte er die Sonnenfinsternis vom 28. Mai 585 voraus und löste geometrische Probleme (bekannt sind seine Höhenberechnungen von Pyramiden anhand von Schatten und natürlich der nach ihm benannte Satz). Er bezeichnete als erstes die drei Aggregatszustände.

Anaximander (ca. 610–545), Schüler des Thales, verfaßte mit »περὶ φύσεος« (»Über die Natur«) die erste abendländische philosophische Schrift, die allerdings nicht überliefert ist. Entgegen der modernen Deutung des Begriffes Natur behandelt die Schrift allgemeine philosophische und metaphysische Probleme. Sein Ansatz ist ein anderer als der von Thales; nicht das Wasser, sondern das sogenannte ἄπειρον, das unbestimmte Unendliche oder unendliche Unbestimmte, ist bei ihm die ἀρχή. Für ihn ist ein unendlich unbestimmter Urgrund notwendig, da nur daraus sich die Vielfalt, die die Welt zeigt, entwickeln kann. Aus dem ἄπειρον haben sich nach und nach Gegensätze ausgebildet: heiß und kalt, feucht und trocken und so unendlich viele Welten, die schon als κόσμος, als göttliche Ordnung gedacht sind: sein Weltbild ist symmetrisch aufgebaut. In der Mitte die Erde als dreimal so breiter wie hoher Zylinder, um den in neun Erdradien Entfernung die Sphäre der Sterne, in achtzehn die der Sterne und in siebenundzwanzig die der Sonne kreist. Die Lebewesen haben sich seiner Ansicht nach aus dem Wasser entwickelt mit dem Menschen als Krone der Schöpfung. Er schuf einen Globus, eine Weltkarte und eine Sonnenuhr.

Anaximenes (ca. 585–528), hielt die Theorie seines Lehrmeisters Anaximander für zu abstrakt. Seine ἀρχή war die Luft, aus der sich durch Verdickung und Verdünnung alles entwickeln solle: »Gelockert wird die Luft Feuer, verdichtet Wind; dann Wolke, weiter durch noch stärkere Verdichtung Wasser, dann Erde, dann Stein; alles übrige aber entsteht aus diesem.«

Die Pythagoreer

Waren die Milesier Bewohner der griechischen Ostküste, so verschiebt sich das philosophische Zentrum mit Pythagoras, der selbst an der Ostküste, in Samos, geboren wurde, nach Westen.

Pythagoras (um 570–500) gilt als einer der Begründer der modernen Mathematik. Er hinterließ keine schriftlichen Aufzeichnungen und auch sonst ist über seine Person nicht viel verbürgt. Er gründete in Kroton den nach ihm benannten pythagoreischen Bund, der im fünften Jahrhundert zerschlagen, in Tarent aber als jüngerer pythagoreische Bund wiedergegründet wurde.

[…] Πυθαγόρας αὐτός τε διαφερόντως ἐπὶ τούτῳ ἠγαπήθη, καὶ οἱ ὕστεροι ἔτι καὶ νῦν Πυθαγόρειον τρόπον ἐπονομάζοντες τοῦ βίου διαφανεῖς πῃ δοκοῦσιν εἶναι ἐν τοῖς ἄλλοις;

Pythagoras selbst genoß auf Grund seiner Lebensführung große Verehrung. Und auch seine Nachfahren, die noch jetzt von pythagoreischer Lebensordnung sprechen, erscheinen irgendwie als etwas Besonderes unter den übrigen Menschen.

(Platon, Republik, 600b)

Der neuere pythagoreische Bund war in zwei Richtungen gespalten: die Akusmatiker oder πυθαγορισταί, die in erster Linie die strengen Regeln des Gründers – Vegetarismus, Askese, aber zum Beispiel auch keine weißen Hähne zu berühren – befolgten, von Kultur und Wissenschaft aber nichts hielten, nur die Lehren des Meisters bewahrten und ein Bettelleben führten, und die Mathematiker, die die geistesaristokratische Haltung der ursprünglichen Bewegung weitertrugen. Es waren Pythagoreer, die das Gehirn als Zentralorgan erkannten, die feststellten, daß die Erde nicht im Zentrum des Universums steht und sich um ihre eigene Achse dreht.

