Verfahrene ZdK-Verfahren

Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken scheint sich in einer Krise zu befinden, jedenfalls ist das die Stimmung, sowohl in der Tagespost wie in manchen Kreisen des ZdKs selbst. Die leidige Frage nach einem Nachfolger für Hans-Joachim Meyer als Präsidenten scheint nach der Ablehnung des Kandidaten Heinz-Wilhelm Brockmanns durch die Bischofskonferenz geklärt zu sein, nachdem am Freitag Alois Glück, bayerischer Landtagspräsident a. D., vom Hauptausschuß des ZdK vorgeschlagen wurde.

Das angewandte Verfahren halte ich für dubios. Ob das die »Krise« des ZdKs beenden kann?

Im Frühjahr konnte der einzige Kandidat für das Präsidentschaftsamt, Heinz-Wilhelm Brockmann, nicht gewählt werden: Die Bischofskonferenz hatte ihm schon im Vorfeld die notwendige Zweidrittelmehrheit versagt, mit der sie ihn hätte bestätigen müssen, damit er sein Amt hätte antreten können.

Die turbulente Vollversammlung im Mai 2009 beschloß, alle Wahlen auf den Herbst zu verlegen und den Nominierungsprozeß unter Einhaltung aller Fristen neu anzustoßen. Brockmann sprach sie demonstrativ ihr Vertrauen aus. Der Hauptausschuß richtete eine ad-hoc-Findungskommission ein, deren Auftrag es war, nach neuen Kandidaten Ausschau zu halten.

Reichlich schnell kursierte Alois Glücks Name. Glück wird schon seit Jahren als präsidiabel gehandelt, hat aber immer eine Kandidatur ausgeschlossen. Am Freitag nun hat der Hauptausschuß Glück auf Vorschlag der ad-hoc-Findungskommission offiziell empfohlen:

Der Hauptausschuss des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) hat der Vollversammlung mit überwältigender Mehrheit empfohlen, am 20. November 2009 ihr langjähriges Mitglied, den früheren Präsidenten des Bayerischen Landtags, Alois Glück, zum Präsidenten des ZdK zu wählen.

Das Pikante: Zwar können nach der Geschäftsordnung (§ 10 (1)) bis spätestens sechs Wochen vor der Wahlversammlung alle Mitglieder des ZdKs Kandidaten nominieren, eine entsprechende Aufforderung erfolgt aber erst vier Wochen vor Ende der Frist – am morgigen Montag werden nach meinen Informationen die Briefe versandt.

Die Sprachregelung ist, daß es sich zwar um eine Empfehlung handle, daß aber tatsächlich alles offen sei. Als ich dieses Verfahren bei Twitter als »komisch« bezeichnet habe, twitterte Dirk Tänzler, BDKJ-Bundesvorsitzender und Mitglied des Hauptausschusses bald zurück:

@fxneumann was ist daran „komisch“ – der HA empfiehlt – alle ZdK Mitglieder können selbstverständlich weiter Vorschläge machen!

Das ist naiv. Natürlich können alle Mitglieder weiter Vorschläge machen. Indes: Glück ist der Kandidat. Brockmann wird nicht kandidieren, der nach Gerüchten ursprünglich ebenfalls zur Kandidatur bereite bereit gewesene Armin Laschet, nordrhein-westfälischer Integrationsminister, wird wohl nur als Vizepräsident zur Verfügung stehen. (Der Tagesspiegel hat einen erstaunlich kenntnisreichen Artikel, dessen Spekulationen mir auch so zugetragen wurden.)

Entgegen der Sprachregelung, deren der Hauptausschuß sich befleißigt, ist für die Presse natürlich klar, was gespielt wird: »Einen Gegenkandidaten gibt es nicht«, weiß die Zeit, der Tagesspiegel: »der Hauptausschuss des obersten katholischen Laiengremiums [hat] den früheren Präsidenten des bayerischen Landtags zum einzigen Kandidaten für das Amt gekürt«, und das Domradio spricht von »seiner neuen Aufgabe«. Daß die Bischöfe sogar schon Zustimmung signalisiert hätten, weiß kathnews.

Es ist also klar: Formell können die Mitglieder noch weitere Kandidaten nominieren. Die stehen dann aber als Spalter und Putschisten da. Das Verfahren halte ich für mehr als unglücklich: Aus Angst vor noch mehr schlechter Presse und um keine Zerrissenheit nach außen zu tragen, maßt sich der Hauptausschuß faktisch ein ausschließliches Nominierungsrecht an. Er hat zwar mit »überwältigender Mehrheit« (eine verdächtige Rhetorik; man spricht von nur zwei Gegenstimmen) empfohlen, es ist aber noch lange nicht sicher, daß das nicht nach hinten losgeht und eine weitere Verfahrensdebatte auf der Vollversammlung lostritt. Mit dieser Provokation spielt der Hauptausschuß den Kreisen in die Hände, die abfällig von »Sitzungskatholizismus« und »Funktionärs-Christen« sprechen, denen es nur um Vereinsmeierei und Postenhuberei gehe. Dabei ist die Angst vor einer innerkirchlichen Marginalisierung in ZdK-Kreisen zu spüren. Aber gerade mit dieser Entscheidung, die Einigkeit und Entscheidungsstärke demonstrieren sollte, schwächt sich das ZdK: Immer wurde betont, daß das ZdK zunächst souverän seine Kandidaten aussuchen können muß, und dann wird im Vorfeld bereits das Placet der Bischofskonferenz eingeholt, andere Kandidaten werden verhindert.

