Der amputierte Prothesengott. Phänomenologische Betrachtung des »offline sein«

»Welche Bedeutung für Euer Leben hat ›offline sein‹?«, fragt tante in Formspring.

»Kein Netz« ist ein Mangel, den es zu beheben gilt. »Offline sein« ist keine Tugend, genauso wie »keine Brille« eine heilsame Bescheidenheit und Zurücknahme ist. Es ist ganz und gar sinnlos, bestenfalls alberne Koketterie, nicht die vergessene Brille möglichst schnell wieder aufzusetzen oder den Zustand, in dem es kein Netz gibt, wieder zu reparieren. »Der Mensch ist sozusagen eine Art Prothesengott geworden, recht großartig, wenn er alle seine Hilfsorgane anlegt, aber sie sind nicht mit ihm verwachsen und machen ihm gelegentlich noch viel zu schaffen.« (Freud, Das Unbehagen in der Kultur.)

»Offline sein« ist auch begrifflich aus der Welt gefallen.

»Offline sein« kommt aus einer Zeit, indem die Daten noch für 2 Meter 2 Mark aus dem Modem tröpfelten, als »online« noch ein diskreter Zustand war, der entweder gegeben war (Modem-Lämpchen leuchtet) oder nicht. Und weil das Netz teuer aus der Wand tröpfelte, wurde »online sein« auch tunlichst genutzt. Kurz »online« gehen, News vom Newsserver ziehen, dann »offline« lesen und schreiben, um wieder kurz »online« das alles ins Usenet zu blasen.

Das Netz ist akzidentiell, instrumentell geworden: Es ist ein Werkzeug, ein Hilfsmittel, ein Organ, das da ist und benutzt wird. Wie eine Brille. Wie die Fähigkeit, zu lesen. »Ich bin online« ist eine ähnlich sinnlose Beschreibung für das, was wir tun, wie »ich lese« es dafür ist, wenn wir ein Ticket am Fahrkartenautomaten lösen, auf die Armbanduhr schauen, Autofahren in einer nicht hundertprozentig vertrauten Umgebung – obwohl es jeweils natürlich stimmt, und das alles ohne »lesen« und »online sein« nicht möglich wäre.

»Ich lese« ist immerhin noch sinnvoll (jedenfalls wird diese Formulierung sinnhaft gebraucht), wenn es um exklusives, fokussiertes Lesen geht. Wenn ich ein Buch lese: »ich lese«. »Online sein« könnte also vielleicht noch sinnvoll sein, wenn es um exklusives, fokussiertes »online sein« geht: Den Browser benutzen. Den IRC-Client benutzen. Aber selbst da ist nicht mehr das »online sein« an sich das Definierende (wie es beim Lesen seltsamerweise immer noch so ist). Der Fokus auf »online sein« ist die Sicht- und Seinsweise des Boris Beckers der mittleren 90er-Jahre. »Online sein« ist zwar die Bedingung der Möglichkeit, aber nur noch instrumentell. »Online sein« ist kein diskreter Zustand mehr, sondern primär einfach da.

(Auch wenn Felix Schwenzel mich dann wieder völlig zurecht wg. zuviel intellektueller Butter und Pathos haut:) »Online sein« ist mit Heidegger gesprochen zuhanden. Als vorhanden wird es erst im Modus der Abwesenheit wahrnehmbar. »Offline sein« ist aufdringlich:

Das Zuhandene kommt im Bemerken von Unzuhandenem in den Modus der Aufdringlichkeit. Je dringlicher das Fehlende gebraucht wird, je eigentlicher es in seiner Unzuhandenheit begegnet, um so aufdringlicher wird das Zuhandene, so zwar, daß es den Charakter der Zuhandenheit zu verlieren scheint. Es enthüllt sich als nur noch Vorhandenes, das ohne das Fehlende nicht von der Stelle gebracht werden kann. Das ratlose Davorstehen entdeckt als defizienter Modus eines Besorgens das Nur-noch-vorhandensein eines Zuhandenen. (Heidegger, Sein und Zeit, § 16.)

»Welche Bedeutung für Euer Leben hat ›offline sein‹?« – »Offline sein« – das ist die Amputation des Prothesengotts.

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2 Gedanken zu „Der amputierte Prothesengott. Phänomenologische Betrachtung des »offline sein«“

  1. Noch ein Heidegger zum Thema:

    „Stündlich und täglich sind sie [die Menschen] an den Hör- und Fernsehfunk gebannt. Wöchentlich holt sie der Film weg in ungewohnte, oft nur gewöhnliche Vorstellungsbezirke, die eine Welt vortäuschen, die keine Welt ist. Überall ist die „illustrierte Zeitung“ greifbar. All das, womit die modernen technischen Nachrichteninstrumente den Menschen stündlich reizen, überfallen, umtreiben – all dies ist dem Menschen heute bereits viel näher als das eigene Ackerfeld rund um den Hof, näher als der Himmel überm Land, näher als der Stundengang von Tag und Nacht, näher als Brauch und Sitte im Dorf, näher als die Überlieferung der heimatlichen Welt.“ (Heidegger, Gelassenheit)

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