Der Feind meines Feindes

Bei aller berechtigten Häme, die der Welt-Artikel zum Sortiment von Weltbild erzeugt, ist mir der Tenor des Buzz doch etwas suspekt: Völlig kritiklos wird ein Artikel weitergegeben, der in seinem denunziatorischen und verklemmt-sexualisierten Ton 1:1 kath.net entstammen könnte. (Und in der Tat publiziert der Autor Bernhard Müller dort und gibt – wie auch unter dem Artikel steht – das im Artikel erwähnte »PUR Magazin« heraus.)

Weltbild ist, neben dem in der Tat voll von Weltbild verantworteteten Katalog (der auch tatsächlich einiges an grenzwertiger Esoterik enthält), auch eine Vollsortimentsbuchhandlung, die die üblichen Buchkataloge abgreift und natürlich alle Bücher besorgen kann. Natürlich auch die »kirchenfeindlichen Schriften wie die Bücher des Gottleugners Richard Dawkins« (warum läßt sich die Welt auf dieses Niveau herab?). Mit entsprechendem Eros kann man natürlich auch obskure Erotik-Verlage finden, die über den normalen Buchhandel vertreiben. Folgerichtig wird auch die Beteiligung am gemeinhin nicht als allzu jugendgefährdenden buecher.de angekreidet, wo angeblich »Bücher wie ›Graf Porno‹ und ›Porno für Paare‹ beworben« werden. (Bei mir nicht, aber das mag an der Personalisierung der Werbung liegen.)

Will der Autor etwa, daß Buchhändler nicht mehr allgemeine Kataloge vorhalten, sondern einzig ein nach bestimmten ethischen Kriterien vorgefiltertes Programm führen? Oder im Umkehrschluß behaupten, daß die meisten Buchhandlungen, jedenfalls alle, die Barsortimente bemühen, unmoralisch seien?

In bewährter kath.net-Manier wird quellenlos uneigentlich gesagt, was eigentlich gemeint ist:

Manchem bleibt nur noch die Polemik: Wozu braucht „Weltbild“-Aufsichtsrat und Sekretär der Deutschen Bischofskonferenz, Pater Langendörfer, „Meine feuerroten Stilettos?“. Muss Bischof Mussinghoff wissen „Warum Männer so schnell kommen und Frauen nur so tun als ob“. So könnte man fortfahren.

Die quälende Frage bleibt, warum die Bischöfe als Miteigentümer ihrer persönlichen Verantwortung nicht gerecht werden und Bücher produzieren lassen wie: „Nimm mich hier und nimm mich jetzt!“, „Sex für Könner“, „Handbuch für Sexgöttinnen“, „Schmutzige Geschichten“, „Der perfekte Verführer“, „Sag Luder zu mir!“.

Andeutungen und verkürzte Argumentationsketten werden zur Denunziation. (Zufall, daß diese beiden als Beispiele herhalten müssen? Der – in kath.net-Kreisen – der Kirchenspaltung bezichtigte Jesuit Langendörfer und Bischof Mussinghoff, der – ebenda – kritisiert wird wegen seiner die Beteiligung von Laien intensivierendne Reform der Pastoral in seinem Bistum – statt etwa Bischof Müller aus Regensburg, dessen Beteiligung an Weltbild noch größer ist?) Die eigene Lust am Verbotenenen der Lust wird sublimiert in Schmähungen. Kritik wird gnadenlos sexualisiert, es wird geschwelgt in Schilderungen der Verdorbenheit des anderen, und es ist völlig legitim, all die wunderbaren unanständigen Wörter in den Mund zu nehmen und all die wunderbaren Schweinereien sorgfältig zu recherchieren und zu beschreiben (kannte vor diesem Artikel jemand »Blue Panther Books«?) – es wird ja im Modus der lustvollen Distanzierung getan.

Kirchliche Beteiligungen an Unternehmen kann man (aus säkularer Sicht) kritisch sehen – und sie sind (aus christlicher Sicht) auch grundsätzlich zu hinterfragen und hinsichtlich katholischer Sozial- und Morallehre zu überprüfen. Gerade die Kirche muß sich an ihren eigenen Maßstäben messen lassen, und insofern ist der Spott, der im Netz über die Kirche ausgebreitet wird, auch völlig berechtigt – die Frage ist nur: Will man sich wirklich mit diesem Kritiker gemein machen?

