Nicht nur Rousseau

In der Zeit ist ein klug abwägender Kommentar von Jan Roß dazu, wie sich Bildungseliten herablassend über die ungebildete Masse äußern, und wie das gefährlich für die Gesellschaft und ihren Zusammenhalt ist. Der Autor differenziert, zeigt die Grenzen und Gefahren nicht durch Recht und individuelle Freiheit gebändigter Mehrheitsherrschaft auf, weist klar paternalistische Ansprüche auf Ausschlüsse als minderwertig (kulturell wie intellektuell) empfundener Gruppen aus dem partizipativen Prozeß zurück – und trotz allem Differenzieren fehlt mir doch etwas, weniger sachlich als auf der Ebene des Gefühls; mir ist da zuviel Einsatz für den Mehrheits-Aspekt der Demokratie und zu wenig Sympathie für den Freiheitsdrang Einzelner.

»Unsere Solidarität hat denen zu gelten, die sich an die demokratischen Spielregeln halten – und wenn die Regeln verletzt werden, dann den Benachteiligten und Betrogenen.« Das klingt zunächst gut, im Vordersatz zumal, und oberflächlich ist auch der Nachsatz – Vorzug der Option für die Armen! – in Ordnung und eingängig. Aber das genügt nicht, gerade nicht, wenn mehr oder weniger abstrakt über eine im Vollsinn demokratisch verfaßte Gesellschaft geredet wird. (Mit Vollsinn meine ich: Nicht nur Mehrheitsregel und gleicher Zugang aller zum Feststellen der Mehrheit – Rousseau –, sondern auch eine Begrenzung der Mehrheitsregel, des Durchgriffs der Gesellschaft wie der Gemeinschaft auf den und die Einzelne – Jefferson.) »Benachteiligt und Betrogen« sind auch die, die gegen eine Diktatur gekämpft haben, um dann eine Bevormundung gegen eine andere zu tauschen – und da kann es dann im Einzelfall durchaus legitim sein, sich auch gegen eine per Mehrheitsregel aufgestellte Obrigkeit zu stellen – und damit natürlich auch: Gegen die Mehrheit in einer Gesellschaft, auch wenn die – im Gegensatz zu einem selbst – materiell und an Bildung benachteiligt ist. Das rechtfertigt keine Ressentiments »nach unten« – aber es ist auch auch keine Delegitimierung des Freiheitsdrangs, wenn er von »oben« kommt.

Daher: Meine Solidarität und Sympathie gilt denjenigen, die individuelle Freiheiten hochhalten und ausnutzen, auch und gerade in Oppostion zur Mehrheit – ob das in Kairo, Dresden, Tel Aviv oder Istanbul ist, ob das im Einsatz für die Pressefreiheit oder für die Freiheit, Sex zu haben mit wem man will, oder auch zu konsumieren was man will. (Völlig verschiedene Orte und Gesellschaften, aber oft ähnliche Situationen.)

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