Glauben in der Digitalität: Netze knüpfen, Netze auswerfen

Für die Ausgabe 3/2019 der medienpädagogischen Zeitschrift merz habe ich einen Überblick über Glauben im Netz geschrieben. Die Ausgabe befasst sich mit dem Titelthema »Digitalität. Religion. Pluralismus« – mir ging es darum, einmal aufzuzeigen, wie die religiöse Landschaft im deutschsprachigen Netz aussieht – und ein kirchliches Engagement im Netz starkzumachen, das sich theologisch aus einer Betonung der Taufwürde aller Christ*innen und ihrer Verantwortung speist, anstatt nur Institutionen senden zu lassen.

Marijcke Visser, »Wonderbare visvangst« (Door Gouwenaar – Eigen werk, CC0)

Abstract: Die Digitalisierung wirkt sich auf viele Lebensbereiche aus und auch die Kirche versucht, sich digitalen Trends anzuschließen. Einige Bistümer und Pfarrer unterhalten eigene Twitter– oder Facebook-Accounts und Gläubige treffen sich online zum Beten. Wie lassen sich ‚Amen‘ und ‚Likes‘ vereinen? Dieser Beitrag befasst sich mit den Möglichkeiten, die die digitale Kirche mit sich bringt und beleuchtet die Sichtweise ihrer Gegnerinnen und Gegner sowie strukturelle Hindernisse.

Glauben in der Digitalität: Netze knüpfen, Netze auswerfen

„Vorsicht, Twitter-Falle“, schrieb Wolfgang Huber, der ehemalige Bischof der Landeskirche Berlin-Brandenburg, Mitte Januar. „Die Kirche darf nicht denken, sie ist beständig neu, wenn sie sich digitalen Trends anschließt. Sie muss ein Ort sein, an dem sich Menschen begegnen und sich nicht durch Twittern aus dem Weg gehen” (Huber 2019). Huber war zu diesem Zeitpunkt ziemlich genau ein Jahr auf Twitter. Er stach damit in ein Wespennest: Seit Jahren findet auf Twitter unter dem Hashtag #digitalekirche eine lebhafte und engagierte Debatte über die Gestalt der Kirche im Digitalen statt. Der Altbischof war dabei eher eine Randfigur; auch aufgrund seines eigenen Dialogverhaltens in den Sozialen Medien. Am Anfang antwortete er mit seinem Twitter-Account noch auf Anfragen (genau dreimal), ab dann wurde es selbstbezüglich: Statements und Hinweise auf Medienauftritte Hubers wechseln sich seither ab.

Huber hatte mit seinem Tweet genau das Klischee bedient, das in der digitalen Kirche schon länger über kirchenleitende Personen kursiert: Kurz hineingeschmeckt, kein Dialog, aber mit Auskennermiene abgeurteilt. Das ist doch keine echte Begegnung, das ist oberflächlich, das lohnt sich nicht.

Digitaler Dualismus: virtuell vs. real

Huber macht besonders eine These stark: „Wir kommen als analoge Wesen auf die Welt und bleiben das ein Leben lang“ (Terbuyken 2019). Das Digitale ist demnach stets nur etwas, das dazukommt und ist im Vergleich zu eigentlichen, „analogen” Begegnungen weniger echt. Der Mediensoziologe Nathan Jurgenson hat für diese Unterscheidung zwischen dem „eigentlichen“ Leben und der Digitalität den Begriff des „digitalen Dualismus“ geprägt: „Digital dualists believe that the digital world is ‚virtual’ and the physical world ‚real‘“ (Jurgenson 2011).

Dem gegenüber steht ein Verständnis, dass das Digitale ein Aspekt der Realität ist und dass dort genauso „echte“ Begegnung stattfindet wie in Telefonaten, Briefen und mündlichen Gesprächen. Die Hannoveraner Regionalbischöfin Petra Bahr formulierte dazu als Replik auf Huber in einem Twitter-Thread1 (Bahr 2019) die These, beim Nachdenken über die Struktur und das Wesen der Kirche müsste man den „Dualismus von ‚analog‘ und ‚digital‘ beenden und die Durchlässigkeit […] gestalten und bedenken.” Das zur kommunikationswissenschaftlichen Binse abgenutzte „the medium is the message” (McLuhan) darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Wahl des Mediums zwar Signale sendet, Kommunikation aber medienunabhängig einen menschlichen Grundvollzug darstellt.

