Kunst kämpft um Anerkennung

Erst jetzt der Hinweis auf einen hervorragenden Text von Thierry Chervel im Perlentaucher zur Urheberrechts-Debatte im Literaturbetrieb: Die schöne Seite der Kostenlosmentalität.

Chervel analysiert klug den seltsamen Sachverhalt, daß ausgerechnet die noch am wenigsten betroffenen Urheber_innen aus der Literatur jetzt so lautstark aufschreien:

Das Problem dieser Autoren mit dem Netz ist weniger, dass es ihre Einnahmen als dass es ihr Selbstbild als Autor in Frage stellt.

Chervel spinnt das ein wenig polemisch (aber wohl zutreffend) weiter; der Literaturbetrieb verweigere sich dem Netz, neue Formen des Schreibens würden nicht ergriffen. Das Zitat enthält darüber hinaus eine sehr kluge Betrachtung: Urheberrecht hat im Begriff schon die Überhöhung angelegt – und die heftigen Reaktionen, die Urheberrechtsdebatten hervorrufen, haben ihren Grund im Auseinanderklaffen von idealisiertem Künstlerselbstbild und ökonomischer Realität.

Die durchschnittlichen Kulturschaffenden leben in prekären, mindestens aber sehr bescheidenen Verhältnissen. »Urheberrecht« ist daher nicht nur ein ordnungspolitischer Rahmen, der die Probleme nicht-knapper Güter durch zeitlich beschränkte Monopolrechte auszugleichen versucht. Urheberrecht ist auch, und gerade in der kontinentalen idealistischen Tradition des droit d’auteur, symbolische Wertschätzung der Person und der Kunst der Urheber_innen – und das ist konsequent in einer Welt, in der das gesetzte Recht grundsätzlich jede Sphäre des Lebens zu zivilisieren und befrieden vermögen soll.

Wenn die Position »der Netzgemeinde«, »der Piraten« polemisch verkürzt wird auf »Abschaffung des Urheberrechts« (oder auch nur »Reform«, lies: »Schwächung«), dann nützen die besten ökonomischen Argumente nichts: denn die Gegenposition ist eine unbestimmte »Stärkung« des Urheberrechts, for whatever that means. Nicht, daß dahinter auf Künstlerseite eine ausformulierte Agenda stünde (und auch nicht, daß die andere Position eine einheitliche, ausformulierte Agenda hätte über den Konsens des Reformbedarfs hinaus); mit Blick auf die Zahlen der Künstlersozialkasse, auch schon vor dem Netz, sollte sich auch niemand über die ökonomische Lage von Urhebenden unter dem Regime des bestehenden Urheberrechts täuschen.

Die gesellschaftliche Wertschätzung der Kunst soll, wenn schon nicht durch faktischen materiellen Wohlstand der Kunstschaffenden, so doch wenigstens durch die symbolische rechtliche Anerkennung des droit d’auteur von einer allgemein anerkannten Instanz zugesprochen werden – und das ist in der Privatrechtsgesellschaft nicht der wilhelminische Staat als oberster Kunstrichter, sondern der ökonomische Rahmen setzende Staat, der zumindest der Theorie nach die Marktgängigkeit immaterialler Güter durchsetzen und ermöglichen soll.

Dieses grundsätzliche Anerkennungsproblem (wer ans Urheberrecht will, greift den Wert – ökonomisch wie ideell – von uns Kunstschaffenden an) macht die deutschsprachige Debatte so zäh und in ihren jeweiligen Gräben verhaftet. Versuche, aus dem Lager der Urheberrechtsreform Brücken zu bauen, fruchten nicht. Schon der etablierte eigentlich neutrale rechtliche Oberbegriff »Immaterialgüterrecht« wird (etwa von den Tatort-Autor_innen) als Polemik aufgefaßt (es habe »geistiges Eigentum« zu heißen – zwei wuchtige Begriffe, in denen der deutsche Idealismus mitklingt, und die im Gesamt eine nur teilweise passende Analogie darstellen, wie oft genug diskutiert wurde); der Versuch, »Total buy out« und Urhebebervertragsrecht als Brücke zu etablieren, wird als bestenfalls taktisch motiviert wahrgenommen, um einen Keil zwischen Urheber und Verwerter zu treiben; die Piraten können noch so oft betonen, daß sie »die Persönlichkeitsrechte der Urheber an ihrem Werk in vollem Umfang« anerkennen, in der etablierten Kulturpolitik bleiben sie doch Raubkopierer.

Besonders eindrücklich wird das in dem FAZ-Interview mit Joseph von Westphalen, der den Urheberrechtsappell aus einem Bedürfnis nach Solidarisierung unterzeichnet hat, zu dessen Inhalten aber auch auf Nachfrage nichts Fundiertes zu sagen vermag:

Und doch haben Sie unterschrieben. Sie gehören sogar zu den Erstunterzeichnern.

Auch so ein Titel! Ich sagte doch: aus Solidarität. Moralische Fraktionszwänge gibt es manchmal auch außerhalb der Parteipolitik. Frech ist die Piraterie schon. Ich verstehe meine Unterschrift mehr als ein Stirnrunzeln.

Und zum Stirnrunzeln formuliert er kluge, einsichtige Gedanken zu Problemen des geltenden Urheberrechts, die ihn deutlich im Lager derer verorten, gegen das er sich doch mit seiner Unterschrift positioniert hat.