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17 Gedanken zu „Der Feind meines Feindes“

  1. »Will man sich wirklich mit diesem Kritiker gemein machen?«

    Ja. Denn ich habe keinen Grund, Bernhard Müller NICHT als einen Mitchristen und Bruder in Christo zu sehen. Darum mache ich mich gern mit diesem Kritiker gemein. Wie Sie bereits schrieben, wäre Häme berechtigt, … wäre denn nicht bereits der Weltbild-Skandal selber so zum Speien.

    Es ist belustigend zu sehen, sich eine mutmaßlich freiheitliche Kommentatorenschaft verbiegt, weil man den Beifall von der falschen Seite fürchtet … und das auch noch OFFEN zugibt.

  2. Nein, sein Stil ist selbstverständlich nicht in Ordnung, und was das so ärgerlich macht ist die Tatsache, dass viele Journalisten / Redaktionen es offenbar nicht begreifen, dass sie damit ihre eigene Glaubwürdigkeit unterhöhlen, statt sie zu stärken. Danke für diesen Beitrag unter einer sehr passenden Überschrift.

  3. Neben den schon erwähnten Kritikpunkten stößt mir auf, dass in den Artikeln nicht zwischen Vertrieb und Produktion unterschieden wird: „[…] und Bücher produzieren lassen […]“
    Weltbild vertreibt die Bücher nur und ist wie Sie richtig schreiben eine „Vollsortimentsbuchhandlung“ – mit Betonung des Handelns in dem Wort. Es ist für die kritisierten Bücher nicht der Verlag.

  4. Das Absurde an diesem Pseudo-Skandälchen ist, dass hier wirklich so getan wird, als würde Weltbild sich nicht alle Mühe geben, etliches rauszufiltern, was irgendwie mit Erotik zu tun hat, Motto: Kein Sex, bitte, wir sind Christen! Von meinen eigenen Büchern im Zusammenhang mit Sexualität bietet Weltbild nur eine sehr begrenzte Auswahl jener Titel an, die bei Branchenführern wie Heyne erschienen sind. Schon mein Ratgeber „Sex für Fortgeschrittene“, erschienen in Lizenz bei Droemer/Knaur, gelangt nicht durch den Filter. Also keine Sorge, liebe Katholen, Weltbild lebt zu einem guten Teil immer noch in den fünfziger Jahren und reagiert auf eine offene Behandlung des Themas Sexualität vielfach noch immer, als wäre das der Gottseibeiuns persönlich.

    Wie schön, dass die katholische Liga mit ECHTEN Problemen, um nicht zu sagen: Verbrechen im Bereich Sexualität so gar nichts zu schaffen hat. Man könnte sich allerdings vielleicht auch mal fragen, ob diese extremen Barrieren gegenüber körperlichen Gelüsten auf der einen Seite und der massenhafte Missbrauch in der Kirche unter einem erdrückenden Mantel des Schweigens auf der anderen nicht sehr viel miteinander zu tun haben. Eine derartige Hysterie wegen nichts (im Jahr 2011!) und ein dermaßen frappierendes Wegsehen entsprießen offenbar derselben Unreife gegenüber dem Gesamtbereich der körperlichen Liebe. Das eigentliche Problem ist nicht, dass sich Weltbild ganz vorsichtig auch ersten Büchern zum Thema Sex und Erotik öffnet, sondern dass offenbar etliche Katholiken ganz wuschig im Kopf werden, sobald sie das böse Wort „Sexualität“ nur hören, geschweige denn sich näher damit beschäftigen zu wollen.

  5. „[..]in den Artikeln nicht zwischen Vertrieb und Produktion unterschieden wird.“

    Die Kritik ist sachlich richtig, aber es gibt auch viel, gerade Esotherikkram, aus dem Hause selbst.

