Wahrheit ist keine Kategorie des Politischen

Direkte Demokratie ist kein Anwendungsfall der »Weisheit der Massen«, auch wenn das immer wieder gerne ins Feld geführt wird, wenn für direkte Demokratie argumentiert wird. (Jüngst etwa in den Kommentaren zu David Pachalis auch ansonsten lesenswertem Artikel Medienhype ums Minarett.)

Der Argumentation liegt eine Fehleinschätzung zugrunde: Die Weisheit der Massen und Politik beschäftigen sich mit unterschiedlichen Arten von Urteilen: Hier Sachurteile, dort Werturteile.

Das Konzept der Weisheit der Massen basiert darauf, daß unterschiedliche Informationen integriert werden. Je größer die Gruppe ist, desto mehr unterschiedliche Informationen kommen zusammen. Informationen, die zur Verfügung stehen, weil sie gelernt wurden, weil man sie gehört hat, weil man durch geographische Nähe Informationen hat, weil man durch Ferne einen Außenblick hat, weil man sich gezielt über das Thema informiert hat. Jeder einzelne hat nur einen Bruchteil der Informationen, die der Masse (abstrakt) als Ganzes zur Verfügung steht.

Das Phänomen ähnelt der Preisbildung im Markt, wie sie Friedrich August von Hayek in The Use of Knowledge in Society« beschrieben hat. Mittels Weisheit der Massen kann das Problem, daß die Gesamtheit des Wissens nicht zur Verfügung steht, gelindert werden. Hayek formuliert das Ideal für das Wirtschaftssystem so:

If we possess all the relevant information, if we can start out from a given system of preferences, and if we command complete knowledge of available means, the problem which remains is purely one of logic.

Das Problem ist nun, daß die Informationen nicht gesammelt zur Verfügung stehen, die für eine objektiv richtige logische Entscheidung nötig werden. Sowohl bei der Preisbildung im Markt wie bei der Anwendung der Weisheit der Massen geht es darum, prinzipiell objektiv Entscheidbares festzustellen: Im Markt, eine knappe Ressource zuzuteilen, bei der Weisheit der Massen darum, ein Sachurteil zu fällen. Was mittels Weisheit der Massen entschieden werden kann, sind Fragen, bei denen es eine richtige Antwort gibt.

Werturteile dagegen lassen sich über solche Mechanismen nicht entscheiden. (Außer, man ist – etwa mit Rousseau – der Ansicht, daß die Mehrheit die letztgültige Rechtsquelle ist oder sie zumindest sicher zu erkennen vermag.)

Natürlich gibt es auch im Bereich des Politischen eine Art Normalverteilung; die gruppiert sich aber nicht um das »Richtige«, sondern um einen gesellschaftlichen Konsens, der sich mit der Zeit ändern kann und keine Wahrheit darstellt. Entscheidungsverfahren, die der Mehrheitsregel folgen, dienen nicht der Wahrheitsfindung, sondern der Konsensfindung (wobei der Konsens darin besteht, daß die Minderheit den Mehrheitsentscheid akzeptiert). In der Politik geht es nicht um Sachurteile, sondern um Werturteile. (Natürlich basiert Politik auf Sachurteilen; die eigentliche Arbeit beginnt aber erst beim Werturteil.)

Die romantische Vorstellung, daß die direkte Demokratie der repäsentativen durch die Weisheit der Massen auf einer inhaltlichen Ebene überlegen sei, speist sich aus diesem Verwechseln von Sachurteil und Werturteil. Die Entscheidung wird nicht durch die Weisheit der Massen richtiger – sie unterscheidet sich nur durch das Verfahren (ob zum Guten oder zum Schlechten, ist eine andere Frage). Daß »das Volk« gesprochen hat, erzeugt weder eine höhere Legitimität als ein Parlamentsentscheid noch kann das in irgendeiner Form eine Korrektheit, Angemessenheit oder gar Wahrheit der Entscheidung begründen.

