James Joyce – Ulysses


»What did you do in the Great War, Mr Joyce?«
»I wrote Ulysses. What did you do?«

Biographie

James Augustine Aloysius Joyce wurde 1882 in Dublin als erstes von zehn Kindern von John und Mary Jane Joyce, geborene Murray, geboren. Seine Ausbildung liegt im wesentlichen in den Händen der Jesuiten: Ab 1888 besuchte er das von ihnen geleitete Clongowes Wood College, ab 1893 das Belvedere College. Er war ein guter Schüler, kommt aber häufig mit seinen jesuitischen Lehrern in Konflikte wegen seiner Haltung zur Religion.

1898 kam er schließlich an das University College in Dublin, das durch seine Opposition gegenüber dem anglikanischen Trinity College (gegen das die katholische Kirche einen Bann gesprochen hatte, der erst 1970 aufgehoben worden ist) besonders katholisch geprägt war, wo er sich für Literatur und Sprachen einschrieb. Joyce erlebt also früh nicht nur die allgegenwärtige britische Besatzungsmacht, sondern auch die für seine Werke ebenso prägende, von ihm als drückende empfundene katholische Kirche. Er bewundert Ibsen, ist Mitglied der Literary and Historical Society der Universität und lernt deshalb Norwegisch. Ab 1900 schreibt Joyce; er publiziert in Zeitschriften und beschließt aufgrund der positiven Aufnahme einer Ibsen-Rezension, Schriftsteller zu werden.

In politischen Essays positioniert er sich gegen die aufkommende Bewegung der Wiederentdeckung des irischen Nationalerbes, die er als chauvinistisch und nationalistisch verachtet. 1903 beendet er sein Studium und beschließt, Medizin zu studieren, um die Tätigkeit als Schriftsteller finanzieren zu können. Er bricht dieses Studium noch im selben Jahr ab und zieht nach Paris, von wo er 1903 durch die Nachricht des bevorstehenden Todes seiner Mutter zurückgerufen wird.

Joyce arbeitet zu dieser Zeit an dem autobiographischen Roman »Stephen Hero« den er bereits 1907 fertigstellt, aber erst 1916 als »A portrait of the Artist as a Young Man«veröffentlicht wird (allerdings mangels britischen Verlegers nur in den USA als Buch; in Großbritannien erscheint der Roman zunächst nur in der Zeitschrift »The Egoist«); parallel schreibt er Kurzgeschichten, die im Dubliner Milieu spielen und veröffentlicht sie unter dem Pseudonym »Stephen Dedalus«. Am 16. Juni lernt er seine spätere Frau Nora Barnacle kennen, mit der er im Oktober nach Österreich-Ungarn übersiedelt, wo er in Pola als Englischlehrer arbeitet. Nach einer kurzen Zwischenstation 1905 in Triest (er arbeitet wieder als Englischlehrer) zieht das Paar, aus deren Beziehung zwei Kinder (Giorgio, geb. 1905 und Lucia, geb. 1907) hervorgehen, für acht Monate nach Rom (er arbeitet in einer Bank), danach wieder nach Triest. Er schreibt an Kurzgeschichten, für die er zunächst keinen Verleger findet, die aber schließlich 1914 unter dem Titel »The Dubliners«veröffentlicht werden; 1907 wird sein erster Gedichtband veröffentlicht. Die Geschichten stellen die von Joyce empfundene geistige und moralische Lehre und Stasis der irischen Gesellschaft dar. 1912 ist Joyce zum letzten Mal in Irland.

Nachdem Italien in den ersten Weltkrieg eintrat, zog Joyce 1915 nach Zürich. Er arbeitet als Privatlehrer und beginnt die Arbeit am Ulysses. In den Jahren 1917 bis 1930 muß er sich mehreren Augenoperationen unterziehen und erblindet kurzzeitig.

1918 erscheinen erste Episoden des Ulysses in einer amerikanischen Zeitschrift. 1920 zieht er auf Einladung Ezra Pounds nach Paris; im Dezember desselben Jahres wird Ulysses in den USA und Großbritannien wegen Pornographie verboten, 1922 erscheint der Roman im Pariser Verlag »Shakespeare & Co.«Erst 1933 wird die amerikanische Zensur aufgehoben, 1934 erscheint das Werk dann auch dort. Erst 1931 heiratet er Nora Barnacle.

