Mein wachsendes Unbehagen an den Dingen

Manche Veränderungen passieren mir einfach. Bevor ich es ins Wort bringen kann, wächst das Gefühl. Und wenn es dann soweit ist, kann eine Rationalisierung folgen. Oder es ist einfach so. So bin ich Vegetarier geworden.
Etwas ganz ähnliches bemerke ich gerade wieder: Mein wachsendes Unbehagen an den Dingen. Mit Dingen meine ich nicht abstrakt die Gesamtscheiße. Ich meine ganz konkret: Dinge. Dinge, die sich anfassen lassen. Gegenstände.

Meine Dinge (Auswahl).
Meine Dinge (Auswahl).


Mein ganzes Leben über mochte ich Dinge gern. Dinge, und das Besitzen von Dingen. Sammeln nicht als Geldanlage oder Wissenschaft. Sammeln als Freude am Besitz von schönen Dingen. (Philipp Bloms »Sammelwunder, Sammelwahn«, erschienen in der von mir gesammelten Anderen Bibliothek, war eines meiner Lieblingsbücher.) Ich hatte eine Steinsammlung. Keine wohlsortierte Mineraliensammlung. Auch Mineralien und Edelsteine. Aber hauptsächlich: Steine. Aus Familienurlauben brachte ich Steine und Sand mit. Schöne Steine, farbige Steine, interessante Steine. Und Sand in Döschen. (Die Eltern meines Grundschulfreunds Daniel hatten von jedem Urlaubsort ein Gläschen mit Sand – das hat mich schwer begeistert.)

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Abitus certus, hora incerta: Mit jedem Tag rückt der nächste Umzug näher, und damit werden die dichtgepackten Billy-Regale – im Wohnzimmer stehen 40, 50 laufende Meter Bücher – drohender. Vieles davon gibt es bereits digital, und gerade die vielbändigen Nachschlagewerke, in die ich meinen Zivildienstsold investiert habe, sind bestenfalls Dekoration. (Eine Britannica, ein Brockhaus in Leder – irgendein afrikanisches Rind – und Goldrand.) Das Netz ist schneller, aktueller, genauer. Nur speziellere Wissensgebiete und solche, für die sich gutes Geld verlangen läßt, sind eine Rechtfertigung für den Buchbesitz: Das »Lexikon für Theologie und Kirche« und den einen oder andere juristische Kommentar benutze ich noch wirklich, gelegentlich das Lexikon der Politik (von dem ich natürlich nicht nur das kleine von der BPB, sondern das mehrbändige Große habe.) Die Vorauflage des LThK aus den 70ern, ein Regalmeter 2-Kilo-Bände (selbstverständlich habe ich die gebundene Ausgabe und nicht die häßliche, dafür leichte Studienausgabe), benutze ich schon nicht mehr so häufig. Aber den Kindler aus den 70ern raussuchen für eine knappe Inhaltsangabe, die schnell gegoogelt ist?
So schön viele meiner Bücher sind, so gerne ich sie als schöne Gegenstände mag. Sie sind immer mehr eine Last, und zwar umso mehr, seit mit Tablet und eBook-Reader Lesen vom Gerät gut genug ist. Ich habe keine Freude mehr daran, Bücher zu kaufen, und neulich bin ich aus der Maximilian-Gesellschaft ausgetreten, weil ich auch keine Freude mehr daran habe, handwerklich schöne Bücher zu kaufen.

Auf die Materialität von Information kann und will ich immer mehr verzichten, und bestimmt werden bald Notizfunktionen und
haptische Fortschrittsanzeige bei digitalen Büchern auch gut genug sein.

Was allerdings noch fehlt: Die Serendipität der Materialität durch bloßes Herumstehen. Bücherregale als Lesebiographie. Bücherregale, an denen Freundinnen und Besucher vorbeigehen können, etwas Neues, Interessantes finden können. Bücher haben ihrer Natur nach Volumen; Bücherregale sind zwar auch Inszenierung, aber irgendwo muß das Zeug ja hin.
Das fehlt den digitalen Alternativen noch: Die Beiläufigkeit, mit der ein materialer Datensatz Einrichtung ist – und solange es das noch nicht gibt, werde ich wohl Bücherregale haben.

