More or less More

Ein Gebet um Humor kann sich in der Öffentlichkeit der Kirche augenscheinlich nur halten auf die Fürsprache eines großen Heiligen hin. Es ist aber sicherlich auch bezeichnend, daß sich ein solches Gebet gerade unter den Schutz dieses Heiligen gestellt hat. Er dürfte es mit Humor tragen.
(Quelle)

Meine Recherchen zum Thomas Morus zugeschriebenen Gebet »Um Humor« sind abgeschlossen:

Inhalt

Webb statt Morus: »um Humor«

Jeder KjGler kennt das schöne Gebet »um Humor«, das in einschlägigen Publikationen (exemplarisch sei »Beten durch die Schallmauer« genannt, siehe dort S. 193) Thomas Morus zugeschrieben wird. Im Gotteslob findet man das Gebet aber unter der Nummer 8.3 mit der Quellenangabe Thomas H. B. Webb.

So etwas weckt natürlich meinen Forschergeist.

Daß Webb ein methodistischer Prediger ist, schien – Google sei Dank! – schnell herausgefunden. Daher fragte ich zunächst beim Methodist Archive and Research Centre an der John Rylands University Library of Manchester an. Der dortige Spezialist, Dr. Peter Nockles, war leider wenig hilfreich:

Sorry I don’t know the answer to this. […] I don’t know anything about him.

Als nächstes fragte ich beim Center for Thomas More Studies an der Universität Dallas an – dort konnte man mir auch tatsächlich helfen: there is no record of Thomas More ever having written or spoken any such prayer, läßt Dr. Gerard B. Wegemer, Direktor des Zentrums, wissen.

Endgültige Aufklärung kam erst vom Deutschen Liturgischen Institut in Trier, wo Christof Emanuel Hahn mir freundlicherweise einiges Interessantes mitteilen konnte. (Unter anderem auch, daß der Autor Thomas Webb nicht wie vermutet der Methodist Thomas Webb ist.)

  • Der »Redaktionsbericht zum Einheitsgesangbuch „Gotteslob”« gibt Informationen über den damaligen Stand der Forschung:
    • T: T. H. Webb vor 1917
      V: „Bibel heute” 1971
      SK VII

      Der weitverbreitete, Thomas Morus irrtümlich zugeschriebene T stammt aus dem frühen 20. Jh und gehört in den geistigen Umkreis englischer Publik[sic]-School-Devotion der Vorweltkriegszeit.
      Der Original-T besteht aus fünf Vierzeilern, wurde aber bereits in einigen anglo-amerikanischen Gedicht-Anthologien in Str 1 und 2 um die jeweils letzten beiden Z gekürzt und diente so als Vorlage für Übertragungen ins Deutsche.
      (Vgl. Hubertus Schulte Herbrüggen, Noch einmal: Gebet um Humor, in: Religionsunterricht an höheren Schulen, 23 (1980) 5, S 267 bis 269), CH

      (S. 520, »Nummernbericht«, 8,3 Um Humor)

    • Webb, Thomas Henry Basil, 1898–1917, Schüler des Winchester College, gefallen 1917 an der Somme.

      (S. 906, »Die Autoren«)

  • Das Tischgebet (das unter der Rubrik »Bitte und Vertrauen« falsch im GL einsortiert ist) wird heute noch in Chester unter dem Titel »Chester Cathedral Refectory: A Prayer« verbreitet.
  • Eigentlich ist es ein Gedicht mit fünf vierzeiligen, paarweise gereimten Strophen, das Incipit lautet »Give me a good digestation, Lord«; alle Strophen beginnen mit der Bitte »Give me«; in GL hingegen steht ein Prosatext ohne erkennbare Gliederung, teils mit Auslassungen, teils mit originalfremden Formulierungen […]
  • Auch im Gotteslob stand zunächst Thomas Morus als Urheber, erst im oben zitierten Redaktionsbericht (1988) wurde der Fehler erwähnt, im Gotteslob korrigiert erst mit der 3. Auflage 1996.
  • Der Autor der deutschen Fassung ist nicht zu ermitteln. Die Zeitschrift »Bibel heute«, Heft 25, S. 12 schreibt dazu: Das »Gebet um Humor« versandte Anton Hänggi, Bischof von Basel, heuer [=1971] als Neujahrswunsch. – mit Quellenangabe Thomas Morus.