Wie auch die Milesier war für Pythagoras der Schlüssel zum richtigen Weltverständnis die Kenntnis um die ἀρχή, die er in den Zahlen erkannte. Dieses Verständnis setzt nicht mehr Materielles als Seinsprinzip voraus, sondern die Form. Wie Anaximander bezog auch Pythagoras das ἄπειρον in seine Philosophie ein, als eines der letzten Elemente der Zahl, zusätzlich aber auch das πέρας, das Bestimmte. Bestimmendes Element ist bei ihm das πέρας, das die Zahl erst zur Zahl macht. Pythagoras erkannte sein Grundprinzip auf vielfältige Weise, zum Beispiel in der Musik, wo er den Einfluß der Saitenlänge auf den erzeugten Ton berechnete und somit Grundstein für die immer wieder in der Philosophie auftretende Theorie der Sphärenharmonie legt.

τὰ τῶν ἀριθμῶν στοιχεῖα τῶν ὄντων στοιχεῖα πάντων ὑπέλαβον εἶναι, καὶ τὸν ὅλον οὐρανὸν ἁρμονίαν εἶναι καὶ ἀριθμόν:

Sie [die Pythagoreer] nahmen an, daß der Urgrund der Zahlen der Urgrund von allem, und das ganze Himmelsgebäude Harmonie und Zahl ist.

(Aristoteles, Metaphysik, 986a)

Aus dieser Rückführung allen Seins auf die Zahl entwickelte er sein an die Orphiker angelehntes zyklisches Weltbild, nach dem der ganze Kosmos ein nie endender Kreislauf sei.

Für die Entwicklung der modernen Naturwissenschaft leisteten die Pythagoreer einen nicht zu unterschätzenden Beitrag, indem sie das abstrakte Prinzip Zahl in die Philosophie einführten und damit der Physik ihr grundlegendes Werkzeug an die Hand gaben. Dennoch waren ihre Methoden natürlich noch nicht mit der modernen, vollkommen abstrakten Geometrie zu vergleichen. Wenn Pythagoras den nach ihm benannten Satz beweist – entdeckt wurde er schon Jahrhunderte zuvor von den Babyloniern–, so stellt er sich das »Quadrat der Hypotenuse« keineswegs als abstrakte Zahl vor, sondern ganz konkret als konstruiertes Quadrat, und so sind die ihm zugeschriebenen Beweise auch allesamt geometrische Beweise.

Die pythagoreische Entwicklung gehört zu den stärksten Impulsen menschlicher Wissenschaft […] wenn in einer musikalischen Harmonie […] die mathematische Struktur als Wesenskern erkannt wird, so muß auch die sinnvolle Ordnung der uns umgebenden Natur ihren Grund in dem mathematischen Kern der Naturgesetze haben.

(Werner Heisenberg)

Heraklit und die Eleaten

»Πάντα ῥεῖ«, »alles fließt«, ist einer der bekanntesten vorsokratischen Weisheiten, und wird Heraklit von Ephesus (ca. 544–484) zugeschrieben. Im Gegensatz zu den Milesiern und den Pythagoreern, die nach dem Anfang und den endgültigen Zielen suchten, betrachtete Heraklit das Werden, das er als Urgrund ansah. Zentrales Element seiner Lehre sind Gegensätze, die er als Ausdruck dieses ständigen Werdens empfindet, und so ist auch seine oft falsch verstandenes Wort vom Krieg als Vater aller Dinge zu verstehen: Werden ist nicht das Aufeinanderfolgen von immer Neuem, sondern vielmehr der Ausdruck ständiger Gegensätze. Dafür steht für Heraklit das Feuer, das in seiner sprunghaften Unbeständigkeit und seinem ständigen Wandel allerdings nicht als Urelement, sondern vielmehr als bloßes Symbol für das nach Maßen μέτρα, geordnete eine Weise, ἕν τὸ σοφόν, die Weltvernunft. Für Heraklit ist das beständige Werden also nicht Chaos, sondern eine zyklische Ordnung, und dieses eine Weise bezeichnet Heraklit auch als Gott. Somit führt er – weit vor dem Evangelisten Johannes – den Logosbegriff in die Theologie ein, wenn auch nicht als transzendentes personelles Wesen, sondern als immanente Gesetzlichkeit.

