Das Netz integriert Öffentlichkeiten. Gegen Precht

Richard David Prechts vieldiskutierte Rede zur Fragmentierung der Öffentlichkeit wurde als Gegenargument zu meinem Artikel »Das Ende der digitalen Politik«, der auf Carta zweitveröffentlicht wurde, angeführt:

Die Analyse greift allerdings zu kurz. Denn der digitale Strukturwandel bringt auch eine extreme Fragementierung der Öffentlichkeit mit sich. Richard David Precht hat bei seiner Keynote zu den Münchner Medientagen von einem »individualisierten Kollektiv vereinzelter Masseneremiten« gesprochen. Und hier sehe ich das Grundproblem.


Hat Precht denn recht? Bisher sehe ich bei ihm nur die bloße Behauptung einer »Fragmentierung der Öffentlichkeit« (übrigens eine These von Habermas, die aber schon dort nicht von tieferem Verständnis für das Netz geprägt war). Natürlich kann man auch nur Blogs lesen, die einem politisch nach dem Mund reden und das dann »Fragmentierung der Öffentlichkeit« nennen. Ist daran »das Internet« schuld? Und wo ist Prechts Kritik an denjenigen fragmentierten Öffentlichkeiten, die nur die BILD oder nur die taz lesen?

Prechts Kritik folgt dem üblichen kulturkonservativen Muster: Das neue Medium ist zunächst per se schlecht, weil es Verantwortung von Autoritäten hin zu Rezipienten verlagert. Mit diesem Deutemuster wird dann selektiv nur das neue betrachtet, ohne daß die These von der Fragmentierung auf den bisherigen Diskurs angewandt wird. Tausende unverbundene (fragmentierte!) Öffentlichkeiten an Stammtischen, in Vereinen, Familien, Freundeskreisen, Podiumsdiskussionen, hunderte Zeitungen (die meisten davon lokal und regional), Radio- (bestenfalls überregional) und Fernsehsendungen – wie konnte die Demokratie mit dieser fragmentierten Öffentlichkeit bestehen?

Die bisherige fragmentierte Medienlandschaft wurde strukturiert durch Autoritäten: Das FAZ-Feuilleton als mediale Ordnungspolitik. Das wird auch im Netz abgebildet: Sei es durch finanzkräftige Anbieter (die Onlineableger der großen Offline-Medien), sei es durch Anbieter, die sich über Fachkenntnis und Qualität ihren Einfluß erschreiben (wie Stefan Niggemeier, netzpolitik.org, Carta, ) – all diese großen Anbieter sorgen für die Leitplanken, die den Mainstream-Diskurs ausmachen.

Natürlich wird das andere Schwerpunkte haben als klassische Zeitungen; aber das ist kein Nachteil. Die Wikipedia-Debatte, die zur Zeit läuft (die ich übrigens gesamtgesellschaftlich für weit relevanter halte als die akademische Debatte darum, was Sloterdijk wohl wirklich meint), hätte nur in einem sehr kleinen Öffentlichkeitsfragment (nämlich dem der Wikipedia-Community) stattgefunden, wenn man sich auf die klassischen Medien beschränkt hätte. Hätte es ohne Blogs die Diskussion um Polizeigewalt bei der letzten Freiheit-statt-Angst-Demo gegeben? Wo waren die klassischen Medien, als im Netz bereits eine Diskussion auf hohem Niveau zu den Netzsperren geführt wurde? Bei all dem zogen die klassischen Medien erst langsam nach.

Prechts Kritik geht von einem Medienverständnis aus, das nichts weiß von der Informationsökonomie des Netzes. Wo tauchen bei ihm zusätzlich zu den Themensetzern qua Autorität die Nutzer selbst auf, die ja nicht nur autistisch eigene isolierte Beiträge senden und genehme isolierte Beiträge anderer lesen, sondern auch verlinken, empfehlen, kommentieren, diskutieren – bei Precht findet im Netz nur eine Individualisierung statt, keine Sozialisierung. Wer die sortierende Autorität schätzt wie Precht, fühlt ein Unbehagen, wenn der Unsinn, die Polemik, die unterirdische Streitkultur nicht vom Leserbriefredakteur weggeworfen wird, sondern zusammen mit den Perlen auffindbar ist. Daß es dennoch Redaktionsmechanismen gibt, die nur anders funktionieren – wie Rivva –, weiß Precht nicht, und wenn er es wüßte, wäre das Konzept für seine Verachtung der Masse zu esoterisch, als daß er es akzeptieren könnte.

