Adieu, alte Tante Xing

Vor ein paar Jahren hat mich eine Einladungsmail von Xing (damals noch openBC) überzeugt: »Folgende Mitglieder bei openBC könnten Sie schon kennen« – stimmt. Vier Jahre lang war ich dort angemeldet, jetzt bin ich raus.

Eine Sache hat Xing richtig gemacht: Netze schaffen.

Die relevante Sache hat Xing aber falsch gemacht: Netze zu nutzen. All die Jahre habe ich es kaum genutzt: Zu unflexibel, zu langweilig, in allem zu spröde. Trotz über 100 Kontakten hat das Medium dabei versagt, tatsächlich Kontakt herzustellen. Natürlich, es gibt Diskussionsgruppen: Die müssen aber von Xing genehmigt werden, so daß sich nie wie bei anderen sozialen Netzwerken Gruppen als Tags etablieren konnten. (Stattdessen als Spam…, Verzeihung: Marketinginstrument der Gruppenadministratoren.) Meine Facebook-Gruppen »je veux un suricate!!!!!!!!!« und »Ma Friteuse? Je l’adore« erzeugen zwar keinen Traffic – haben aber eine Funktion. Xing-Gruppen werden nach meiner Erfahrung hauptsächlich dann wirklich zum Diskutieren genutzt, wenn ihr Thema Leute anzieht, die ansonsten tendentiell nicht netzaffin sind. Stil und Etikette läuft leidlich, CAcert nicht.

Die obskure Fixierung auf Geschäftsleute tut ein übriges dazu: Ein seltsam gespreizter Ton in den Foren (alles ist »im Business«), der Politikbann (jüngst leicht gelockert), früher die Hybris, sich nur an Selbständige und Führungskräfte zu richten. Mittlerweile werden à la Facebook Applikationen angeboten, aber extrem wenige und extrem unfrei.

Schließlich das unausgegorene Freemium-Modell: Nachrichten (außer Antworten) können nur zahlende Kunden verschicken. Ansonsten gibt’s Spionagetools (Wer hat mein Profil betrachtet?), eine funktionierende Suche (nicht nur nach dem Namen) und ein Set obskurer Rabatte, die nach Bonusheftchen für den Möchtegernmanager aussahen.

Xing fehlt das Spielerische, die Freiheit, die andere soziale Netze (ich benutze Facebook) auszeichnen: Der Mut, außer einer Infrastruktur nichts bereitzustellen. Der Mut, das moderne Paradigma »technischer und Inhalte kontrollierender Verwalter vs. Benutzer« gegen das postmoderne »technischer Verwalter vs. inhaltgenerierender Benutzer« zu tauschen.

Für Facebook fände ich es interessant, diesen Markt der Geschäftskontakte auch abzugreifen: Vielleicht mit zielgruppenoptimierbaren Unterprofilen – das eine mit den Partybildern geht an meine Freunde, das mit meiner Publikationsliste bekommen die Kollegen, und ein drittes nutze ich für meine politischen Aktivitäten. Auch wenn das noch nicht geht: Selbst so komme ich gut ohne Xing aus.

Ein Gutes hatte Xing aber: Man war nicht jedermanns »Freund«, sondern hatte ganz unaufgeregt und weit realistischer beschrieben – Kontakte.

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