Stellungnahme der SMV am St. Paulusheim Bruchsal zum Artikel »Elternbeirat will die Ferien kürzen« vom 17. 10. 2001

Sehr geehrte Damen und Herren,

in Ihrem Artikel vom 17. 10. 2001 berichten Sie von der Absicht des Landeselternbeirats, darauf hinzuwirken, Samstagsunterricht wiedereinzuführen und die Ferien zu verkürzen. Wir, die Schülermitverantwortung (SMV) des St. Paulusheims, bringen einige kritische Anmerkungen zu den Thesen der Landeselternbeiratsvorsitzenden Picker vor.

Picker kritisiert, drei Monate Ferien im Jahr seien »vor allem für Schüler der Oberstufe eindeutig zu viel«. Sie begründet diese Aussage damit, daß Schüler die Möglichkeit haben sollen, »die Lebenszeit vernünftiger zu gestalten«.

Wir verwahren uns gegen dieses Schülerbild: für Picker scheint eine sinnvoll gestaltete Lebenszeit in erster Linie in der Schule ihren Platz zu haben, wie sie überhaupt nur in der Schule Platz für das Lernen sieht.

Dieser Ansatz geht an der Realität vorbei. Es ist einfach, auf die bloße Wochenstundenanzahl von Schülern zu zeigen (in der gymnasialen Oberstufe um die 30 Wochenstunden) und damit eine zu geringe Auslastung zu begründen. Tatsächlich ist es damit noch lange nicht getan: Hausaufgaben und freies Üben machen aus dem scheinbar kleinen Pensum eine Belastung, die wir für durchaus mit der Arbeitsleistung eines erwachsenen Arbeitnehmers vergleichbar halten. Dazu kommt, daß ein Schüler im Gegensatz zum Arbeitnehmer ständig neue Anforderungen gestellt bekommt; einige Wochen bloßen »Dienstes nach Vorschrift« können sich schon verheerend auf die Leistungen auswirken. In der Praxis hat ein Schüler also keine Fünftagewoche, muß doch oftmals auch das Wochenende zur Vor- und Nachbereitung des Unterrichtes eingesetzt werden. Ein denkbares Gegenargument wäre, daß durch zusätzlichen Samstagsunterricht und kürzere Ferien diese Situation entspannt würde, was gerade in Hinblick auf die Anzahl der Klassenarbeiten – bereits in der Mittelstufe bis zu drei pro Woche – sehr plausibel erscheint. Dieser Vorteil allerdings wird in unseren Augen durch mangelndes Eingehen auf den einzelnen Schüler zunichte gemacht: bei Klassenstärken von 25–30 Schülern ist es nicht möglich, jeden einzelnen Schüler optimal zu unterstützen; trotz vielen Verbesserungen pädagogischer Methoden ist der meiste Unterricht noch immer der klassische Lehrervortrag. Auf individuelle Schwächen und Stärken kann im Unterricht praktisch nur auf Kosten anderer Schüler besonders eingegangen werden; im derzeitigen System muß jeder Schüler eigenverantwortlich arbeiten, um einen optimalen Abschluß zu erreichen.

Das scheint uns kein Zustand zu sein, den es zu ändern gilt: gerade in Hinblick auf ein späteres Studium ist es sogar erwünscht, eigenverantwortliche Arbeit zu fördern. Ein Zuviel an Schule wirkt dem radikal entgegen: es ist schwer, bei einem weit größeren Pflichtpensum die Motivation zu außerschulischer Arbeit zu erhalten. Wann sollen sich Schüler erholen? Ein Arbeitnehmer kann auf seine individuellen Bedürfnisse hin Urlaub nehmen – ein Modell, das für die Schule aus offensichtlichen Gründen nicht anwendbar ist: ein weiterer Grund, warum Schüler – scheinbar – soviel Ferien haben. Die im Artikel angesprochenen sechswöchigen Arbeitszeiten zwischen Ferienperioden scheinen in der Tat kontinuierliches Arbeiten schwer zu machen; wir halten es aber nicht möglich, über eine viel längere Zeit kontinuierlich Motivation aufrecht zu erhalten.

Eine weitere Gefahr sehen wir in einer großzügigen Ausweitung des Unterrichts: ehrenamtliches Engagement. Bereits jetzt klagen viele Vereine über mangelnden Nachwuchs. Wir halten Vereine und Verbände für ein wesentliches Element in unserer Gesellschaft und halten es für fatal, wenn Jugendlichen noch weniger Zeit für eine Mitgestaltung des Vereinslebens gegeben wird. In unserem gegliederten Schulsystem ist es besonders wichtig, daß Schülern die Möglichkeit gegeben wird, über die Schule hinaus soziale Kontakte zu knüpfen. Der ideale Ort dafür ist die Freizeit und hier besonders der Verein.

All diese Argumente gegen Pickers Thesen scheinen uns einleuchtend und aus unserer Sicht als Schüler gerechtfertigt. Wir sehen auch, daß in einem kurzen Artikel kein Raum für Picker war, ihre Sicht der Dinge ausführlich zu schildern, und wünschen uns daher eine vertiefende Stellungnahme ihrerseits. Bei unserem gegenwärtigen Wissensstand scheinen uns allerdings die Forderungen des Landeselternbeirats wenig stichhaltig.

Für die SMV des St. Paulusheims:

Felix Neumann

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