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Die Burka der anderen

1. Mai 2010 in Politik · 6 Kommentare · Druckansicht

Belgien hat ein Burka-Verbot beschlossen, in vielen anderen europäischen Ländern kommt das Thema auch auf die Tagesordnung, und Silvana Koch-Mehrin macht sich für ein europäisches Burka-Verbot stark.

Eine Randerscheinung wird eine zentrale politische Frage: Das Schicksal des Abendlandes scheint am seidenen Faden von Gesichtsschleiern zu hängen. Die Debatte ist aber eine Stellvertreterdebatte: Vordergründig geht es um die Burka, hintergründig um »den« Islam. Vordergründig geht es um die Würde der Frau, hintergründig um eine abendländische Leitkultur. Vordergründig um liberale Werte – hintergründig um konservative Ausschlußmechanismen. Um die burkatragenden Frauen geht es zuletzt.

Daß sich ausgerechnet die Liberale Koch-Mehrin für ein Burkaverbot stark macht, ist umso unverständlicher. Ihre Argumente finden sich ähnlich auch bei den belgischen Befürwortern des Gesetzes. Laut Frankfurter Allgemeine sagt sie: »Wer Frauen verhüllt, nimmt ihnen das Gesicht und damit ihre Persönlichkeit«, und »Die Burka ist ein massiver Angriff auf die Rechte der Frau, sie ist ein mobiles Gefängnis.«

Ich verstehe den religiösen Sinn der muslimischen Verschleierung nicht (auf Basis der heiligen Schriften im Islam noch weniger als die christliche), und ich verstehe den Sinn der Vollverschleierung noch weniger. Vollverschleierung ist für mich ein Ärgernis (dazu auch eine sehr gut begründete Position im Blog liberalprogressiv, die ich weitgehend teile): Gesellschaftlich scheint mir das sehr eindeutig eine misogyne Zielrichtung zu haben: Die Frau wird qua Geschlecht als sündhaft, verführerisch, als Objekt des Mannes und eigentlich nicht in die öffentliche Sphäre gehörig betrachtet. (Und andererseits gibt es genügend Frauen, die glaubhaft versichern, daß sie das freiwillig und sehr reflektiert tun, und ich kenne genügend katholische Ordensfrauen, die ihren Schleier selbstbewußt und stolz tragen.) Eng verknüpft mit einer gesellschaftlichen Begründung ist das Argument des Schamgefühls: Für mich als westlich geprägten Mann (der deutsche Saunen, Strände und Werbung im Spätprogramm von MTV kennt) wirkt es zwar seltsam, daß das Zeigen von Haaren schamhaft verhindert wird – aber will man kulturübergreifend einen Standard festlegen, was legitim schamhaft verborgen werden darf und was nicht? (Eine sehr koloniale Vorstellung: Der Buschneger soll seine Blöße bedecken, die Frau vom Muselman ihr Haar entblößen.) Schon daran sieht man: Burka per Basta zu verbieten ist eine unterkomplexe Reaktion.

Die feministische Argumentation für ein Burkaverbot scheint mir nur vorgeschoben, weil so politisch korrekt die Furcht vor dem Fremden zur Politik gemacht werden kann. Erstaunlich, wer plötzlich alles ein Interesse an Rechten für Frauen hat. (So wie die baden-württembergische CDU erst dann ein Interesse an Rechten von Homosexuellen hat, wenn man sie gegen Muslime ausspielen kann.) Hilal Sezgin schrieb dazu in der Süddeutschen:

[D]ie meisten deutschen Männer und Frauen [erkennen] ein Opfer des Patriarchats nur, wenn es unterm Kopftuch daherkommt; dann allerdings völlig unabhängig davon, ob dieses sich selbst als Opfer fühlt oder was an eigenen Gedanken in dem Kopf unterm Tuch vorgehen mag. Mit Kopftuchfrauen spricht man nicht, man bemitleidet sie einfach. […] Argumente des Feminismus als gesellschaftlich breit akzeptierte Benutzeroberfläche für die Abgrenzung eines “Wir” contra “die Fremden”.

