Begründung des Antrags auf Kriegsdienstverweigerung

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Wie bereits aus meinem Lebenslauf ersichtlich ist, bin ich praktizierender Katholik und wurde auch in meiner Familie katholisch sozialisiert. Meine Eltern erzogen mich nicht dazu, unreflektiert Meinungen zu akzeptieren, auch und gerade nicht in bezug auf meinen Glauben. Mein christlicher Glauben beruht also nicht auf Indoktrination oder unreflektierter Fortführung von hergebrachter Familientradition, im Gegenteil: bei uns war es nie üblich, einen »Sonntagsglauben« zu demonstrieren. Glaube und Religion war immer ein Teil des Lebens, der nicht aufdringlich thematisiert wurde, sondern in Hilfsbereitschaft und Erziehung zur Toleranz gelebt wurde. Diese Einstellung zwingt mich auch dazu, den Kriegsdienst zu verweigern: ich berufe mich nicht — theologisch fragwürdig! – auf die zehn Gebote, und ich verzichte auch auf plakative Parolen wie Michas »Schwerter zu Pflugscharen«. Vielmehr berufe ich mich auf das, was mir als Christentum vorgelebt wurde: die Gewißheit, daß nicht Gegengewalt zum Frieden führt, sondern allein das beständige Glauben an das Göttliche in jedem Menschen, daß nämlich jeder Mensch von Gott angenommen und geliebt wird, und daß kein Mensch es verdient, durch eine kriegerische Handlung auf seine bloße Körperlichkeit, auf seine Nützlichkeit als Waffe reduziert zu werden, sei es, indem er als Befehlsempfänger nicht mehr handelndes Subjekt, sondern Objekt des Kommandierenden ist und seinen freien – gottgegebenen! — Willen delegieren muß, sei es, daß er in Erfüllung seiner Befehle vom Gegner auf ein bloßes Feindobjekt reduziert wird, dem ein wesentliches Menschenrecht, nämlich das Recht auf Leben, abgesprochen wird.

Erschüttert hat mich ganz aktuell die Serie über den alliierten Bombenterror während des zweiten Weltkrieges im SPIEGEL, doch nicht nur erschüttert, sondern auch bestätigt: Krieg kann keine Lösung sein, denn der Krieg, die instrumentalisierte Gewaltanwendung und damit Barbarei, frißt seine Kinder. Waren die Ziele noch so edel und gut, Deutschland vom NS-Regime zu befreien, so konnten sich die Alliierten doch nicht dem Abgleiten in genauso unmenschliche Barbarei entziehen. Symptomatisch ein Leserbrief in der aktuellen Ausgabe, in der ein ehemaliger Soldat der Wehrmacht von einem Ritual unter gefangenen britischen Fliegern berichtet:

Jeder wurde gefragt: »Würden Sie einen Knopf drücken, der ein unbekanntes Kind in der Mitte Chinas tötet?« Und nachdem der Befragte heftig bestritten hatte, wurde er nach einer Pause ganz ruhig gefragt: »Was haben Sie gemacht, in der Nacht, in der Sie abgeschossen wurden? «

(DER SPIEGEL, Nr. 6/2003, Seite 14)

Dieser Brief hat mir wieder gezeigt, wie absurd die staatlich sanktionierte Gewaltanwendung den Menschen von seiner eigenen Menschlichkeit entfremdet.

Mit Bedauern sehe ich die aktuelle politische Lage, in der ein Krieg plötzlich wieder opportun erscheint und in dem wieder die überlegene Macht ihre »Zivilisation« durch Bomben propagieren und beweisen will. Ich kenne die Berichte über Menschenrechtsverletzungen im Irak, und ich weiß sehr gut, welche Barbarei dort herrscht – aber ich kenne auch die Erzählungen meines verstobenen Großvaters Theo Hoffner. 1945 war er 17 Jahre alt und zu diesem Zeitpunkt in Bad Rippoldsau zur Ausbildung zum Lehrer, und natürlich wurde er zum Kriegsdienst herangezogen. Er hatte »Glück« und mußte nur Schützengräben ausheben und brauchte nicht zu kämpfen – aber er wurde von einem verbrecherischen Regime zum Kriegsdienst gezwungen. Die Parallele zur heutigen Situation ist die Befreiung durch eine andere Macht mit kriegerischen Mitteln. Wie diese Befreiung aber von sich ging, spottet jeglicher Beschreibung: unterschiedslos wurden mein Großvater, seine Kameraden und alle anderen angeblich verdächtigen Männer von den Amerikanern interniert unter schlimmsten Bedingungen: strengster Kadavergehorsam, körperliche und seelische Mißhandlungen, so wenig Verpflegung, daß mein Großvater vor Hunger Gras und Unkraut essen mußte – und wurde dies bemerkt, mußte er noch schlimmere Mißhandlungen erdulden. Schließlich wurden die Internierten auf Kohlewagen verfrachtet und zu einem ungewissen Ziel verbracht. Mein Großvater konnte in Bruchsal fliehen und schlug sich durch die Wälder zu seinem Heimatort Kirrlach durch, halb verhungert, geschlagen und gedemütigt, so schwach, daß er nur die Kleider, die er am Leib trug und einen Löffel tragen konnte.

