Perspektiven des Kanzlerwahlvereins

Die CDU ist ein Kanzlerwahlverein – und damit angewiesen auf Persönlichkeiten. Mit dem Anspruch, Volkspartei zu sein, braucht es eine inhaltliche Weite und eine Integrationsfigur, die diese Weite vereinigen kann. In der jetzigen Situation mehr denn je: Die Union ist in der Kritik von Konservativen wegen ihrer Familienpolitik, wegen Merkels Papstkritik und Schavans Wissenschaftspolitik, in der Kritik von Wirtschaftsliberalen wegen ihrer Sozialdemokratisierung post Leipzig, in der Kritik der gemäßigten und vielzitierten Mitte, weil gesellschaftspolitisch nicht nur der metrosexuellen Großstadt-Unionsklientel Ole von Beusts, sondern auch der heteronormativen Land-Unions-Klientel Günther Oettingers Zugeständnisse zu machen sind.

Das Ziel: Konservative mitnehmen, Mitte gewinnen, Wirtschaftsliberale zurückholen.
Gesucht: Eine Integrationsfigur.
Im Angebot: Karl-Theodor zu Guttenberg und Ursula von der Leyen.

Warum gerade greife ich diese beiden heraus? Erstens, weil mir ein echter Über- und Einblick bei der CDU fehlt, und diese beiden sind prominente Potentielle in der Bundesregierung. Zweitens, weil beide im Zuge der Bundestagswahl auf sich aufmerksam machten.

Zunächst aber: Warum überhaupt jetzt eine Personaldiskussion? Merkel hat eine zweite Amtszeit gewonnen, noch dazu in der Wunschkoalition. Die nächsten vier Jahre dürften, wenn nicht etwas schlimmes passiert, sicher sein. Eine dritte Kanzlerkandidatin Merkel scheint wahrscheinlich. Bundestagswahlen dienen in der Bundesrepublik allerdings eher selten dazu, Kanzler auszutauschen: Gerhard Schröder war bisher der einzige Bundeskanzler, der nicht inmitten einer Legislaturperiode entweder ein- oder ausgewechselt wurde. (Und selbst er hat seine Regierungszeit außerplanmäßig beendet.) Die Gefahr von innen ist also mindestens so groß wie die durch den Wähler. Natürliche Nachfolger dürften also jetzt schon präsent sein und sollten mit einem Bundestagsmandat ausgestattet sein (auch wenn das nach dem Grundgesetz nicht nötig ist – Kiesinger war nur weit vor und direkt nach seiner Zeit als Bundeskanzler MdB).

Was spricht für zu Guttenberg? Obwohl er als Ordnungspolitiker Wirtschaftsliberale binden kann, schreckt er als CSU-Mitglied Herz-Jesu-Sozialisten vom Schlage Horst Seehofers und der Sozialausschüsse weniger ab, als es Wirtschafts- und Finanzpolitiker vom Schlage eines Friedrich Merz tun würden. Als Stimmkönig, als neuer Liebling des Kabinetts spricht er emotional an, sein strenger Adelsethos imponiert Konservativen. Allerdings: zu Guttenberg ist jung, Jahrgang 71. Bis er in der strukturellen Altherrenpartei als kanzlertauglich gilt, kann noch einige Zeit vergehen. Was heute noch smart wirkt, kann schnell altklug und arrogant wirken.

Ursula von der Leyen ist zunächst tendentiell schlechter aufgestellt: Jahrgang 58 (Merkel ist 54) geboren, damit zwar alt und jung genug. Ihre sozialdemokratische Familienpolitik schreckt aber konservative Wähler ab, schafft dafür jedoch ein Bild einer zukunftsfähigen CDU. Das Vertrauen der netzpolitisch und bürgerrechtlich interessierten Wähler, die in der Zielgruppe einer solchen Politik überrepräsentiert sein dürften, hat sie freilich verspielt. Anders als Stimmenkönig zu Guttenberg hat sie ihren Wahlkreis verloren. Dennoch: Nach Merkel und zu Guttenberg ist sie der beliebteste Unions-Politiker. Ihr fehlt allerdings ein wirtschaftspolitisches Profil – was in der kommenden Legislaturperiode auch von Vorteil sein kann, wenn sie nicht an Einschnitten schuld ist.

Obwohl sie nicht die ideale Integrationsfigur ist, die zu Guttenberg darstellt: In der Netzsperrendebatte hat sie ihre kompromißlose Bereitschaft zur Machtpolitik, zur Instrumentalisierung von Themen für ihre eigene Profilierung bewiesen. Damit ist es gar nicht so unwahrscheinlich, daß sie sich den Traum vom Gesundheitsministerium erfüllen kann – die SZ weiß gar um Gerüchte, daß ein Superministerium Familie und Gesundheit im Gespräch sei.

Von der Leyen kann auch mit dem undankbaren Gesundheitsministerium mit ihrem Talent zur Emotionalisierung einen entscheidenden Vorsprung erkämpfen – wer weiß, vielleicht sehen wir bald, wie eine heilige Johanna der Kranken die CDU als mitfühlende Konservative anführen wird.

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