Derweil schreibt Joyce an seinem zweiten großen Werk, »Finnegans Wake« das 1939 erscheint. 1940 kehrt er auf der Flucht vor den anrückenden Deutschen nach Zürich zurück und stirbt dort am 13. Januar 1941 an einem Zwölffingerdarmgeschwür.

Inhalt

Joyce beschreibt in seinem Ulysses einen Tag, den 16. Juni 1904, in Dublin, während dessen er die beiden Hauptfiguren, den Anzeigenacquisiteuer Leopold Bloom und den Hilfslehrer Stephen Dedalus, auf ihren verschlungenen Wegen durch die Stadt begleitet.

Der Roman beginnt damit, daß der junge Intellektuelle Stephen Dedalus seine gemeinsame Wohnung mit dem Medizinstudenten Buck Mulligan verläßt, einen Turm am Strand, nach einen kurzen Geplänkel mit diesem und dem dritten Mitbewohner, Haines. Stephen begibt sich zur Schule Mr. Dalkeys, wo er Hilfslehrer ist, und unterrichtet dort uninteressierte Schüler in Geschichte. Nach dem Unterricht geht er an den Strand von Sandymount. Im Laufe des Tages zieht er von Pub zu Pub, diskutiert in der Bibliothek mit Dubliner Literaturgrößen Shakespeare und trifft immer wieder auf Leopold Bloom.

Der tritt erst im vierten Kapitel auf. Er verläßt die Wohnung, in der er gemeinsam mit seiner Frau Molly lebt, kauft beim Metzger eine Niere, kehrt zurück, bringt seiner Frau die Post ans Bett. Danach verläßt er die Wohnung wieder, geht zum Postamt, wo er unter dem Pseudonym »Henry Flowers«einen amourösen Brief abholt, besucht einen Gottesdienst, kauft ein Stück Seife, geht in ein öffentliches Badehaus, besucht die Beerdigung Paddy Dignams, geht ins Büro, wieder auf die Straße … und immer so fort. Er besucht diverse Pubs, trifft zufällig mehrmals mit Stephen Dedalus zusammen, beobachtet drei junge Frauen am Strand, landet schließlich mit diesem bei einer Mediziner-Party im Entbindungsheim, die feuchtfröhlich in einen Pub verlegt wird und schließlich in einem Bordell endet.

Bloom nimmt sich des heillos betrunkenen Stephen an und bringt ihn zu sich nach Hause, wo die beiden sich gemeinsam im Garten erleichtern und Stephen schließlich geht, worauf Bloom sich ins Bett legt.

Das letzte Kapitel besteht aus einem langen Monolog von Blooms Frau Molly, in dem sie ihr Liebesleben und die Beziehung zu ihrem von ihr liebevoll »Poldy«genannten Mann reflektiert, den sie gewohheitsmäßig betrügt – wovon er auch weiß ?, zuletzt – woran er im Laufe des Tages immer wieder zufällig erinnert wird – an diesem Tag mit dem Boxpromoter und Konzertveranstalter Blazes Boylan.

Form

Wie man an der Zusammenfassung des Inhalts sieht, ist die Fabel zwar sehr weitgefächert, aber weitab von einer klassischen Handlung, die man als spannend bezeichnen würde. Gerade darauf aber kam es Joyce an: er wollte keine Geschichte erzählen, die damit ja eo ipso fiktional wäre, sondern das tatsächliche Leben und die tatsächliche Stadt abbilden. Dazu bediente er sich nicht der Techniken des klassischen realistischen Romans, sondern ging einen Schritt weiter: er erzählt dem Leser nicht, was seine Charaktere fühlen, handeln und denken, er läßt den Leser mitfühlen, mithandeln und mitdenken.

