Chasing Debenedetti – 4 Strategien gegen Twitter-Fakes

Heute war es Handke: Der Schriftsteller war nicht selbst auf Twitter, stattdessen gehört der Account in die lange Reihe an Fakes des selbsternannten Meisterfälschers Tommasso Debenedetti. Gestern tauchte @PHandkeOfficial auf Twitter auf, geadelt durch eine Begrüßung vom verifizierten Account der österreichischen Ex-Ministerin Karin Kneissl war dieser Fake einer der erfolgreicheren.

Mit etwas Debenedetti-Erfahrung sind die Fakes, die immer nach der gleichen Masche ablaufen, aber relativ leicht zu enttarnen. Der Fälscher ist seit 2011 dabei, ich verfolge ihn seit 2017, als er den Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki gefälscht hatte.

Da Debenedetti seine Masche quasi nicht verändert, habe ich in den letzten Jahren einige Strategien angewendet, mit der sich seine Fakes schnell aufdecken lassen – alle sind relativ trivial und schnell umzusetzen.

Außerdem ergänze ich diesen Artikel regelmäßig bei neuen Entwicklungen – nicht, um jeden einzelnen neuen Fake-Account zu dokumentieren: die Jagd macht müde, vor allem – siehe unten – da es immer mehr vom immer gleichen ist. Ein aktueller Blick auf das Medienphänomen Debenedetti bleibt aber interessant und lohnen – zumal er selbst an seiner Wirkung interessiert ist, ohne dabei allzu selbstkritisch zu sein.

Mehr Hintergründe dazu habe ich bei katholisch.de aufgeschrieben:

Im katholisch.de-Interview hat Debenedetti sein Vorgehen vor allem als kostenloses Medienkompetenztraining für Journalist*innen dargestellt – das immer noch viele der unfreiwilligen Teilnehmenden nicht bestehen: »Meine Fake-Accounts sagen den Journalisten: Prüft doch bitte eure Quellen, bevor ihr etwas veröffentlicht! Die Obsession mit exklusiven Meldungen, das Rennen gegen die Zeit um die erste Veröffentlichung von ›Breaking News‹ ist katastrophal für den Journalismus, gerade in Zeiten des Internets. Meine Fälschungen sollen diese Zustände offenlegen.« Angeblich sei Deutschland besonders resistent gegen seine Fälschungen; hier tue er sich besonders schwer mit seinen Fälschungen. Wie Trophäen trägt er die Liste der Medien vor sich her, die er schon genarrt hat: »die New York Times, die Washington Post, USA Today, Le Figaro, die Nachrichtenagentur AP, den Guardian, die ganzen russischen Medien« nennt er.

Ob das wirklich stimmt mit den besonders wachsamen deutschen Medien? Gerade die Literaturbranche fällt hier doch regelmäßig mit einer gewissen Leichtgläubigkeit auf – immerhin ist mittlerweile im Feuilleton Debenedetti auch kein Unbekannter mehr. Im September 2020 hatte sich der Deutschlandfunk intensiver mit ihm beschäftigt – unter dem Titel »Totenmelder der Literatur« konnte ich auch Einschätzungen abgeben, warum gerade dieses Milieu sich anfällig zeigt. Meine These ist, dass er »bei den Literaturen nun ein günstiges Milieu gefunden zu haben scheint: Da gibt es viele öffentlich zugleich präsente und abwesende Charaktere, denen man abnimmt, sich plötzlich auf Twitter anzumelden, und es gibt eine Fanbasis, die mit Interesse und Begeisterung dabei ist, zudem kann man das jeweilige symbolische Kapital der einzelnen Autoren auch noch abgreifen«.

Aus dem katholisch.de-Interview erfährt man auch die Strategien, die der Fälscher selbst anwendet: »Ich lese die Nachrichten. Wenn ein Minister oder ein Bischof ernannt wird, schaue ich nach, ob er einen Twitter-Account hat. Wenn nicht, baue ich ein Fakeprofil. Bischöfe nehme ich oft aus einem ganz einfachen Grund: Die haben besonders selten Twitter-Accounts. Ich empfehle allen Bischöfen, sich einen verifizierten Twitter-Account zuzulegen, das ist die beste Vorsorge gegen Fake News über sie.« Die immer gleiche Masche ist dabei auch Provokation, habe ich dem Deutschlandfunk gesagt: »ich muss noch nicht einmal „ausgefuchst“ vorgehen, um erfolgreich täuschen zu können. Und es wäre ja ein leichtes, sich ausgefeiltere Täuschungsstrategien auszudenken«.

