Mein wachsendes Unbehagen an den Dingen

Manche Veränderungen passieren mir einfach. Bevor ich es ins Wort bringen kann, wächst das Gefühl. Und wenn es dann soweit ist, kann eine Rationalisierung folgen. Oder es ist einfach so. So bin ich Vegetarier geworden.
Etwas ganz ähnliches bemerke ich gerade wieder: Mein wachsendes Unbehagen an den Dingen. Mit Dingen meine ich nicht abstrakt die Gesamtscheiße. Ich meine ganz konkret: Dinge. Dinge, die sich anfassen lassen. Gegenstände.

Meine Dinge (Auswahl).
Meine Dinge (Auswahl).

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Buchsucht

Das Lesen war ihm nun einmal so zum Bedürfnis geworden, wie es den Morgenländern das Opium sein mag, wodurch sie ihre Sinne in eine angenehme Betäubung bringen. – Wenn es ihm an einem Buche fehlte, so hätte er seinen Rock gegen den Kittel eines Bettlers vertauscht, um nur eins zu bekommen. – Diese Begierde wußte der Antiquarius wohl zu nutzen, der ihm nach und nach alle seine Bücher ablockte und sie oft in seiner Gegenwart sechsmal so teuer wieder verkaufte, als er sie ihm abgekauft hatte.

Karl Philipp Moritz, Anton Reiser (1785-1790), Kapitel 36.

Gefunden bei Jana Herwig, die zum Thema Internetsucht einen Bullshit-Test per Analogie vorschlägt: Was passiert, wenn $neuesMedium im Argument durch $altesMedium ersetzt wird? – Dazu paßt natürlich auch hervorragend Kathrin Passigs großartiger Text Standardsituationen der Technologiekritik.

Ich traue dem Google Reader nicht mehr. Bisher liegen dort per Stern markiert Artikel, die mir potentiell zitierfähig scheinen – und bevor das nächste Updates die Sterne abschafft, lagere ich meinen Zettelkasten lieber hier ins Blog aus.

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Polemisches Ratespiel

Ein Rätsel zum Wochenende:

Ich kenne Menschen, die unendlich viel „lesen“, und zwar Buch für Buch, Buchstaben um Buchstaben, und die ich doch nicht als „belesen“ bezeichnen möchte. Sie besitzen freilich eine Unmenge von „Wissen“, allein ihr Gehirn versteht nicht, eine Einteilung und Registratur dieses in sich aufgenommenen Materials durchzuführen. Es fehlt ihnen die Kunst, im Buche das für sie Wertvolle vom Wertlosen zu sondern, das eine dann im Kopfe zu behalten für immer, das andere, wenn möglich, gar nicht zu sehen, auf jeden Fall aber nicht als zwecklosen Ballast mitzuschleppen.

Von wem stammt diese Definition richtigen Lesens?

  1. Jaron Lanier
  2. Frank Schirrmacher
  3. Susanne Gaschke
  4. jemand ganz anderem

Die Lösung gibt es in den Kommentaren.

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Des g'hört so, ich kann mir's leisten, also habe ich es gekauft

Zu Maria Immaculata war ich im Antiquariat Nonnenmacher und habe mich gleich in die Thomas-Mann-Tagebücher in 10 Bänden gebunden im Schuber verliebt. Nur war leider der Chef nicht da, also vertröstet man mich des Preises wegen auf morgen, also heute. Heute war ich wieder da.

Hallo. Ich komme wegen den Mann-Tagebüchern. – Meinen Sie die mit den Labyrinthen?

Ich konnte den werten Händler dann doch noch überzeugen, daß ich keine Mandalabücher will – was denken diese Leute von mir? Sehe ich aus, als studierte ich SozPäd? – und habe nun für 60 Euro sämtliche Tagebücher Thomas Manns. O fortuna!

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Μέγα βιβλίον, μέγα κακόν

Die klassische Insel-Frage nach den drei Büchern ist an sich einfach zu beantworten: Als umfassend gebildeter Mensch sagt man schnell etwas wie Ulysses, Á la recherche de temps perdu und (für die ganz Avantgardistischen) Zettel’s Traum.

Spannend wird es, wenn man wirklich vor der Situation steht: Ich ziehe morgen aus dem geräumigen Speicher meines Elternhauses aus in ein Zimmer von 12 Quadratmetern. Was also mitnehmen? Nachdem ich mich für eine einzige Bücherkiste entschieden hatte, fielen Britannica, Brockhaus, LThK, Kindler, Fischers Weltgeschichte und meine Duden-Sammlung leider weg.