Joyce hat die Technik des inneren Monologes zwar nicht erfunden, aber als erster in dieser Konsequenz angewandt. Dieses konsequente Einfühlen in seine Charaktere macht den Ulysses zu einer sehr schwierigen Lektüre: Ellipsen, oft mitten im Wort, freie Assoziationen, verschiedene Sprachebenen, verschiedene Erzählformen. Handelt der junge Intellektuelle Dedalus, ist der Text gespickt mit gelehrten lateinischen Zitaten, werden die drei Mädchen, die Bloom am Strand trifft, beschrieben, geschieht das in einem Ton, der an die Liebesromane, die eine von ihnen liest, angelehnt ist. Ein furioser Höhepunkt ist die vierzehnte Episode, die in einer Geburtsklinik spielt: Joyce beginnt im Stil altrömischer Fruchtbarkeitsgebetsformeln und verändert seinen Stil immer weiter und erzählt somit die (englische) Literaturgeschichte in nuce, bis er schließlich bei zeitgenössischer Umgangssprache angelangt ist.

Diese sprachlichen Spielereien sind niemals nur l’art pour l’art; sie dienen immer einem bestimmten Zweck und passen in die dichte Symbolik des Werkes. Dies beginnt bereits beim Aufbau: Joyce beabsichtigte, eine moderne Odyssee zu schreiben und beschrieb so auch stets anderen während seiner Arbeit am Ulysses, was er gerade schreibe.

»Ich schreibe zur Zeit an einem Buch, das sich auf die Irrfahrten des Odysseus stützt. Das heißt, die Odyssee dient mir als Grundplan. Nur ist meine Zeit die jüngste Vergangenheit, und die Irrfahrten meines Helden beanspruchen nicht mehr als achtzehn Stunden.«

(James Joyce zu Frank Budgen, Sommer 1918.)

So ist das Werk auch parallel zur Odyssee aufgebaut und läßt sich grob in die gleichen drei Teile unterteilen: Telemachie, Odyssee und Nostos. (Vergleiche hierzu Kenner, S. 45)

In der Telemachie sucht Odysseus’ Sohn Telemach nach seinem Vater. Dem Sohn entspricht Stephen Dedalus, der auf der Suche nach einer Vaterfigur ist und diese später in Bloom finden wird. Dieser Abschnitt erstreckt sich im Ulysses über die ersten drei Kapitel.

Die nächsten Kapitel entsprechen der Odyssee: Bloom zieht mehr oder weniger ziellos durch Dublin, um nicht nach Hause zu müssen, wo er Blazes Boylan weiß, der ihn mit seiner Frau betrügt.

Die letzten drei Kapitel schließlich spielen wieder bei Blooms zuhause, in der Eccles Str. 7, und stellen somit Blooms Nostos, Heimkehr, dar.

Die Parallelen erschöpfen sich nicht nur auf diesen groben Aufbau: jeder der achtzehn Episoden ist eine Episode aus der Odyssee zugeordnet (fast jeder: »Irrfelsen«stützt sich auf die Argonautensaga), indem Motive aufgegriffen und verändert werden. Auch wenn die Kapitelüberschriften in der endgültigen Druckfassung fehlen, so ist es doch in der Literatur üblich, die Episoden nach ihren Parallelstellen zu benennen. Die oben bereits erwähnte vierzehnte Episode heißt »Die Rinder des Helios«. Joyce interpretiert die Rinder des Sonnengottes als Fruchtbarkeitssymbol, so daß sich die Mannschaft Odysseus’, die sich an den Rindern versündigen, da sie sie aus Hunger schlachten, an der Fruchtbarkeit versündigen.

Die Parallele hierzu sind nun die Ärzte und Medizinstudenten, die in ihrem Besäufnis abfällig und zotig über weibliche Sexualität sprechen und sich so in Blooms Augen an der Fruchtbarkeit versündigen. Damit ist also über die homerische Parallele auch die eigentümliche Form erklärt, in der sich die Literaturgeschichte abbildet: das Werden der Sprache ist ein weiteres Symbol für Fruchtbarkeit und Entstehen.

Doch es tauchen noch weit mehr Motive auf; das ganze Werk ist voller Anspielungen und Zitate.

»Ich habe so viele Rätsel, Anspielungen und abstruse Denksportaufgaben in den Ulysses eingebaut, daß die Professoren Jahrhunderte brauchen würden, um herauszufinden, was ich nun genau damit gemeint habe. Das scheint mir der einzige Weg zu sein, sich die Unsterblichkeit zu sichern.«

(Joyce zu einem Freund.)

