Leitkultur. Der Gott der Politiker

Aygül Özkan wurde als Ministerin vereidigt. Ganz Christdemokratin ergänzte sie ihren Eid mit »so wahr mir Gott helfe« und schickte eine Erklärung hinterher, daß sie die Formel nicht exklusiv-christlich, sondern inklusiv-monotheistisch verstanden haben will. Hält man sonst immer den universalen Charakter des Gottesbezugs in der Verfassung hoch (der sich, genauso wie das Kreuz in der Schule, natürlich und selbstverständlich nicht gegen andere Religionen als das Christentum richte), paßt das in der Praxis angewendet auch nicht. Die Bild fragt suggestiv »Welchen Gott meinten Sie Frau Özkan?«

Daraus wird dann in der Welt »Kirchen stört die Gottesformel«. Die Welt hat schon begriffen, worum es der Bild geht: Das Christentum als Leitkultur. Das ist schon theologisch Unsinn. Politisch zeigt sich die Fragwürdigkeit einer in ihrem Streben nach Macht, Deutungshoheit und Einfluß sich selbst ihrer Grundlagen entziehenden Kirche.

(Die ganze Geschichte basiert übrigens weniger auf »echter« christlicher Empörung als auf einer Inszenierung von Bild. Dazu unten mehr.)

Der Streit scheint auf einer erkenntnistheoretischen Differenz zu beruhen: Özkan sagt, Christen, Muslime und Juden verweisen mit dem Wort »Gott« auf denselben Gott; die Kritiker leugnen das: Muslime sagen zwar »Gott«, meinen aber nicht den richtigen Gott. Özkan: Signifikat und Signifikant sind gleich, auch wenn man über Eigenschaften des Signifikates uneins ist.

Natürlich: Unter dem Wort »Gott« wird vieles verstanden: Der »Gott der Philosophen« (etwa als erster Beweger, Ur-Ursache, notwendige Bedingung aller Möglichkeiten usw.), polytheistische Gottheiten (eher immanente Superhelden als transzendente Wesen), vielleicht sogar einen »Gott der Politiker« (der nur konservative Chiffre ist), schließlich »der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs«. Das gleiche Wort kann unzweifelhaft verschiedenes bezeichnen.

»Gott« verweist aber für Juden, Christen und Muslime auf denselben Gott. (Der »jüdische« Gott ist unzweifelhaft der Gott Jesu, obwohl das Gottesbild des jüdischen Monotheismus näher am Gottesbild des islamischen Monotheismus ist als am dreifaltigen monotheistischen des Christentums.) Der monotheistische Minimalkonsens über Gott ist nicht nur, daß es sich um ein transzendentes höheres Wesen handelt. Im Monotheismus ist die Ausschließlichkeit angelegt: Es gibt nur einen Gott, mit »Gott« verweist man nicht nur auf »jenes höhere Wesen, das wir verehren«, sondern auf das höchste (deus semper maior), über das schlechthin nichts Höheres gedacht werden kann. Egal wie groß die Differenzen über die Eigenschaften dieses Höchsten sind: Schon im monotheistischen Gottesbegriff ist angelegt, daß andere Monotheisten nicht falsche Götter anbeten, sondern schlimmstenfalls falsche Vorstellungen über Gott haben.

Das ist auch Lehre der katholischen Kirche. Im Konzilsdokument Nostra Aetate heißt es in Nr. 3:

Mit Hochachtung betrachtet die Kirche auch die Muslim [sic!], die den alleinigen Gott anbeten, den lebendigen und in sich seienden, barmherzigen und allmächtigen, den Schöpfer Himmels und der Erde5, der zu den Menschen gesprochen hat. Sie mühen sich, auch seinen verborgenen Ratschlüssen sich mit ganzer Seele zu unterwerfen, so wie Abraham sich Gott unterworfen hat, auf den der islamische Glaube sich gerne beruft.

Das ist keine modernistische Erfindung des Konzils – die Fußnote 5 verweist auf einen Brief Papst Gregors VII. aus dem Jahr 1076. Dort ist die Rede von »anderen Völkern, die wie wir an den Einen Gott, wenn auch gewiß in verschiedener Weise, glauben und Ihn bekennen«.

In diesem Licht zeigt sich dann auch, daß eine Kritik an Özkans Verwendung des Begriffs theologisch unzulässig ist. Was hier betrieben wird, ist eine Instrumentalisierung des Religiösen, um eine religiöse Leitkultur zu propagieren. (Bezeichnend auch, wenn Diskutanten gönnerhaft der konservativen Deutschen Özkan empfehlen, sich erstmal über die Gepflogenheiten in diesem unseren Land zu informieren.) Das Kreuz, der Gottesbezug in Verfassung und Eidformel, das C in der CDU – all das wird als Lippenbekenntnis inklusiv interpretiert. In Debatten wie der aktuellen zeigt sich, daß natürlich auch dieser kulturelle Bezug nur nach innen integriert, indem er nach außen ausschließt. Integration wird so reduziert auf Assimilation: Die freiheitliche Rechtsordnung ist zwar im Prinzip tolerant und achtet die Religionsfreiheit, aber doch bitte nur zu christlichen Konditionen. (Das ist kein naives Multikulti-Plädoyer: Religion, sei sie muslimisch oder christlich, muß natürlich die freiheitliche Rechtsordnung akzeptieren.)

