Fun fact: Macs sind katholisch, Unix evangelisch

Computus-Tafel
Computus-Tafel und Ewiger Kalender als Kreisscheibe, gültig für den julianischen Kalender. (gemeinfrei)

Macs sind katholisch, DOS ist protestantisch – so argumentiert Umberto Eco. Dafür habe ich heute einen erstaunlichen Beleg gefunden bei der Recherche (für katholisch.de habe ich aus aktuellem Anlaß einen Artikel über die Geschichte und die Kontroversen ums Osterdatum geschrieben) – und zwar in Systemprogrammen von Mac und Unix.

Nicht umsonst heißt die Kunst der Osterberechnung auf lateinisch computus. Fun fact: Macs sind katholisch, Unix evangelisch weiterlesen

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Versuch über Materie und Leiblichkeit

Zeichnung von Descartes
Descartes entwirft einen holographischen Arzt.
Descartes diagram“ by René Descartes(?) – Scanned from Dagfinn Døhl Dybvig & Magne Dybvig (2003). Det tenkende mennesket. Oslo: Tapir akademisk forlag. ISBN 8251918642. Page 173. Which had it from Descartes: The World and Other Writings. Cambridge U.P. 1998.. Licensed under Public Domain via Wikimedia Commons.

Star Trek hat – im Rahmen der Erfordernisse des Plots – eine post-scarcity economy: Grundsätzlich gibt es dank Warp-Antrieb und Replikator weder Energie- noch Materie-Knappheit (außer wenn man die Ferengi als sekundärantisemitische Karikaturen aufbauen, Bajoraner in die Minen schicken oder Handelsverhandlungen führen will).

Weniger futuristisch dagegen: Die Materialität von Information. Wenn Voyager Briefe aus der Heimat empfängt, verteilt Neelix die Briefe einzeln per Padd an die Crew, und besonders frappierend: Es gibt ein virtuelles, missionskritisches Crewmitglied, den holographischen Arzt, und niemand macht eine Sicherungskopie, selbst wenn man ihn über dubiose Relays kurzzeitig in den Alphaquadranten schickt.

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Ba©h ist Bach: Das offene Wohltemperierte Klavier ist erschienen

Cover: Kimiko Ishizaka: Open Welltempered Clavier
Nicht nur im Netz, auch klassisch auf Trägermaterial zu erhalten.

Kimiko Ishizakas freie Aufnahme des ersten Buchs des Wohltemperierten Klaviers ist erschienen – und sie ist großartig geworden. Vor anderthalb Jahren habe ich zum crowdfunden aufgefordert, jetzt ist alles da: die freien Aufnahmen unter einer CC0-Lizenz, vom Urheberrecht befreite digitalisierte Notenblätter, die damit auch einen wichtigen Schritt in Richtung Barrierefreiheit machen.
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Hölderlins Roboterrobbe

Roboterrobbe Paro
Paro robot“ von Aaron Biggs, Flickr user ehjaybhttp://www.flickr.com/photos/ehjayb/21826369/. Lizenziert unter CC BY-SA 2.0 über Wikimedia Commons.

In der aktuellen Ausgabe des fiph-Journals ist ein lesenswertes Pro und Contra zur Frage des Einsatzes von Robotern in der Pflege: „Eine Therapie-Robbe für demenzkranke Menschen?“. Das Pro argumentiert vorsichtig mit dem Werkzeugcharakter der Robbe: Sie scheint zu helfen, Demenzkranke zu berühren und zu erreichen.
Das Contra schreibt der Hannoveraner Philosoph Jürgen Manemann. Er konzediert auch die positiven Effekte, deutet die Robbe dann aber als Verfallserscheinung einer fühllosen Gesellschaft, nicht »neue Form von Kommunikation«, sondern »Verlust von Kommunikation«, und er schließt: »Trost spenden können nur Menschen, Tiere und die übrige Natur.«
Ich finde es traurig, wie hier ein kulturpessimistischer Überbau und digitaler Dualismus (oder besser: »natürlicher« Dualismus oder, weniger sachlich: idealistischer Eigentlichkeitsfimmel) konkrete Pflege und Zuwendung entwerten.
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It goes way back.