Die Einteilung nach Episoden der Odyssee ist nicht die einzige thematische Einteilung; jede einzelne Episode ist unter anderem einem Körperteil zugeordnet (in Klammern jeweils die Zuordnung der »Rinder des Helios« hier: Uterus), einer Krankheit (Unfruchtbarkeit), einer Farbe (das weiß der Ärztekittel), einer literarischen Gattung (Prosa), einer Kunst oder einer Wissenschaft (Medizin) und einem Symbol (Fruchtbarkeit). Im Quellenverzeichnis habe ich auf zwei detaillierte Aufstellungen von solchen Schemata verwiesen.

Neben diesen die Episoden bestimmenden Motiven gibt es noch über das ganze Werk verbreitete Motive, deren offensichtlichste die Homer-Parallele ist. Ein weiteres wichtiges Motiv ist Blooms jüdische Herkunft und die damit verbundenen Klischees und Verhaltensweisen. Bloom ist immer wieder mit Antisemitismus konfrontiert, obwohl er getauft ist; er wird mißtrauisch beäugt: im katholischen Irland ist er ein Fremdkörper, der immer wieder antisemitischen Klischees ausgesetzt ist und im Laufe der Handlung des unter anderem der Freimaurerei verdächtigt und schließlich sogar tätlich angegriffen wird. Hintersinnig erklärt sich so Blooms Name, der dem Klischee des »wandernden Juden«geschuldet ist: seine Familie kam über Deutschland aus Ungarn. »Bloom«ist das anglisierte deutsche Wort für »Blume« was wiederum die deutsche Übersetzung des ursprünglichen ungarischen Namens »Virág«ist. Diese Information läßt sich eindeutig aus dem Text belegen, jedoch muß sich der Leser diese Belege zusammensuchen, da sie über das ganze Buch verstreut sind.

Ein weiteres Motiv ist die Identifikation der Hauptfiguren mit Joyce: Stephen Dedalus war bereits die Hauptfigur in »A Portrait of the Artist as a Young Man«und ist eine deutlich autobiographische Figur: das »Portrait«läßt sich fast eins zu eins auf Joyces Leben übertragen, und auch im Ulysses sind viele Fakten aus Joyces Leben vereint. Jedoch ist auch Bloom ein stückweit autobiographisch: ist Dedalus der junge Joyce, so entspricht Bloom dem gereiften, wie auch Molly deutliche Anleihen bei Nora Barnacle nimmt (daher wohl auch ihre vernichtende Kritik über den Ulysses: »Das Buch ist ein Schwein!« ). Der Name »Stephen Dedalus«selbst ist sprechend: »Stephen«verweist auf den heiligen Stephan, der vor dem hohen Rat als Ketzer angeklagt wurde und für die Wahrheit zum Märtyrer wurde, »Dedalus«natürlich auf Daidalos, der das Labyrinth des Minos erbaute – und ein Labyrinth ist auch Ulysses.

Bloom und Dedalus erfahren beide Joyces Probleme mit dem irischen Establishment, die verhängnisvolle Stasis, der Irland durch Staat und Kirche ausgesetzt ist. Das britische Besatzungsregime und die katholische Kirche engen Joyce ein, so daß seine Emigration auch als Flucht zu verstehen ist. Dedalus kann sich aber nicht ganz freimachen von ihrer jesuitischen und strengkatholischen Sozialisation: sie fürchten sich vor Gewittern, haben ständige Gewissensbisse (»agenbite of inwit« dt. »dere gewizzede biz«) und eine fast krankhafte Obsession mit der Religion. Durch das Besatzungsregime erstarkten zur Handlungszeit irisch-nationale Bewegungen; Sinn Féin wurde 1905 gegründet, Joyce kannte den Gründer der nationalistischen Gaelic Athletic Association, einen, wie er fand, ungehobelten Bauern, und all das nationale Pathos stieß ihn ab. So läßt er auch Bloom eine flammende Rede für den Kosmopolitismus halten, als dieser wegen seiner Religion nach seiner Nation gefragt wird. Auch aus einem anderen Grund lehnte Joyce die Staatsmacht ab: Ulysses war in Großbritannien als auch in den USA verboten. In Irland war das Werk nie offiziell auf dem Index, aber dennoch verpönt und faktisch nicht zu beziehen.