Doch auch in dieser Episode gab es gute Menschen: nicht das Militär, sei es die Wehrmacht, seien es die sogenannten »Befreier« (die sich doch nur selbst als Barbaren erwiesen), sondern eine Begegnung, die mein Großvater kurz vor Kirrlach hatte: ein Kirrlacher Fahrradfahrer, selbst vom Krieg gezeichnet, fand ihn. Er konnte ihn nicht mitnehmen, dazu war er zu schwach, aber er erkannte ihn und versprach ihm, seine Familie zu benachrichtigen. Er solle hier nur sitzen bleiben, und schließlich kam sein bester Freund auf einem Fahrrad und nahm meinen Großvater, der selbst zu schwach war, das mitgebrachte Fahrrad zu benutzen, auf den Gepäckträger und brachte ihn nach Hause. Dieses Beispiel der gelingenden Menschlichkeit ist für mich ein besonderer Grund, den Kriegsdienst zu verweigern: mein Großvater zehrte bis zu seinem Tod vor drei Jahren an diesen Erlebnissen, litt noch Jahre nach seiner Rückkehr unter körperlichen Problemen, hatte noch in seinen letzten Jahren schreckliche Alpträume. Und Schuld daran trägt allein der Dünkel, daß mit Waffengewalt Gutes getan werden könne, während sich die wahre Friedensarbeit, das wahre Gute in einer kleinen Geste, so klein, daß kein Geschichtsbuch sie verzeichnen wird, in seinem Freund Ernst gezeigt hat, der nichts weiter getan hat, als ihn ein Stück zu tragen und mit dieser winzigen Geste mehr Gutes getan hat als alle kämpfenden Soldaten.

Gerade an der Generation meiner Großeltern sehe ich, wie wichtig es ist, mit ganzer Seele und ganzem Herzen gegen den Wahnsinn des Krieges einzustehen; meine früheste bewußte Auseinandersetzung mit dem Krieg kann ich zeitlich nicht genau einordnen, es muß aber wohl 1991 gewesen sein, zu Beginn des zweiten Golfkrieges. Zu dieser Zeit kümmerte sich tagsüber meine Großmutter um meine Schwester und mich, da meine Eltern beide berufstätig sind, und sie weckte uns auch morgens. Und ich erinnere mich noch genau an einen Morgen, an dem sie weinend an unseren Betten stand und sagte: »Kinder, es ist wieder Krieg.« Daß ein Krieg in einem so fernen Land, daß ich mir nichts darunter vorstellen konnte, meine Großmutter so sehr betroffen machen konnte, verstand ich damals noch nicht. Aber ich versuchte es zu verstehen, soweit man die Absurdität angeblich vernünftiger Menschen, sich gegenseitig zu töten, als Neunjähriger verstehen kann. Und ich bin ehrlich: ich verstehe es bis heute nicht, wie man so wenig aus der ganzen Geschichte hat lernen können.

Die Entscheidung gegen den Kriegsdienst hat für mich zwar auch eine politische Dimension, in erster Linie aber eine sehr persönliche: im Laufe der Zeit habe ich in den Medien und ganz besonders von meinen Großeltern soviel Unmenschliches über den Krieg erfahren, daß eine Duldung des Kriegsdienstes jeglichen meiner Grundprinzipien zuwiderlaufen würde, sowohl sehr gefühlsbetont durch die erschütternden Zeugnisse meiner Familie, aber auch auf sehr rationale Weise: ich bin Mitglied in der Katholischen jungen Gemeinde, die sich sehr intensiv mit der Problematik des Kriegsdienstes auseinandersetzt, und wo ich mittlerweile in einer Position bin, auch politisch für diese Einstellungen zu stehen. Außerdem bin ich in meiner Heimatgemeinde Firmkatechet, sehe mich also in der Rolle, den Kindern und Jugendlichen, mit denen ich zusammenarbeite, ein positives Glaubensvorbild zu sein. Dazu gehört unbedingt Glaubwürdigkeit. Dieser Anspruch verlangt zwingend, auch Unannehmlichkeiten für die eigene Gewissensentscheidung zu erdulden. Ich kann nicht den von mir betreuten Firmbewerbern abstrakte theologische Begriffe wie die Martyria erklären, ohne selbst aus meinem Gewissen Konsequenzen zu ziehen.

Ich habe auch eine genügend ausführliche humanistische Erziehung genossen, habe genug von Sokrates und Thomas Morus, genug von Pallotti und von Galen gelehrt bekommen, um auch eine rechtlich fragwürdige Institution wie den Zivildienst, der skandalös unterbezahlt ist, zu akzeptieren, da ich weiß, daß ich hier eine substantielle Arbeit leisten kann, die ich ohne mich vor mir selbst schämen zu müssen tun kann.

Die Geschichte meines Glaubens zeigt mir, daß die Kirche sich immer dann gegen ihre eigenen Prinzipien versündigt hat, wenn sie von ihrem Pfad der Gewaltlosigkeit abgewichen ist, sei es durch die Verfolgung von angeblichen Ketzern, sei es durch ihre Duldung NS-Deutschlands. Sie zeigt mir aber auch, daß jeder einzelne Mensch seinen Beitrag zum Frieden leisten kann, indem er sich auflehnt gegen Gewalt und Militarismus, und daß es noch niemandem geschadet hat, Schlechtes in Kauf zu nehmen für seine Gewissensentscheidung.

Nicht nur meinem Gewissen bin ich es schuldig, den Kriegsdienst an der Waffe vehement zu verweigern, sondern auch dem Andenken meines Großvaters: mein Vorbild trägt keine Uniform — mein Vorbild demonstriert mit seinem alten, klapprigen Fahrrad wirkliche Menschlichkeit.

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