… als ob Machtverhältnisse und Machtgefälle an der Haustür enden würden: Macht und Überwachung im Smart home

Bruno Mazotti: »Olho mágico 1«
Olho mágico 1 flickr photo by bruno_mazotti shared under a Creative Commons (BY-SA) license

»Ich zeig euch, wann meine Frau geduscht hat« – das war der Pitch für die Home-automation-Session beim Bonner BarCamp. Klingt creepy, sollte es auch, war es dann aber anders als vom Vortragenden beabsichtigt. Weniger die Technik selbst als Datenschutz sollte im Mittelpunkt stehen: Ein »Smart home« erfaßt Daten so granular, daß aus der Datenmenge einige Erkenntnisse gezogen werden. Wann geduscht wird, zeigt die Temperatur- und Luftfeuchtigkeitskurve recht genau, einmal ausführlich die Toilette benutzen bedeutet plus ein paar Zehntelgrad, Bewegungsmelder im Gang zeigen, wann wer nachts aufs Klo geht – soll das wirklich alles auf einem Server in der Cloud, meistens bei Amazon, landen?

Soweit, so klassischer Datenschutzdiskurs: Daten schützen heißt Daten daheim einhegen, nicht nach draußen geben. Daten auf dem Heimserver gut, Daten in der Cloud (a.k.a. »other people’s computer«) böse. Daten werden vor den Konzernen und dem Staat geschützt. Aber auf dem Heimserver sammelt sich das Herrschaftswissen: Wer kann die Open-source-Lösungen bedienen und administrieren? Wer in der Familie kann auf die Daten zugreifen? Wer in der Familie entscheidet, welche Daten gesammelt werden? Und wie wird in der Familie ausgehandelt, ob auf BarCamps die Kurven zur Badnutzung gezeigt werden dürfen? Ebenfalls Thema der Session: Wie der Vater von auswärts dem Sohn per Smarthome-Steuerung Leinwand und Beamer abdreht, wenn Schlafenszeit ist. Überwachen und strafen.

Ist das wirklich das bessere Datenschutzregime als die Black box bei Amazon? »Überwachung ist nicht gleich Macht, sondern Macht macht Beobachtung zur Überwachung«, hat mspr0 vor Jahren geschrieben, und beim 30C3 festgestellt, daß das »1-Bit-Überwachungsmem« kaputt sei. (Den Hinweis auf die Texte hat mir Andrea Heim gegeben.) Genau solche Situationen sind dafür ein gutes Beispiel: Die Angst vor dem Überwachungsstaat und dem Überwachungskonzern läßt sich demokratietheoretisch begründen, der alleinige Fokus darauf lenkt aber vom Nahbereich ab. Selbstverständlich wird (implizit? explizit?) angenommen, daß in der Privatsphäre keine Privatsphäre nötig ist – als ob Machtverhältnisse und Machtgefälle an der Haustür enden würden.

Der Impetus von Datenschutz ist, Machtgefälle zu mindern, Schutzwälle einzuziehen, um strukturelle Ungleichheiten zu beheben und Handlungsmacht zurückzugeben und zu schützen: Menschen als Subjekte, nicht als Objekte beim Umgang mit Daten. Das funktioniert aber nur, wenn die Machtverhältnisse auch benannt werden – die Trennung in eine öffentliche politische Sphäre und einen privaten machtfreien Rückzugsraum verschleiert diese Machtverhältnisse. (Und wenn man dann in Heimautomatisierungsforen ständig etwas vom »wife acceptance factor« liest, ahnt man, welche Machtverhältnisse da wieder reproduziert werden.) »Macht hat, wer die Möglichkeit zur Disziplinierung hat«, war eine der Thesen mspr0s – das spüren Kinder und Jugendliche besonders, denen bei sturmfreier Bude der Beamer fernabgeschaltet wird. Das datensparsame Smart home schützt vor der Cloud, aber macht die Kinderzimmertür für die Eltern transparent. Instruktiv sind dazu die Forschungen von danah boyd, was Privatsphäre für Jugendliche bedeutet: Da ist der Rückzugsraum vom Überwachungsregime der Eltern weit wichtiger als der klassische Datenschutz gegenüber wirtschaftlichen und politischen Akteuren. Das klassische Datenschutzparadigma löst nur die Probleme der Beteiligten, die in ihrer jeweiligen Privatsphäre die Macht haben.

Zu einer Datenschutzdiskussion des Smart home gehört daher nicht nur der Schutz des »Drinnen« vor dem »Draußen« – sondern auch eine Reflexion dessen, was drinnen passiert. Soweit ich die Lösungen für Heimautomatisierung überblicke, liegt dort der Fokus beim Datenschutz immer auf einer Trennung zwischen drinnen und draußen: Heimserver vs. Cloudserver. Wie aber die Privatsphäre drinnen ausgehandelt und reflektiert wird, ist oft ein blinder Fleck. »Code is law« ist die Digitalisierungsvariante von »Das Private ist politisch«: Zu einem Datenschutzaudit von Software sollte nicht nur gehören, wie das Drinnen vom Draußen getrennt wird, sondern auch, wie die jeweilige Lösung die Machtverhältnisse drinnen managt, reproduziert und reflektiert.

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