Zusätzlich zu diesen großen Zusammenhängen gibt es, wie obiges Zitat andeutet, noch unzählige kleinere Anspielungen, Symbole und Rätsel, die bei oberflächlicher Lektüre (und selbst bei gründlicher) teils mehr, teils weniger offensichtlich sind. Es ist müßig, darauf im Detail einzugehen – das haben berufenere getan und sind gescheitert. Daher nur ein exemplarisches Beispiel: die Kartoffel. Bloom hat in seiner Hosentasche eine Kartoffel, ein alter Aberglauben. Auch diese Information steht nirgends explizit, aber so wie sich die einzelnen Hinweise zu Wissen summieren, sind alle Anspielungen gestaltet. Man behauptet, Ulysses enthalte keine offenen Enden, keine Widersprüche, sei in sich abgeschlossen, und ich halte diese Einschätzung für durchaus realistisch.

Realismus ist ein weiterer wichtiger Aspekt des Ulysses: betrachtet man die obige Aufstellung, so scheint das Werk in erster Linie höchst artifiziell zu sein. Wie ich aber schon schrieb, war gerade das nicht Joyces Absicht, und erstaunlicherweise gelingt ihm das: Selbst wenn er nicht schreibt, was seine Charaktere tun, läßt es sich feststellen aus Andeutungen und versteckten Hinweisen, aber auch über Logik und Mathematik. Joyce war besessen von einer absolut exakten Abbildung der Wirklichkeit; Stadt- und Straßenbahnplan von Dublin sowie ein Einwohnerverzeichnis gehörten zu seinen ständigen Arbeitswerkzeugen, und in der Tat stimmen seine Beschreibungen bis ins kleinste Detail, Orte, Häuser, Geschäfte, Pubs existieren tatsächlich, wie auch viele Personen real existierenden nachempfunden sind, teils unter anderem Namen (Stephens »Freund«Buck Mulligan ist beispielsweise Joyces »Freund«Oliver St. John Gogarty), teils unter ihrem echten Namen, wie Stephens Diskussionspartner in der Bibliotheksszene, die aus dem tatsächlichen irische Literatur-Establishment besteht. Immer wieder konnten also Zeitgenossen Joyces auf Bekannte stoßen, die nicht immer von der freundlichsten Seite gezeichnet werden. Döblin schätze das Werk für gerade diese Detailliertheit:

Damit und soweit ist das Buch charakterisiert im Kern als ein biologisches, wissenschaftliches und exaktes. Der Mensch von heute ist kenntnisreich, wissenschaftlich, exakt; darum gibt der heutige Autor ein Buch, das sich neben die Wissenschaft setzt. Es unterscheidet sich nur dadurch von dem wissenschaftlichen, daß es ja ohne tatsächliches Subjekt ist. Immerhin, der Bloom und seine Frau sind typische Gestalten wie ein Pferd, eine Tanne, und darum ist auch ihre Beschreibung von exaktem Wert. Darum verläuft der ganze Vorgang real, selbst indem er nur »als ob«verläuft. In den sichersten Partien hat dieses literarische Werk völlig wissenschaftliche Haltung. Und dies nicht als Maske.

(Alfred Döblin, 1928)

Arno Schmidt bezeichnet Ulysses als »Handbuch für Städtebewohner«– und das ist Ulysses ohne Zweifel: nicht umsonst heißt es, daß man nur mit Hilfe des Ulysses das Dublin des Jahres 1904 nachbauen könne.

Rezeption und Bedeutung

Ulysses war lange Zeit in erster Linie eine Sensation – allerdings keine literaturwissenschaftliche, sondern eine skandalöse. Noch bevor der Roman fertiggestellt war, wurde er schon als obszön und pornographisch gebrandmarkt, nachdem einige Episoden in einer amerikanischen Zeitschrift veröffentlicht wurden. Ulysses war sofort Zielscheibe derer, über die Joyce sich lustig macht: das kulturelle, religiöse und politische Establishment. Daß Blooms Gang zur Toilette beschrieben wird – ungebührlich. Der unbefangene Gebrauch von Gossensprache – unwürdig. Und natürlich: die unverblümt dargestellte Sexualität – unmöglich. Bis 1936 galt dieser Bann offiziell.