Die Huber-Kontroverse ist typisch für den kirchlichen Online-Diskurs, und keineswegs sind diese Argumente auf den evangelischen Bereich beschränkt. Die katholischen kirchenamtlichen Aussagen schwanken zwischen einer differenzierten Diskussion und dualistischen Klischees der Trennung von vermeintlich „echter“ Welt und „Virtualität“ (ein Überblick in Neumann (2018)), auch wenn sich Papst Franziskus jüngst erfreulich klar zugunsten einer nicht-dualistischen Sicht geäußert hat: „Das Bild des Leibes und seiner Glieder erinnert uns daran, dass die Nutzung der Sozialen Netzwerke eine Ergänzung zur leibhaftigen Begegnung ist, die sich durch den Körper, das Herz, die Augen, den Blick, und den Atem des anderen verwirklicht“ (Papst Franziskus 2019).

In der Praxis haben solche Diskussionen zwar für eine gewisse Verspätung in der Beschäftigung mit dem Digitalen geführt – Pionierinnen und Pioniere der digitalen Kirche gab es aber dennoch schon früh. Mindestens seit den 90er Jahren gibt es spirituelle und seelsorgliche Angebote im Netz, seit gut 20 Jahren eine institutionalisierte Internetseelsorge.

Marginale radikale Ränder

Daneben steht die schon erwähnte konservative Blogszene, die ebenfalls schon Jahrzehnte präsent ist. Gerade in den 90ern (mit John Perry Barlows „Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace“) bis zum „Arabischen Frühling”, der als „Twitter-Revolution“ apostrophiert und mit großen Hoffnungen verbunden war, war das Netz lange ein Projektionsraum für demokratische und partizipative Hoffnungen. Auch wenn diese Hoffnungen weithin Ernüchterung und Enttäuschung gewichen sind, bestätigte gerade diese, sich selbst als „Blogozöse“ (ein Kofferwort aus „Blog“ und „Diözese“) bezeichnende Szene, zentrale Thesen des Online-Optimismus: Marginalisierte Gruppen, die in der weithin liberalen klassischen kirchlichen Öffentlichkeit der Gemeinden und Verbände zu wenige sind, um sich zu organisieren, finden im Netz zueinander und stärken sich gegenseitig. Die klassischen Beispiele hierfür waren eigentlich einsame Teenager auf dem Land, die anders waren (vgl. boyd 2015). Im kirchlichen Bereich war es dagegen eine immer mehr ins reaktionäre abdriftende Szene (vgl. als Überblick exemplarisch Spadaro/Figueroa 2017), die das Empowerment durch Vernetzung für sich nutzte.

Die Mitte der Kirche dagegen fremdelt immer noch mit dem Netz. Der eigene Anspruch an eine gesellschaftliche Anschlussfähigkeit ist schwierig in einem hochgradig säkularen Umfeld. Mit spezifisch kirchlichen Sprachcodes tut man sich online schwer.

Dabei gibt es durchaus einen Bedarf an religiös kodierter, zumindest aber in einer religiös beeinflussten Sprache formulierten, Kontingenzbewältigung, auch in säkularen Netzöffentlichkeiten. Anlässlich von Katastrophen und Terrorismus entstehen – ohne eine erkenntliche Steuerung durch kirchliche oder spezifisch religiöse Akteurinnen und Akteure – Rituale der Trauerbewältigung und Anteilnahme: Hashtags wie #prayforparis (nach dem Bataclan-Anschlag) oder #prayforberlin (nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidtplatz) oder #prayforlasvegas (nach dem Amokschützen im Hotel Mandalay) gehören zu kollektiven Trauerritualen so selbstverständlich wie die Kerze oder die Blume am Tatort. Entsprechende Trauerbedürfnisse greifen dann auch kirchliche Kanäle auf. Regelmäßig gehören, so etwa im Bistum Essen und bei katholisch.de,2 entsprechende schlicht gestaltete Postings (etwa Kerzen oder einfach nur schwarze Bilder mit dem Hashtag) zu den nach Kennzahlen stärksten Veröffentlichungen. Die Stimmung in den Kommentaren ist meist äußerst positiv, besinnlich und dankbar. Die Kommentarspalten nehmen in den Sozialen Netzwerken Funktionen an, die auch offene Kirchen und zentrale Plätze nach schlimmen Ereignissen haben.

