Bildung statt Schulpflicht

Spiegel online hat vor kurzem über einen Mann berichtet, der ohne Abitur und abgeschlossenes Medizinstudium als Chirurg praktiziert hat. Die Deutung der Autorin:

[…] E.s Geschichte ist nicht nur die Geschichte eines Kriminellen, sondern auch die Geschichte eines Systems, das nicht genau hinschaut.

Das reicht zu kurz. Die Deutung bleibt oberflächlich. Simone Utler liefert ein Psychogramm eines zwar klugen, aber geltungssüchtigen Scharlatans ab. Das System wird hingenommen statt hinterfragt, das Problem ist nicht das System, sondern daß das System nicht konsequent genug agiert. Die wirklichen Fragen, die der Fall aufwirft, werden nicht angegangen: Die Undurchlässigkeit des Bildungssystems, das Problematische am Zwang zur formalen Bildung. Aber wir sind ja im Ressort »Panorama« …

Geschildert wird der Bildungsweg: Realschulabschluß, Bankausbildung, Zivildienst – und dann der Wunsch, Arzt zu werden. Das Abitur ist nur per langwieriger Abendschule nachzuholen, daher fälscht der falsche Arzt ein Zeugnis und beginnt in Erlangen ein Medizinstudium, bricht kurz vor dem Abschluß aus Angst vor Entdeckung ab und wird Assistenzarzt für Gefäßchirurgie.

Interessant ist weniger das persönliche Drama, die Geltungssucht, das schillernde Leben des Betrügers. Interessant finde ich vielmehr die Umstände, die überhaupt zur Möglichkeit der Vergehen führen – und daß der Artikel das überhaupt nicht hinterfragt.

Das Abitur soll eine »allgemeine Hochschulreife« begründen. Hier zeigt es sich anders: Nicht als die Ermöglichung von akademischer Ausbildung, sondern als künstliche Schwelle, die schwer zu überschreiten ist, als Instrument der Selektion. In der Theorie ist das dreigliedrige Schulystem sehr durchlässig: Nach der Hauptschule kommt die Werkrealschule, das Abitur wird als Fachabitur, am Gymnasium, in der Abendschule nachgeholt, und dann steht das akademische Studium offen. Tatsächlich sind all das künstliche Barrieren: Ziel ist nicht primär Bildung, sondern der formale Nachweis des Schulabschlusses, der dann auch allein als Zugangskriterium für den nächsten Schritt benutzt wird.

Im vorliegenden Fall wird das offensichtlich: Zunächst hat die formale Bildung funktioniert, wie sie sollte: Auf den Realschulabschluß folgt die erfolgreich abgeschlossene Bankausbildung. Die Hochschulzugangsberechtigung ist aber eine große Hürde: Neben Privatleben und Beruf ist auch noch eine zeitaufwendige Abendschule über Jahre hinweg nötig.

Warum das unsinnig ist, zeigt die weitere Geschichte. Da heißt es im Artikel:

Nach wenigen Semestern beginnt er bei seinem großen Vorbild, dem Leiter der Abteilung, seine Doktorarbeit. Als diese fertig ist, reicht er sie aber nicht beim Prüfungsamt ein – aus Angst, dass der ZVS-Betrug auffliegen könnte.

Was zeigt die tatsächliche Hochschulreife – ein allgemeinbildendes Abitur mit Noten in Englisch, Erdkunde und Mathematik? Oder die Fähigkeit, an der Hochschule Prüfungen zu bestehen und eine Abschlußarbeit anfertigen zu können? Woran ist der Protagonist hier gescheitert – an seiner Studierfähigkeit oder am undurchlässigen System?

Die formalen Bildungsanforderungen zeigen sich hier als rein künstliche Hürde. Wo wird dieses System im Artikel angefragt? Natürlich ist es gefährlich, wenn jemand ohne Ausbildung als Arzt eingesetzt wird; für einen Arzt braucht es den Nachweis medizinischer Kompentenz (zur Senkung der Transaktionskosten formal bestätigt durch ein anerkanntes Ausbildungssystem) – der akademisch erbrachte Nachweis sollte doch die Hochschulreife hinreichend beweisen. (Und vorher: warum gibt es keinen allgemeinen Weg des Hochschulzugangs für »Begabte«, der über eine fachspezifische Eignungsprüfung festgestellt wird?)

Formale Bildung ist hier als staatliches Kartell aufgebaut. Die Schulpflicht selbst wird zum Hemmschuh für ein durchlässiges Bildungssystem, indem nicht Begabung und Bildung bewertet werden, sondern die Fähigkeit und Chance, systemkonform abzuschließen.

Alternativen dazu gibt es: Weg von einer Schulpflicht, die detailliert Wege vorschreibt, hin zu einer Bildungspflicht. (Das ist gar nicht so ungewöhnlich; eher ist der deutsche Weg ein Sonderweg.) Weg von ausschließlich formalen hin zu auch inhaltlichen Zugangskriterien. Das kann radikal liberal umgesetzt werden, das kann mit geringen Änderungen wie der Einführung von offenen Zulassungsprüfungen an Hochschulen erreicht werden.