Wichtig ist Debenedetti zu betonen, dass er keine politische Agenda verfolgt. Als Ende 2021 ein Fake-Account der frisch benannten neuen Kulturstaatsministerin Claudia Roth auftauchte und für gewisse Resonanz sorgte. Der Faktenfinder der Tagesschau nahm das zum Anlass, um noch einmal intensiv über die Welle von Angriffen zu berichten, der Roth aus der rechtspopulistischen und rechtsradikalen Szene seit Jahren ausgesetzt ist, und reihte auch den Fake-Account hier ein. Dass es sich um einen Debenedetti-Fake handelt, wurde dabei nicht erwähnt. Der echte Faker war darüber wenig erfreut und wandte sich an mich, ob ich ihm vielleicht helfen könnte: »Sie haben vielleicht die Geschichte über mein gefälschtes Konto der neuen Ministerin Claudia Roth gesehen. Ich habe gelesen, dass Sie in Deutschland eine Kontroverse auslösen und dass viele sagen, dass Sie Teil eines Angriffs auf die Partei und gegen Claudia Roth sind«, so Benedetti (im Original auf Englisch). Das sei natürlich nicht der Fall, so der Fälscher weiter: »Es ist nur mein neuer Fake-Account, um zu zeigen, wie einfach es ist, Fake-News in den sozialen Medien zu verbreiten. Hätten Sie einen Kontakt, um zu dementieren, dass es sich um eine Polemik gegen Roth handelt?« Größeres Schuldbewusstsein, was die Fälschungen bei den Gefälschten auslösen können, gibt es bei Debenedetti also nicht.

Strategie 1: Stilanalyse – schlechte Rechtschreibung, schematische Form und offizielle Behauptungen

Ein typischer Debenedetti wirkt immer ähnlich; mit der Zeit hat man es im Gefühl, ob ein neuer unbekannter Account einer bekannten Persönlichkeit (meistens Politiker*innen, Bischöfe oder Künstler*innen) in diese Fake-Reihe gehört.

Mustergültig: Der ganze Debenedetti-Fälschungszyklus am Beispiel Handke.
  • Seltsamer Name – gerne abgekürzte Vornamen, erst Nachname dann der Vorname, ein nachgestelltes »official« sind typisch
  • Schematische Bio – die Account-Kurzbeschreibung erwähnt in der Regel den Beruf oder das Amt, gefolgt von einem Punkt und einer Variante von »offizielles Konto« in passenden Sprachen, gelegentlich auch zweisprachig oder nur auf Englisch. Häufig kommen Rechtschreibfehler vor.
  • Bekanntes Profilbild – das verwendete Foto ist in der Regel leicht zu googeln, häufig unter den ersten paar Treffern für den Namen in der Google-Bilder-Suche, häufig handelt es sich um Agentur-Fotos
  • Rituelle Tweetabfolge – es beginnt immer mit einem Willkommens-Tweet, entweder einer oder zwei in verschiedenen Sprachen, in der Regel in der Form einfacher Gruß (»Herzlich willkommen!«) oder auch ausführlicher in einer Sprache, die Debenedetti besser beherrscht (»My first time on Twitter. Happy to be here!«). Darauf folgen gegebenenfalls wenige passende Retweets (gerne auch von Interaktionen mit verifizierten Accounts, wenn es die gibt), dann eine Todesnachricht, bei Fake-Bischöfen muß in der Regel der emeritierte Papst dran glauben. Kurz darauf dann die Auflösung, ebenfalls in einer ritualisierten Form in schlechtem Englisch (»This account is hoax created by Italian journalist Tommasso Debenedetti«).
  • Irreführende Schreibweisen: Erstmals am 8. März 2022 wendete Debenedetti eine neue Strategie an. Eine Todesmeldung zu Martin Walser wurde vom Account »@RowohIt« abgesetzt – der Kleinbuchstabe »l« ist vom Großbuchstaben »I« in der Twitter-Hausschrift kaum zu unterscheiden.