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Nicht nur Dinge haben, überhaupt haben. Ich brauche etwa 110 GB Daten. 5 GB ist mein Home-Verzeichnis groß, und es wächst immer weniger: Warum alles, was per Mail rein und raus geht, noch einmal in eine Dateistruktur sortieren, wenn GMail (noch einmal fünf) schneller ist als mein feinziseliserter Verzeichnisbaum? 100 GB braucht die Musik. Kathrin Passig spricht von der »erste[n] Welle des Hortens und Raffens, die das Internet für uns Kinder des kulturellen Mangels mit sich gebracht hat« – mein mp3-Verzeichnis war früher ein Offline-Youtube: Monty-Python-Clips, furchtbare Kuriositäten (die wohlkuratierte Sammlung dutzender Covers von »They’re coming to take me away« und »Stairway to heaven«, für die ich mich bei meiner alten WG noch nicht ausreichend entschuldigt habe), das Vaterunser auf gotisch oder alamannisch oder werweißwas von einer Multimedia-CD aus den 90ern, Audioschnipsel von SWF3-Comedy und Harald Schmidt, Albenfragmente aus einer Zeit, als Kazaa noch mit fünf bis zehn kB/s einzelne Tracks über ISDN von den Platten fremder Leute gekratzt hat (jahrelang habe ich mich bei Dylans »The Times They are A-changin’« gewundert, warum »With God on Our Side« so seltsam klingt, bis ich zum ersten Mal die echte vollständige 64er-Version gehört habe, ohne »With God on Our Side« aus dem 95er MTV-Unplugged-Album.) Neulich habe ich gelöscht, was nicht Album ist. Selbst Daten sind manchmal schon Ballast.

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In meiner idealistischen Jugend wollte ich Priester werden. Nicht einfach nur Priester, sondern Jesuit. In den Orden. Das hat sich mittlerweile gelegt. Im Gedächtnis ist mir aber immer noch, was damals die Argumente waren und wie ich sie abgewogen habe. Die evangelischen Räte Armut, Keuschheit, Gehorsam: Keuschheit war heroisch. Jesuitischer Gehorsam war (obwohl den Statuten nach ac si cadaver essent) auch mehr heroisch als einschränkend, mehr Bereitschaft zur mobilen schnellen Eingreiftruppe als drückende Suspendierung des Gewissens im sacrificium intellectus. Aber das mit der Armut wurde bei den Jesuiten – im Gegensatz zu Weltpriestern – nicht vergeistigt, sondern ernst genommen: Einen Koffer sollte der angehende Novize mit ins Noviziat nehmen, nicht mehr, allem anderen Besitz entsagen. Und noch bevor ich mich von den anderen Räten freimachte und überhaupt den jugendlichen romantisch-geistlichen Überschwang ablegte, war diese Armut das problematischste: Ein Koffer für Kleider, schön und gut – aber dieser Koffer als Grenze für alles, was an Büchern bleibt? Was wird aus der damals schon bestehenden Bibliothek? Nicht nur daran ist meine geistliche Karriere gescheitert. Aber auch und zuerst. Und plötzlich ist der Gedanke, nur noch einen Koffer zu haben, nicht mehr so abschreckend, minimalistische Lebensexperimente scheinen plötzlich attraktiv und spannend.

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Ich mag immer noch Dinge. Ich trage in meiner Tasche eine zwanghafte Menge an Kabeln und Adaptern und Notfall-Gadgets mit mir herum. (Und daheim gibt es eine viel zu gut gefüllte Kabelkiste. Gamelink-Kabel, anyone?) Ich schaffe gerne spezielle Küchengeräte an. Es wird aber besser: Neulich habe ich einen Zestenhobel wg. mangelhaften Zestenhobelns weggeworfen und wieder good ol’Sparschäler zum Zestenhobeln genommen. Dinge anschaffen verändert sich: Bücher und Musik kaufe ich kaum mehr in fester Form, und seit ich nur noch kaufe, was ich wirklich lesen, hören, haben will, nimmt kein Ungelesen-Stapel mehr Platz weg, und ich spare viel Geld, weil die Leseprobe oder das auf Youtube angespielte Album eben nichts kostet. Stattdessen wächst die Bar, und was ich an Büchern spare, fließt in Schnaps und Gin – wo Materialität wirklich unsubstituierbar ist, wo aber auch der Verbrauch und nicht der Besitz der eigentliche Sinn ist.