Auf der Suche nach dem Übersetzer

Die bisher frühste belegbare Version stammt vom Basler Bischof Anton Hänggi aus dem Jahr 1971. Rolf Fäs, Archivar des Bistums, konnte im Nachlaß des Bischofs keine Informationen über den Neujahrswunsch finden.

Ich stehe zur Zeit mit der Redaktion von Beten durch die Schallmauer in Kontakt. Martin Fuchs meint zur Urheberschaft Morus’: Seinerzeit – Thomas Morus ist der Schutzheilige der kjg – schien dies selbstverständlich (da traditiert immer wieder neu übernommen) unzweifelhaft.

Im Redaktionsbericht zum Gotteslob wird der Artikel »Noch einmal: Gebet um Humor« von Hubertus Schulte Herbrüggen erwähnt, der auch sehr aufschlußreich ist. Der Anglist und Morus-Forscher, Leiter des Moreanums an der Universität Düsseldorf, kommt der Übersetzung näher. Er erwähnt die Anthologie »Best Loved Poems of the American People, selected by Hazel Felleman« von 1936:

Hier sind aus den ursprünglichen fünf nunmehr vier Vierzeiler geworden durch Weglassen der beiden letzten Zeilen der ersten und der zweiten Strophe. Diese verstümmelte Form diente dann als Vorlage für die Übersetzung ins Deutsche. In späteren Auflagen finden sich einige Text- und Formvarianten.

Er hält aber die Urheberschaft keineswegs für selbstverständlich unzweifelhaft: Thomas Morus bat den Herrn nicht um gute Verdauung. Sein Beten galt wesentlicheren Dingen.

Thomas H. B. Webb

Die vorhandenen Daten über den tatsächliche Autor, Thomas Webb, scheinen zu stimmen: Die in der Chester Cathedral verbreitete Biographie stimmt mit den Informationen der Hereford Cathedral überein; dort hat Webbs Vater, Henry Webb, die Renovation einer Kapelle zu Ehren seines gefallenen Sohnes veranlaßt, wie mir Rosalind Caird, Mitarbeiterin der dortigen Bibliothek, schrieb:

Sir Henry Webb offered to renovate the crypt and provide and altar in Nov 1919 ‘in memory of his son and his gallant companions’ ( Ref. Cathedral Act book 7031/24) Work didn’t start until September 1922.There is inscription behind the altar which identifies his son as Basil who was killed in action on 1 December 1917. […] Basil was born in 1898 and educated at Sandroyd and Winchester. He was serving in the Welsh guards.

Textvarianten

um Humor (Gotteslob 8,3)

Schenke mir eine gute Verdauung, Herr, und auch etwas zum Verdauen. Schenke mir Gesundheit des Leibes, mit dem nötigen Sinn dafür, ihn möglichst gut zu erhalten.

Schenke mir eine heilige Seele, Herr, die das im Auge behält, was gut ist und rein, damit sie im Anblick der Sünde nicht erschrecke, sondern das Mittel finde, die Dinge wieder in Ordnung zu bringen.

Schenke mir eine Seele, der die Langeweile fremd ist, die kein Murren kennt und kein Seufzen und Klagen, und laß nicht zu, daß ich mir allzuviel Sorgen mache um dieses sich breit machende Etwas, das sich »Ich« nennt.

Herr, schenke mir Sinn für Humor, gib mir die Gnade, einen Scherz zu verstehen, damit ich ein wenig Glück kenne im Leben und anderen davon mitteile.

Bitte (Beten durch die Schallmauer, S. 193)

Herr, schenke mir Gesundheit des Leibes
mit dem nötigen Sinn dafür,
ihn möglichst gut zu erhalten.

Schenke mir eine heilige Seele,
die im Auge behält, was gut und rein ist,
damit sie sich
nicht einschüchtern läßt vom Bösen,
sondern Mittel findet,
die Dinge in Ordnung zu bringen.

Schenke mir eine heilige Seele,
der die Langeweile fremd ist,
die kein Murren kennt
und kein Seufzen und Klagen,
und lasse nicht zu,
daß ich mir allzuviel Sorgen mache
um dieses sich breitmachende Etwas,
das sich Ich nennt.

Schenke mir Sinn für Humor.
Gib mir die Gnade,
einen Scherz zu verstehen,
damit ich ein wenig Glück kenne im Leben
und andern davon mitteile.