Strategie 2: Technische Fallen stellen – mit Twitter-ID und Listen auf der Fährte bleiben

Die Stilanalyse ist gerade bei neuen, bisher unbekannten Accounts hilfreich und in der Regel sehr zuverlässig – dennoch bleibt immer Restunsicherheit: Es könnte wirklich ein*e Prominente*r mit schlechter Rechtschreibung sein. Auf der sicheren Seite ist man bei Wiederholungsfällen. Debenedetti legt zwar ständig neue Twitter-Accounts an, verwendet aber gebrauchte auch weiter, indem er sie umbenennt – so nimmt er die Follower mit und verschafft sich dadurch mehr Glaubwürdigkeit. Twitter-Accounts können alle Daten quasi beliebig ändern – die User-ID bleibt immer gleich. Darüber lassen sich Accounts auch mit neuem Namen eindeutig zuordnen. Das kann man sich zunutze machen.

  • Die User-ID lässt sich über die Twitter-API ermitteln, praktische Dienste dafür sind GetTwitterID und TweeterID – mit dieser ID kann man dann direkt über Twitter den umgekehrten Weg gehen: Die ID an Stelle von $USERID in diese URL einfügen, und der aktuelle Accountzustand wird der Nummer zugeordnet: https://twitter.com/intent/user?user_id=$USERID
  • Die Android-App »ID Watcher for Twitter« kann die Abfrage automatisieren, Accounts über verschiedene Namensänderungen hinweg folgen und dokumentiert dabei auch die Account History. (Diesen Tipp verdanke ich @GioGioMe, der ebenfalls auf der Jagd nach Debenedetti ist.)
  • Accounts bleiben auf Twitterlisten, auch wenn sie den Namen ändern. Da Debenedetti bekannte Fake-Jäger präventiv blockt, sollte man eine geheime Liste mit einem anderen als dem Account anlegen, über den man üblicherweise kommuniziert. Ich habe meine Fake-Account-Liste in einer Spalte bei Tweetdeck, bei der ich die Benachrichtigungen für jeden Tweet angeschaltet habe – so bekomme ich bei recycelten Accounts sofort beim Begrüßungstweet eine Pushnachricht.
  • Eine ausführliche Dokumentation des Lebenszyklus eines Fake-Accounts gibt es wiederum bei @GioGioMe in einem Thread.

Strategie 3: Bei offiziellen Stellen verifizieren – formlos, fristlos, fruchtlos

  • Bei den zuständigen Pressestellen anfragen war bisher immer relativ unersprießlich, die Anfragen, ob die Spitze des jeweiligen Hauses neu auf Twitter ist, konnte erstaunlich oft nicht aus dem Stand beantwortet werden. Viele Pressestellen rechnen mit Alleingängen ihrer Spitzenkräfte. Daher habe ich es mittlerweile aufgegeben, kurzfristig Pressestellen zu kontaktieren.
  • Das gilt auch für das direkte Antwittern von Verlags-Accounts – oft dauern Antworten dort so lange, dass das offizielle Dementi auch nichts mehr bringt.
  • Viel zu träge ist auch das Unternehmen Twitter selbst; bis ein Account nach einer Meldung gesperrt ist, dauert es erstaunlich lange – länger jedenfalls als der übliche Begrüßungs-Todesbotschaft-Auflösungs-Zyklus.

Strategie 4: Eigenschutz und Fremdschutz – Umgang mit Fake-Twitter-Accounts

  • Fake-Accounts mit vielen Followern und Interaktionen sehen realistischer aus. Daher: Nie folgen, auch nicht ironisch oder weil man das Elend live miterleben will. Stattdessen den Account lieber in eine Twitterliste packen und die im Auge behalten.
  • Im Interview hat Debenedetti mir zu seiner Opferakquise erzählt, daß er Prominente auswählt, die gerade in den Medien sind und die keinen eigenen Twitter-Account haben. Daher: Zumindest ein Platzhalteraccount lohnt sich für Menschen, die glauben, Fake-Opfer werden zu können.

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