Dieses beständige Werden wurde von Aristoteles stark kritisiert: Er war der Ansicht, daß wenn es nichts Beständiges gebe dadurch die Wirklichkeit nicht mehr rational und allgemeingültig zu erfassen sei und damit keine Wissenschaft mehr möglch wäre. Aristoteles verkennt dabei, daß Heraklit eben kein unbestimmbares Chaos, sondern eine göttliche Ordnung propagiert – Aristoteles Kritik ist also besser so zu verstehen, daß sie auf die Herakliteer gemünzt ist, die in der Tat bisweilen Heraklits Vorstellung vom Werden zum Chaos überinterpretierten.

Der Gründer der Philosophenschule von Elea war Xenophanes von Kolophon (ca. 570–475), der sich dort nach langer Wanderschaft niederließ. Er ist weniger für seine naturwissenschaftlichen als für seine theologischen Einsichten beachtenswert. So formulierte er die erste ernstzunehmende abendländische Religionskritik.

πάντα θεοῖσ’ ἀνέθηκαν Ὅμηρός θ’ Ἡσίοδός τε,ὅσσα παρ’ ἀνθρώποισιν ὀνείδεα καὶ ψόγος ἐστίν,κλέπτειν μοιχεύειν τε καὶ ἀλλήλους ἀπατεύειν.

Alles übertragen auf die Götter Homer und Hesiod,/was bei den Menschen Schimpf und Schande ist:/stehlen, ehebrechen und sich einander betrügen.

(Xenophanes, Sext. adv.math.9,193)

Αἰθίοπές τε <θεοὺς σφετέρους> σιμοὺς μέλανάς τεΘρῆικές τε γλαυκοὺς καὶ πυρρούς <φασι πέλεσθαι>.

Die Äthiopen behaupten von ihren Göttern, plattnasig seien sie und schwarz,/die Thraker, blauäugig seien sie und rothaarig.

(Xenophanes, Clem. Str.5,110)

Er sah im Aufbau der Welt, τὸ ἕν εἶναι τὸν θεόν, das Eine sei Gott. Über diese Betrachtung läßt sich der Bogen schlagen zu Parmenides (ca. 540–470) der von »einem, zusammenhängenden, in sich ruhenden All« spricht und ein Schüler von Xenophanes war, diesen aber bei weitem übertraf. Ob er Heraklit gekannt hatte, ja ob sie zur gleichen Zeit lebten, ist ungewiß – die eher anekdotisch als historisch exakten Quellen widersprechen sich. Parmenides’ Lehre widerspricht der Heraklits stark; er ist der Überzeugung, daß es ein reines Werden nicht gibt, nur ein reines Sein. So faßt er auch das menschliche Denken als reine Abbildung des tatsächlichen Seins auf. Sein Sein ist allumfassend: »ἔστιν ὁμοῦ πᾶν συνεχές«, »Es gibt ein zusammenhängendes Sein, das Eines ist und Alles.« Für ihn ist das Sein so allumfassend, daß es nur eine Welt geben kann, die in ihrer ganzen Existenz bloßes Sein ohne Werden ist. Parmenides begründet dies damit, daß es unmöglich sei, daß Sein an sich zugrunde gehen könne, einen Anfang und ein Ende haben könne. Dieses archaische Denken wirft Probleme auf, da Sein als immerwährend aufgefaßt wird und somit jede Veränderung, die gleichzeitig Entstehen und Vergehen bedeutet, unmöglich ist.

