Wer braucht schon Datenhalden?

Tja..
Tja.
Jetzt aber mal ernsthaft. Natürlich ist Selberhosten keine Lösung. Jedenfalls keine Lösung, die dafür sorgt, daß möglichst viele Leute Nutzen aus dem Netz ziehen können.

Selberhosten ist kompliziert, fehleranfällig, teuer – und es geht von Voraussetzungen aus, die zwar für (manche, viele) Nerds stimmen, für die meisten Menschen aber eben nicht. Selberhosten soll Kontrolle über die eigenen Inhalte sicherstellen – nur, was Du selber hostest, hast Du. Selberhosten als Lösung (für alle) geht davon aus, daß das auch das vordringliche Problem, der vordringliche Anspruch ans Bewegen im Netz ist: Die eigenen Daten und Inhalte dauerhaft, sicher und ständig verfügbar zu haben. Bewährte Interfaces und Techniken möglichst lange aufheben oder mindestens die Kompatibilität sichern. Ein config-File, das von der Lochkarte bis zur SSD noch jeden Umzug mitgemacht hat. Daraus folgt dann: Nur Dienste, die dauerhaft und für immer verfügbar sind, sind gute Dienste, alles andere ist gefährlich und dumm.

Datensicherheit und -verfügbarkeit wird zu dem Kriterium, an dem alle Dienste gemessen werden, und notwendig kann nur die selbstgehostete Lösung (mit einer soliden Backuplösung, mit einer soliden Fehlerkorrektur, mit einer soliden Absicherung gegen unbefugtes Eindringen, redundant und alle Lastspitzen abfedernd) das leisten. Diese elitäre Position stellt tante in seinem Blog sehr klar (und lesenswert, bitte dem Link folgen!) als zynisch heraus:

Telling people to “host your own” when some big company closes or buys a service is very similar to the princess who, when learning that the peasants had no bread, said: “Let them eat cake.”

Hosting your own is a solution for the gifted and wealthy few, for many it’s blatant cynicism.

Zu tantes Punkt mit der arbeitsteiligen Gesellschaft habe ich neulich in Sachen Google Glass in den Kommentaren etwas geschrieben (und bitte um Entschuldigung bei erlehmann, dessen Nachfrage dann liegen blieb. Hoffentlich wird mit diesem Artikel meine Position klarer):

Selbstentmündigung ist mir zu normativ aufgeladen für etwas, was konstituierend für eine Welt ist, die nicht bloß aus völlig autonomen Selbstversorger_innen besteht. Ja, es ist Abgabe von Kontrolle; Komfort, der mit trade offs verbunden ist. Das ist ein völlig normaler und notwendiger Vorgang in einer arbeitsteilig organisierten Gesellschaft, und die Problematik von Machtabgabe stellt sich für Leute, deren Kompetenzen nicht im technischen liegen, völlig anders dar als für Nerds, die eigene Mailserver betreiben können: Was für Nerds Freiheitseinschränkung ist, ist für manche Nicht-Nerds erst die Ermöglichung von Freiheits-Ausübung.

Lies: Was die Selbsthostfraktion für sich (und generalisierend für alle) als Freiheitsbeschränkung sieht, ermöglicht vielen erst, überhaupt das Netz als soziale Kommunikationsform zu nutzen. Nur weil etwas für mich Freiheitseinbuße bedeutet, heißt das nicht, daß eben dieses Niveau an Freiheit für andere nicht ein Freiheitsgewinn ist. Es braucht nicht mehr die komplizierte Konfiguration eines Servers oder auch nur eines Usenet-Clients, um selbst senden zu können. Es braucht nicht mehr Herrschaftswissen, um senden zu können.

Weiter noch: Das Nerd-Paradigma Selberhosten geht auch davon aus, daß es wirklich und eigentlich um die Inhalte, um die Daten selber ginge. Als großer Sammler von Daten (inkl. den typischen Nerdspeicherpraktiken mit einem mehrfach dezentral backupten Mailarchiv bis in die 90er) ist mir diese Position nah. Diese Position verdeckt aber, daß ephemere, vergängliche Kommunikation auch einen Wert hat (23er-nerdkompatibel im Kampf um überwachungsfreie Räume sichtbar, jugendkulturell im Nutzen von (natürlich proprietären) Tools wie Snapchat), Beständigkeit jedenfalls oft gar nicht notwendig ist, daß das Konzept »Archivieren statt löschen«, das GMail popularisieren wollte, für viele unnötig und esoterisch erscheint – daß das Dauerhafte und Unvergängliche ein Modus ist, der gar nicht zu allen Kommunikationsformen paßt und zu den Bedürfnissen aller Netznutzenden gehört: Wer außer ein paar von uns Nerds braucht schon wirklich diese ständig verfügbaren, durchsuchbaren und verlinkbaren Datenhalden eingefrorener Konversation? (Martin Linder: »gerade das serielle, auf sand gebaute gibt den spielraum, absichtslos zu sein.«)

