Polemisches Ratespiel

Ein Rätsel zum Wochenende:

Ich kenne Menschen, die unendlich viel „lesen“, und zwar Buch für Buch, Buchstaben um Buchstaben, und die ich doch nicht als „belesen“ bezeichnen möchte. Sie besitzen freilich eine Unmenge von „Wissen“, allein ihr Gehirn versteht nicht, eine Einteilung und Registratur dieses in sich aufgenommenen Materials durchzuführen. Es fehlt ihnen die Kunst, im Buche das für sie Wertvolle vom Wertlosen zu sondern, das eine dann im Kopfe zu behalten für immer, das andere, wenn möglich, gar nicht zu sehen, auf jeden Fall aber nicht als zwecklosen Ballast mitzuschleppen.

Von wem stammt diese Definition richtigen Lesens?

  1. Jaron Lanier
  2. Frank Schirrmacher
  3. Susanne Gaschke
  4. jemand ganz anderem

Die Lösung gibt es in den Kommentaren.

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4 Gedanken zu „Polemisches Ratespiel“

  1. Jaron Lanier ist falsch, da Bücher nichts mit digitalem Maoismus zu tun haben. Frank Schirrmacher könnte man ob seiner journalistischen Heimat zwar einen etwas altfränkischen Stil und spenglersche Untertöne vom Untergang des Abendlandes unterstellen (zumal es hier um Informations-Overkill geht), für Schirrmacher wäre der Text aber doch zu platt, zu viel Ressentiment, zu wenig Argument (über schnippische Anführungszeichen hinaus). Also Gaschke?

    Die laue Pointe ist natürlich (vorhersehbar) d., jemand ganz anderes: Adolf Hitler, Mein Kampf (851.–855. Auflage, München 1943, S. 36). Damit: Verloren. Also ich.

  2. Nun – den Gedanken hatte er ja nicht als erstes. Schon Conan-Doyles Sherlock Holmes beschöäftigte sich mit dem Informationsüberfluss, den das wahre Genie bezwingen muss:

    „You see,“ he explained, „I consider that a man’s brain originally is like a little empty attic, and you have to stock it with such furniture as you choose. A fool takes in all the lumber of every sort that he comes across, so that the knowledge which might be useful to him gets crowded out, or at best is jumbled up with a lot of other things so that he has a difficulty in laying his hands upon it. Now the skilful workman is very careful indeed as to what he takes into his brain-attic. He will have nothing but the tools which may help him in doing his work, but of these he has a large assortment, and all in the most perfect order. It is a mistake to think that that little room has elastic walls and can distend to any extent. Depend upon it there comes a time when for every addition of knowledge you forget something that you knew before. It is of the highest importance, therefore, not to have useless facts elbowing out the useful ones.“

    „But the Solar System!“ I protested.

    „What the deuce is it to me?“ he interrupted impatiently; „you say that we go round the sun. If we went round the moon it would not make a pennyworth of difference to me or to my work.“

    1. Dieses kulturkritische Grundmuster (früher war alles besser, echter, tiefer, nicht so oberflächlich, und neuerdings ist alles so schnell, nutzlos und unwichtig) haben weder Hitler (der hat sichs wohl bei Spengler angelesen) noch Conan Doyle erfunden. Das geht mindestens zurück bis auf Platons Kritik der Schrift im Phaidros. Interessant finde ich am Hitler-Zitat, daß es so völlig austauschbar und inhaltsleer ist: Kulturpessimistische Pose und Jargon der Eigentlichkeit avant la lettre, ohne daß am Ende was bei rumkommt.

  3. Ich hingegen sehe hier keinen Kulturpessimismus, sondern eine andere Formulierung (oder zumindest ein Echo) der DIKW-Hierarchie wie ich sie bei der Künstlichen Intelligenz und im Knowlege Retrieval des öfteren zu sehen bekomme.

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