Ich sehe eine gewisse Verteidigungshaltung gegen eine sich säkularisierende Gesellschaft (oder jedenfalls: eine Gesellschaft, deren Religiosität sich entinstitutionalisiert). Die Antwort darauf kann aber nicht sein, alte staatskirchliche Herrlichkeit zurückzusehnen, die Einheit von Staat und Kirche und Gesellschaft zu verklären. Politisch ist es völlig klar, daß die Trennung von Kirche und Staat sinnvoll und notwendig für die Freiheit ist. Theologisch sollte klar werden, daß ein säkularer Staat sich nicht gegen die Religion(en) richtet, sondern auch ihnen dient: Wahrheit als Kategorie des Religiösen verliert Glaubwürdigkeit, wenn sie mit Macht durchgesetzt werden soll. (Daher muß sich die Kirche auch nicht fürchten, wenn es in ihr Debatten gibt: die Wahrheit, die sich im Diskurs zeigt, hat eine viel größere Glaubhaftigkeit als die bloß behauptete, und sei es mit amtlicher Vollmacht.)

In meinem Artikel über Liberalismus, Christentum und was die FDP damit zu tun hat habe ich das so formuliert:

Es geht [im Kirchenpapier der FDP von 1974] um eine umfassende Trennung von Kirche und Staat, um beiden ihre wesensgemäße Existenz zu ermöglichen: Dem säkularen Staat, daß er neutral und unparteiisch allen seinen Bürgern gegenüber auftritt, der Kirche, daß sie ohne staatliche Vereinnahmung ihre selbstgewählte Aufgabe verfolgen kann.

Das scheint aber noch nicht staatskirchenrechtliche Position der Kirchen zu sein. Daß das nicht nur ein akademisches Ärgenis ist, sondern auch den Kern der Lehre angeht, zeigt sich in Fällen wie diesen, wo eine Sozialministerin zur Theologie der Religionen Kluges sagt, in dem Verfechter einer christlichen Leitkultur nur wegschwimmende Felle sehen, oder wenn Bischöfe das Kreuz als kulturelles Accessoire kleinreden und das Bundesverfassungsgericht ihnen christliche Theologie erklären muß (BVerfGE 93, 1 (19f)):

Das Kreuz ist Symbol einer bestimmten religiösen Überzeugung und nicht etwa nur Ausdruck der vom Christentum mitgeprägten abendländischen Kultur. […] Das Kreuz gehört nach wie vor zu den spezifischen Glaubenssymbolen des Christentums. Es ist geradezu sein Glaubenssymbol schlechthin. Es versinnbildlicht die im Opfertod Christi vollzogene Erlösung des Menschen von der Erbschuld, zugleich aber auch den Sieg Christi über Satan und Tod und seine Herrschaft über die Welt, Leiden und Triumph in einem […]. Für den gläubigen Christen ist es deswegen in vielfacher Weise Gegenstand der Verehrung und der Frömmigkeitsübung. […] Es wäre eine dem Selbstverständnis des Christentums und der christlichen Kirchen zuwiderlaufende Profanisierung des Kreuzes, wenn man es […] als bloßen Ausdruck abendländischer Tradition oder als kultisches Zeichen ohne spezifischen Glaubensbezug ansehen wollte.

Ergänzung, 28. April 2010: Die Welt zitiert aus einem Bild-Interview den Pressesprecher des Bistums Essen und den der Landeskirche Hannover so, daß man das als Ablehnung der religiösen Eidformel und Özkans folgender Erklärung deuten könnte. Ich habe per E-Mail nachgefragt, beide haben geantwortet. Beide Zitierten, Dr. Neukirch von der evangelischen Landeskirche Hannover und Lota vom Bistum Essen, haben mir geschrieben, daß sie falsch zitiert wurden. Beide sind wohl von Bild gefragt wurden, ob Christen, Juden und Muslime dasselbe Gottesverständnis haben, und beide haben natürlich gesagt daß nicht. Um die Eidesleistung der Ministerin ging es laut Lota überhaupt nicht. Anstatt das aber zu korrigieren, schreibt die Welt Kirchen gefällt Özkans Eidesformel jetzt doch – für Gegenteiliges gab es nie belastbare Belege.

Die EKD hat mittlerweile eine Pressemeldung herausgegeben: EKD begrüßt religiösen Amtseid der neuen muslimischen Ministerin Özkan. Dort kommt man leider nicht umhin, die sachlich völlig korrekte Erklärung Özkans anzugreifen:

Für problematisch halte [der Geistliche Vizepräsident des hannoverschen Landeskirchenamtes, Arend de Vries] aber [Özkans] Gleichsetzung, wenn sie von einem Gott von Christen, Juden und Muslime spreche. „Christinnen und Christen können von Gott nur reden, indem sie Jesus Christus in den Mittelpunkt stellen. In ihm hat Gott sich den Menschen gezeigt“, sagte de Vries. Darin liege eine grundsätzliche Unterscheidung zwischen Christentum und Islam.

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5 Gedanken zu „Leitkultur. Der Gott der Politiker“

  1. In der FAZ darf Georg Paul Hefty solchen Unsinn schreiben:
    “ Kreuze in den Schulen gehören (nicht nur) zur deutschen Leitkultur. Leitkultur aber muss vermittelt werden; darauf zu warten, dass sie abgeholt wird, wäre zu wenig.“

    http://bit.ly/dbhW2T

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