Relevant sind – gerade bei Konversation – oft weniger die Inhalte als die Beziehungen. Ein gut und aufwendig gepflegter Account baut natürlich Reputation auf, ist in gewisser Weise kulturelles Kapital, und dumm, wenn Facebookgoogletwitteryahoo mit der Abschaltung droht – das eigentliche ist aber nicht die Gesamtheit der Daten und Informationen dort auf dem aktuellen Dienst der Stunde, sondern das Beziehungsgeflecht, das aus der Gesamtheit der Daten erst kulturelles Kapital macht. Das hängt nicht an bestimmten Inhalten, es bleibt und läßt sich zu großen Teilen übertragen, wenn der Service verschwindet oder auch einfach aus der Mode kommt, und das wird auch gemacht: Die Kinder und Jugendlichen, die die VZ-Netzwerke schon vor der teilweisen Abschaltung verlassen haben, sind nicht in die Isolation gewandert, sondern zum nächsten prekär-proprietären Dienst – die Erwartung eines immer konstanten Netzes paßt nicht zu diesem hoch dynamischen Umfeld:

The Internet will kill everything you love. But by the time it dies, you won’t even care.

(Alle, die bei »Lob des Selberhosten« geflattrt haben in der Annahme, es sei ein ernstgemeintes Plädoyer, bitte ich um Verzeihung. Die Erlöse fließen vollumfänglich ins Hosting dieses Blogs.)

Flattr this!

15 Gedanken zu „Wer braucht schon Datenhalden?“

  1. Lyrik ist nicht Dein Eigentum, Autor! 😉

    Ich habe zuerst in etwa folgendes gelesen:
    Hoste Sechzehnjährige! …
    Scheue dich nicht zu fragen, peer!

    Im vollen Bewußtsein des Umstandes, dass nicht jeder hosten kann (ich nicht), war meine erste Interpretation, dass der Nerd aufgefordert wird, die Inhalte von Sechzehnjährigen und anderen Menschen, die vielleicht nicht selbst hosten können, zu hosten. Danach solle man seine Bekannten fragen und sich nicht scheuen. Statt der übermächtigen Plattform würde das Hosting in kleine Cluster verteilt. Auch Diaspora ist, wenn ich richtig sehe, so gedacht. (Allerdings ist das nicht unbedingt dauerhafter/zuverlässiger als eine zentrale Plattform – nur geht das Licht nicht überall zugleich aus.)

    Insgesamt ist der Gedanke, Menschen Webspace in ihrem persönlichen Umfeld zu verschaffen, sicher nicht falsch. Und sei es die Gemeinde, die im 1000-Seelen-Dorf einen Server betreibt, von dem jeder Einwohner 1 GB abhaben kann. Das würde den Gemeinderat jedenfalls für die Jugend wieder attraktiv machen. 😉

  2. Für wenige Euro im Monat bekommt man WordPress-Hosting. Um technische Details kümmert sich dabei jemand anders – diese Person wird aber bezahlt und hört (meiner Erfahrung nach) erst mit dem Bereitstellen eines Dienstes auf, wenn das Geld nicht mehr kommt.

    Mein Ratschlag lautet daher: Einfach mal auf den nächsten Burger verzichten, dann sind die eigenen Ergüsse auch 2020 noch im Netz. Oder halt lieber etwas fetter essen, dann aber bitte nicht irrigerweise behaupten, nur die wissende Elite könne irgendetwas „richtig“ machen.

  3. Selberhosten kann man absolut betrachten, ebenso relativ, es hängt vom Sender ab.

    Betrachte ich es absolut, so sehe ich die Arroganz vieler Nerds/Geeks, die bei Open Source beginnt, sich über freie Betriebssystem fortsetzt und in freien Server-Umgebungen mündet. Relativ betrachtet sehe ich dezentrale, kleine Lösungen, federführend ist ein Nerd bzw. ein technikaffiner Nutzer, der anderen wiederum die Anwendung bringt.

    Ich kenne da einige „Server-WGs“, die derart funktionieren oder auch das Dorf-Netz, wo der Provider der Wahl versagt, ob monetärer Bedenken. Selten sind diese Dinge nicht, nicht jeder muss alles können. Es ist teils hilfreich, wenn man sich ein klein wenig auskennt und sich den „Nerd“ sucht. Funktioniert im sonstigen Leben ebenso.

    Von daher ist Selberhosten der richtige Ansatz, wenn es nicht in einem „dann programmiere es doch selbst endet“.

