Höfliche Konter

Kommentarspalte (Symbolbild)
Kommentarspalte (Symbolbild)

Diese Woche habe ich netto gut einen Arbeitstag mit Facebook-Kommentaren verbracht, es ging um Religionsfreiheit, Laizität und Burkinis. Ich habe mich bemüht, sachlich und höflich auf alle einzugehen. Das hat sich gelohnt: Quantitativ sowieso, weil meine fast 100 Kommentare (von insgesamt gut 800) die Interaktion befeuern und Reichweite bringen. Aber auch qualitativ. Immer wieder zeigt es sich: Wenn der Autor, wenn die Redaktion mitdiskutiert, zivilisiert das eine Diskussion. Es hilft, wenn auch die nervigsten Erfindungen, Mutmaßungen und selektiven Informationen gekontert werden.

Und gerade das Kontern ist wichtig – sachlich, höflich und argumentativ, auch wenn man das Gegenüber mit gutem Grund für rechtsextrem, antisemitisch, was immer hält. Nicht gemeinmachen, aber nicht selbst in die Falle der manichäischen Kommunikation treten. (Finger weg vom Stinkefinger.) Nicht nur, wie Sascha Lobo sehr richtig schreibt, die anderem im demokratischen Spektrum zu respektieren, sondern Höflichkeit und Sachlichkeit generell zur Maxime der Kommunikation zu machen.

Eine Herausforderung ist, daß wir oft immer noch agieren, als hätten wir es mit tumben Naziglatzen zu tun. Die eigene Position ist uns so selbstverständlich, daß wir gar nicht auf die Idee kommen, daß die anderen nicht einfach nur verblendet und blöd sein könnten. Aber »Ausländer raus« und »Deutschland judenfrei« kann man heute viel distinguierter sagen und von Ethnopluralismus reden und, sehr selektiv, nur wenn’s ums Schächten geht, den Tierschutz entdecken. Wer in der Casa Pound, in Schnellroda ein- und ausgeht, wer Alain de Benoist liest und Gramsci auf rechts dreht hat zwar ein geschlossenes Weltbild mit einer eigenen Informations- und Legitimierungsblase – aber einfach und einfältig ist dieses Weltbild nicht.

Weder greifen hier rein formale Moderationsstrategien (Beleidigungen und Volksverhetzung löschen) noch das Verächtlich- und Lächerlichmachen (das fällt nur – zurecht – auf einen selbst zurück) noch eine hochproblematische Auslagerung der Moderation an Plattformanbieter, die teils rechtliche Bewertungen vornehmen sollen, teils sogar unterhalb der Schwelle der Strafbarkeit gegen das vorgehen sollen, was unter den weiten und unbestimmten Begriff »hate speech« fallen soll.

Memes ersetzen keine Argumente

Es braucht die argumentative Auseinandersetzung. Ein mehr oder weniger gelungenes Meme (»Haters gonna hate«, »You put the ass in Hass«) ist darauf keine Antwort. Schnippische, überhebliche Counterspeech, wie sie die Initiative »No Hate Speech« mit ihrer Memesammlung vorschlägt, bestätigt nur die Überzeugten beider Seiten. Sie läßt das geschlossene Weltbild und die Argumentation der Vereinfacherinnen und Populisten nur argumentförmiger, rationaler erscheinen. Auf die Behauptung, Muslime in Deutschland lehnten mehrheitlich die Demokratie ab, belegt mit einer heftig-en Focus-Meldung, kann man »lolwut!?!?« antworten oder ein differenzierteres Bild mit verschiedenen Studien zeichnen.

Das ist Arbeit. Das ist sehr viel Arbeit – selbst wenn es nur eine Handvoll Hochengagierte sind, die immer wieder die gleichen Dinge schreiben und den Eindruck einer identitären Hegemonie in der Kommentarspalte (und damit »im Volk«) erzeugen wollen. Wenn man sie immer wieder auf ihre Argumente festnagelt und stoisch immer und immer wieder sachlich und höflich dagegen redet, stellt das die Wahrnehmung richtig. Denn das Ziel ist nicht, das Gegenüber zu besiegen, zu beleidigen, lächerlich zu machen.

Was hilft

Was leider auch noch dazu kommt: Fachwissen braucht’s, mindestens aber sehr gutes Wissen-wo’s-steht-Wissen. Beim Thema Religionsfreiheit habe ich das. Das ist ein Thema, bei dem ich auf die üblichen Halbwahrheiten, Verschwörungstheorien und Argumentationsfiguren eingehen kann. Wo mein moralisches Gefühl durch theoretische Argumentationsfiguren begründet ist. Das alles ad hoc nachzurecherchieren, geht nicht ansatzweise. Es gibt nicht viele Themen, bei denen ich so firm bin – dunkel raunen, selektiv Quellen auswählen, Strohmänner aufbauen geht schnell, das zu widerlegen dauert.

Daher ist für mich auch ein Schluß aus der Debatte: Konstruktive Teilnehmende unterstützen. Weil man selbst meistens nicht die Zeit oder das Wissen für argumentierendes Kontern hat. Ich habe mich sehr gefreut, daß die viele Arbeit wahrgenommen wurde, das hat mir sehr geholfen, das so durchzuziehen. Im Gegenzug habe ich selbst einigen Beteiligten, die auch viel Aufwand reingesteckt haben, Nachrichten geschrieben. Und für Facebook gilt ganz profan: Kommentare liken, liken, liken. Die identitären Like-Seilschaften sind stark, deshalb zieht ein Keine-Religionsfreiheit-für-Muslime-Kommentar schnell zweistellig Likes und wird entsprechend hoch gerankt.