Das ist aber nicht von journalistischem Interesse. Das wäre ja Arbeit, sich dazu zu positionieren.

(Ähnlich geht es beim Thema Drogen zu: Im Weltspiegel vom 4. Oktober etwa gab es eine Reportage zu einem Richter, der unbestechlich über Drogenkriminalität in Brasilien richtet. Vorwurfsvoll wird die relativ offene Grenze zu Paraguay gezeigt. Kein Wort davon, daß der Staat sich seine Kriminialität selbst schafft, daß Prohibition nie funktionieren kann – was selbst die Caritas mittlerweile sieht –, daß Liberalisierung die beste Prävention ist, daß, Bastiat mal wieder, es nicht so einfach ist, einfach zu verbieten, was man nicht möchte.)

Flattr this!

6 Gedanken zu „Bildung statt Schulpflicht“

  1. So ganz unrealistisch zugespitzt lautet mein Ansatz dazu:

    – Schließung aller Institute aller Fakultäten, exklusive der jeweiligen Prüfungsämter, langfristig Bildung eines fakultätenübergreifenden, zentralen Prüfungsamtes

    – Verpflichtendes Propädeutikum in zentralen wissenschaftheoretischen Fragen für alle Studieninteressieren unabhängig von der persönlichen (nachweisbaren) Vorbildung – in Freiburg etwa am Konkordatslehrstuhl in der Philosophie anzusetzen

    – Jeweils eine Überblicksvorlesung in den Fächern, in denen Interesse an einem Abschluss besteht

    – Studium durch Durchklinken von Wikipedia in der richtigen Reihenfolge und eigenständige Vertiefung in Büchern (!!)

    – Anmeldung zu jeder beliebigen Abschlussprüfung (man könnte über Beschränkung der Antritte nachdenken) unabhängig von fachspezifischen Vorleistungen

    – Bei bestandener Prüfung ausschweifende Feierlichkeiten mit sehr viel Wein

    1. Du beschreibst ein Hochschulsystem, das dem des 19. Jahrhunderts gar nicht so unähnlich ist.

      Eigentlich braucht es aus Deinem Vorschlag nur die Zertifizierungsagenturen. Wo man sich dann Überblick und Fachwissen herholt, ist eigentlich egal: Ob im Heimstudium, im verschulten Präsenzstudium, in einem klassischen Lehrer-Schüler-Verhältnis, ist völlig egal.

      Wenn man das noch weitertreiben möchte, kann man weg von einem zentralen, staatlich zertifizierenden Prüfungswesen hin zu einem marktorientierten: So wie bereits jetzt Fachverbände Zertifizierungen ausstellen, können das dann auf allen Gebieten ähnliche Organisationen tun. Das erzeugt natürlich neue Transaktionskosten (was ist der Ingenieurswissenschaftsabschluß vom Fachverband „Bund Freier Ingenieure“ im Gegensatz zum Abschluß der IngUni-AG wert?), dafür bilden sich dann aber neue Zertifizierungsstellen für Abschlüsse, die Qualitätsstandards sichern können.

      (Und da das verdächtig nach der ursprünglichen Idee von Handwerkergilden und Kammern klingt: Das ganze natürlich ohne Kammerzwänge, vorgeschriebene Approbationen und Berufsverbote für Leute ohne passende Verbandszugehörigkeit!)

    1. Es steht natürlich jedem frei, eine Bildungsanstalt Bologneser Obödianz zu besuchen.

      Übrigens noch ein Argument: Das ganze Elend mit vereinheitlichten Studiengängen erwächst gerade daraus, daß die Vorstellung objektiv vergleichbarer Bildung herrscht. Was natürlich ein moderner (modern im Sinne der geistesgeschichtlichen Epoche, im Ggs. v.a. zu postmodern) Unsinn ist: Es wird auf Teufel komm raus versucht, alles zu systematisieren und in Schemata zu pressen, auch wenn es der Natur nach gar nicht möglich ist. Ein auf Ergebnisse und nicht Prozesse abzielendes Evaluationssystem bräuchte sich gar nicht um formale Vergleichbarkeit scheren.

  2. Also gut – ich bin bereit dir da ein Stück entgegenzukommen, unter der Voraussetzung, dass das Propädeutikum bei Maarten „JFM“ Hoenen und der Wein am Ende erhalten bleiben.

    1. Sowieso.
      Nichtmal die Uni müßte man abschaffen: Wenn sich genügend Leute finden, die diese Form der Bildung nutzen (die Finanzierung könnte – will man an einem staatlich finanzierten Schulwesen festhalten – über Bildungsgutscheine (siehe auch hier) sichergestellt werden) – und schon kann unsere schöne Alma mater bleiben, wo sie ist.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.