Ein weiterer ärgerlicher Punkt: Glück als Person tritt zurück hinter Glück als taktischer Spielball. Glück ist nämlich in der Tat bestens für das Amt geeignet. Ein anerkannter Politiker, der auf Augenhöhe mit Regierungen und Bischöfen reden kann, ein verdienter Katholik, sogar ein alter BDKJler (er war KLJB-Mitglied). Im ZdK waren seine Beiträge immer fundiert und engagiert für die gemeinsame Sache, katholische Werte in die Politik einzubringen. Natürlich: Er ist einer der Gründer von Donum vitae. Das wird noch spannend werden, wie damit umgegangen wird. (Seine Qualitäten würdigt der Artikel im Domradio sehr überzeugend.)

Für mich ist das eine verfahrene Situation: Das Vorgehen des Hauptauschusses halte ich für verkehrt. Glück halte ich für einen geeigneten Kandidaten. Vorschlagen werde ich ihn dennoch nicht. Ob ich ihn wählen werde, weiß ich noch nicht.

Full Disclosure: Ich vertrete den Diözesanrat Freiburg im ZdK. Dort bin ich nur Mitglied der Vollversammlung und gehöre keinem weiteren Gremium an.

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3 Gedanken zu „Verfahrene ZdK-Verfahren“

  1. Glück ist bei Donum Vitae. Das disqualifiziert ihn von vorneherein. Die Bischöfe würden sich komplett unglaubwürdig machen, wenn sie Brockmann wegen Donum Vitae verhindern, Glück aber abnicken.

    Außerdem ist Glück im Rentenalter, ein weiterer Punkt gegen ihn.

    Auf der anderen Seite gehöre ich ohnehin zu denen, „die abfällig von Sitzungskatholizismus und Funktionärs-Christen sprechen, denen es nur um Vereinsmeierei und Postenhuberei gehe.“ 😉

    1. Die Bischöfe sind insofern in einer guten Position, als ja nicht bekannt ist, warum Brockmann abgelehnt wurde – es war ja eine geheime Abstimmung.

      Es kursieren auch Gerüchte, daß in der vorherigen Aussprache keine konkreten Kritikpunkte an der Person Brockmanns genannt wurden. (Wohl sei aber die umstrittene Erklärung des ZdK-Gesprächskreises Juden und Christen zum Thema Judenmission Thema gewesen.) Donum vitae ist nicht das einzige an seiner Person, das zu Problemen hätte führen können: Seine Dialogbereitschaft mit »Wir sind Kirche«, sein Engagement bei der Gründung von Publik Forum als inhaltliche Gründe; seine gesellschaftliche Stellung (zur Zeit Staatssekretär im Hessischen Kultusministerium), die einigen nicht herausgehoben und unabhängig genug schien, als formale Gründe. (Dazu kommt noch, daß Brockmann mit seiner Kandidatur den weit konservativeren Kandidaten Kues, Staatssekretär im Familienministerium, dadurch »verhindert« hat, daß der zu keiner Kampfkandidatur bereit war.) Man weiß es schlicht nicht, welchen einen Grund es für die Ablehnung gab, und dadurch können sich Glück und Bischofskonferenz auch auf einen Formelkompromiß einigen (etwa die Mitgliedschaft ruhen zu lassen oder ganz auszutreten).

      Glücks Alter sehe ich eher zwiespältig. Ich stimme Dir zu, daß er mit über 70 sehr alt ist; nach vier Jahren Amtszeit geht er stramm auf die 80 zu. Es wird also wohl bei einer Amtszeit bleiben. (Ich jedenfalls wünsche ihm und seiner Frau noch ein wenig Ruhe.) Andererseits spricht für mich erstmal nichts gegen Rentenalter; das Problem bei diesem Ehrenamt ist, daß es wohl extrem viel Zeit braucht – so viel, daß von vornherein das ungeschriebene formale Kriterium gilt, daß nur Staatssekretäre aufwärts (Menschen, die selbst über ihren Terminkalender verfügen können, wie Präsident Meyer das als Kriterium verfügte) sich die Zeit nehmen könnten – oder eben Rentner. Schließlich: Mit Glück hätte man einen erfahrenen Moderator, der nichts mehr werden will, nichts mehr werden braucht, der jetzt ohne falsche Eitelkeit sich in den nächsten vier Jahren mit der Bischofskonferenz an einen Tisch setzen kann und dazu beitragen kann, daß das ZdK nicht mehr mit Verfahren und Skandälchen in die Presse kommt, sondern mit Beiträgen zu einer christlich fundierten Gemeinwohlsorge.

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