Sender-Empfänger-Prinzip in künstlichen Raumgliederungen

Solche Kommunikation, die Gefühlslagen schnell aufgreift, ist damit zugleich auch pastorales Handeln, das auf die Trauer und Angst der Menschen eingeht und sie tröstet. Selbstverständlich besteht derartig dialogische und responsive Kommunikation aber nicht permanent. Gerade die Bistümer, die durch ihre große Autonomie verbunden mit der Finanzhoheit eigentlich strukturell gut aufgestellt wären, um schnell und gut ein neues Medium für sich zu erschließen, hatten damit lange Probleme. Teilweise ist auch das strukturell bedingt: Die Bistumsgrenzen sind nun einmal fest gesetzt und inkongruent mit lebensweltlich präsenteren Raumgliederungen, etwa den Bundesländern. Aber es sind nicht nur diese territorialen Herausforderungen. Paradigma kirchlicher Kommunikation war lange und ist in weiten Teilen immer noch das Sender-Empfänger-Prinzip.

Hierarchisch-kirchliche Online-Angebote orientieren sich immer noch zu sehr an binnenkirchlicher Strukturlogik, auch innerhalb der Bistumsgrenzen. Ein Problem, das mit Gebietsreformen, aus denen immer größere Seelsorgeräume hervorgehen, noch verschärft wird. In der Lebenswelt von Menschen kommen nicht „Seelsorgeeinheiten” und „Pfarrverbünde”, nicht einmal hergebrachte Strukturen wie „Dekanat” oder „Diözese” vor, sondern vor allem der Wohnort, der Pfarrer, die Bekannte im Pfarrgemeinderat, der Kirchturm – und die Kirche. Google-Suchen nach Christmetten und Taufterminen beziehen sich auf die lebensweltliche Struktur statt auf die nicht einmal mit staatlichen Gebietsgrenzen kompatiblen kirchlichen Territorialstrukturen.

Für Bistümer kommt eine weitere Herausforderung dazu: Als Institution nehmen sie zugleich viele disparate Funktionen war. Theologisch sind sie Ortskirche, aus Organisationssicht obere Verwaltungsbehörden. Sie sind Arbeitgeber und sie agieren als zivilgesellschaftliche und politische Akteurinnen und Akteure. Der aus theologischer Sicht zentrale Aspekt als Ortskirche zu fungieren und damit eine wichtige Bezugs- und Identifikationsgröße für die Gläubigen darzustellen, bleibt in großen Bistümern eher abstrakt. Institutionelle Kommunikation ist daher schwierig und angesichts der vielen Zielgruppen und Kommunikationsanlässe kaum zu vereinheitlichen,3 personalisierte Kommunikation ist zu aufwendig und wird vergleichsweise wenig genutzt. Wo Bischöfe auch selbst in der Online-Kommunikation ihres Bistums vertreten sind, erzielen sie ungleich größere Reichweiten als die vergleichbaren Bistumsauftritte: Der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick (@BischofSchick) richtet sich auf Twitter an knapp über 5.000 Follower. @BistumBamberg erreicht kaum 2.000. Auf Facebook hat die Seite des Bistums Passau ungefähr 2.500 „Fans”, Bischof Stefan Oster sogar über 16.000.

Personen sind attraktiver als Institutionen

Das liegt nicht an der Qualität der Kommunikationsabteilungen, die die institutionellen Kanäle verantworten: Die genannten Auftritte sind durchweg professionell und ansprechend betreut. Die kommunikative Logik, nicht nur der Sozialen Netzwerke, macht es schlicht attraktiver, mit Personen als mit Institutionen zu kommunizieren. Als Person, auch als Amtsträger, lässt es sich viel freier und natürlicher kommunizieren – wenn auch natürlich zu dem Preis hohen zeitlichen Aufwands und unter der Bedingung einer Grundaffinität für das Medium. Nicht jeder Bischof kann und will in diesen Medien reüssieren.

