Plasbergs Populismus

Muß man was dazu sagen? Das Kanzlerduell war, wie man es erwartet hat. Das einzig bemerkenswerte: Frank Plasberg, Chef-Populist des öffentlich-rechtlichen Unterschichtsfernsehen (und in geringerem Maß seine Kollegen).

So unerträglich Plasberg als Person ist: Was er tut, hat System. Was er tut, zeigt viel davon, was in der Politik schiefläuft.

Plasbergs Mittel der Wahl ist das Unterkomplexe. Seine »Moderation« gestern im Duell: Welche Schulnote bekommt Deutschland in Gerechtigkeit? Wissen Sie, was ein Herrenhaarschnitt in Berlin kostet? Warum nicht Banken schließen, wie man »dreckige Kneipen« schließt? Und natürlich: Schnell ein neues Thema einwerfen, wenn plötzlich doch differenziert diskutiert wird. In »Hart aber fair (sic!)« ist es der scheinbar authentische Einspielfilm, das Einzelschicksal. Gegen die phänomenologische Wucht des isolierten Faktums kann es keine Differenziertheit geben. Wer sich benachteiligt fühlt, hat recht. Wer differenziert, wer lange Sätze benutzt, redet keinen »Klartext«, lügt. Wer Politik nicht auf wahr und falsch, schwarz und weiß, gut und böse reduziert, ist verdächtig. Wer darauf hinweist, daß Politik nicht nur das offensichtliche, das Symptom bedenken muß – was man sieht –, sondern auch die Folgen und das Gesamt – was man nicht sieht –, ist gefühlskalt und abgehoben – Höchststrafe.

Dabei ist Politik eigentlich das Aushandeln der Bedingungen dessen, was alle angeht. (Und im Umkehrschluß: Wo etwas nicht alle angeht, hat die Politik den Trennstrich zu ziehen.) »Was alle angeht, muß von allen entschieden werden«, wußte schon Nikolaus von Kues (in De concordantia catholica, 1433/34) – Plasberg stellt diesen grundsätzlichen demokratischen Konsens auf den Kopf: Seine Handlungslogik ist die populistische des »die da oben und wir (!) hier (!) unten«. Politik ist für ihn zwar etwas, das alle angeht – aber im Modus des Opfers, das dem Politiker ausgeliefert ist. Carl Schmitts Politikverständnis vom Politischen als Unterscheidung in Freund und Feind in Reinform: Der Feind ist der Politiker, und wie bei Schmitt wird zum Feind der, den der Souverän (das Volk in Gestalt seines Tribuns Plasberg) dazu kürt.

Plasberg inszeniert sich als Retter der Witwen und Waisen, der sich nicht gemein macht mit den Herrschenden. Seine Machtkritik ist aber keine, die auf Freiheit abzielen würde, eine Kritik, die Menschen darin unterstützen würde, sich aus ihrer (möglicherweise selbstverschuldeten) Unmündigkeit zu emanzipieren: Seine Machtkritik funktioniert eben dadurch, daß der Bürger nur im Modus des Opfers vorkommt, und in diesem Modus muß der Bürger bleiben, damit Plasbergs Taktik funktioniert. Plasberg ist es nicht darum zu tun, das Komplexe der Politik herunterzubrechen. Ihm geht es darum, das eigene Defizit und damit das Unterkomplexe zum Maßstab zu machen. Plasbergs Ansatz ist nicht nur ein radikal populistischer, sondern auch ein radikal undemokratischer: Sein Ziel ist nicht, dem »einfachen Bürger« nahezubringen, daß es um seine Sache geht und Politik damit auch von ihm ausgehen kann – sein Ziel ist die Kluft zwischen unmündigem Volk und abgehobener Politik zu zementieren. Wir hier unten und ihr da oben.

Die Zeit dazu in einem sehr treffenden Kommentar zu »Hart aber fair«:

Hart aber fair, das ist die selbstreferenzielle Antwort eines politischen Journalismus, der behauptet, Politik sei etwas anderes als die Wirklichkeit, aber an der Wirklichkeit nur dann interessiert ist, wenn er sie selbst inszenieren kann im ewig selben Ritual.

Ein frommer Wunsch: Daß irgendein Programmverantwortlicher Brecht liest und überlegt, ob dessen »Lob des Lernens« nicht Paradigma einer politische Sendung werden könnte:

Scheue dich nicht zu fragen, Genosse!
Laß dir nichts einreden
Sieh selber nach!
Was du nicht selber weißt
Weißt du nicht.
Prüfe die Rechnung
Du mußt sie bezahlen.
Lege den Finger auf jeden Posten
Frage: wie kommt er hierher?
Du mußt die Führung übernehmen.

Ergänzung, 22. Juni 2010: In der Emma ist eine sehr deutliche und fundierte Kritik einer Ausgabe von hart aber fair zu finden, die den unterirdischen Leitungsstil Frank Plasbergs sehr deutlich auseinandernimmt:

Hier wird dem Saal- und dem TV-Publikum von Frank Plasberg – hart, aber unfair – immer locker und jovial aus den uralten, maroden Schläuchen der trübe, allzu bekannte alte Wein serviert. In dieser TV-Sendung ist für den eklatanten Niveauverlust eine Moderation verantwortlich, die systematisch in manipulativer Weise machtabstinent bleibt, wo es geboten wäre, zu intervenieren, aber rügt und eingreift, wo kein Bedarf besteht; die mit gezielt platziertem Unernst, scherzend und flachsend Partei nimmt; die marginalisiert, lächerlich macht und systematisch konversationellen Misserfolg herstellt auf der einen Seite, koaliert, kungelt und fraternisiert auf der anderen.

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4 Gedanken zu „Plasbergs Populismus“

  1. Hört hört, schön gesagt! Ich kann nur zustimmen, möchte aber noch Eastons Politikdefinition einwerfen, die Plasberg, wenn überhaupt, wohl auch nur sehr eindimensional kennt. Nach seinem Lebenslauf könnte er sie zumindest kennen.

    Alles in allem war ich sehr froh, dass sein Redeanteil so gering war. Inwiefern seine „Entmündigung des (mit)denkenden Zuschauers“ zur Politikvermittlung beitragen soll, weiß wohl nur er und vielleicht noch BILD – ich fühle mich jedenfalls – ich muss es mal so formulieren, auch wenn es zur schönen Sprache des Neumannschen Blogs nicht passt – von seiner Fragerei meist total verarscht. finis

    1. Ach was »schöne Sprache des Neumannschen Blogs«. Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil (»à corsair, corsair et demi« hebe ich in meiner Kluge-Kalauer-Bank für den nächsten Piraten-Artikel auf).

      Die Titanic hatte neulich einen schönen Startcartoon. Überschrift in etwa: »Feuchtgebiete erreicht Politik«, im Bild Merkel im Bundestag mit Sprechblase: »Die Steuerpläne der SPD sind ein blutiger Arschfick für den Mittelstand.« Soll’s denn so laufen, Herr Plasberg?

      1. Dass Du auch anders kannst war mir durchaus bewusst 😉 Naja, und die grobe Kelle liegt mir auch nicht völlig fern. Den Cartoon muss ich mal suchen.

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