Zwei Sorten symbolische Freiheit

Quelle: CC-by-sa 3.0, Pappnaas666
Quelle: CC-by-sa 3.0, Pappnaas666

Martin Schulz hat wohl etwas gesagt. Was genau, ist so klar nicht. Irgendwas mit religiösen Symbolen im öffentlichen Raum, die da nicht sein sollen, nur: Den genauen Wortlaut finde ich nicht.

Was Schulz gesagt hat, kann ganz verschiedenes sein — und wie ich finde, etwas sehr vernünftiges oder etwas sehr dummes.

Dumm und geschichtsblind wäre, freiheitsfeindlich sowieso, wenn Schulz wirklich eine religiös neutrale Öffentlichkeit fordern würde. Zur Religionsfreiheit gehört konstitutiv, daß sie den Menschen den Ausdruck ihrer Religion erlaubt — auch in der Öffentlichkeit. Kirchen und Moscheen bauen (in Deutschland gerade Moscheen bauen!), Kreuze, Ordenskleidung, Turbane und Schleier tragen (in Deutschland gerade Schleier tragen!). Dazu gehört auch, daß andere Dinge dulden müssen, die sie nerven. Kirchenglocken und Muezzine. Prozessionen. Im Rahmen der Menschenrechte auch wunderliche Praktiken, die man selber für unmoralisch hält: Den Ausschluss von Frauen vom Priesteramt, Beschneidung und Schächtung.

Ich hoffe, Schulz hat so eine dumme, freiheitsfeindliche Verabsolutierung der Laizität nicht gefordert.

Denn die Forderung nach Neutralität und dem Verzicht auf religiöse Symbole kann man auch freiheitsfördernd stellen: All die Freiheiten, die ich oben genannt habe, sind Freiheiten von Gläubigen (und Ungläubigen, die auch von der Bekenntnisfreiheit profitieren) und Glaubensgemeinschaften. Und die profitieren davon, wenn sie aus ihrer eigenen Kraft ihre Religion bezeugen, ohne daß der Staat Vorentscheidungen trifft, indem er sich mit einer Religion gemein macht, etwa durch Kreuze im Klassenzimmer. (Die entsprechende Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts halte ich nach wie vor für sehr klug: Es forderte Neutralität durch Selbstrestriktion, Neutralität durch Pluralität, aber keine Neutralität durch Sterilität.)

Zu Deutschland, zu Europa gehört ein religiöses Erbe, unsere Wertvorstellungen sind durch das Christentum mitgeprägt (und sei es ex negativo, daß unser liberales Staatsverständnis gegen einen Primatsanspruch der Kirche durchgefochten werden mußte). Aber gerade Gläubige sollten sich dagegen verwehren, daß das Kreuz (darum geht es ja in Europa) zu einem kulturkämpferischen Symbol der Ausgrenzung und Verteidigung des Abendlandes gemacht wird., und großzügig, tolerant und liberal dafür kämpfen, daß der Staat sich nicht mit einer bestimmten Religionsgemeinschaft gemein macht und damit symbolisch Menschen anderen Bekenntnisses zu Bürger_innen zweiter Klasse macht. Und auch wir Christ_innen sollten unser Kreuz ernst nehmen: Unser Kreuz ist kein lediglich kulturelles Symbol, das irgendwie für Humanität und das Schöne, Wahre, Gute steht. Es ist das Symbol genau unseres Glaubens, nicht abendländischer Staatsraison.

Ich hoffe, Schulz hat das gemeint.

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3 Gedanken zu „Zwei Sorten symbolische Freiheit“

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