Joseph von Westphalen hat die Problematik durchdrungen, hat sogar Lösungsansätze (das Gespräch zu lesen lohnt sich sehr!), und die wären wohl für die meisten im Reformlager annehmbar bis wünschenswert. Wenn die Brücken der ausgesprochenen Reformer_innen nicht tragen, wenn selbst fundierte Problemkenntnis auf der anderen Seite nicht zu einer unaufgeregten Debatte führt – wie soll die dann überhaupt möglich sein?

Oder anders: Wie läßt sich das Projekt einer Urheberrechtsreform angehen, ohne daß die von ihrem Schaffen lebenden die Kränkung mangelnder gesellschaftlicher Anerkennung erfahren?

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4 Gedanken zu „Kunst kämpft um Anerkennung“

  1. Gestatten Sie die kleine Anmerkung: Es handelt sich beim erwähnten FAZ-Beitrag nicht um ein „Gespräch“, sondern um die „Selbstbefragung eines Urhebers“. Das erklärt auch den eher (zumindest für die FAZ) „ungewöhnlichen“ Fragestil.
    So, und nun gilt es, dass Captcha zu entziffern.

    1. Haben Sie, lieber Schneidegger, Dank für den Hinweis: Das ist mir tatsächlich durchgegangen.

      Umso interessanter, wenn Westphalen nicht nur auf Nachfrage, sondern auf eigenes Betreiben diese Widersprüche bemerkt und ehrlich dazu steht.

  2. Dass Chervel „klug analysiert“ hätte, kann ich nicht nachvollziehen. Mein erster Eindruck war der einen maßlosen perfiden, weitgehend auf Unterstellungen aufgebauten Argumentation (hier in der Diskussion: https://plus.google.com/u/0/102484891814321353019/posts/KPMQMiPN336). Auch beim erneuten Lesen stört mich die Idee, die 6.000 Autoren sollten sich nun allesamt ins Internet stürzen, weil da wäre die Modernität und auf alle Arten von Internet-Abstinenzlern wäre künftig eben keine Rücksicht mehr zu nehmen. Das einzige, was ich Chervel inzwische zugute halten würde, ist, dass er offenbar auf Sibylle Lewitscharoff reagiert hatte, deren Artikel in der FAZ in der Tat gedanklich banal und sprachlich uninspiriert war – Chervel hat darauf wohl ziemlich spontan reagiert.
    Das Wort „Wert“ kann leicht dazu verühren, einen Konnex zu setzen zwischen Geld und künstlerischer Bedeutung. In der Bildenden Kunst ist das ja leider ganz geläufig geworden, in der Literatur aber gerade nicht. Dass ein Schriftsteller, der nur wenig Leser erreicht, darunter mehr leiden kann als unter den geringen Einnahmen, zumal wenn die „Werke“ dann nach einem Vierteljahr wieder aus jeder Öffentlichkeit verschwunden sind, ist nachfühlbar. Aber wieso sollten die Schriftsteller da das Problem mit dem Netz haben? Das Netz ist doch die schönste Maschine für Schulterklopfer überhaupt. Viele, auch der eine oder andere „Stille“ sind durchaus im Netz zu finden. Die Autoren-Site und sogar die Site zum Buch ist doch längs gang und gäbe. Je populärer die Bücher, desto mehr treiben sich die Autoren in Kundenähe im Netz herum.
    Die Frage, die einen an Perlen Interessierten umtreiben sollte, ist doch die, was dabei für Literatur herauskommt. Chervel sieht da „neue Schreibweisen“ – bitte, wovon redet er da? Literarisch leben wir in einer Zeit, in der das Epigonentum und alte Schreibmuster wuchern, dass die Schwarte kracht. Und gerade das Internet protegiert in literarischer Hinsicht das 19. und frühe 20. Jahrhundert.
    Die literarische Anerkennung, die im Leitbild von einigen wenigen Autoren noch nachlebt, kommt übrigens weder von Preisen noch von Erfolg noch von Schulterklopfern. Sie kommt von der „sich selbst überlassenen Schöpfung“. Den Gedanken findet man bei Henning Ritter über Rimbaud: „Mit Rimbaud tritt die Verleugnung des Werkes in die Literatur ein. … ein verstoßenes Werk, abgelehnt und sich selbst überlassen. Der Gestus ist der einer verleugneten Vaterschaft … Diese Ablösung des Werks von der Sphäre der Absichten … überantwortet es einer Selbständigkeit, die es als Schöpfung erst autonom werden lässt. … Wird es sich behaupten? Wenn es sich behauptet, wird es ein Mythos sein …“ Das ist eigentlich die Position der ernstzunehmenden Autoren. Sie setzen ihre Boote aufs Wasser und lassen sie treiben. Alles andere ist Ökonomie und das übliche Brot und Butter Problem. Wo das Geld herkommt, ist im Prinzip egal. Ob aus dem Buchverkauf, einer Verfilmung, einem Preis. Wenn dann das Buch geklaut wird, wär es ja Recht – am Ende muss jedes Buch alleine überleben, spätestens 70 Jahre nach dem Tod des Autors. However, die Vorwürfe, die Chervel in voller Pauschalität den Autoren macht, halte ich im Kern für perfide, nämlich da, wo er die Ökonomiefrage dahin verdreht, die Autoren sollten sich gefälligst mehr um dieses Internet kümmern und da sich immer munter als Vater ihrer Werke zeigen und ihre Kinder durchfechten. Das wäre in vielen Fällen der sichere Untergang ihrer Boote.

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