Prechts Politikverständnis ist hoffnungslos veraltet: Für ihn kann strenggenommen nur die Agora in Athen bestehen, denn dort werden wirklich alle Fragen von öffentlichem Belang in einer gemeinsamen Öffentlichkeit diskutiert. Schon vor dem Internet war die Gesellschaft zu groß und zu komplex, als daß man ernsthaft annehmen konnte, daß ein völlig homogener Diskursraum möglich sei. Natürlich ist auch der öffentliche Diskurs arbeitsteilig; zum Glück muß ich nicht am öffentlichen Diskurs über etwa Kohlenstoffabscheidung und -speicherung (zweifellos ein enorm wichtiges Thema!) teilnehmen. Das »fragmentiert« den Diskurs aber nicht, das segmentiert und ordnet ihn – und nur dank dem Netz kann ich schnell nachlesen, was es damit auf sich hat, und weil das Netz bisher fragmentierte Öffentlichkeiten verbindet, kann ich mich bei Bedarf ungleich tiefgreifender informieren, als das ein Drei-Minuten-Beitrag in der Tagesschau oder ein Zeitungsartikel könnte.

Mein eigentliches Thema war aber die Möglichkeiten für politische Partizipation. Die besteht natürlich auch aus Diskurs, es kommen aber noch andere Dinge dazu. Mein Text war sehr abstrakt und im wesentlichen ein etymologisierender Essay über den Sprachgebrauch von »digital«. In der Praxis sieht das weit weniger wolkig aus. Ein gutes Beispiel zur Zeit ist etwa der Mitgliederentscheid der SPD Baden-Württemberg, der die aus dem Digitalen erwachsenen nicht-digitalen Beteiligungs- und Informationsbedürfnisse gut aufnimmt und transparente und partizipationsorientierte Verfahren dafür entwickelt.

Die Kritik an meinem Artikel geht so weiter:

Was hilft eine in aller Bandbreite geführte Debatte mit allen partizipatorischen Möglichkeiten, wenn nur noch ein winziger Teil der Bevölkerung tatsächlich partizipiert?

Die Aufgabe der Parteien war bisher, an der politischen Willensbildung mitzuwirken. Die hermetisch scheinenden Strukturen der Parteien können das heute nicht mehr leisten. Es gibt keine homogenen Milieus mehr, weder konservative, die aus Kirche, Kolping und CDU bestehen, noch sozialdemokratische, die aus SPD-Ortsverein, AWO und Gewerkschaft bestehen (auf Carta dazu Robin Meyer-Lucht und Peter Lösche). Der Diskurs ist fragmentiert, weil die Gesellschaft pluraler geworden ist. Die mangelnde Partizipationswilligkeit ist kein hinzunehmendes Faktum, auf das die Antwort eine hermetische, selbstreplizierende Politikerkaste ist, die immerhin repräsentativdemokratisch legitimiert ist, sondern ein Ergebnis von Strukturen, die die bestehenden Beteiligungswünsche – niederschwellig, projektbezogen, ohne eine Bindung, die nur mit enormen Transaktionskosten wieder aufzuheben ist – nicht aufnehmen können.

Das Netz fragmentiert nicht »die Öffentlichkeit« – es integriert Öffentlichkeiten.

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5 Gedanken zu „Das Netz integriert Öffentlichkeiten. Gegen Precht“

  1. Erst jetzt entdeckt. Dank Google. Q.e.d.
    Und danke, der Fragmentierung wirken Algorithmen entgegen, die auf bestimmten Strukturn operieren (Links, RDF-Tripel, Social Graph usw.)

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