Dennoch entdeckten andere Literaten bald die Qualität und die bahnbrechenden Neuerungen, die Joyce eingeführt hatte:

Es ist nichts für die große Masse, die noch durchaus in der alten flächigen Fabulation lebt. Es ist ein literarischer Vorstoß aus dem Gewissen des heutigen geistigen Menschen heraus. Es sucht auf seine Weise die Frage zu beantworten: wie kann man heute dichten? Zunächst hat jeder ernste Schriftsteller sich mit diesem Buch zu befassen, und von Verlags wegen muß dies ermöglicht werden.

(Alfred Döblin, 1928)

Vor allem Ezra Pound, der mit Joyce befreundet war, unterstützte ihn. Generell waren es eher Schriftsteller als Kritiker, die ihn früh schätzen lernten; zu den Subskribenten der ersten Auflage gehörten Hemingway, Winston Churchill und W. B. Yeats.

Joyce hatte auch unter Schriftstellern erbitterte Gegner; Virginia Woolf bezeichnete den Ulysses das Werk eines »ekligen Studenten im ersten Semester, der seine Pickel ausdrückt«.

Die Literaturwissenschaft erkannte den Wert des Ulysses erst mit der Zeit; war lange Zeit die Rezension Edmund Wilsons in Axels Schloß, 1931, die einzige wohlwollende wichtige Kritik, gab Frank Budgens »James Joyce und die Entstehung des Ulysses«1934 erstmals eine tiefere Einsicht in die Gedankengänge Joyces, der fortan immer mehr anerkannt wurde. Mittlerweile ist die literarische Bedeutung des Werkes unbestritten und hat eine Vielzahl von theoretischen Publikationen nach sich gezogen.

Interessant ist auch die Rezeption Joyces in Irland: Noch in den 70er Jahren war Joyce verpönt und nur unter der Hand im »anständigen«Buchhandel zu bekommen. Mittlerweile haben sich die Iren auf einen ihrer größten Schriftsteller besonnen und man kann nicht durch Irland reisen, ohne auf Joyce zu stoßen. Viele Pubs schmücken sich mit Plaketten, die sie als so authentisch anpreisen, daß sie in einem Werk von Joyce hätten auftauchen können. In Dublin sind viele Schauplätze des Ulysses mit Plaketten geschmückt, auf denen die passende Stelle eingraviert ist; es gibt Joyce-Denkmäler und -museen, und jede Verbindung mit Joyce wird ausgeschlachtet: Die Besitzer der im Ulysses erwähnten Pubs haben wohl ausgesorgt, und Menschen von Blooms finanziellen Kräften dürften wohl dort nicht mehr so regelmäßig verkehren wie Bloom 1904. In vielen Buchhandlungen gibt es eine Irland-Abteilung: ein Regal Landschaft, ein Regal Freiheitskampf, ein Regal Literatur, ein Regal Yeats, ein Regal Becket, ein Regal Joyce, und ein Buchhändler hat mir versichert, daß Joyce auch sehr häufig gelesen wurde – indes: als ich in Galway nach dem Weg zu Nora Barnacles Geburtshaus fragte (nur wenige Schritte von dem in einer verwinkelten Gasse gelegenen Haus entfernt!), konnte keiner mit dem Namen etwas anfangen.

Weiterhin ist die kultische Verehrung, die Joyce bei seinen Lesern genießt, beachtlich: Jedes Jahr am 16. Juni, dem »Bloomsday« pilgern Tausende von Joyceanern durch Dublin auf den Spuren von Bloom; es gibt Joyce-Gesellschaften, in denen Amateure ihre Interpretationen austauschen, und die Leserschaft ist, auch übers Internet, sehr dicht und breitgefächert organisiert – es gibt kaum einen Themenbereich der Joyce-Forschung, der noch nicht behandelt wäre.

In Deutschland war das als unübersetzbar geltende Werk weniger bekannt als in der englischsprachigen; erst mit der ersten Übersetzung durch Georg Goyert, die 1956 erschien, war das Werk in deutscher Übersetzung erhältlich, wenn auch in einer als nicht adäquat geltenden Form. Erst die Wollschläger-Übersetzung von 1975 galt, mit allen Einschränkungen, die der Charakter des Ulysses macht, als kongenial. Vor diesen Übersetzungen beschränkte sich der Neben Döblin ist vor allem Thomas Mann zu nennen, dessen »Lotte in Weimar«von Joyces Technik des inneren Monologes beeinflußt wurde, später vor allem Arno Schmidt, der mit Joyce die unbändige Freude an Wortspielen und intellektuellen Rätseln (und die kultische Verehrung seiner Leserschaft) teilt.