Im Erfolg liegt auch eine weitere Herausforderung: Direkte Kommunikation skaliert nicht, ganz anders als Massenkommunikation: Jede weitere erreichte Person erzeugt neuen Arbeitsaufwand. Das Sender-Empfänger-Prinzip war eine notwendige Konsequenz aus der Reichweite der Massenmedien. Bei direkter Kommunikation wirken zudem Rationalisierungsversuche wie Textbausteine und automatisierte Antworten schnell kalt und unpersönlich.

Bistümer sind keine Love brands

Das macht auch die Nutzung des Netzes für Mitgliederbindung und Mitgliedergewinnung, theologisch gesprochen Gemeindebildung und Mission, anspruchsvoll. Von Strukturen lassen sich Menschen selten begeistern. Wichtig wäre das, was in den Dokumenten der Würzburger Synode4 mit Blick auf die Jugendarbeit „personales Angebot“ heißt: Menschen, die sich mit ihrem eigenen Glauben als glaubwürdige Dialogpartnerinnen und -partner zeigen – oder zumindest Strukturen, die sich dialogisch, responsiv und serviceorientiert zeigen. Das ist dann allerdings auch verbunden mit dem Risiko, dass Kommunikationsabteilungen nicht mehr mit hohen Zugriffszahlen und Reichweiten wuchern könnten, sondern eine vergleichsweise kleine Menge an Menschen, diese aber direkt erreichen.

Auf den ersten Blick wäre das ein großer Paradigmenwechsel in der kirchlichen Kommunikation. Eine nüchterne Betrachtung der Reichweiten kirchlicher Social-Media-Engagements könnte den Schmerz lindern. Auch ein personell und finanziell gut aufgestelltes Erzbistum wie Köln erreicht mit seiner hochwertigen Social-Media-Arbeit nur gut 12.000 Fans auf Facebook. Selbst wenn man es nicht mit der Fanseite des lokalen Fußballvereins vergleicht (1. FC Köln, 750.000 Facebook-Fans), sondern mit ungleich kleineren Clubs, muss man schon in die dritte Liga gehen, um mit Vereinen wie der SG Sonnenhof Großaspach Fanseiten zu finden, die zumindest in Sichtweite kirchlicher Social-Media-Präsenzen sind.5 Bistümer sind keine „Love brands“.

Das heißt nicht, dass kirchliche Inhalte von vornherein auf eine Nische beschränkt bleiben müssen. Dem Bistum Essen, das nach der sehr einfachen und wenig aussagekräftigen Metrik der Fanzahlen die größte der Facebook-Bistumsseiten ist, gelingt es immer wieder, mit cleveren und preisgekrönten Kampagnen sechs- bis siebenstellige Reichweiten zu erzielen: Qualitativer Content funktioniert, auch wenn er kirchlich formatiert und vom kirchlichen Absender kommt. Erfolgreiche Kampagnen wie die der Ostergeschichte in „Echtzeit” über WhatsApp bis zum jüngsten Erfolg einer Einweisung in die Christmette durch eine Stewardess zeichnen sich, neben den massenkommunikativen Anteilen der Kampagne, vor allem durch ihre dialogische Kommunikation aus: Zum Kommunikationskonzept gehört es, jede Anfrage ernst zu nehmen und zu beantworten. Methodisch liegt dem der Dreischritt ‚Kontakt – Dialog – Bindung‘ zugrunde. Der Erstkontakt wird über Kampagnen erzeugt und bewegt sich damit noch im massenmedialen Paradigma. Viele kirchliche Kommunikationskampagnen würden hier stehenbleiben. Integral gehört es aber auch dazu, die so generierte Reichweite nicht als Selbstzweck zuverstehen, sondern den Dialog mit den erreichten Menschen aufzugreifen und so – hoffentlich – Bindung zu erzeugen, wenigstens in Form gesteigerter Grundsympathie für den Absender.6

Netzpastoral

Neben den in den Pressestellen angesiedelten Kommunikationsprojekten gibt es auch zunehmend eine institutionalisierte Netzpastoral. Derzeit besonders erfolgreich ist das im Bistum Speyer entstandene Projekt der Netzgemeinde DA_ZWISCHEN, die über verschiedene Social-Media- und Messenger-Kanäle agiert und dabei auch gemeindebildend, mindestens aber gemeinschaftsbildend wirkt. Neben Impulsen gibt es mittlerweile auch Experimente mit Online-Exerzitien und persönlichen Treffen (vgl. Goldinger 2017).