Für die Naturwissenschaft ist Parmenides’ Einstellung zur wissenschaftlichen Forschung bahnbrechend: Er spricht sich radikal gegen die Sinneserfahrung aus und propagiert, Erkenntnisse allein auf der Basis logischen Nachdenkens zu gewinnen und somit von den täuschenden Sinneseindrücken unabhängig zu sein. Damit begründet Parmenides die Abstraktion als wissenschaftliches Mittel.

»Bei Parmenides tritt erstmals in der Geschichte der Philosophie die logische Form des philosophischen Raisonnements klar zutage […] Parmenides scheint […] der erste gewesen zu sein, der ein deutliches Bewusstsein der logischen Struktur seiner Argumente entwickelte. Die Argumentation mit Hilfe des indirekten Beweises, um die es sich in erster Linie handelt, sollte in der Folge eine wichtige Rolle spielen.«

(Wolfgang Röd, in »Geschichte der Philosophie«, Band 1, München 1867)

Zenon (um 500﷓–420) soll Parmenides’ Lieblingsschüler gewesen sein. Er versuchte, die These seines Lehrmeisters, es gebe keine Bewegung, mit Argumenten zu untermauern und tut dies mit seinen berühmten vier Beweisen gegen die Bewegung:

  1. Bewegung kann es nicht geben, weil man dabei immer eine bestimmte Strecke durchlaufen müßte. Jede Strecke aber kann als etwas Ausgedehntes in unendlich viele kleine Teile geteilt werden. Eine Serie von unendlich vielen Teilen durchmessen zu wollen, heißt aber an das Ende von etwas kommen zu wollen, was kein Ende hat.
  2. Achilles kann eine Schildkröte nicht einholen. Bis er nämlich ihren Vorsprung hinter sich gebracht hat, braucht er eine bestimmte Zeit; inzwischen ist die Schildkröte auch wieder weitergekommen; bis er diesen Vorsprung einholt, ist die Schildkröte neuerdings weitergekommen. Und so immer zu.
  3. Der fliegende Pfeil ruht. Nur scheinbar bewegt er sich, in Wirklichkeit ist er in jedem Augenblick in einem bestimmten Raumteil. Da aber das augenblickliche An-einem-Orte-Sein als »Sein« eigentlich Ruhen heißt und da die Flugbahn aus unendlich vielen solchen Augenblicken besteht, ist der Pfeil nicht in Bewegung.
  4. Alle Bewegung ist Täuschung; denn wenn zwei Körper sich mit gleicher Geschwindigkeit in entgegengesetzter Richtung durch den gleichen Raum bewegen, passieren sie einen ruhenden Körper in diesem Raum mit einer anderen Geschwindigkeit als sich selbst, wenn sie sich kreuzen.

(nach Hirschberger, »Geschichte der Philosophie«, Band 1, Frankfurt a. M., 1990)

Mit diesen so paradox scheinenden Beweisen illustriert Zenon sehr gut die Denktradition der Eleaten in bezug auf das Verhältnis von Denken und Sein. Mit seiner Beweisführung zeigt er aber auch die Begrenztheit von Denkmodellen auf und die Schwierigkeit, arithmetisch-diskontinuierliche Begrifflichkeiten auf kontinuierliche Naturphänomene zu übertragen.

Die Mechanisten

Die Reaktion auf die diametral entgegengesetzten Lehren von Heraklit und den Eleaten rief natürlich nach einer Synthese, die bald in Gestalt der Mechanisten geleistet wurde. Ihren Namen hat diese Schule nicht von ihrer Herkunft, sondern von ihrer eben mechanistischen Weltsicht, die sie als erste formulierten und die bis heute die Naturwissenschaft auszeichnet und die Philosophie prägt.

Der erste wichtige Mechanist ist Empedokles von Akragas (um 492–432). Auch er beschäftigte sich mit dem Problem der ἀρχή, kam aber zu einem im Grundprinzip heute noch verwendeten Schluß: Er propagiert nicht einen einzigen Urstoff, sondern vier: Feuer, Wasser, Luft und Erde. Dieser vier ῥιζώματα, Wurzeln, seien die Wurzeln des Seins, aus denen alles entsteht. Die Synthese von Heraklit und den Eleaten liegt nun darin, daß sie selbst unveränderlich sind und statisch, sie keinen Anfang und kein Ende haben, sich aber aus ihrer immer verschiedenen Mischung alle Dinge entwickeln, somit alles Werden auf der Ortsveränderung statischer Stoffe besteht.

