Ausgerechnet die Kirche?

Die Süddeutsche Zeitung hat unter dem Titel »Zollitsch: Reiche stärker besteuern« eine Meldung der DPA (dort noch neutraler mit »Zollitsch: Spitzen-Einkommen stärker besteuern« überschrieben) aufgegriffen. Der Inhalt ist reichlich unspektakulär, auf dieser Linie argumentiert die Kirche schon seit langem.

Interessant finde ich, wie die Süddeutsche den Text anteasert: »Ausgerechnet die katholische Kirche plädiert nun auch dafür, den Reichen höhere Steuern abzuknöpfen.« Warum »ausgerechnet«? (Erklärt wird es im Artikel nicht.) Aus diesem Anreißer lese ich eine nicht durch Sachkenntnis, sondern durch Ressentiments getriebene Berichterstattung. Wie kommt man sonst auf dieses »ausgerechnet«? Dahinter scheint mir eine lose Assoziationskette Kirche = CDU = Mächtige = Reiche = für Privilegien von Reichen zu stehen, bestenfalls abgesichert durch aktuelle Spiegel-Lektüre und Böll-Lektüre aus vergangenen Tagen (»sollte es Ihnen […] einfallen, Zweifel am (unausgesprochenen) Dogma von der Unfehlbarkeit der CDU zu äußern, so wird Pfarrer U. auf eine nervöse Weise ungemütlich und unsubtil«, Brief an einen jungen Katholiken).

Mit der katholischen Soziallehre hat dieses »ausgerechnet« nicht zu tun. Mit der Trennung von Meinung und Berichterstattung – im DPA-Text funktioniert das noch gut – auch nicht. Wenn dann wenigstens die Meinung fundiert wäre!

(Inwiefern die Kirche selbst dafür verantwortlich ist, daß sie zu einem solchen »ausgerechnet« Anlaß gibt, wäre freilich auch zu überlegen. Franziskus wußte schon, warum er die Armut so hoch schätzte.)

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5 Gedanken zu „Ausgerechnet die Kirche?“

  1. Ich vermute, das „ausgerechnet“ bezieht sich eher auf die steuerlichen und sonstigen staatlicherseits erwirkten Profite und Privilegien der Kirche, namentlich auf eine Bezahlung von Bischofsgehältern aus der Staatskasse. Denn im Übrigen kann die Allianz von Kirche und überparteilichem Sozialdemokratismus ja wirklich niemanden überraschen.

    1. Auch das ist möglich. (Die erwirkten Privilegien sind allerdings Kompensationen für die Säkularisation – selbst schuld, wenn der Staat Verträge mit Institutionen abschließt, die nicht alle paar Dutzend Jahrzehnte unterzugehen pflegen.) Und dennoch: Die Trennung von Meinung und Bericht fehlt, und unterschwellige Unterstellungen sind auch dann nicht journalistisch gerechtfertigt, wenn sie die richtigen treffen sollten.

  2. Stimmt – im Gegenteil muss GERADE die Kirche Steuererhöhungen fordern. Denn schließlich wird jede Erhöhung der Steuern auch ihre eigenen Einkünfte erhöhen.

    Und – da gebe ich Dir auf jeden Fall recht, Felix: Höhere Steuern für Reiche entsprechen auch der katholischen Soziallehre. Also zwei Fliegen mit einer Klappe!

    1. Ich habe immer Bedenken, wenn die Lehre der Kirche allzu übergriffig in anderer Leute Sachgebiete wird. (Ein aktueller Fall ist etwa die Enzyklika Caritas in veritate, wo der Papst – meines Erachtens von einer tiefen Rezeption politischer Theorie eher unbeleckt – mal eben eine Weltautorität fordert, ohne darüber nachzudenken, was eine Weltautorität unter dem Vorzeichen einer Reihe von freiheitsfeindlichen Regimen bedeuten würde.) Bei der Soziallehre ist das der Fall. Die Sozialprinzipien Personalität, Solidarität, Subsidiarität und Gemeinwohl halte ich für ein geeignetes Instrumentarium (auch und gerade für Liberale), um den Outcome von Politik zu bewerten (und da ist dann auch der Platz für die Kirche: Normative Maßstäbe zur Verfügung zu stellen und zu begründen); problematisch wird es immer dann, wenn diese Prinzipien zu eng gefaßt werden und dann die Mittel zur Erreichung dieser Ziele festgeschrieben werden auf die üblichen sozialdemokratischen, etatistischen Methoden.

      Natürlich ist das der Mainstream der christlichen Gesellschaftslehre. Aber es gibt ja auch noch andere Ansichten; zunächst sollte man nicht außer acht lassen, daß ein freier Markt durchaus auch aus einer christlich beeinflußten geistesgeschichtlichen Tradition zu begründen ist. (Dazu etwa Flavio Felice: The Catholic Roots of the Market Economy.) Und dann gibt es auch noch Leute, die den allzu engen Konnex von sozialdemokratischen Methoden und katholischer Soziallehre kritisieren, so etwa Thomas E. Woods, Jr., zum Beispiel in Economics As Science: A Catholic Defense of the Free Market.

      Das aber Dir zugestanden: Natürlich gerade die katholische Kirche. Leider. Die finanzielle Verbindung mit dem Staat habe ich im Artikel Arme Staats-Kirche auch schon kritisiert.

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