Dylan, Bologna 2005
Bob Dylan in Bologna, November 2005. Neuere Dylan-Konzerte sind allesamt Variationen über ein Thema, optisch wie musikalisch. CC-by 2.0, JKelly
Kaum etwas ist so unersprießlich wie die Urheberrechtsdebatte. Anstatt die Mühen der Ebene anzugehen und ins Kleinklein der praktischen und pragmatischen Fragen zu gehen, geht es ums Ganze in einer Freund-Feind-Rhetorik – seitens derer, die in ihren Augen »Urheberrechtsbefürworter_innen« sind, gegen die »Urheberrechtsgegner_innen«, die doch tatsächlich gar nicht soviel wollen. Hier ein bißchen Fair use, da ein, zwei Schranken zusätzlich eingebaut, Recht auf Remix, die Legalisierung von kleinen Zitaten und Anspielungen, und weg vom Privileg des Fotoauslöserknopfes. Hilft Dylan vielleicht?
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Von Automatik zu Autonomie

De Anima, Titelblatt einer Inkunabel aus dem 15. Jahrhundert
De anima (CC by 2.0, Penn Provenance Project)
Zu den heftigeren Debatten meines Philosophiestudiums gehörte die im De-anima-Seminar von Professor Figal über die Frage, ob es künstliches Leben geben könne. Heftig vor allem deshalb, weil schon die Prämisse der Frage nicht zu vermitteln war: Wenn für Aristoteles Leben über die Seele bestimmt ist, und die grundlegende Funktion der vegetativen Seele Ernährung und Fortpflanzung ist, Leben also auf die Erhaltung der Art zielt – läßt sich dann eine (natürlich künstliche) Maschine bauen, die diese äußeren Merkmale nachahmt – also etwa selbst-replizierende Roboter –, die dann tatsächlich lebt? Warum das laut meinem Professor nicht der Fall sein soll, habe ich nicht verstanden, zumal von einem Phänomenologen: Wenn es sich in den relevanten Merkmalen wie Lebendiges verhält, was unterscheidet es dann von Lebendigem? Die alte Aristoteles-Debatte: Ist sein Lebensbegriff materialistisch-funktionalistisch oder vitalistisch? Ist das Lebensprinzip, das Aristoteles Seele nennt, eine eigene und spezielle Lebenskraft (das ist der Vitalismus), oder ist es eine phänomenologische Beschreibung davon, wie sich etwas zeigt, das lebendig genannt wird?

An diese Debatte aus meinen Studienzeiten hat mich gestern ein Tweet von Christoph Kappes erinnert, der sich dann doch nicht auf den Artikel zur Ethik autonomer Systeme bezogen hat:

(Wobei ich anderer Meinung bin: Ethik gilt für Lebewesen, Automaten „handeln“ nicht, „Handeln“=>Menschen.)

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Ethik autonomer Systeme

Robot Car (CC BY 2.0, Smoobs)
Robot Car (CC BY 2.0, Smoobs)
Einer der großen (Sponsoren-)Vorträge auf der vergangenen Re:publica war der von Dieter Zetsche, der viel über die Pläne von Mercedes zur Entwicklung selbstfahrender Autos erzählt hat – mit einer Lücke, die nicht überraschend ist, wenn ein Ingenieur solche PR betreibt: Welche ethischen Kalküle liegen der Steuersoftware selbstfahrender Autos zu Grunde? An diese Frage erinnerte mich wieder ein Artikel bei Heise zur Konferenz »Omnipräsenz ­ Leben und Handeln in der vernetzten Welt«.
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Gesten-Design

Pebble.
Pebble (mit dem sehr hübschen Watchface Filmplakat).

Seit gut drei Wochen trage ich meine Pebble, die mit dem Telefon verbundene Armbanduhr. Pebble wurde durch das bis jetzt erfolgreichste Kickstarter-Projekt finanziert – das Konzept kann also nicht ganz am Markt vorbei ausgedacht sein. Wearable computing ist eines der nächsten großen Dinge, Armbandgeräte sind viele in der Mache (Samsung jüngst mit seiner public beta als erster wirklich großer Player im Markt), und Google Glass natürlich. Nach den paar Tagen Smartwatch glaube ich nicht, daß der Formfaktor Armbanduhr für diesen Zweck ideal ist.
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Die Kritik liebt den Holzhammer mehr als das Reclamheft

© polyband Medien GmbH
© polyband Medien GmbH

»Wer darauf besteht, daß hinter jedem ›Goya‹ ein ›der berühmte spanische Maler‹ steht, der ist nicht mein Freund« – so oder ähnlich habe ich jüngst einen vielleicht etwas bildungshuberigen Schriftsteller über allzu erklärfreudiges Lektorat sagen hören. (Wer das war – Umberto Eco? Fritz Raddatz? Ich habe es nicht nachgegoogelt bekommen.) Gestern war ich im Kino, die neue Kohlhaas-Verfilmung von Arnaud des Pallières, und an dieses Zitat mußte ich wieder denken. Kleists Michael Kohlhaas ist zeitlos, wie es Fragen von Gerechtigkeit und Rache, Recht haben, Recht bekommen radikal durchdekliniert.