Die erwähnten Projekte sind Beispiele für von der Institution ausgehende Kommunikation. Mit Social-Media-Kommunikation ist aber immer auch ein Kontrollverlust verbunden. In einer traditionell und hierarchisch aufgebauten Organisation wie der Kirche ist das zumindest eine Herausforderung. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass kirchliche Medienarbeit vor allem in Kategorien von „owned media” (Medien unter eigener Verfügungsgewalt wie die eigene Facebook-Seite oder Kirchenzeitungen) oder eingeschränkt auch „payed media” (bezahlte Medienauftritte bei Dritten wie Werbekampagnen) denkt. Die Idee einer strategischen Nutzung von „earned media”, also der Erwähnung durch Dritte, ist bis auf die klassische Pressearbeit mit Pressemeldungen, Pressekonferenzen und Hintergrundgesprächen, die zu Berichten in unabhängigen Medien führen, kaum verbreitet. Nur vereinzelt gibt es dafür Konzepte.7

Nicht nur Hierarchie, sondern auch Gemeinschaft

Dabei wäre das auch aus theologischer Sicht geboten. Eine rein institutionenbezogene Kommunikationsstrategie passt eigentlich nicht zu einem Kirchenbild, das die Befähigung aller Getauften und deren Rolle für den Sendungsauftrag der Kirche betont. Die Kirche ist nicht nur Hierarchie der Geweihten, sondern auch Gemeinschaft der Gläubigen. Wiederum säkular gewendet: Markenbotschafter-Strategien gibt es kirchlicherseits kaum.

Im einfachsten Fall kristallisieren sich solche kleinen Communities um einzelne Personen. Gerade Ordensleute, die durch ihre Lebensform schon zeichenhaft sind, können so wirken, auch ohne einen offiziellen Auftrag zur Onlineseelsorge. Das Twitter-Netzwerk des fußballbegeisterten Benediktiners, die Facebook-Freunde der meinungsfreudigen Dominikanerin, die Instagram-Kontakte der jungen Franziskusschwester oder die Community um den Orgel-YouTuber Lingualpfeife (vgl. Lassiwe 2019) sind Beispiele dafür, wie glaubwürdige Zeuginnen und Zeugen in die Netzöffentlichkeit hineinwirken können. In der Summe entstehen so aus vielen kleinen Kontakten doch große Reichweiten, weil es eben nicht nur drei exemplarische Ordensleute und einen Organisten gibt, sondern sehr viele als Christinnen und Christen erkennbare und identifizierte Menschen, die in ihrem Umfeld ohne Auftrag der Kirche im Netz aktiv und gut vernetzt sind – und im Schnitt haben Menschen bei Facebook über 300 Kontakte.8 Manche Pfarrei-Fanseite wäre froh über so viele Likes.

Aus solchen Kontakten ist eines der erfolgreichsten Gebetsnetzwerke im deutschsprachigen Netz entstanden: Seit mittlerweile fünf Jahren trifft sich auf Twitter die Gebetsgemeinschaft Twomplet, gruppiert um den Account (@twomplet) und den gleichlautenden Hashtag, um das Abendgebet der Kirche zu beten. Mitglieder der Community gestalten die Treffen im Wechsel, seit Ende 2015 wird zudem morgens die Twaudes (@_twaudes) gebetet. Institutionelle Unterstützung oder Finanzierung braucht es dafür nicht – die Gruppen sind ökumenisch ausgerichtet, selbstorganisiert und selbstbewusst.