Wahrheit ist keine Kategorie des Politischen.

Nachtrag, 16. Dezember 2009: Der Artikel wurde auch auf Carta veröffentlicht.

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3 Gedanken zu „Wahrheit ist keine Kategorie des Politischen“

  1. Die Bedingungen für die „Weisheit der Vielen“ sind gemäss James Surowiecki im gleichnamigen Buch (Seite 32) vier Punkte:

    * Meinungsvielfalt (das Individuum muss irgendwelche eigenen Informationen haben, selbst wenn sie nur eine ausgefallene Deutung der bekannten Fakten zulassen)
    * Unabhängigkeit (die einzelnen Meinungen sind nicht durch Meinungen anderer in ihrem Umkreis geprägt)
    * Dezentralisierung (die Menschen sind in der Lage, sich zu spezialisieren und lokal gegebenes Wissen heranzuziehen)
    * Aggregation (irgendein Mechanismus bündelt die individuelllen Urteile zu einer kollektiven Entscheidung)

    Fangen wir zuhinterst an.

    – Aggregation ist erfüllt in der direkten Demokratie, es gibt ein Verfahren, an dem man persönlich oder per Briefwahl teilnehmen kann. Funktioniert einwandfrei, könnte mit den Mitteln des Internet noch ausgebaut werden.

    – Dezentralisierung: Können die Menschen lokales Wissen ausnützen? Kommt draufan. Beim Krankenversicherungsreformgesetz vermutlich weniger, bei vielen anderen Vorlagen vermutlich mehr. Es gibt immer Erfahrungen, wie man gelebt hat lokal – und ob ein neues Gesetz sich eignet, kann man aufgrund der (lokalen) Geschichte durchaus beurteilen.

    – Unabhängigkeit: Seh ich als gegeben an. Wenn die Bürger noch bei Meinungsumfragen aus Furcht, etwas Unpassendes zu sagen, lügen, so stimmen sie spätestens an der Urne so ab, wie sie wirklich denken. Es kommt aber natürlich darauf an, wie frei ein Land ist. Ich glaube, in der Schweiz (ein Land mit gelebter direkter Demokratie) muss man lange suchen, bis man jemanden findet, der glaubt, nicht frei zu sein in seiner Wahl an der Urne.

    – Meinungsvielfalt: Bei den letzten Parlamentswahlen (2007) konnten die Parteien SVP, FDP, CVP und SP über 15 Prozent Wähleranteil halten, die Grünen kommen dazu mit rund 10 Prozent. Ich meine, das ist Meinungsvielfalt. Natürlich besteht die Gefahr, dass die Wähler bei Volksabstimmungen manipuliert werden oder sich Meinungen anschliessen, ohne das begründen zu können. Aber diese Herausforderungen kennt die Parlamentswahl auch. Fakt ist: Wenn es freie Medien gibt, kann sich jeder Bürger selbständig darüber informieren, sich eine Meinung bilden und dann zur Abstimmung schreiten. Er kann auch darauf verzichten und sich einfach der Wahlempfehlung der Partei anschliessen, der er sich nahe fühlt.

    Soweit die vier Punkte. Ich sehe jeden einzelnen mehrheitlich oder voll erfüllt.

    Es leuchtet mir überhaupt nicht ein, warum ausgerechnet bei direkter Demokratie die „Weisheit der Vielen“ nicht funktionieren soll. Ich glaube im Gegenteil: Die direkte Demokratie ist ein Paradebeispiel, wie vernünftige Entscheidungen zustandekommen.

    Wer jetzt einwendet, die Annahme der Minarett-Initiative sei offenkundiger Blödsinn, dem sei gesagt, dass das eine Meinungsäusserung ist, mit der er in der Schweiz einer Minderheit von rund 43 Prozent der Stimmbürger angehören würde.

    Ich bin übrigens gerne auch persönlich zum Gespräch bereit über das Thema.

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