White and nerdy

Ein Fall von ganz schlimmem Nerdtum ist wohl, wenn man bei Nerdcore (!) das hier liest:

[…] genauso wie wir im Grunde niemals etwas wirklich berühren, sondern es lediglich die Elektronen-Orbitale sind, die sich gegenseitig abstoßen […]

Und der erste Gedanke ist: Da hat der Heidegger wieder mal recht (sort of …), und man die Stelle in »Sein und Zeit« auf Anhieb findet (§ 12, S. 55):

Von einem »Berühren« kann streng genommen nie die Rede sein und zwar nicht deshalb, weil am Ende immer bei genauer Nachprüfung sich ein Zwischenraum zwischen Stuhl und Wand feststellen läßt, sondern weil der Stuhl grundsätzlich nicht, und wäre der Zwischenraum gleich Null, die Wand berühren kann. Voraussetzung dafür wäre, daß die Wand »für« den Stuhl begegnen könnte. Seiendes kann ein innerhalb der Welt vorhandenes Seiendes nur berühren, wenn es von Hause aus die Seinsart des In-Seins hat – wenn mit seinem Da-sein schon so etwas wie Welt ihm entdeckt ist, aus der her Seiendes in der Berührung sich offenbaren kann, um so in seinem Vorhandensein zugänglich zu werden. Zwei Seiende, die innerhalb der Welt vorhanden und überdies an ihnen selbst weltlos sind, können sich nie »berühren«, keines kann »bei« dem andern »sein«. Der Zusatz: »die überdies weltlos sind«, darf nicht fehlen, weil auch Seiendes, das nicht weltlos ist, z. B. das Dasein selbst, »in« der Welt vorhanden ist, genauer gesprochen: mit einem gewissen Recht in gewissen Grenzen als nur Vorhandenes aufgefaßt werden kann.

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3 Gedanken zu „White and nerdy“

  1. Mal von Nerd zu Nerd:

    Ich frage mich jetzt, ob du Heidegger da als Bestätigung oder Widerlegung dieser religiösen Art von Naturwissenschaft anführst?

    Wenn ich den Freak richtig verstehe, widerspricht er ja in dem warum, auch wenn beide meinen, dass Berühren da nicht stattfindet.
    Der Autor bei Nerdcore meint, man kann nicht von Berühren sprechen, weil auf Elektronenebene sich nichts berührt und Heidegger macht, wenn ich sein Geschwurbel richtig lese, die banale Feststellung, das die Alltagssprache da einem Objekt eine aktive Handlung unterschiebt.
    Andererseits widersprechen sich beide auch nicht, weil Nerdcore von einem Menschen und Heidegger von Stuhl und Wand spricht.

    Ich würde sagen: Nerdcore macht schlechte Naturwissenschaft und Heidegger (in dem Fall nur) langweilige Philosophie.

    Wenn ich was empfehlen darf zu dieser Art von Naturwissenschaft (die Vorbemerkungen, da kommt auch ein Stuhl vor):
    http://www.gegenstandpunkt.com/msz/html/87/87_1/natur1.htm

    Und zu Heidegger:
    http://www.gegenstandpunkt.com/vlg/wiss/heidegg/heideg_idx.htm

    Ja, beides ist vom Gegenstandpunkt, aber lies doch einfach mal rein.

    1. Erstmal sehe ich das als interessante Ähnlichkeit, mit der ich auch kein inhaltliches Programm verbinde – es ist mir aufgefallen, und dabei ist mir aufgefallen, wie nerdig es ist, wenn einem sowas auffällt. Ende »Was der Autor damit sagen wollte«.

      Heidegger hebt meines Erachtens in der zitierten Stelle darauf ab, daß es wenig bringt, das Phänomen »Berühren« naturwissenschaftlich zu interpretieren; insofern kann Heidegger hier als Kritik dieser (wie gut auch immer fundierten) naturwissenschaftlichen Sicht gelesen werden: Das Phänomen »Berühren« ist nicht darauf zu reduzieren, daß oder ob Materie an direkt nebeneinander liegenden Punkten im Raum-Zeit-Kontinuum liegen.

      Heidegger mag langweilige Philosophie machen, was ich ihm hier aber viel mehr vorwerfe: Heidegger arbeitet – hier und besonders in Sein und Zeit – an einem ontologischen Projekt, kommt aber nur zum Versuch einer recht interessanten und aufschlußreichen anthropologischen Schätzung. (Sein und Zeit blieb ja Fragment, das Scheitern des ontologischen Projekts hat er also wohl durchaus bemerkt.) Sein und Zeit ist damit voll von überkomplizierter Schwurbelei und Wortmagie (darauf hebt ja der Gegenstandpunkte-Text, den ich nur überflogen habe, auch ab) und kommt nicht dazu, das klar zu sagen, worüber er mit seiner Methode viel zu sagen hätte. Aber immerhin: Um eine rein naturalistische Weltsicht zu kritisieren, in der das menschliche Erleben keine Rolle spielt, taugt Heidegger.

  2. Ich wollte deine Assoziation nicht ernster nehmen, als sie gemeint war, ich fand’s nur auch interessant.

    Das Phänomen „Berühren“ ist schon darauf zu reduzieren, was da Elektronen miteinander machen, wenn man sich eben mit Physik beschäftigt, also physikalisch erklären will, was da passiert. Der Fehler ist nur zu meinen, damit hätte man mehr als das gesagt. Also zu sagen: „Heilige Scheisse, eigentlich berührt sich nie irgendwas!“ Dann hat man nämlich seinen Gegenstand verlassen. Naturwissenschaft hat eben auch nichts mit „interpretieren“ oder einer „Sicht“ zu tun.

    Genau über solche Art von Themaverfehlung wird dann übrigens oft Religion als Ergebnis naturwissenschaftlicher Analyse herbeigeschummelt (davon handelt der erste Text vom Gegenstandpunkt).

    Das sagt aber Heidegger gar nicht, er meint ja auch, dass man nicht von Berühren sprechen kann, nur aus einem anderen Grund. Und so wie ich es verstanden habe, weil Stuhl und Wand halt Objekte sind und sich deswegen nicht aktiv berühren können (so hat es mir zumindest der Mitbewohner meiner Freundin erklärt, der gerade über Heidegger promoviert). Das meine ich mit banal (und finde nur diesen Punkt langweilig) und deswegen halte ich Heidegger da auch nicht für einen brauchbaren Kritiker.

    Der Text vom Gegenstandpunkt hebt nicht darauf ab, dass Heidegger eine so lustige Terminologie hat, er sagt, dass Heidegger nicht trotz oder neben seiner Philosophie Faschist war, sondern mit und wegen.

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