Klickstreckenjunkies und Papierzeitungsapologeten

Das Blog time for sheep(s) beklagt, daß die »Qualitätspresse« darin versagt, ausgewogen über die Bundestagswahl zu berichten:

+ Ich fordere, dass die Menschen in Deutschland umfassend über die Parteien, die antreten, informiert werden. Medien sind dazu unter anderem auch ein Mittel – denn nicht jede Partei hat die Mittel, jedem Haushalt in Deutschland Briefe zu schicken. Es treten 27 Parteien an, nicht nur SPD und CDU.
+ Ich fordere, dass Vorurteile gegenüber Parteien abgebaut und stattdessen objektiv über Inhalte informiert wird (das Wahlprogramm der Violetten sollte durchleuchtet werden – nicht ihr ‘lustiger’ Name).

Das Ironische an der Kritik: Während in der Blogosphäre harte inhaltliche Debatten (gerade über die Piratenpartei) führt, es Meinung, Kommentare, politikwissenschaftliche Analysen gibt, verhält sich der »Qualitätsjournalismus« so, wie er es den Bloggern immer vorwirft.

Ein besonders eklatantes Beispiel: Julia Seeligers Portrait von Piratenvize Andi Popp in der gedruckten (!) taz, das sich in fast schon defätistischer Weise in jeder potentiellen Peinlichkeit – die jedem anderen wenig Medienerfahrenen in einem Gespräch auch unterlaufen würde – wälzt und sich in erster Linie darum bemüht, dem Portraitierten die intellektuelle Satisfaktionsfähigkeit abzusprechen. Ich halte Popps Vorgehen in bezug auf die Junge Freiheit auch für ungeschickt mit Tendenz dämlich – aber von einem Leitmedium wie der taz erwarte ich, daß sie hart in der Sache kritisiert und nicht wie hier die mutmaßliche Unerfahrenheit eines Politikers ausnutzt und ihn als Person diffamiert. Das erinnert mich an Methoden der Rechten: Menschen zu diskreditieren, so daß eine Auseinandersetzung mit ihren Argumenten und Positionen gar nicht mehr nötig ist.

Die Ironie wird vollends offensichtlich, da gerade diejenigen, die hier journalistisch so versagen, auch die sind, die nicht müde werden, die Überlegenheit des klassischen Journalismus zu predigen. Die Zeitungen, die angeblich so unerläßlich für eine demokratische Öffentlichkeit sind, weil sie relevante Themen filtern und neutral einordnen, ziehen durch die Politik wie eine marodierende Horde Heiseforentrolle. Journalistische Totalausfälle wie das Kanzlerduell, die völlige Unfähigkeit, die Politik auf Inhalte festzunageln, die aggresive Ignoranz der Trennung von Meinung und Berichterstattung – all das von denen, deren einziger Beitrag zur Debatte um den Medienwandel weinerliche Besitzstandswahrung ist.

Von einem Günter Gaus ließe ich mir gerne vorwerfen, daß Blogging kein Journalismus ist. Auf die Klickstreckenjunkies und Papierzeitungsapologeten des heutigen realexistierenden »Qualitätsjournalismus« dagegen kann ich gut verzichten. Dann lieber ein gepflegter Feed.

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2 Gedanken zu „Klickstreckenjunkies und Papierzeitungsapologeten“

  1. Sehr schön: „marodierende Heiseforentrolle“ – ja ist den heut schon Freitag ;-). Scherz beiseite, ich frage mich oft, warum ich trotz eben jener kakalakesquen Spezies noch in das Heise-Forum reinschaue. Vor allem bei Beiträgen, die entweder das Wort Apple oder Microsoft enthalten sind brauchbare – was nicht gleich wertfrei bedeuten muss – Beiträge Mangelware. Gut, das war off topic.

    Zurück zum Thema: Der Reihe des Qualitätsjournalismus habe ich auch noch Peter Freys Kreuzzug gegen Oskar Lafontaine hinzuzufügen, zu finden hier http://bit.ly/UMhve. Mir geht es hierbei nicht darum, Lafo zu verteidigen. Die Art und Weise wie sich Peter Frey im Nachgang zum Sommerinterview verhielt fand ich eines „Topjournalisten“ mehr als unwürdig. Bei den anderen Sommerintervies hat Frey nichts dergleichen getan. Und seine Art, Lafontaine zu befragen fand ich ebenfalls sehr platt. Gut, dieser hat reagiert, wie man es auch aus früheren Zeiten von ihm kannte. Aber dass Frey sich dermaßen auf den Schlips getreten fühlte, fand ich ebenfalls bezeichnend.

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