Zahlen für journalistische Infrastruktur

Zeitung
Quelle: Sven Leichle, sven1506 (CC BY 2.0)
In letzter Zeit haben mich zwei journalistische Artikel in einer Zeitung sehr begeistert: Nils Minkmars Artikel »Grund zur Sorge« über die politische und soziale Großwetterlage und ihre Geschichte in Frankreich, und Wolfgang Günter Lerchs Artikel Osmans Wiederkehr über dasselbe in der Türkei.

Nun mag es sein, daß diese FAZ-Artikel zufällig genau das sind, was ich gerne lese (wahrscheinlich auch), und nichts, was über Journalismus überhaupt etwas aussagt. Bei beiden Artikeln habe ich aber etwas gedacht, was ich sonst selten denke: Dafür würde ich gerne zahlen. Ich glaube, daß dieser Impuls (wenn auch nicht allgemeingültig) interessant genug ist, um darüber zu schreiben, weil ich in meinem Mediennutzungsverhalten sehr viel gratis beziehe ohne diesen Impuls: Kostenlose kommerzielle Produkte (was Zeitungen und Zeitschriften online stellen), freie Produkte (vor allem Blogs), und viel in einem rechtlichen Dunkelgraubereich, von Musik auf Youtube bis zu amerikanischen Serien rechtlich zweifelhafter Bezugsquelle. Meine Zahlungsimpulse sonst reichen vom Flattr-Klick, wo das geht, bis hin zu schulterzuckendem »Pech gehabt«, wenn ich die neue Staffel The Good Wife (selbst wenn ich sie zahlen wollte) nicht bezahlen kann.

Die Artikel sind sich sehr ähnlich: Ausführlich und klug recherchiert, eine (mir) fremde Kultur aufschließend, Hintergründe verbindend, kenntnisreich gebildet, ohne angeberisch zu sein, aktuelle Nachrichten in einen größeren Zusammenhang einordnend. Auf hohem Niveau, aber auf einem Niveau, das eine gewisse Allgemeinbildung zwar voraussetzt, dabei auch für Laien auf dem jeweiligen Gebiet verständlich ist – und das alles in einer Länge, die dem Gegegenstand angemessen ist, aber noch eben so in Zeitbudgets für beiläufige, allgemeine, regelmäßige Information paßt (im Gegensatz zu wissenschaftlichen Artikeln und populärwissenschaftliche Monographien etwa). (Das wiederum erinnert mich an einen jüngst in SWR2 Kontext gesendeten Beitrag zum Ende des Brockhauses, der recht sachlich – erfreulich wenig Nostalgie um der Nostalgie willen – der Idee Konversationslexikon nachging. Dort wurde bemerkt, daß die Wikipedia mit ihrem Anspruch, alles Wissen der Welt sammeln zu wollen, zu immer längeren, spezifischeren, wissenschaftlicheren und immer weniger allgemeinverständlichen Artikeln tendiere, während Konversationslexika weniger die Tiefe eines einzelnen Gegenstands erfassen wollten, sondern die Breite des Wissens der »gebildeten Stände«.)

Ich möchte weniger einzelne Artikel bezahlen – das wäre mir zu geschmäcklerisch, und ich möchte gar nicht das Argument bringen, das würde den Journalismus ungesund auf eine nivellierte, stromlinienförmige SEO-Schreib-Strategie drillen. Ich möchte auch weniger die einzelne Journalistin bezahlen – das wäre mir zuviel Starkult, zusehr ein Geschäftsmodell, das auf einer Great Man theory des Journalismus fußt – das ist nämlich, denke ich, falsch: Einzelne große Artikel wie einzelne große Journalist_innen gibt es in einem intellektuellen Bezugsgeflecht, in einer Redaktion, die sich gegenseitig fordert, anspornt, befruchtet. Artikel wie die oben genannten passieren, so mein Eindruck, der FAZ nicht zufällig. Die FAZ scheint mir zur Zeit die beste deutsche Zeitung für klassische journalistische Texte zu sein (die Zeit etwa ist in Sachen Datenjournalismus weiter), weil sie es schafft, Leute zu binden und zusammenzubringen, die mit Bildung und Handwerk, mit Ideen und einem Gespür für Interessantes und Relevantes Journalismus machen. (Besonders im Feuilleton; Schirrmacher schafft es, diesem sehr klassischen Ressort in einer liberal-konservativen Zeitung eine große Weite und Aufmerksamkeit für die Gegenwart zu geben. Inklusive einer Freude am Absurden, wie der donaldistischen Grundhaltung namhafter Feuilletonmitarbeitender.)