A Prayer (Chester Cathedral Refectory)

Give me a good digestion, Lord,
And also something to digest;
But when and how that something comes
I leave to Thee, Who knowest best.

Give me a healthy body, Lord;
Give me the sense to keep it so;
Also a heart that is not bored
Whatever work I have to do.

Give me a healthy mind, Good Lord,
That finds the good that dodges sight;
And, seeing sin, is not appalled,
But seeks a way to put it right.

Give me a point of view, Good Lord,
Let me know what it is, and why.
Don’t let me worry overmuch
About the thing that’s known as »I«.

Give me a sense of humour, Lord,
Give me the power to see a joke,
To get some happiness from life
And pass it on to other folk.

T.H.B.W.

The above lines were written by Thomas Henry Basil Webb, only son of Lt.-Col. Sir Henry Webb, Bt., born on August 12th, 1898, educated at Winchester College—he was killed on the Somme, December 1st, 1917, aged 19.

Bibliographie

Beten durch die Schallmauer
Bundesleitung der Katholischen Jungen Gemeinde (Hrsg.), KJG Verlagsgesellschaft mbH, Neuss, 10. überarbeitete Auflage, 1997
Gotteslob
Verlag Herder KG, Freiburg im Breisgau, ohne Auflage (3.?), 1975 (tatsächlich aber nach 1995)
Redaktionsbericht zum Einheitsgesangbuch „Gotteslob”
Weihbischof Dr. Paul Nordhues, Paderborn, Bischof Dr. Alois Wagner, Rom (Hrsg.), Verlag Bonifatius-Druckerei, Paderborn, Katholische Bibelanstalt Stuttgart, 1988
Bibel heute, Heft 25, S. 12
Katholisches Bibelwerk, 1971
Noch einmal: Gebet um Humor
Hubertus Schulte Herbrüggen, in: Religionsunterricht an höheren Schulen, 23 (1980) 5, S. 267 bis 269

Dank

Einige Personen haben mir sehr weitergeholfen; an erster Stelle ist Christof Emanuel Hahn vom Deutschen Liturgischen Institut in Trier, Referat Kirchenmusik, zu nennen. (Auf die Idee, dort anzufragen, brachte mich die Pressestelle des Erzbistums Freiburg.)

Beim Falsifizieren halfen Dr. Gerard B. Wegemer, Direktor des Center for Thomas More Studies an der Universität Dallas und Dr. Peter Nockles vom Methodist Archive and Research Centre an der John Rylands University Library of Manchester.

Rolf Fäs, Archivar des Bistums Basel; Rosalind Caird, Hereford Cathedral Library.

Mitglieder der Redaktion von Beten durch die Schallmauer: Martin Fuchs, Claus-Peter Hullmann

Anne Wagner, die mir bei der Literatur-Recherche zur Hand ging.

Ergänzung, 3. November 2010: Durch eine Anfrage nach meinen Quellen (ich bitte meine vorakademisch-anarchische Zitierweise hier zu entschuldigen) bin ich auf einen noch besseren Artikel als den von Schulte-Herbrüggen gestoßen: In der Zeitschrift Moreana werden alle Quellen genau zitiert: Most famous of More’s spurious prayers: give me a good digestion, Lord.

4 Gedanken zu „More or less More“

  1. lieber fxneumann

    ich suchte im netz die englische version des “morus”-gebetes, weil ich die letzte strophe wieder mal begegnete: dieser tage in der todesanzeige für den diogenes-verleger daniel keel.

    als dank für ihre klärung diesen hinweis: anton rotzetter hat es feinsinnig interpretiert (herder 1990); wie öfters bei a.r. befreiend, aber histor-kritisch sehr “frei” (er schreibt auch über das sog. oetinger-gebet unbelastet von der niebuhr genese).

    und zu ihrer leisen polemik in 1. abschnitt: “unter den schutz eines heiligen”? – geringes vertrauen in die gegenwart und die lebendigen menschen stützt sich gerne ab mit historizität, egal wie brüchig.
    pl.c.s. – hans ten doornkaat

  2. Danke für diese Recherche – Hut ab für den Einsatz, mit Sachanalysen der Wahrheit (hoffentlich) näher zu kommen.
    Gesegnete Weihnachten aus Österreich

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