Rückzug in geschützte Kanäle

Diese persönliche Kommunikation als Teil der Kommunikation der Kirche aufzufassen, ist nicht nur theologisch schlüssig. Es kompensiert auch eine Schwäche institutioneller Kommunikation, die sich aus neueren Entwicklungen der Medienlandschaft ergibt: Die öffentliche Social-Media-Kommunikation, wie sie Facebook und vor allem Twitter immer noch zu großen Teilen ausmacht, verliert zugunsten von geschlosseneren, intimeren Foren: Das sind innerhalb Facebooks geschlossene Gruppen und darüber hinaus verschiedene Messenger-Dienste, allen voran WhatsApp. Kirchliche Kommunikationsstrategien haben das bisher höchstens sehr indirekt im Blick, indem etwa Publikationen Sharing buttons für WhatsApp und E-Mail anbieten – oder noch indirekter, indem Christinnen und Christen in klassischen Glaubenskursen oder Katechesen die Kompetenz erwerben, über ihren Glauben Auskunft zu geben.

Das Feld kirchlicher Online-Kommunikation ist also sehr weit – und tiefer als es ein oberflächlicher Blick auf kirchenoffizielle Kanäle vermuten ließe. Bisweilen kommt es sogar – wie bei der Netzgemeinde da_zwischen, bei Twaudes und Twomplet oder bei der Lingucommunity des Orgel-YouTubers Lingualpfeife zu einer Art Personal- und Kategorialgemeindebildung. Diese Formen sind für einige die primäre Form von kirchlicher Gemeinschaft. Doch die klassische Territorialpfarrei passt nicht zu solchen Organisationsformen, und, gerade für die katholische Kirche: Die sakramentale Gestalt der Kirche ist über Online-Vergemeinschaftungen nicht abbildbar, solange es dogmatisch für Sakramente Präsenz braucht.

In seiner aktuellen Botschaft zum Welttag der sozialen Kommunikationsmittel betont Papst Franziskus den Wert von Social Media für religiöse Vergemeinschaftung, allerdings stets auf die Präsenz bei der Messe hingeordnet: „Wenn eine kirchliche Gemeinschaft ihre Aktivitäten durch das Internet koordiniert und dann gemeinsam Eucharistie feiert, dann ist es eine Ressource” (Papst Franziskus 2019). Physische Präsenz wird also wohl weiterhin unerlässlich sein für den Empfang der Sakramente – von Bischof Hubers „Twitter-Falle” kann aber (zumindest mit Papst Franziskus) keine Rede sein, weil das Netz eben auch ein Ort ist, an dem sich Menschen begegnen: „Das ist das Netz, das wir wollen. Ein Netz, das nicht als Falle genutzt wird, sondern der Freiheit und dem Schutz einer Gemeinschaft freier Menschen dient.“

Korrektur

Im ursprünglichen Text wurde Petra Bahr als Superintendentin bezeichnet. Korrekt ist Regionalbischöfin.

Literatur

Bahr, Petra (2019). Twitter-Post vom 02.02.2019. https://twitter.com/bellabahr/status/1091797332247617536 [Zugriff: 14.03.2019]

boyd, danah (2015). It’s Complicated: The Social Lives of Networked Teens. New Haven: Yale University Press.

Calmbach, Marc/Flaig, Bodo B. /Möller-Slawinski, Heide (2018). Kirchenmitglied bleiben? München/Heidelberg: Sinus-Institut/MDG (Eigenverlag/Book on Demand).

Papst Franziskus (2019). Botschaft von Papst Franziskus zum 53. Welttag der sozialen Kommunikationsmittel. https://w2.vatican.va/content/francesco/de/messages/communications/documents/papa-francesco_20190124_messaggio-comunicazioni-sociali.html [Zugriff: 14.03.2019 ]

Goldinger, Felix (2017). Meine Gemeinde passt DA_ZWISCHEN: Spiritualität im digitalen Raum. https://digitalelebenswelten.bdkj.de/2017/08/24/meine-gemeinde-passt-da_zwischen-spiritualitaet-im-digitalen-raum/ [Zugriff: 14.03.2019 ]

Huber, Wolfgang (2019). Twitter-Post vom 11.01.2019. https://twitter.com/Prof_Huber/status/1083643372525547520 [Zugriff: 14.03.2019 ]

Jurgenson, Nathan (2011). Digital Dualism versus Augmented Reality. https://thesocietypages.org/cyborgology/2011/02/24/digital-dualism-versus-augmented-reality [Zugriff: 14. 03.2019]

Lassiwe, Benjamin (2019). Lingualpfeife: Klicks mit der Orgel. In: Herder Korrespondenz, 2019 (2), S. 8, www.feinschwarz.net/marienkleid-und-klimawandel [Zugriff: 14. 03.2019]

Maier, Susanne (2019). Kirche in Social Media kann Spaß machen. In: Social Hub Mag 9/2019, S. 12–20.