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Noch bin ich weit vom Purismus entfernt, nur 100 Gegenstände besitzen zu wollen. Aber ich merke, wie ich mit jeder Anschaffung nicht nur den Nutzen, sondern auch den Ballast des Habens und Nach-Hause-Tragen-Könnens spüre. (First world problem: Besitzüberdruß muß eins sich leisten können.) Ich mag immer noch schöne Dinge, und immer wieder stelle ich mir vor, etwas zu sammeln. (Ich mag nämlich auch enzyklopädische Vollständigkeit.) Und dann merke ich, wie ich immer weniger Lust habe auf Besitz. Mein Unbehagen an den Dingen wächst.

(Die Steine wanderten vor einigen Jahren schon halb in den Garten meiner Eltern, halb en gros zu eBay – es war mehr Erleichterung als Verlust, dazu 86 Euro + VK, guter eBayer, gerne wieder.)

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12 Gedanken zu „Mein wachsendes Unbehagen an den Dingen“

  1. Das ist so ganz persönlich, autobiographisch, und trotzdem habe ich den Eindruck, es steckt etwas Allgemeines darin. Dieses Umsortieren, Umstrukturieren der Prioritäten treibt zurzeit allerhand Institutionen und Gruppen um. Die ganze Gesellschaft. Aber hier bei dir kommt es ja nicht vom Kopf, sondern die Gefühle zu den Dingen brechen ab. Das klingt auch ein bisschen wie der Dinge müde werden, die Leidenschaft verlieren. Was finden wir noch so schön, dass unser Herz dran hängt? Wichtig ist ja beinahe gar nichts.Die Alten geben alles weg, außer das Alltäglichste und ein paar Erinnerungen. Ich würde vermuten, du hast eine Sehnsucht, nicht kleben zu bleiben. Mit leichtem Gepäck durchs Leben kommt man mehr herum als seßhaft zwischen schönen Sachen. Aber sauf nicht zu viel.

  2. in meinem informationsgestaltungstudium war das ein großes thema. wir haben uns damals gedanken gemacht wie man die haptische erfahrung von materiellen medienträgern und die serendipity wie du sie nennst ins digitale übertragen kann. haben uns zb tische überlegt wo menschen einen mit ihrer bibliothek verbundenen gegenstand drauflegen können und ihre bibliothek für andere durchstöberbar präsentieren können. da eh alles an medien immer verfügbar ist wird die persönliche kuratierung immer wichtiger. passiert auch, aber was noch fehlt ist eine haptische und visuell ansprechende darstellung des persönlichen medienregals und eine zugänglichkeit die an klassische billy-regale mindstens heranreicht. leider seh ich da bisher nur entwicklungen auf mobile-softwareebene, was das hürdenfreie browsen betrifft ist die aktuelle entwicklung leider eher ein schritt zurück.

    ich bin noch nie besonders an gegenständen gehangen und hab nie physikalische dinge gesammelt. dafür aber umso mehr den sammel- und klassifizierungswahn digital ausgelebt. aber auch das mach ich nicht mehr. filme die ich mir anschaue lösche ich danach obwohl ich genug platz dafür hätte. meine 150GB musik-bib hab ich bis auf besonderes gelöscht, weil spotify da einfach wesentlich weniger ballast bedeutet.

  3. Schön zusammengefasst. Nur das Problem mit den vielen Büchern, das hatte ich nie 😀 Richtig lesen hab ich erst auf dem Tablet gelernt.

    Mittlerweile ist mein Besitz so ca eine Kofferraum-Ladung groß, und ich bin sehr sehr glücklich. Und das würde ich dir auch empfehlen falls du Lust darauf hast: Versuche so weit zu reduzieren bis es wehtut, denn erst dann kannst du bestimmt sagen wo der Punkt ist an dem das Verhältnis am passendsten ist.

    Seit dem reise ich mehr. Ausgaben für Unterkünfte und Zugfahrten sind gestiegen. Insgesamt habe ich aber deutlich weniger Ausgaben. Da boten sich zwei Möglichkeiten: entweder mein nun überschüssiges Geld in Schnaps und Gin investieren, oder einfach mehr für mich und andere und weniger für Geld arbeiten 🙂

    Danke für den schönen Artikel und Prosit!
    Nils

  4. @fxneumann:

    Durch Zufall auf Ihren Blog geraten, kann ich nur sagen: Chapeau! Sie kommen mal unter dem Label »konservativ« in meine Blogroll!

    Falls die Einordnung nicht gefällt — bitte um Kontaktaufnahme nach meinem Urlaub …

      1. Cher M. Neumann,

        Bezieht sich das „not sure if flattered or offended“ nun auf die Einordnung unter „konservativ“, oder generell auf das Faktum Ihrer Aufnahme in LPs Blogroll?

        U.A.w.g.

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