    1. Natürlich wäre es besser, wenn der Artikel sorgfältiger wäre und stattdessen die nicht sehr informativen Bezugnahmen zwischen einzelnen Bischöfen und diversen Titeln einsparen würde. Ich sehe andererseits jetzt eigentlich aber auch keinen Grund, warum der Vertrieb notwendig harmloser sein soll, als der Verlag. Und auch wenn dem so wäre: Keinen Anteil an der Sache haben zu wollen heißt nun einmal keinen Anteil haben zu wollen, auch nicht einen teilweisen oder vergleichsweise harmloseren. Ich will hier auch nicht der Zensur das Wort reden, aber jeder, der diese Bücher lesen möchte hat ja in unserer freien Gesellschaft ausreichend Bezugsquellen. Weltbild muss hier wohl nicht in eine Lücke springen.

  6. Zitat: „… wo angeblich »Bücher wie ›Graf Porno‹ und ›Porno für Paare‹ beworben« werden. (Bei mir nicht, aber das mag an der Personalisierung der Werbung liegen.)“

    Im fundamantalistischen Umfeld – Bernhard Müller soll laut Artikel ja auch für kath.net schreiben – bedeutet „werben“ nicht aktives Eintreten oder Anpreisen einer Sache, sondern soviel wie „nicht kompromisslos verdammen“. Wenn zum Beispiel im Fernsehen zwei knutschende Frauen zu sehen sind oder in einem Biologiebuch von Homosexualität die Rede ist, ohne diese als Sünde einzusortieren, ist das im Sprachgebrauch der dortigen Autoren „Werbung für Homo-Lebensweise“.

    1. Mit der Blattlinie der Welt habe ich sehr wenig zu schaffen, bestenfalls wirtschaftspolitisch gibt es größere Überschneidungen, und um Springer ziehe ich persönlich einen größeren Cordon sanitaire.

      Trotzdem halte ich die Welt für eine Qualitätszeitung und in jedem Fall für relevant – einfach pauschal die Welt (sei’s qua Springer oder qua Blattlinie) aus dem politischen und medienethischen Diskurs herauszukomplementieren wird ihrer Bedeutung nicht gerecht.

  7. Nach der Lektüre des FxNeumann-Blog-Beitrags weiß ich wieder, warum „katholisch“ in meinen Ohren immer wie „fanatisch“ klingt.

    Aber für die Una Sancta gilt ja (seit Jahrhunderten): Pecunia non olet.

    Und: Dawkins (ähnlich wie Küng oder Drewermann oder Frau Ranke-Heinemann) heben das intellektuelle Niveau eher; das zu begreifen oder wenigstens zu tolerieren, fällt katholischen Fundamentalisten und Obrigkeitshörigen in der Papstkirche natürlich nicht leicht.
    Ideologische Munition hat Papa im September in Deutschland ja ausreichend geliefert …

  8. Ich muss ja selbst immer aufpassen, um nicht in die Falle zu reiten, aber auch an dieser Stelle der Hinweis, dass hier regelmäßig das „römisch-“ fehlt, wo „römisch-katholisch“ gemeint ist. Anders, moderner und nicht so weltentfremdend wie ein gewisser Teil der päpstlichen Konfession sind die Alt-Katholiken (dem Namen zum Trotz)
    Siehe: http://www.alt-katholisch.de/

  9. kath.net verhält sich doch zu religion/spirituellen themen wie das „politically incorrect“ blog zu politik/gesellschaftlichen themen – ein sammelsurium von erzkonservativen, hetzern, verklemmten und auch sonst und allgemein bösen menschen. dass weltbild trashige, harmlose und softe erotikromane vertreibt, dürfte keinen aufgeklärten menschen stören. wer was anderes braucht, findet’s eh im sex-shop um die ecke – oder im internet. aber diese irren von kath.net/put/welt halten kondome für teufelswerk, tarot-karten für satanismus und harry potter für schwarze magie…

  10. Felix Neumann fragt: „Will [Bernhard Müller / kath.net] etwa, daß Buchhändler […] n einzig ein nach bestimmten ethischen Kriterien vorgefiltertes Programm führen?“

    Das ist korrekt.