Was also braucht man wirklich? Meine Bücherkiste: Die Bibel, Gotteslob und Stundenbuch (wenn das hier so weiter geht, muß ich mich bald doch noch als Besitzer eines katholischen Blogs bezeichnen!), zwei Duden (die 20. und die 22. Auflage), Pfeifers Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, Wilperts Lexikon der Weltliteratur – und zwei Bücher von Döblin, die auf meinem Lesestapel lagen. Wie man ohne Arno Schmidt, Thomas Mann, Bert Brecht und Kurt Tucholsky greifbar zu haben lebt: Demnächst mehr davon.

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Relativitätstheorie

Es ist schon bizarr: Mir, kinderlos, aber bibliophil, gehen thüringische Bücher fast näher als russische Kinder. Da es aber sicher deutlich mehr sind, bei denen die Wertigkeiten vertauscht sind, habe ich kein schlechtes Gewissen, für den Wiederaufbau der Anna-Amalia-Bibliothek gespendet zu haben. Sollte es noch mehr Menschen meiner verschobenen Moral geben:

Gesellschaft Anna-Amalia-Bibliothek
Sparkasse Mittelthüringen
Kontonummer 301 040 400
Bankleitzahl 820 510 00.

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Karitas Christi urget nos

Der neue Duden ist da und bringt ein neues Feature mit für die Generation Analphabet: Kästchen mit richtiggeschriebenen Wörtern an Stellen, wo man die Falschschreibung erwartet, so zum Beispiel »Charisma« zwischen dem Karischen Meer und der Karitas.

Doch nicht genug: Auch Lebenshilfe für politisch korrekte Menschen wie mich gibt es in solchen roten Kästen: Zwergwüchsige werden zum Beispiel lieber kleinwüchsig genannt, man erfährt zum wiederholten Mal, wie Nicht-Gadsche genannt werden sollen (das Lemma »Klatschi« fehlt aber) – und natürlich das obligatorische Caveat s.v. »Neger«, die man zum Beispiel »Afroamerikaner« oder »Afrodeutsche« nennen darf.

Ein bizarrer Nationalismus: Man stelle sich so möglichgewordene Dialoge auf dem Dorfe vor: »Stell dir vor, die A– hat einen Afrodeutschen geheiratet!« – »Schlimmer! Schlimmer! Einen Afroschweizer sogar!«

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Zivildienst bildet. Dritter und letzter Teil.

Es ist vollbracht. Ich bin wieder im Vollbesitz meiner Grundrechte. Es folgt also der letzte Teil der Leseliste.

Bert Brecht, »Die Gesichte der Simone Machard«, Douglas Hofstadter, »Die Fargonauten«, Edmund H. Carr, »Romantiker der Revolution«, Ernst Wasserzieher, »Leben und Weben der Sprache«, Feridun Zaimoglu, »12 Gramm Glück«, Hans Joachim Störig, »Das Problem des Übersetzens«, Heimito von Doderer, »Die Wasserfälle von Slunj«, Heinrich Böll, »Irisches Tagebuch«, Immanuel Kant, »Vom ewigen Frieden«, James Joyce, »Verbannte«, Jan Pierre Ganske, »Katholische Jugendarbeit im Spannungsfeld zwischen sich säkularisierendem Umfeld und kirchlichem Lehramt«, John Stuart Mill, »On Liberty«, »On Utilitarianism«, Karlheinz Deschner, »Kitsch, Konvention und Kunst«, Kurt Tucholsky, Werke 1917–1920, Lewis Wolpert, »Unglaubliche Wissenschaft«, Ludovico Arios, »Rasender Roland«, Lynne Truss, »Eats, Shoots & Leaves«, Sauter/Schweyer/Waldner, »Der eingetragene Verein«, Siegmar Ott, »Vereine gründen und erfolgreich führen«, Stanislaus Joyce, »Dubliner Tagebuch«, Th. Th. Heine u.a., »Simplicissimus Humor« (sic!), »Bilder aus dem Simplicissimus«, Thomas Morus, »Gebete und Meditationen«, Uwe Pörksen, »Was ist eine gute Regierungserklärung«, Victor Klemperer, »LTI«.

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