Was ich bezahlen möchte, ist die journalistische Infrastruktur, die klugen Menschen ermöglicht, in einem solchen Bezugsgeflecht zu arbeiten und etwas zu schreiben, das nicht beliebig ist wie »breaking news«, die so überall austauschbar zu lesen sind. (Insbesondere: Eure Veröffentlichungsrechte für Agenturticker will ich nicht bezahlen – jedenfalls nicht als Pflichtprogramm jeder einzelnen Redaktion.) Die klassische Lösung dafür ist ein Abo – das hängt aber noch sehr an der Form Geld gegen Ware. Sehr charmant finde ich die Lösung der taz, in deren Genossenschaft jede_r Mitglied werden kann, und die zumindest zum Teil eine ökonomische Basis schafft, oder, neuer, ProPublica, das meinem Ideal am nächsten kommt: Finanziert wird eine Redaktion, die Artikel werden unter CC-Lizenz zur Verfügung gestellt. taz wie ProPublica nehmen zur Kenntnis, daß solcher Journalismus schwer über den klassischen Verkauf von Zeitungen und Anzeigen allein zu finanzieren ist; da ist es dann konsequent, auf andere gesellschaftlich notwendige Institutionen zu sehen, die sich aus Idealismus und Philanthropie finanzieren (ohne öffentlich-rechtliche Strukturen und Subventionen mit der damit einhergehenden Bürokratie und mangelnder Staatsferne): Stiftungen mit sozialen und kulturellen Zielen, Kunstvereine, Kulturinitiativen, NGOs und Genossenschaften. Gerade bei den ideologischen Flaggschiffen der Publizistik ist die Community und ihr Selbstverständnis bereits da. Es gibt den FAZ-Leser, die Zeit-Leserin, den taz-Leser, die als Gruppe auch eine Organisation tragen können. netzpolitik.org schafft es hoffentlich, von der Community getragen zu werden, inwiefern das bei nicht-aktivistischem Journalismus gehen kann, ist wohl das große Problem dieses Ansatzes.

Das ist noch kein Geschäftsmodell, dazu verstehe ich auch zu wenig, zumal ökonomisch, von der Branche – aber ich sehe das Problem, daß klassische journalistische Geschäftsmodelle immer weniger tragen, und doch braucht es auch hauptberuflichen Journalismus. Was ich hier geschrieben habe, ist erstmal freies Assoziieren über meine plötzlich bemerkte Zahlbereitschaft, ihre Ursachen und ihr Ziel. Und das zu überprüfen, scheint mir nicht verkehrt zu sein.

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Ein Gedanke zu „Zahlen für journalistische Infrastruktur“

  1. Also die FAZ wird vielleicht noch dieses Jahr, frühestens aber im nächsten Frühjahr die Bezahlschranken runterlassen – insofern bleibt also gar nicht mehr soviel Zeit, sich zu überlegen, was man denn mal bezahlen möchte. Ich hoffe jedenfalls auf „vernünftige“, ja flexible Bezahlmodelle (NYT). But then again: Jüngst stampfte der Verlag ohne Begründung die wunderbare FAS-App ein (bin iPad-only-Leser) und ersetzte sie durch eine furchtbare FAZ/FAS-App, die ein schmerzhaft schlechter PDF-Reader ist. Reaktionen auf das massenhafte Unverständnis, persönliche Mails etc.: Im besten Fall nichtssagende Textbausteine, sonst tiefes Schweigen. Insofern bin ich mit dem Thema Frankfurter Allgemeine erstmal durch.

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