Antonio Spadaro/Marcelo Figueroa (2017). Evangelical Fundamentalism and Catholic Integralism: A Surprising Ecumenism, In: La Civiltà Cattolica, 13. Juli 2017, www.laciviltacattolica.it/articolo/evangelical-fundamentalism-and-catholic-integralism-in-the-usa-a-surprising-ecumenism [Zugriff: 14.03.2019]

Wolfram, Stephen (2013). Data Science of the Facebook World. https://blog.stephenwolfram.com/2013/04/data-science-of-the-facebook-world [Zugriff: 14.03.2019]

Neumann, Felix (2018): Digitale Lebenswelten bei der Vorsynode und im Lehramt der Kirche, 12. April 2018, https://digitalelebenswelten.bdkj.de/2018/04/12/digitale-lebenswelten-bei-der-vorsynode-und-im-lehramt-der-kirche/ [Zugriff 14. März 2019)

Neumann, Felix/ Wiegelmann, Tobias (2018). Kirche im Detail: Instawalks in Kirchen und Klöstern. In: Katechetische Blätter 4/2018, S. 303–307.

Terbuyken, Hanno (2019). Wolfgang Huber: „Wir kommen als analoge Wesen auf die Welt“. www.evangelisch.de/inhalte/154888/31-01-2019/interview-mit-wolfgang-huber-zur-twitterfalle-und-kirche-social-media [Zugriff: 14. März 2019 ]

Endnoten

1Streng genommen handelt es sich um keine Replik, sondern um eine „non mention” oder einen „subtweet” von Huber: Alle wissen, dass er gemeint ist, er wird aber nicht erwähnt – schon in der virtuosen Nutzung der kommunikativen Codes des Netzwerks wird die unterschiedliche Perspektive deutlich.

2 Exemplarisch ein entsprechendes Posting von katholisch.de, das den etablierten Hashtag mit einem Gebet näher an klassische christliche Ausdrucksformen führt: www.facebook.com/katholisch.de/photos/a.159232154158327/1471685429579653/

3 Die Kritik von Leimgruber (2018) an den Webseiten von Bistümern stellt daher auch nur einen Ausschnitt heraus, etwas zu kurz kommen die verschiedenen Kommunikationsanlässe und die Schwierigkeit, diese alle unter einer Adresse zu bündeln.

4 Bei der Würzburger Synode (1971–1975) berieten Kleriker und Laien über die Zukunft der Seelsorge in Deutschland und die Umsetzung der Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils. Der Begriff stammt aus dem Beschluss „Ziele und Aufgaben kirchlicher Jugendarbeit“

5 Die Kennzahl „Fans” ist für eine tiefergehende Analyse nicht sinnvoll, da sie nur sehr unzureichend Auskunft darüber gibt, an wie viele Menschen die Inhalte eines Auftritts ausgespielt werden und wie viele damit tatsächlich auch interagieren; insofern kann dieser Vergleich nur eine allererste Annäherung an die Relevanz kirchlicher Präsenzen sein.

6 Vgl. dazu Jens Albers im Interview (Maier 2019).

7 Ein Beispiel dafür ist die vom Autor bei katholisch.de koordinierte Veranstaltungsreihe #instakirche, bei der die lokale (in der Regel sehr säkulare) Instagram-Community in am Ort bedeutende oder auch nur interessante Kirchengebäude zu exklusiven Führungen eingeladen wird. Die Ergebnisse dieser Fototouren werden nicht auf kirchlichen Kanälen veröffentlicht, sondern dezentral von den Teilnehmenden auf ihren Instagram-Accounts, verbunden nur über ein (prinzipiell von allen nutzbares) Hashtag (vgl. dazu Neumann/Wiegelmann 2018).

8 Bereits 2013 kam eine Studie des auf Datenanalyse spezialisierten Unternehmens Wolfram Alpha auf durchschnittlich 343 Kontakte. (Wolfram 2013)

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