Früher hieß das Anstand

(Nach einiger Zeit komme ich wieder zum Schreiben. Starcraft ist durchgespielt, und demnächst werde ich dann auch die unbeantworteten Formspringkommentare und Blog-Kommentare abarbeiten.)

Ausgerechnet eine sich selbst als wohlanständig und bürgerlich verstehende, dezidiert mitteleuropäische Tugenden im Panier führende Klientel erkennt in der »Political correctness« den Untergang des Abendlandes. Ralph Giordano etwa, der in hohem Alter im Islam das Thema für jugendliches Aufbegehren gegen das politische und feuilletonistische Establishment gefunden hat, bezeichnet Sarrazins »Deutschland schafft sich ab« als »Stoß ins Herz der Political Correctness« und stößt sich seine Hörner ab an »Deutschlands Multikulturalisten, xenophile[n] Einäugige[n] und Pauschalumarmer[n]«, sieht eine »vereinte Riege der Berufsempörer, Sozialromantiker und Beschwichtigungsapostel« am Werk, und einzig der mutige Underdog Sarrazin wagt es, das Meinungskartell zu sprengen.

Was Giordano hier stellvertretend für viele als »Political correctness« bezeichnet: Früher hieß das Anstand, und früher hieß das Respekt.

»Political correctness« als Gegner aufzubauen und zu bekämpfen ist nicht die Verteidigung »abendländischer«, »mitteleuropäischer« Werte (es sei denn, man rechnet die Werte der Kreuzzüge, der Pogrome und des Kolonialismus dazu). Es ist einerseits Immunisierungsstrategie gegen Kritik (dazu Mario Sixtus sehr treffend), andererseits verkennt es die politische Funktion von Anstand und Respekt. »Political correctness« ist nichts übermäßig Spektakuläres:

Wer darauf achtet, pc zu sein, zeigt seinem sozialen Umfeld, dass er/sie in erster Linie Respekt hat.

(So Lantzschis Definition von pc kurzgefaßt. Überhaupt ein Artikel, der – da schon im April veröffentlicht – deutlich unterflattrt ist.)

Im wohlsortierten gutbürgerlichen Zitatenschatz hat so verstandene »Political correctness« ihren festen Platz: Die Suche nach Wissen solle »sine ira et studio« (»ohne Zorn und Eifer«) vonstatten gehen, »der Ton macht die Musik«, und Diskussionen dürfen durchaus »fortiter in re« (hart in der Sache) geführt werden, jedoch unbedingt »suaviter in modo« (»in anständigem Ton«).

Gerade im politischen Diskurs ist das wichtig: Anstand ist auch eine politische Kategorie. Aus gutem Grund wird der Stil und die Wortwahl Sarrazins kritisiert.

Schon strategisch ist es reichlich ungeschickt, Integration durch die Konstruktion einer homogenen »bösen« Gruppe erreichen zu wollen (noch dazu durch eine für politisches Handeln völlig ungeeignete Naturalisierung und Biologisierung der Debatte) – warum sollten die als Mitglied der Paria-Gruppe Gekennzeichneten sich ausgerechnet mit denjenigen solidarisieren, die sie aufgrund ihrer Religion, ihrer kulturellen oder geographischen Herkunft stigmatisieren und kategorisieren – und nicht mit der konstruierten Gruppe? Mit den Methoden des Kollektivismus bringt man »westliche« Werte der Wertschätzung des Individuums nicht voran. Kritik in der Form der pauschalen Beleidigung stärkt bestenfalls den Zusammenhalt von In- und Out-group.

Politische Rede einer Stilkritik zu unterziehen und Mindeststandards an Anstand und Respekt zu fordern trägt dem Rechnung, daß Politik in einem freiheitlichen und demokratischen Rechtsstaat eben nicht wie bei Carl Schmitt verstanden wird: Bei Schmitt ist Politik Kampf gegen das schlechthin Andere, die Unterscheidung in »die« und »wir«, in Freund und Feind. Unter einem solchen Begriff ist Anstand und Respekt dann auch nur eine Verbrämung des eigentlichen Kerns des Politischen.