τέσσαρα γὰρ πάντων ῥιζώματα πρῶτον ἄκουε· Ζεὺς ἀργὴς Ἥρη τε φερέσβιος ἠδ’ Ἀιδωνεύς Νῆστίς θ’, ἣ δακρύοις τέγγει κρούνωμα βρότειον.

Denn die vier Wurzelkräfte aller Dinge höre zuerst: Zeus der Schimmernde [das ätherische Feuer], und Here, die lebensspendende [Erde], sowie Aidoneus [die ‘unsichtbare’ Luft] und Nestis [das Wasser], die durch ihre Tränen fließen lässt irdischen Springquell.

(Empedokles, Aet.1,3,20 [A 33 I 289, 14]; Sext.10,315)

Zusätzlich zu seine Elementenlehre entwickelte er ein zyklisches Weltbild, das auf dem Gegensatzpaar Liebe–Haß aufbaut und erstaunlich an die Urknall-Theorie erinnert.

Bedeutend ist weiterhin sein Erkenntnislehre: Gleiches kann nur von Gleichem erkannt werden, und daher besteht das menschliche Auge auch aus Bestandteilen der vier Elemente. So untermauert er auf der Basis seiner Lehre die verbreitete Ansicht, daß Erkanntes und Erkennendes ähnlich sein müssen, daß also zwischen Geist und Sein eine direkte Verbindung bestehen muß.

Dieses grundlegende Modell wird weiterentwickelt von Leukipp und Demokrit (beide um 460–370), die unter dem Epitheton »Atomisten« zusammengefaßt werden. Über Leukipp ist wenig bekannt; Demokrit ist der bekanntere der beiden und hinterließ vor allem viele Schriften. Er war in seiner Welterklärung Empedokles sehr ähnlich: Auch er sah in Elementen die ἀρχή, jedoch ging er weiter. Er propagierte, daß es nicht nur Elemente geben müsse, sondern diese auch in einer endlich kleinen Form vorliegen müssen, in der sie nicht mehr aufzuteilen seien ﷓ ἄτομοι. Diese Einschätzung geschah in bewußter Ablehnung Zenons, um seine Paradoxien lösen zu können. Über die Atome behauptet Demokrit, es gebe unendlich viele, die allerdings in ihren Qualitäten gleich seien. Sie unterschieden sich nur in ihrer Form und Größe, und in ihrer Kombination der Anordnung nach. Somit erklären sich alle Unterschiede aus dem Quantitativen, nicht aus dem Qualitativen. Diese Deutung gab ihm ein brauchbares Erklärungsmodell für physikalische Beobachtungen: Dichte und Gewicht ließen sich so tatsächlich als die Gedrängtheit der Atome eines Stoffes interpretieren.

Alles Qualitative, was der Mensch wahrnimmt, wie Geschmack und Geruch, ist für ihn nur eine Sinnestäuschung: Die Sinnesorgane übersetzten gleichsam die quantitativen Eigenschaften der Atome in eine Hilfssprache, mit der sie erfaßbar werden. Nur quantitativ wahrgenommene Unterschiede sind somit tatsächlich real.

Der demokritische Atombegriff bedingt auch seinen Raumbegriff: Es muß leeren Raum geben, wenn es kein zusammenhängendes Sein gibt. Es gibt Atome und leeren Raum – tertium non datur.

Drei Eigenschaften charakterisieren die nächste Komponente von Demokrits Welterklärung, der Bewegung: Sie beruht auf Druck und Stoß, ist ewig und besteht von selbst. So entstünden Wirbel als grundsätzliche Form – ein interessanter Gedanke, den Demokrit anhand vieler Beispiele belegt: Die Brandung ordnet in Wirbeln Steine, mit einem Sieb werden verschiedene Getreidesorten im Wirbel automatisch sortiert.