All das überzeugt nicht diejenigen mit dem geschlossenen Weltbild, die streng identitär denken und kommentieren. Das ist keine Patentlösung für alle Probleme – von politisch motiviertem Mobbing und Verstummen lassen habe ich etwa noch gar nicht geredet. Aber es ist eine Facette, damit eine radikale Minderheit sich nicht als unterdrückte Mehrheit stilisieren kann, deren Argumente nicht gehört werden. Es gibt anderen die Argumente und Quellen an die Hand, um selbst zu argumentieren. Es zeigt die moralische Position auch als rational, nicht nur emotional begründbar. Und schließlich: Es sorgt für ein ein wenig besseres Klima in der Kommentarspalte, in die sich dann vielleicht auch die breite Mitte etwas häufiger traut.

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5 Gedanken zu „Höfliche Konter“

  1. Danke für diesen sehr erhellenden Beitrag. Ich würde noch ergänzen, dass man eine „Kommentarschlacht“ (Achtung, Kriegsmetapher), so wie du sie beschreibst, ja nicht alle Tage hat. Und wie du ja richtig erwähnst, ist eine solche Arbeit an der Diskussion ja Arbeit an der Reichweite. Interessant wären Zahlen, inwieweit sich die Früchte dieser Arbeit zeigen: wie viele neue Follower hast du oder katholisch.de mit solch einem Arbeitstag erwirtschaftet, hast du persönlich neue interessante Kontakte geknüpft, wie viele Impressions wurden erzielt, für den Facebook-Beitrag oder andere verlinkte Beiträge von katholisch.de?

    Was ich noch dazu anzumerken habe: wenn es nicht das Ziel ist, den Anderen zu „besiegen“, warum sprichst du dann vom „Konter“, welcher ja im Sport genau mit dem Ziel (aus einer Verteidigungssituation) benutzt wird, um Punkte zu erzielen, um zu gewinnen, also um einen „Gegner zu besiegen“?

    1. Für mich selbst war’s vor allem Twitter: Zehn, fünfzehn Follower mehr; da ich zur Zeit ziemlich still bin auf Twitter, ist das deutlich mehr als sonst in einem schlechten Monat. Auf Facebook formal gar keine neuen Kontakte, da werde ich wohl zu sehr als Redakteur und nicht als normaler Mitdiskutant in der Community wahrgenommen. (Ich weiß, daß Teile unsere Community auch untereinander über die Seite hinaus Verbindungen geknüpft haben, aber wir als Redaktion sind da sehr außen vor.) Aber bei bestehenden Kontakten wurde es deutlich wahrgenommen, einige haben mich darauf angesprochen; ich habe das Gefühl, daß viele darauf warten, daß jemand sowas macht.
      Für katholisch.de: Die Reichweite war etwa doppelt so hoch wie bei vergleichbaren Artikeln; die Durchklickrate war nicht auffällig, eher etwas unterdurchschnittlich (das passiert aber gern mal, wenn die Reichweite steigt). Die Interaktionsrate war etwa viermal höher als normal, selbst wenn man meine Kommentare abzieht. Das, was Facebook als negatives Feedback mißt (Beitrag verbergen, Seite entfolgen), war ziemlich durchschnittlich. (Wenn’s um nackte unqualifizierte Reichweite und Interaktion geht, hätte man wahrscheinlich ähnlich viel bis etwas mehr bekommen, wenn man den Preis meiner Arbeitszeit in Facebook-Werbung gesteckt hätte.)

      Und zum Konter: Darüber habe ich gar nicht nachgedacht – das war einfach ausgehend vom etablierten »Counterspeech«.

      1. Findest du zusammenfassend, dass es sich „gelohnt“ hat? Oder gehört das einfach dazu, wenn man bei Facebook ist? Kann es auf lange Sicht bedeuten, dass man auf kontroverse Beiträge bei Facebook ganz verzichtet, weil sie nervig sind und im Gegenzug nicht genug Marktgewinn zurückgeben? Oder ist das auf lange Sicht eben doch gut, Leute sprechen einen auf Veranstaltungen an, man weiß, dass katholisch.de sich einmischt etc pp…

        Habe da selbst keine Idee, kann nicht in die Zukunft sehen.

        Ich bin ja nicht bei Facebook und fand die „guten alten“ Blogdebatten irgendwie schöner, lustiger, flauschiger. Facebook ist jeden Tag große Debatte und am Abend hat man nichts geschafft. Heute geht auch mehr als früher im Internet um Reichweite und Verkaufen, da mache ich nicht mehr mit, mit entsprechenden Folgen für die Vermarktbarkeit. (Was ok ist.)

        Zu dem Begriff „Konter“ hatten wir ja schon bei Twitter geklärt, ich finde deine Erklärung plausibel, ja sogar lustig.

        1. Bitte entschuldig die späte Antwort. Ja, es hat sich gelohnt, und eigentlich gehört es dazu – wenn man denn die Ressourcen hat. Wir werden jedenfalls nicht auf kontroverse Beiträge verzichten, aber ich kann nachvollziehen (nicht gutheißen), daß sich andere Medien schon dergestalt verhalten.
          Sowohl ich persönlich wie wir als Medium bekommen sehr gute Rückmeldungen, wenn wir im Community Management sehr aktiv sind. Und ich glaube auch, daß gerade wir, als Medium der Kirche, hier auch in der Pflicht sind: Immer nur moralische Appelle reicht nicht.
          Ja, früher war es kuscheliger – aber früher waren auch noch nicht »alle« im Netz, Blogs waren übersichtlich, man kannte die Szene und blieb unter sich. Persönlich finde ich das heute anstrengender, aber es gehört nun mal zum Journalismus heute dazu, daß alle zurückschreiben können – und es leider zu großen Teilen die sind, deren Meinungsfreude Kinderstube und Kenntnisse übertreffen.

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