Sezgin spricht hier auch an, daß die Debatte nur scheinbar mit feministischen Argumenten geführt wird: Die betroffenen Frauen sind zuallererst Objekt. Objekt der Debatte (anstatt daß versucht wird, sie selbst zu Wort kommen zu lassen), Objekt in den Argumenten (immer werden sie primär in Abhängigkeit von ihrem Mann dargestellt; sie verhüllen sich nicht, sie werden verhüllt).

Folgerichtig sind die Burkaträgerinnen auch Objekt in den Antworten auf die Frage, was daraus politisch folgen soll: Die Burka wird (meines Erachtens zurecht) als patriarchale Praxis erkannt. Die interessiert aber weniger als patriarchale als vielmehr als fremde kulturelle Praxis. Indem der andere als das andere schlechthin gekennzeichnet wird; und wenn eine Gruppe, eine Religion, so anders ist, dann kann man sie als Feind behandeln. Auf die Individuen kommt es dann gar nicht mehr an – wie Carl Schmitt (»Der Begriff des Politischen«) es beschreibt:

Feind ist […] nicht der Konkurrent oder der Gegner im allgemeinen, Feind ist auch nicht der private Gegner, den man unter Antipathiegefühlen haßt. Feind ist nur eine wenigstens eventuell, d. h. der realen Möglichkeit nach Gesamtheit von Menschen, die einer ebensolchen Gesamtheit gegenübersteht. Feind ist nur der öffentliche Feind, weil alles, was auf eine solche Gesamtheit von Menschen, insbesondere auf ein ganzes Volk Bezug hat, dadurch öffentlich wird.

Die Gruppe wird pauschal getroffen und damit die Ressentiments der eigenen Klientel bedient. Mit einem freiheitlichen Rechtsstaat freilich hat das nichts mehr zu tun: »Vielmehr müssen wir uns auf die Grundrechte besinnen, die unsere freie westliche Welt ausmachen. Auch wenn dies bedeutet, dass Menschen in unserem Land dinge tun, die wir nicht verstehen oder gar ablehnen.«

Das verhindert nicht deutliche Kritik an der Vollverschleierung: Eine ernsthafte feministische Kritik müßte entsexualisierende wie sexualisierende Praktiken kritisieren aus einer Subjektperspektive: Scham wie Freizügigkeit sind völlig legitim. Die Frage ist Freiwilligkeit oder Zwang.

Burkaverbote sind nichts anderes als einfach eine andere fremdbestimmte Körperpolitik, mit symbolpolitischer Zielsetzung.

Mit Verboten kommt man dem Problem der Rolle der Frau im Islam nicht bei. Amnesty International kritisiert völlig zurecht:

“Far from upholding the rights of women, such a general ban would violate the rights of those who choose to wear full face veils, while doing little to protect those who do so against their will, who risk even greater confinement as a result. The obligation to combat discrimination cannot be fulfilled by imposing a measure that is itself discriminatory,” said John Dalhuisen.

Ein Burkaverbot ist ein typischer Akt von Scheinpolitik: Anstatt daß an echten Lösungen gearbeitet wird, wird einfach etwas getan, was Handlungsfähigkeit und Entschlußfreude simuliert. Naiv wird so getan, als ließe sich die Wirklichkeit etwas von Gesetzen vorschreiben. Antje Schrupp hat das auf den Punkt gebracht:

Die Alternative ist nicht: Entweder Gesetze dagegen machen oder Verständnis zeigen. Sondern die eigentliche politische Frage ist: Wie können wir dieses Verhältnis so gestalten, dass sich wirklich eine nachhaltige Verbesserung im Sinne eines guten Lebens für alle entwickeln kann?

Dazu müßte man diskutieren, wie man mit den Burkaträgerinnen und ihren Männern, Vätern und Brüdern ins Gespräch kommt, wie man gegebenenfalls dieses Sprachfähigkeit erst herstellt. Wie man mit diesen Frauen (und erst recht mit diesen Männern) durch Bildung, Inklusion, Freiräume eine Emanzipation von kulturellen Zwängen ermöglicht.

Aber das wäre ja Arbeit.

(Der Artikel erscheint auch bei Carta, daher sind hier die Kommentare geschlossen. Bei Carta kann kommentiert werden.)

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