Politik als Mittel der verbindlichen Aushandlung gesellschaftlicher Konflikte beinhaltet immer die Gefahr, daß nicht das bessere Argument, der tragfähigere Kompromiß, sondern die schiere Macht zur Geltung kommt. Institutionell sollen dem Gewaltenteilung, Dezentralisierung, Grundrechte … entgegenwirken. Zur institutionellen Dimension der Politik, polity, gehört aber auch die politische Kultur, und damit die auch Diskurskultur. Was als »Political correctness« gebrandmarkt wird, ist Sorge um die institutionellen Voraussetzungen einer Politik, die nicht in Schmittsche Freund-Feind-Schemata abgleiten soll.

Zum Kern der Demokratie gehört ein Paradox: Bei aller empirischen Ungleichheit unter den Menschen ist die Grundlage der Demokratie die Gleichheit an Rechten. Das stellt Ansprüche an die politischen Institutionen, und besonders an die politische Kultur, die eben keine elitäre Kultur sein soll, in der nur diejenigen bestehen können, die ein dickes Fell haben – »sticks and stones will break my bones but words will never hurt me« ist keine Tatsachenbeschreibung, sondern eine Zielformulierung. Einer politische Kultur, die von Beleidigungen ad hominem und dem Verächtlichmachen des Gegners geprägt ist, fehlt es an demokratischer Kultur.

Kritik am Stil einer politischen Aussage ist daher nicht ein Ablenken vom Eigentlichen der Diskussion, sondern das Einfordern eines Rahmens, innerhalb dessen ein Diskurs um Argumente möglich ist.

»Political correctness« ist damit ein ähnlich seltsam besetzter Begriff wie »Gutmensch«. So wie ernsthaft kaum zu bestreiten ist, daß an guten Menschen nichts Verkehrtes ist, ist das Einfordern guter (»korrekter«) politischer Mindeststandards nicht das Ende des Abendlandes, sondern Grundlage eines demokratischen Politikverständnisses.

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6 Gedanken zu „Früher hieß das Anstand“

  1. Der Kommunikationswissenschaftler Hans Mathias Kepplinger sagt:

    “Hinter der Sarrazin-Debatte steht folgendes: Im Kern geht es um das Selbstwertgefühl der linksliberalen Minderheit der Bevölkerung, die lange an die Idee der multikulturellen Gesellschaft geglaubt hat. Sie steht, wenn man die Probleme des Landes mit seinen Muslimen ernst nimmt, vor den Trümmern ihres Weltbildes, das sie gegen einen informierten Kritiker verteidigt.”

    1. Das Zitat ist aus einem Interview in der Tagespost. Für das eigentlich interessante Zitat aus dem Interview halte ich das hier:

      Wir sind tatsächlich nicht in der Lage, bestimmte Sachfragen in der Öffentlichkeit mit Distanz und Gelassenheit zu diskutieren. Wir gehen sofort dazu über, Personen mundtot zu machen, die nicht konsensfähige Fakten präsentieren oder Meinungen äußern. Das steht im eklatanten Widerspruch zu dem Grundprinzip einer liberalen Demokratie.

      Was kann man dagegen tun?

      Indem man darauf besteht, dass über die Fakten diskutiert wird. Sarrazin drängt zurecht darauf. Und man muss sich gegen die vielen Kommentatoren wehren, die permanent versuchen, von den Fakten abzulenken, indem sie Sarrazin eine defekte Persönlichkeit zuschreiben, negative Motive unterstellen oder einen hochbelasteten ideologischen Hintergrund konstruieren. Das sind Strategien, um die Diskussion über die Fakten abzuwürgen.

      Es wundert mich, daß ein Kommunikationswissenschaftler zunächst völlig selbstverständlich davon ausgeht, daß die präsentierten Fakten nicht benannt werden dürften – Sarrazins wacklige Datenbasis und methodische Schwächen wurden ja nun wirklich ausführlich diskutiert. Und dann wird dort auch wieder die These vertreten, daß Leute wie Sarrazin und Eva Herman »mundtot« gemacht würden – indem sie durch die großen Talkshows gereicht werden, in den großen Zeitungen und Zeitschriften verhandelt werden, als Aufmacher der Tagesschau fungieren, indem ihre Bücher die Bestsellerlisten anführen.

      Die Kritik kreist zurecht einerseits um die fragwürdigen »Fakten«, andererseits um den Stil, der gerade nichts mit Sachlichkeit und Distanz zu tun hat. Auch mit Anzug, ruhigen und wohlgewählten Worten hat es nichts mit Sachlichkeit zu tun, wenn pauschalisiert Gruppen als Gegner stilisiert werden.