Dieses Werk hat zwei Gipfel.[…]

Der zweite Gipfel in der Kette der Joyce’schen Werke ist der ‹Ulysses›: an seinen Hängen, in seinen Steilwänden, kann man alle Linien unterscheiden, jedes Glimmerplättchen blitzen sehen. Weit ist die Aussicht vom Gipfel; zukunftweisend; denn hier hat Joyce eine neue Prosaform entwickelt, eine der möglichen neuen Arten, die Welt konform abzubilden. Und mehr: er hat gleichzeitig ein ganz großes Musterbeispiel gegeben, nicht auszulesen bis ans Ende des Angelsächsischen.

So genau ist jedes Wort austariert, nach Betonung und Färbung der Vokale gewählt; so präzise jede Zeile durch Satzzeichen instrumentiert; so groß der Wortschatz, so genau die Bezeichnung durch Substantive, daß man, nach einigem Einlesen ins Original, unschwer zu folgen und zu bewundern vermag.

Arno Schmidt, »Ulysses in Deutschland« 1957

Abschließend halte ich noch ein Zitat Joyces für sehr wichtig für die eigene Lektüre, die von scheinbar allzu verkopfter Intellektualität erschwert werden könnte, und dem ich voll zustimmen kann:

»Wenn nur jemand mal sagen würde, daß das Buch so verdammt lustig ist.«

Quellenverzeichnis

Textausgaben

  • »Ulysses« James Joyce, Penguin Books, 2000
  • »Ulysses« James Joyce, Übersetzung Hans Wollschläger, Frankfurter Ausgabe, Suhrkamp, 2000.

Allgemeines

  • http://www.columbia.edu/itc/english/seidel/joyce/ Begleitmaterial zu einem Seminar des Anglisten Michael Seidel an der University of Columbia; Bilder, Texte, Tonquellen. Brillant ediert, übersichtlich strukturiert.
  • »Ulysses« Hugh Kenner, edition suhrkamp, 1982: Sammlung von Essays zum Ulysses, die es versteht, einzelne Aspekte sehr schlüssig und kurzweilig hervorzuheben.
  • »Meisterwerke kurz und bündig – Joyce’ Ulysses« Frank Zumbach, Piper, 2001: Besprechung der einzelnen Episoden mit kurzweiliger Einleitung zur Entstehung und zum Werk; sehr substantiell, dabei aber gut lesbar.
  • »James Joyce and the making of Ulysses« Frank Budgen, Oxford University Press, 1972: Das Standardwerk des mit Joyce befreundeten Malers Budgen, der mit ihm während seiner Zürcher Zeit häufig verkehrte. Fundiertes Hintergrundwissen aus erster Hand.
  • http://www.dhm.de/lemo/html/biografien/JoyceJames/ Kurzbiographie Joyces beim Deutschen Historischen Museum.
  • Kindlers Literaturlexikon, Band 22, dtv, 1975
  • »Aufsätze zur Literatur«, Alfred Döblin, Olten und Freiburg i. Br. 1963

Symbolschemata

5 Gedanken zu „James Joyce – Ulysses“

  1. Hallo,
    vielen Dank für diesen kurzweiligen und informativen Artikel, der wirklich ganz ausgezeichnet recherchiert ist und durch die passend ausgewählten Zitate noch an Ausdrucksstärke gewinnt. Ich studiere in Tübingen Anglistik und werde ich einer Woche in meiner Zwischenprüfung über Ulysses sprechen. Daher kam mir ihr Artikel und die Querverweise zu weiteren Quellen sehr gelegen.
    Danke nochmals und weiterhin alles Gute!

    Viele Grüße aus Tübingen

    J. Schöller

  2. Ich habe gerade angefangen, den Ulyssis auf deutsch zulesen., nachdem ich Biographien über James Joyce, seine Werke “Dubliner” und “Porträt eines Künstlers als junger Mann” gelesen habe. Gibt es z.Zt. einen Blog, in dem ich mich mit anderen Lesern austauschen kann?
    Gisela

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