  4. Aus der Sicht eines „Fachidioten“ mit Tunnelblick passen viele Dinge. Und dies ist auch keine Einbahnstraße. Aus meiner Sicht sind viele Dinge simpel, ich habe mit zwei Kollegen Anfang der 90er an der PhilFak viel a la MacGyver erlernt und umgesetzt, die Arroganz hatte ich zum Teil ebenso inne. Ich spreche insofern mehr aus Erfahrung, denn Beobachtung. Ob meine Argumente in diesem Kontext dann validen Charakter besitzen ist irrelevant, da mein Kontext nicht derjenige meiner Zeitgenossen ist. Aber ich helfe gerne und dann kommt eins zum anderen.

  5. Ich will nicht glauben, dass dein Lob so gar nicht ernst genommen werden sollte. So wie das Vorbild von Brecht will ich es jedenfalls nicht nur lesen als ironische Bloßstellung überzogener Hoffnung, sondern auch als optimistischen Ansporn.

    Es ist viel Raum zwischen der arroganten Forderung, jede und jeder müsste fließend Kommandozeile sprechen oder hätte kein Mitleid verdient, und allen Bestrebungen, die es mehr Leuten ermöglichen, Technologie grundsätzlicher zu verstehen und zu beherrschen.

    Muss ja nicht immer gleich das Schulfach Internet sein, aber wenn der lokale Hackerspace den Workshop „Selberhosten für Facebook-User“ organisiert, könnten man den Kurs gut mit deinem Gedicht beginnen.

  6. Dass diese (sehr elegante) Parodie mit einem Körnchen Distanz zu nehmen ist, überrascht jetzt nicht wirklich, wenn man hier öfter mitliest. Und natürlich können nicht jede Sechzehnjährige und jeder Peer selbst hosten.

    Aber wie heißt es so schön: Keine Revolution ist auch keine Lösung.

  7. Ich würde da verschiedene Sachen trennen:

    1) Es sind auch erstaunlich viele Nerds unterwegs, die eben nicht selbst hosten, es aber problemlos könnten.

    2) Beim Selbsthosten geht es stark um das Vermeiden des Lock-in Effektes. Das ginge auch mit anderen Anbietern, gerade viele Bloghoster bieten ja eine Exportmöglichkeit. Facebook & Co nicht.

    3) Im Kern geht es um eine sinnvolle Kundenbeziehung zum Anbieter und gerade das bieten die kafkaesken Strukturen der großen Anbieter von Google über Apple hin zu Facebook nicht. Da liegt das wahre Problem.

  8. Selbsthosten wird immer einfacher. Immer mehr Menschen haben auch ohne Nerd zu sein eine eigene Domain registriert. Das kommt meist schon mit entsprechenden Diensten wie Mail und mehr daher. Ein Wechsel wann man will und wohin man will ist damit also möglich – man bleibt selbst in der Kontrolle und das ist der wichtigste Punkt beim Selbsthosten.

    Weiterhin bringen immer mehr Plastikboxen Hostingfunktionalitäten zum anklicken mit – das reicht vom NAS bin hin zu den Plasteroutern, denen man noch einen USB-Stick anstöpselt.

    Es ist also mit minimalem Lernaufwand für so ziemlich jeden möglich und sollte auch entsprechende propagiert werden.

    Und gerade für Personen, die die neuen Freiheiten erst entdecken und damit ihre ersten Schritte tun, ist es wichtig, auf die Fakten hinzuweisen. Ziel muss es sein, Personen im Netz zu haben, die selbstbestimmt agieren können, eben weil sie eine bewußte Entscheidung treffen können. Der Siegszug z.B. von Firefox zeigt, dass solche Alternativen möglich sind.

  9. Selberhosten ist derzeit durchausanspruchsvoll. Fair enough. Aber so war früher ziemlich viele Dinge. Einschließlich „ins Internet gehen“. Es ist ja nicht so, als müsse man selber in irgendeine Garage einen Server stellen und da Lampstack drauf installieren.

    Die Wahrnehmung, dass Selberhosten zu komplex ist, sagt doch nur, dass die UX der Hoster nicht so gut ist, wie die UX von Facebook oder Google. Nichts, was sich nicht ändern ließe. Am Ende sind es nicht zwei Pole, die sich gegenüberstehen, sondern ein fließender Übergang. Irgendwer macht einen Teil des Stacks auf dem hinterher das läuft, was Du als Deinen Teil vom Internet ansiehst. Ob das AOL, Google, Facebook, oder 1und1 und die Domainfactory machen ist dabei ja nur eine Frage der Wahrnehmung.

  10. Jeder, der sich schon mal damit befasst hat, wie schwierig es ist einem Non-Techie auch nur ansatzweise zu vermitteln, wie er sein eigenes WordPress hcohzieht, weiß was das „Problem“ ist 🙂
    (Und der WordPress Setup Prozess auf einem eigenen Webspace ist nun wirklich easy, im Vergleich zu anderen Tools)
    Für IT Pros kein Problem – aber für die Freundin, die in der Apotheke arbeitet 🙂
    (Von anderen Familienmitgliedern ganz zu schweigen)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.