      (Mir scheint es bei diesem Kommentar aber nicht eigentlich um Diskussion und Austausch zu gehen: Gleichlautende Kommentare wurden unter dem Namen Marti auf einigen Seiten zu Sarrazin-Themen gepostet, von PI-News bis zum Zeit-Blog Störungsmelder, und etwas ausführlicher beim Wissenslog Mente et malleo – wo gerade die Behauptung, es handle sich bei Sarrazin um einen »informierten Kritiker« mit Quellen bezweifelt wird.)

      Ergänzung, 7. September 2010: Von derselben IP kam heute ein weiterer Kommentar zu einem anderen Artikel (zu Gender Mainstreaming); um Diskussion geht es wohl tatsächlich nicht.

  2. Sehr gut! Danke für diese Ausführungen. Man kann gar nicht oft genug auf den Stumpfsinn und die Gewalttätigkeit hinweisen, die in jeder Pauschalisierung unweigerlich enthalten ist. Sehr seltsam, wenn ausgerechnet Giordano ganz pauschal den Popanz der „Pauschalumarmer“ aufbaut, um dann drauf einzuschlagen.
    Andererseits fürchte ich, dass die Gleichung „political correctness“ = Anstand, Fairness und differenziertes Argumentieren zu einfach ist. Die allgemein zugelassenen Ansichten betreffen ja nicht nur Menschengruppen, sondern oft auch Sachthemen. Da gibt es durchaus Erscheinungen, wo der Einzelne sich unter Druck fühlt, wenn er nicht einfach nachplappert, was die Mehrheit für richtig hält. Asch’s Konformitätsexperimente sind verblüffend (http://lesswrong.com/lw/m9/aschs_conformity_experiment/) und auf höherem Bewusstseinslevel wie zum Exempel politische Einstellungen ist der Meinungsdruck innerhalb der einzelnen Milieus oft so hoch, dass den Diskussionen auch mit mehr Anstand nicht mehr sehr geholfen ist.

    1. Diese Gleichung möchte ich gar nicht aufmachen, insbesondere nicht die Gleichung »political correctness = differenziertes Argumentieren«; im Hintergrund war für mich beim Schreiben die Anforderungen, die Habermas an einen herrschaftsfreien Diskurs legt: Gleichheit der Teilnehmer, Problematisierbarkeit aller Themen und Meinungen, Unausgeschlossenheit des Publikums. »Political Correctness« scheint mir einmal auf das erste und das letzte Prinzip abzuzielen: Gleichheit auch im Respekt, der den Beteiligten entgegengebracht wird, und keine Konstruktion von Objekten der Diskussion, also die prinzipielle Möglichkeit, auch handelndes, mitdiskutierendes Subjekt zu werden.

      Beim Schreiben habe ich an einen ähnlichen Einwand gedacht, allerdings nicht auf der Basis moderner Psychologie, sondern älterer politischer Theorie: John Stuart Mill befaßt sich in »On liberty« ja nicht nur mit staatlicher Einschränkung von Freiheit, sondern auch damit, daß die Tyrannei der öffentlichen Meinung viel gefährlicher sei, und das ist auch der Haupteinwand mancher liberal(-konservativ)er Kritik an »Political Correctness« als Maulkorb und Denkverbot, also als Konformitätszwang.

      Anstand und Respekt sind nicht die Lösung, aber sie scheinen mir die einzige Basis zu sein, auf der dann – wie von Habermas gefordert – tatsächlich eine Problematisierbarkeit aller Themen und Meinungen gegeben ist.

  3. Nur scheinbar paradox, dass solches PC-Bashing gerne von Leuten betrieben wird, die vor Jahren noch das Manieren-Buch von Asfa-Wossen Asserate hochgejubelt haben. Es gibt eben zwei Klassen von Menschen. Die einen verdienen den höflichen Umgang, der Rest (Gutmenschen und ihre Schützlinge) bleibt nicht satisfaktionsfähiger Pöbel. Der per definitionem keinen Anstand hat und keinen Anstand erwarten darf.

    (Helmut Lethen, Verhaltenslehre der Kälte, dürfte da noch immer einschlägig sein.)

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