Zahlen für journalistische Infrastruktur

Zeitung
Quelle: Sven Leichle, sven1506 (CC BY 2.0)
In letzter Zeit haben mich zwei journalistische Artikel in einer Zeitung sehr begeistert: Nils Minkmars Artikel »Grund zur Sorge« über die politische und soziale Großwetterlage und ihre Geschichte in Frankreich, und Wolfgang Günter Lerchs Artikel Osmans Wiederkehr über dasselbe in der Türkei.

Nun mag es sein, daß diese FAZ-Artikel zufällig genau das sind, was ich gerne lese (wahrscheinlich auch), und nichts, was über Journalismus überhaupt etwas aussagt. Bei beiden Artikeln habe ich aber etwas gedacht, was ich sonst selten denke: Dafür würde ich gerne zahlen. Ich glaube, daß dieser Impuls (wenn auch nicht allgemeingültig) interessant genug ist, um darüber zu schreiben, weil ich in meinem Mediennutzungsverhalten sehr viel gratis beziehe ohne diesen Impuls: Kostenlose kommerzielle Produkte (was Zeitungen und Zeitschriften online stellen), freie Produkte (vor allem Blogs), und viel in einem rechtlichen Dunkelgraubereich, von Musik auf Youtube bis zu amerikanischen Serien rechtlich zweifelhafter Bezugsquelle. Meine Zahlungsimpulse sonst reichen vom Flattr-Klick, wo das geht, bis hin zu schulterzuckendem »Pech gehabt«, wenn ich die neue Staffel The Good Wife (selbst wenn ich sie zahlen wollte) nicht bezahlen kann.
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Erinnern und Verzeihen

Der hervorragende Podcast »This American Life« hat eine Folge über die Arbeitsbedingungen bei Apple-Zulieferern zurückgezogen. Mike Daisys eindrücklich szenische Solo-Lesung, in der er über seinen Besuch in Shenzhen berichtet, war in wesentlichen Teilen erfunden. Der redaktionelle Prozeß wurde in der Podcast-Folge Retraction geschildert, inklusive eines ausführlichen Interviews mit Daisy.

Selten habe ich mich so unwohl gefühlt beim Podcast-Hören.
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Ausgerechnet die Kirche?

Die Süddeutsche Zeitung hat unter dem Titel »Zollitsch: Reiche stärker besteuern« eine Meldung der DPA (dort noch neutraler mit »Zollitsch: Spitzen-Einkommen stärker besteuern« überschrieben) aufgegriffen. Der Inhalt ist reichlich unspektakulär, auf dieser Linie argumentiert die Kirche schon seit langem.

Interessant finde ich, wie die Süddeutsche den Text anteasert: »Ausgerechnet die katholische Kirche plädiert nun auch dafür, den Reichen höhere Steuern abzuknöpfen.« Warum »ausgerechnet«? (Erklärt wird es im Artikel nicht.) Aus diesem Anreißer lese ich eine nicht durch Sachkenntnis, sondern durch Ressentiments getriebene Berichterstattung. Wie kommt man sonst auf dieses »ausgerechnet«? Dahinter scheint mir eine lose Assoziationskette Kirche = CDU = Mächtige = Reiche = für Privilegien von Reichen zu stehen, bestenfalls abgesichert durch aktuelle Spiegel-Lektüre und Böll-Lektüre aus vergangenen Tagen (»sollte es Ihnen […] einfallen, Zweifel am (unausgesprochenen) Dogma von der Unfehlbarkeit der CDU zu äußern, so wird Pfarrer U. auf eine nervöse Weise ungemütlich und unsubtil«, Brief an einen jungen Katholiken).

Mit der katholischen Soziallehre hat dieses »ausgerechnet« nicht zu tun. Mit der Trennung von Meinung und Berichterstattung – im DPA-Text funktioniert das noch gut – auch nicht. Wenn dann wenigstens die Meinung fundiert wäre!

(Inwiefern die Kirche selbst dafür verantwortlich ist, daß sie zu einem solchen »ausgerechnet« Anlaß gibt, wäre freilich auch zu überlegen. Franziskus wußte schon, warum er die Armut so hoch schätzte.)

Klickstreckenjunkies und Papierzeitungsapologeten

Das Blog time for sheep(s) beklagt, daß die »Qualitätspresse« darin versagt, ausgewogen über die Bundestagswahl zu berichten:

+ Ich fordere, dass die Menschen in Deutschland umfassend über die Parteien, die antreten, informiert werden. Medien sind dazu unter anderem auch ein Mittel – denn nicht jede Partei hat die Mittel, jedem Haushalt in Deutschland Briefe zu schicken. Es treten 27 Parteien an, nicht nur SPD und CDU.
+ Ich fordere, dass Vorurteile gegenüber Parteien abgebaut und stattdessen objektiv über Inhalte informiert wird (das Wahlprogramm der Violetten sollte durchleuchtet werden – nicht ihr ‘lustiger’ Name).

Das Ironische an der Kritik: Während in der Blogosphäre harte inhaltliche Debatten (gerade über die Piratenpartei) führt, es Meinung, Kommentare, politikwissenschaftliche Analysen gibt, verhält sich der »Qualitätsjournalismus« so, wie er es den Bloggern immer vorwirft.
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