Der Film ist anders als die Novelle, nicht Kleists treibende Prosa, viel stiller, ständig Dialoge, die zur Hälfte aus Schweigen bestehen, die Wut Kohlhaas‘ ist viel kälter und ruhiger, eine wildromantische Ästhetik (natürlich: die Cevennen statt Brandenburg) mit schönen Pferden und schönen Landschaften. Der Film trifft eine Auswahl, reduziert die heiße Rache auf eine melancholische Verzweiflung an der Ungerechtigkeit, präpariert das Zeitlose – oder: von dem Zeitlosen, das in Kleists Novelle steckt – heraus, ohne mit Gewalt Bezüge und Anspielungen auf die Gegenwart herstellen zu müssen. Sie ergeben sich. Sapienti sat. (Freilich: Das Presseheft entblödet sich nicht, gleich auf der ersten Textseite eine Parallele aufzumachen – »schlägt furios den Bogen zur Gegenwart« – zu Hessels »Empört euch«.)

Der Regisseur traut den Zuschauer_innen etwas zu. Er stellt Andeutungen in den Raum, ohne sie ausführen zu müssen. Die Figur, die bei Kleist Luther ist (und für die in den Cevennen die Parallele nicht offensichtlich ist, aber auch nicht wichtig ist), wird nicht lange eingeführt und erklärt, sie sagt, was zu sagen ist, und sie wirkt aus ihren Handlungen und aus ihrem Dialog. Arnaud des Pallières zeichnet einzelne Akzente und Blitzlichter, vertraut auf die Kraft der Bilder und Figuren. Show, don’t tell.

Das hebe ich deshalb so heraus, weil ich dieses Jahr im Theater – wo ich auch vorwiegend Klassiker gesehen habe – oft das Gegenteil erlebt habe. Die Dresdener Inszenierung der Dreigroschenoper: Eine Nummernrevue mit Muppetmasken und unerklärlichen Auftritten von Darth Vader. Die Freiburger Inszenierung von Dantons Tod: kommt natürlich nicht ohne Che Guevara aus (wie schon bei der letzten Freiburger Inszenierung vor sieben, acht Jahren), nicht ohne einen Robespierre, der über Coltanabbau für das neue iPhone doziert. In dieser Form des Regietheaters wird das Publikum für dumm gehalten. Als würde nicht Büchners nackter Text von 1835 allein schon radikal sein. Als würde die Reflexion über die Revolution, die ihre Kinder frißt, über Geschichtsphilosophie, über Tugend und Republik nicht stark genug sein, daß ein nur minimal verständiges Publikum daraus selbst seine Schlüsse ziehen könnte. Die Regie vertraut entweder dem Text oder dem Publikum nicht, oder wahrscheinlich sich selbst und ihrer langweiligen Gesinnung von der Stange am meisten. Die Regie kaut und verdaut vor, bricht in mundgerechte Stücke und bereitet zeitgeistig auf, und bleibt dabei doch bestenfalls epigonal, indem sie ihr langweiliges und stromlinienförmiges Wiederkäuen von gedankenlos-populistischer Kabarett-Politik à la Heute-Show mit Haltung verwechselt, und das saturierte bildungsbürgerliche Publikum macht mit und gefällt sich in seiner Salonradikalität, wenn noch jede Tragödie als Farce wiederaufgeführt wird.

(»Kunst dem Volke?!: den slogan lasse man Nazis und Kommunisten: umgekehrt ists: das Volk (Jeder!) hat sich gefälligst zur Kunst hin zu bemühen!«)

Zweimal habe ich Dantons Tod dieses Jahr gesehen. Das erste Mal war am Berliner Ensemble in einer recht werknahen Inszenierung: Peymann hat den Mut, den Text wirken zu lassen. Bizarr waren die Kritiken: Während Peymanns handwerklich perfekte Inszenierung den Text kongenial in seiner Radikalität auf die Bühne brachte, bemängelten die Kritiken gerade die mangelnden Zeitbezüge – die Kritik liebt den Holzhammer mehr als das Reclamheft –, und bei der Freiburger Inszenierung wurde die abgestandene Modernisierung mit Wolf-Biermann-Guevara-Heiligenliedern als Repolitisierung gelobt, als bedürfte Büchners Text einer solchen und wäre nicht schon immer Wort für Wort eine Dramatisierung jeglicher Dialektik der Aufklärung avant la lettre.

Zum Glück war ich gestern im Kino, wo nicht nach jedem Akt ein Nackter einreitet und über die Finanzkrise spricht.

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Erschienen: Was ist konservativ?

Was ist konservativ
Markus Porsche-Ludwig & Jürgen Bellers (Hg.):
Was ist konservativ? Eine Spurensuche in Politik, Philosophie, Wissenschaft, Literatur. Nordhausen 2013.
Für das von Markus Porsche-Ludwig und Jürgen Bellert herausgegebene Buch »Was ist konservativ? – Eine Spurensuche«, das seit dieser Woche auf dem Markt (Affiliate-Link) ist, habe ich die Frage »Was ist konservativ« (in illustrer Gesellschaft) beantwortet:
Erschienen: Was ist konservativ? weiterlesen

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