Vegetarier sein – Philosophisch.

Ich wurde gefragt, ob mein Philosophiestudium einen Einfluß darauf hatte, daß ich Vegetarier bin. Ethik, und noch dazu angewandte, war nie mein Fachgebiet. Ein bißchen was habe ich aber doch mitgenommen, auch auf Umwegen. Im wesentlichen waren das Kant, Peter Singer und Aristoteles.

Bei Kant findet sich meines Wissens sehr wenig über den moralischen Status von Tieren, bei ihm hat der Mensch nur Pflichten gegenüber Menschen; eine viel zitierte Stelle ist das Verrohungsargument aus der Grundlegung der Metaphysik der Sitten. Obwohl Tiere keinen eigenen moralischen Status haben, wendet sich Kant gegen Tierquälerei, indem er eine grausame Behandlung von Tieren als Tat gegen den Menschen interpretiert, da dadurch die Mitleidensfähigkeit des Menschen geschwächt werde.

Das hat mich wenig überzeugt; wenn das Tier keinen eigenen moralischen Wert hat, kann man es beliebig behandeln, und wenn sich die Behandlung dem Tier gegenüber auf die Mitleidensfähigkeit des Menschen auswirkt, stellt sich mir die Frage, warum die Analogie bei der grausamen Behandlung enden sollte. Das Tier als moralischen Stellvertreter des Menschen gibt es aber in Kants Systematik nicht.

Also zu Peter Singer. Er dürfte am offensichtlichsten thematisch relevant sein. In seiner Praktischen Ethik unterscheidet er drei Arten von Wesen: Nicht bewußte Lebenswesen, bewußte und Personen. Personen sind dadurch gekennzeichnet, daß sie sich als eigenständige Wesen in der Zeit empfinden – also: Selbstbewußtsein. Moralische Schlüsse werden bei Singer derart gezogen, daß eine Interessensabwägung vorgenommen werden muß; Singer bezeichnet sich als Präferenzutilitarist. Es kommt ihm also darauf an, Interessen gleich zu behandeln. Unbewußte Wesen fallen aus der Interessensabwägung heraus (Singer selbst ißt Muscheln), während die Interessen von bewußten Lebenwesen und Personen berücksichtigt werden müssen. Am schwersten wiegen hierbei natürlich die Interessen von Personen, da sie Pläne und Vorstellungen über die Zukunft haben und somit selbst eine schmerzfreie Tötung gegen ihre Interessen wäre. Aber auch bei bewußten Wesen spielt der Zeitfaktor mit hinein: Sie haben nicht nur das Interesse, keinen Schmerz zu empfinden, ihre Tötung verhindert auch jegliches weitere Lustempfinden. Singer zieht daraus die u.a. die Konsequenz, vegetarisch zu leben.

Auch Singer überzeugt mich nicht. Utilitarismus war mir schon immer zu abstrakt – selbst, wenn man völlig absieht vom Problem der Nutzenberechnung. Eine abstrakte Nutzen- oder auch Lustmaximierung bringt niemandem etwas. Ist eine Welt schlechter, in der es ein Tier weniger gibt, das Lust empfindet? Theoretisch vielleicht, in der Summe, praktisch betrifft das niemanden außer das Tier selbst. Da es keine Person ist, ist es für das Tier irrelevant, ob es weiterexistiert. Es zählt nur die aktuelle Lust. Ein totes Tier hat kein Lustempfinden, ergo kein Interesse. Mit Singer kann man also einen Punkt machen für eine artgerechte Tierhaltung und schmerzfreie Schlachtung. Für Vegetarismus nicht.

Schließlich treibt Aristoteles das Problem auf die Spitze – oder jedenfalls mein Problem mit Aristoteles. Er definiert (In De anima, Über die Seele) Leben als das, was sich selbst bewegt. Was bewegt sich aber selbst? Menschen auf jeden Fall. Tiere auch. Auch Pflanzen. Und Feuer. (Und wenn wir schon von der Materie abstrahieren: Computerprogramme – noch dazu selbstreplizierende und -modifizierende!) Und ab wann ist ein Roboter so autonom, daß er als selbstbewegend durchgeht? Der Roboter bewegt sich nicht selbst; seine Bewegungen sind programmiert – also von anderen vorgeschrieben. Feuer folgt nur physikalischen Gesetzen. Pflanzen folgen auch Gesetzmäßigkeiten. Sonnenblumen wenden sich dem Licht zu, Wachstumsprozesse sind auch programmiert, wenn auch nicht vom Menschen. Tiere, höhere zumal, scheinen sich selbst zu bewegen, vielleicht noch mehr – aber wo ist die Grenze zwischen bloß mechanischem, physikalischem Reiz-Reaktionsschema und sich selbst bewegen? Die Tradition hat daher bei Aristoteles eine Lebenskraft, eine vis vitalis festgestellt – den Vitalismus vertritt heute kaum einer mehr ernsthaft. Mein Ausweg aus dieser Aporie: Freiheit. Man müßte Kriterien festlegen, mit hilfe deren man Freiheit von bloßem Nicht-Determinismus unterscheiden kann – dann kann man mit Aristoteles etwas anfangen. Ich sehe bisher nur die Möglichkeit, über den freien Willen zu gehen: Also der sich selbst als frei empfindende Wille.

Was ziehe ich daraus? Mein Mißtrauen gegenüber der Postulierung von Bewußtsein ohne Selbstbewußtsein. So intuitiv und selbstverständlich das Konzept »Leben« auch scheinen mag – der einzig völlig sichere Indikator ist für mich Selbstbewußtsein (und selbst das dürfte ziemlich schwer interpersonal kommunizierbar sein; hat eine Maschine, die den Turing-Test besteht, Selbstbewußtsein? Und welchen moralischen Status hat sie?) Das wendet sich auch gegen Singer: »Interesse« ohne »Selbstbewußtsein« zu definieren, schaffe ich nicht.

Mein Fazit daraus: Philosophisch kann ich es nur sehr schwierig stützen, Vegetarier zu sein. Klar ist nur: Personen im Singerschen Sinn werden nicht gegessen. Da die Frage, ob Lebewesen Bewußtsein (ohne Selbstbewußtsein) haben, so schwierig zu entscheiden ist, ist allenfalls ein Vegetarismus auf Verdacht für mich begründbar.

Der tatsächlich Grund, warum ich immer noch Vegetarier bin, ist rein ästhetisch. Der Prozeß jeglicher Fleischproduktion ist mir ästhetisch so zuwider, daß ich kein Fleisch essen möchte. Leder trage ich.

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