Das revolutionär neue war nun die Ausschaltung einer anthropomorphen Komponente: nicht mehr Liebe und Haß wie bei Empedokles, sondern bloße Notwendigkeit und die Prinzipien von Druck und Stoß. Damit gibt es auch keinen Zufall; alles ist determiniert, und jegliche Wirkung bedarf zunächst einer Ursache.

In Kürze also gibt es drei Prinzipien:

  1. Das οὐσία-Prinzip besagt, daß es nur den leeren Raum und eine immer gleiche Anzahl an Atomen gibt,
  2. das κίνησις-Prinzip, das alles auf die mechanische Bewegung von Druck und Stoß zurückführt,
  3. und das αἰτία-Prinzip, das den Zusammenhang von Ursache und Wirkung verlangt und jedes Ereignis aus einer ἀνάγκη, Notwendigkeit, heraus erklärt.

Aristoteles kritisiert an diesem Modell besonders, daß für die Bewegung keinen Grund genannt wird; sie wird einfach als ewig und vorhanden definiert, ohne sie weiter zu hinterfragen. Auch Demokrits Erkenntnistheorie ist aus heutiger Sicht fragwürdig: Er interpretiert das Denken als Bewegung von Atomen, und die sinnliche Erfahrung als den Transport von vom betrachteten Objekt losgelöster εἴδωλα, Bildchen, zum Sinnesorgan.

Neben Demokrit ist es interessant, seine vorweggenommene Antithese zu betrachten: Anaxagoras lebte etwa von 500 bis 428, ist zeitlich also etwa eine Generation vor Demokrit einzuordnen. Auch er sah in kleinsten Bauteilen die Lösung des Problems der Suche nach dem Urstoff. Für ihn jedoch war klar, daß aus nichts nichts entstehen kann und nichts zum Nichts vergehen kann. Damit schließt er auch die Unmöglichkeit einer qualitativen Änderung ein: Es gibt kein Werden und kein Vergehen, sondern nur Mischen und Trennen. Seine kleinsten Teile unterscheiden sich qualitativ: Der Stoff, aus dem etwas wird, trägt den Keim für das, was er wird schon in sich und ist damit wesensgleich mit dem Produkt. Aristoteles bezeichnet sie mit ὁμοιμερῆ, Homoiomerien. Sie sind ewig, unzerstörbar und unveränderlich.

Anaxagoras wandte sich gegen einen totalen Materialismus, da er sich damit nicht das Gute und Schönheit erklären konnte. Er führte also zusätzlich den νοῦς ein, den Geist. Somit konnte er Vorgänge auch teleologisch erklären und hatte ein Ordnungsprinzip eingeführt und wurde damit zum ersten Dualisten.

Fazit

Die ersten Philosophen waren allseits gebildete Menschen; sie entwickelten nicht nur Modelle zur Erklärung der Welt, sie waren auch praktische Handwerker und Erfinder. Ihren Einfluß auf die Naturwissenschaft kann man nicht zu groß einschätzen: Sie entwickelten vor zweieinhalbtausend Jahren Kategorien, Methoden und Erklärungsmodelle, die teilweise heute noch verwendet werden – wie die Atomlehre, Abstraktion und Empirie –, aber auch geniale Denkmodelle, die wir erst heute als so bahnbrechend erkennen; sie greifen der Relativitätstheorie voraus, sehen im Wirbel ein Grundprinzip und entwickeln Weltentstehungsmodelle, die unseren frappierend ähneln.

Quellenverzeichnis

  • Johannes Hirschberger, »Geschichte der Philosophie«, Band 1, Frankfurt am Main, zwölfte Auflage 1980.
  • Egon Gottwein, »Navicula Bacchi«, http://www.gottwein.de/
  • Griechische Quellen zitiert nach Gottwein oder den im Perseus-Projekt vorhandenen, http://www.perseus.tufts.edu/, Übersetzungen von Gottwein oder selbst angefertigt.

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