Leserbrief Zölibat

Gegen eine reichlich krude naturalistische Argumentation in einem FAZ-Leserbrief (»Philosophisch-evolutionäre Betrachtung«, FAZ Nr. 98 vom 26. April 2008) habe ich einen Leserbrief geschrieben.

Georg Büchner läßt seinen St. Just in »Dantons Tod« fragen, ob die moralische Natur in ihren Revolutionen mehr Rücksicht nehmen solle als die physische. Für St. Just ist klar: Die moralische Natur hat der physischen zu folgen, und also ist der terreur der Revolution rechtmäßiges Werkzeug. So verheerend sich diese Folgerung in der Geschichte immer wieder erwiesen hat: Der Argumentation in Reinhard Lohses Brief hat sie voraus, immerhin zwischen moralischer und physischer Natur zu unterscheiden.

Die Frage nach dem Zölibat reduziert Lohse auf eine »philosophisch-evolutionäre Betrachtung«; »die Natur« habe den Menschen als Ende einer Abstammungslinie gesetzt, sein einziger Sinn sei die Fortpflanzung zur Erhaltung der Art. Der Zölibat sei also deshalb absurd, da er sich gegen »die Natur« stelle. Was in naturrechtlichem Gewand daherkommt, ist bestenfalls ein naturalistischer Fehlschluß: Evolutionär setzt sich durch, was überleben kann. Daraus folgt moralisch — nichts.

Für den Autor des Leserbriefs folgt daraus allerdings eine naturalistische Moral: Der Mensch als Sachwalter der Evolution. Die Ethik des Christentums distanziert sich vehement gegen eine derart kollektivistische Argumentation, die im einzelnen nichts, in der Art (der Menschheit? dem Volk?) jedoch alles sieht. Jeder einzelne Mensch hat seine Würde nicht als funktionales vorläufig letztes Glied einer Lebenslinie. Jeder einzelne Mensch ist nicht Mittel zum Zweck, sondern Sinn in sich.

Der Zölibat wird so zur prophetischen Lebensform; der Zölibatäre stellt sich gegen die vermeintlichen Zwänge der Welt. Der Zölibatäre verliert nicht in einem »evolutionären Kampf«, er gewinnt Freiheit. Zeichenhaft steht er gegen jede kollektivistische Moral, die den Menschen nur funktional deuten will.

Mit freundlichen Grüßen

Nachtrag: Der Brief wurde nicht veröffentlicht, stattdessen erhielt ich einen netten Brief von Herrn Schirrmacher, in dem er sich für einen Tippfehler in einem Nachruf auf Freiherr von Boeselager entschuldigt.

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