    In den USA läßt sich eine ganz ähnliche christlich-fokussierte Unternehmensstruktur beobachten, wenn auch oft aus einem evangelikalen Umfeld: christliche Buchhandlungen vertreiben ausschließlich Szeneliteratur (Vgl.: „Left Behind Series“), christliche Videostores verleihen ausschließlich „familienfreundliche“, also religiöse Videos (Vgl.: „Veggie Tales“) oder christliche Internetanbieter versprechen Christen-freundlichen Kundenservice (Vgl.: „christian web host“). Und auch: Christliche Apotheker verweigern aus Gewissensgründen die Abgabe der „Pille danach“.

    Hier wird ein sehr geschlossener, sehr spezifischer Markt bedient und Bernhard Müller spricht mit seiner Rhetorik eben genau diese Zielgruppe an.

    Dass nun überregionale Zeitungen ein Produkt, nämlich Müllers Artikel, prominent publizieren ist als Erfolg der rechtskonservativen Religiösen zu anzusehen, und zwar unabhängig davon, ob die Kritik in Gänze oder der Form nach berechtigt ist.

  11. Natürlich teile ich die Kritik des Hrn. Müller vom PUR-Magazin.
    Seit mehreren Jahren wissen die Bischöfe Bescheid. Unternommen haben sie bis auf wenige Ausnahmen – nichts (kennen wir das nicht von irgendwoher?)

    (das EB Köln hat 2008 seine Anteile an WELTBILD abgestoßen, der Verband der Diözesen wollte sie haben …)

    Natürlich ist es etwas anderes, ob mir Heckler&Koch gehört oder ob ich die weltweit meist verkauften Schußwaffen nur vertreibe – dennoch bedeutet beides eine positive Duldung des Waffengebrauches.

    Natürlich ist es etwas anderes, ob ich ein rechtsnationales Buch bewerbe oder nur verkaufe, wenn es jemand aktiv haben will und danach fragt. Doch auch hier bedeutet der Einstellung des „kannste haben“ eine Unterstützung des Produktes.

    Alles andere zu behaupten ist doch verbaler Dünnpfiff, glaubt das wirklich jemand?

    Gut, der Kommentator Arne Hoffmann, der sicher bedeutende Werke wie „Orgien für Anfänger“ (spricht dann da der Profi?) verfaßt hat (bei amazon mal geschaut, den intellektuellen Genuß der Lektüre hatte ich bislang noch nicht), hätte nichts dagegen, wenn die erfolgreichste Buchhandlungskette Deutschlands seine Bücher weiterhin anbietet, das ist nachzuvollziehen. Nur sehe ich da doch einige monetäre Interessenskonflikte, wenn es um die Bewertung geht.

    Natürlich kann sich der WELTBILD-Verlag entscheiden, kein Vollsortimenter mehr zu sein. Es geht ja schließlich nicht um irgendwelche „Buchhändler“, sondern um eine Kette in katholischem Besitz. Es kommt ja niemand auf die Idee, bspw. Hrn. Hoffmanns Elaborate gesetzlich zu verbieten – ich weiß, jetzt kommt sicher „ja, wenn sie könnten, würden sie das!“, aber man kann dem Pawlow’schen Reflex auch mal Einhalt gebieten. Die Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut – und Bäume sterben auch für anderen Müll.

    Es geht schlicht und ergreifend um die Tatsache, daß die katholische Kirche einfach bloß Katholisches zu verbreiten hat. That’s all.

    (Ich wünschte, es gäbe ähnlich wie in den USA überhaupt kein Konkordat, dann wäre vieles einfacher …)

  12. A propos Filtersystem bei Weltbild:
    Kirchenkritsiche Bücher, wie z.B. Karlheinz Deschners „Kriminalgescihcte des Christentums “ oder David Berger „dert heilige Schein“ sucht man bei Weltbild vergebens – wenn das keine Zensur ist… dagegen sind die Pornos also „common sense“ ? Vergangene Woche machte ich einmal die Probe aufs Exempel und gab das Stichwort „Erotik“ ein: die Suche zeigte mir seitenweise „Literatur“ zum Begriff – alles bestellbar! Vergangenen Freitag jedoch beim zweiten, Vergleichs- Experiment: Null Ergebnis!

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