Gegen den gesunden Menschenverstand

Gestern habe ich mich mit der Frage beschäftigt, ob Politik für die Piraten wertfrei funktioniert. Ein weiteres Thema gehört dazu: Die Frage nach dem immer wieder betonten gesunden Menschenverstand. Den halte ich nicht nur in der Piratenpartei für überbewertet.

Descartes beginnt den ersten Abschnitt seines Discours de la méthode so:

Der gesunde Verstand ist das, was in der Welt am besten vertheilt ist; denn Jedermann meint damit so gut versehen zu sein, dass selbst Personen, die in allen anderen Dingen schwer zu befriedigen sind, doch an Verstand nicht mehr, als sie haben, sich zu wünschen pflegen.


Daß ist das Problem mit dem gesunden Menschenverstand: Alle haben den, und gerne auch gepachtet. Andreas Bock dazu:

[Unbewusste Inkompetenz] ist sehr tückisch: man ist, wenn man sich dessen nicht bewusst ist, oft so inkompetent, dass man das Ausmaß seiner eigenen Inkompetenz nicht erahnen kann. Folglich überschätzt man sich selbst und, was noch schlimmer ist, unterschätzt Experten – „was gibt’s da schon soviel zu wissen“ denkt man vielleicht. Leider ist dieser bekannte psychologische Effekt ein Defizit, das viele Menschen, und viel zu viele Piraten aufweisen.

Das bezieht sich direkt auf den gesunden Menschenverstand: »Der gesunde Menschenverstand« sagt eben dem einen, daß es doch selbstverständlich ist, daß Homopaare keine Kinder erziehen sollten, der anderen, daß ein Mindestlohn gerecht sei – und umgekehrt.

Gerade technisch orientierte Menschen sollten nicht zu sehr dem gesunden Menschenverstand trauen: was in der Teilchenphysik, in der Statistik, in der Relativitätstheorie passiert, läßt sich mit gesundem Menschenverstand nicht erklären und verstehen. Der gesunde Menschenverstand sagt einem, daß etwas entweder Welle oder Teilchen ist. Und das trifft eben auch auf soziale Systeme zu: Wenn Digital natives etablierten Parteien vorwerfen, daß sie das Internet nicht verstehen, dann stimmt das. Umgekehrt stimmt es oft, wenn etwa Feministen Naturwissenschaftlern vorwerfen, sie verstehen nichts von zum Beispiel Soziologie. Und den einen sagt der gesunde Menschenverstand, daß der Dreck(tm) aus dem Internet muß und dazu jedes Mittel ergriffen werden muß, den anderen, daß diese komischen Binnen-Is und das Beharren auf Geschlechterproblematiken unsinnig sind.

Das heißt noch nicht, daß die jeweilige Meinung nicht stimmt. Das heißt vor allem: es braucht eine Begriffsklärung. Allzu oft scheint »gesunder Menschenverstand« als Gegenbegriff gegen Ideologie benutzt zu werden, dabei exekutiert der gesunde Menschenverstand nur die verinnerlichte Ideologie. Hannah Arendt definiert Ideologie so:

Ideologien in ihrem Anspruch auf Welterklärung haben es erstens an sich, nicht das, was ist, sondern nur das, was wird, was entsteht und vergeht, zu erklären. […] Der Anspruch auf totale Welterklärung verspricht die totale Erklärung alles geschichtlich sich ereignenden, und zwar totale Erklärung des Vergangenen, totales Sichauskennen im Gegenwärtigen und verläßliches Vorhersagen des Zukünftigen. Als solches wird ideologisches Denken zweitens unabhängig von aller Erfahrung, die ihm selbst dann nichts Neues mitteilen kann, wenn das Mitzuteilende soeben erst entstanden ist.

(Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. München. 11. Aufl. 2006, S. 964.)

Ideologie liegt also dann vor, wenn man sich von Neuem nicht infrage stellen lassen will, wenn Fakten eher geleugnet werden als daß das Weltbild angepaßt wird. Gesunder Menschenverstand kann insofern ideologisch sein, wenn er sich etwa so äußert, daß Ursula von der Leyen (und mit ihr einige »Kinderschutzorganisationen«) an ihrer Intuition festhält, daß ihr Sperrgesetz sinnvoll sei. Er kann aber auch ideologisch sein, wenn man von vornherein Genderthemen nicht behandeln will, weil der gesunde Menschenverstand sagt, daß Gleichbereichtigung schon erreicht sei.

Descartes meinte übrigens seine Einleitung gar nicht so spöttisch, wie ich sie entstellend zitiert habe. Er fährt fort:

Da sich schwerlich alle Welt hierin täuscht, so erhellt, dass das Vermögen, richtig zu urtheilen und die Wahrheit von der Unwahrheit zu unterscheiden, worin eigentlich das besteht, was man gesunden Verstand nennt, von Natur bei allen Menschen gleich ist, und dass mithin die Verschiedenheit der Meinungen nicht davon kommt, dass der Eine mehr Verstand als der Andere hat, sondern dass wir mit unseren Gedanken verschiedene Wege verfolgen und nicht dieselben Dinge betrachten. Denn es kommt nicht blos auf den gesunden Verstand, sondern wesentlich auch auf dessen gute Anwendung an.

Daher mein Plädoyer: Weg mit der Begeisterung für bloßen »gesunden Menschenverstand«!

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