Nicht Mann und Frau

In meinem letzten Artikel, »Der Papst der Moderne«, habe ich reichlich theoretisch darüber gesprochen, daß Kategorien immer fragwürdiger werden und dadurch – praktisch wie theoretisch – kirchliches Handeln, das auf ganz klaren richtig–falsch, schwarz–weiß-Kontrasten aufbaut, immer problematischer wird. Zwei Texte sind mir seither untergekommen, die das noch einmal gut illustrieren. Norbert Lammert zu »Wahrheiten und Mehrheiten«, und ein Artikel von Marian Ronan in Religious Dispatches zur gar nicht so einfachen Definition der Homoehe.

Norbert Lammert hat vor der Görres-Gesellschaft bereits im letzten Jahr eine wunderbare Rede unter dem Titel »Wahrheiten und Mehrheiten« gehalten, die auf dieses Problemfeld eingeht:

Papst Benedikt XVI. hat in seiner Rede im Bundestag aus gutem Grund gerade in Bezug auf die, wie er es nennt, „grundlegenden anthropologischen Fragen“ darauf hingewiesen: „Was in Bezug auf die grundlegenden anthropologischen Fragen das Rechte ist und geltendes Recht werden kann, liegt heute keineswegs einfach zutage. Die Frage, wie man das wahrhaft Rechte erkennen und so der Gerechtigkeit in der Gesetzgebung dienen kann, war nie einfach zu beantworten, und sie ist heute in der Fülle unseres Wissens und unseres Könnens noch sehr viel schwieriger geworden.“

Diese Einsicht würde ich mir von mancher kirchlichen Stellungnahme zu aktuellen Herausforderungen wünschen, die gerade bei den hoch komplizierten Fragen mit hoher ethischer Relevanz nicht selten mit dem Anspruch der Eindeutigkeit, der Zweifellosigkeit, der Unbestreitbarkeit „aufmarschiert“, die in der zitierten Formulierung auf eine bemerkenswerte Weise zurückgenommen wird.

Es lohnt sich, die ganze Rede zu lesen. Wie so oft: Theoretisch zeigt der Papst Problembewußtsein, bezieht es aber nicht auf sich selbst und die Kirche – wie bei der Entweltlichungs-Rede, zu der parallel der Sumpf der Allzuweltlichkeit im Vatikan offenbar wird.

Ein ganz praktisches Beispiel findet sich bei Religious Dispatches im Artikel Catholic Church is Lucky it’s Just Same-Sex Marriage:

The very existence of intersex conditions and the surgery to remedy them undercuts the ostensibly unambiguous sex/gender categories invoked by religious conservatives such as the Vatican, the US bishops, and most right-wing evangelical Christian groups. […]

When the Catholic Church and its allies claim that marriage exists between “one man” and “one woman,” which kind of man or woman do they mean? The Pope and the bishops should thank the LCWR for limiting its statements to women’s ordination and gay marriage.

In einer Antwort auf einen Kommentar habe ich ein ähnliches Problemfeld angesprochen: Ich sehe die Gefahr, daß sich die Kirche theologisch von der geistes- und sozialwissenschaftlichen Forschung entkoppelt und praktisch unfähig wird, die Welt angemessen wahrzunehmen und auf sie zu reagieren; mit orthodoxer Dogmatik ist dem Wissensfortschritt zum Beispiel in der Anthropologie nicht beizukommen. In der Kirche wird noch ganz binär über Männer und Frauen verhandelt (und selbst das führt zu größten Konflikten), während längst klar ist, daß mit derart scharf gezogenen Kategorien dem komplexen Feld »Geschlecht« nicht beizukommen ist – Intersexualität, Transsexualität, soziale Konstruktion von Geschlechterrollen können nicht angemessen theologisch bewertet werden, wenn sich die Theologie und die Kirche nicht auf fließendere, unsauberere, weniger klar abgegrenzte Kategorien einläßt und stattdessen immer noch im Grunde Gen. 1,27 (»Als Mann und Frau schuf er sie.«) als absolute empirische Aussage zur Geschlechtskonstitution liest, anstatt Gal. 3,28 (»Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid ›einer‹ in Christus Jesus.«) nicht nur eschatologisch zu deuten, sondern auch im Kontext des bereits angebrochenen Reich Gottes zu deuten, in dem kulturelle, soziale und geschlechtliche Zwänge aufgebrochen werden sollen.

Die pastorale Sprach- und Handlungsunfähigkeit folgt darauf.

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6 Gedanken zu „Nicht Mann und Frau“

  1. Ich sehe die Gefahr, daß sich die Kirche theologisch von der geistes- und sozialwissenschaftlichen Forschung entkoppelt und praktisch unfähig wird, die Welt angemessen wahrzunehmen und auf sie zu reagieren

    Ich lese dein Blog ja sehr gerne und mit durchaus freundlichem Interesse, aber da musste ich jetzt doch lachen.
    Ein bisschen, als würde ich die Gefahr sehen, dass die FDP die Fähigkeit verliert, liberale Positionen glaubwürdig zu vertreten…

    1. Da hast Du die richtigen Beispiele genommen – ich bin Katholik und FDP-Mitglied.

      Ich bin mir bewußt, daß die Kirche (zumal von außen, zumal aus einer nicht kirchlich sozialisierten Position) nicht den Eindruck macht, daß sie relevant sei und daß sie einen relevanten Beitrag zur Weltdeutung leisten könnte. Die Kirche ist aber deutlich pluraler und mehr als das, was sie in ihrer Außenwahrnehmung zu sein scheint. Gerade die Theologie ist eine intellektuell unglaublich spannende Wissenschaft, die schon lange nicht mehr die Aufgabe der Apologetik und stumpfen Lehramts-Ausdeutung hat. (Auch wenn, und das gehört zu dem hier angesprochenen Problemfeld, sie immer mehr in diese Rolle gedrängt werden soll, wie etwa der aktuelle Fall von Sr. Margaret Farley zeigt, wo eine gute und relevante Theologin vom Vatikan zurückgepfiffen wird.)

      In meinem Studium (nicht Theologie) habe ich immer wieder Veranstaltungen an der theologischen Fakultät besucht, weil sie so ungemein intellektuell anregend waren. Leider ist in der Wahrnehmung die Theologie immer noch auf dem Stand des 18., 19. Jahrhunderts; Autoren wie Dawkins bauen eine Strohmann-Theologie auf, gegen die sie argumentieren, die so völlig veraltet ist (jedenfalls im seriösen akademischen Diskurs; etwa im evangelikalen Umfeld werden derartige naive Theologien noch vertreten, gegen die sich solche Autoren wenden).

      Um ein paar Beispiele zu nennen: Ich denke an Magnus Striet (Fundamentaltheologie in Freiburg; bei ihm habe ich viele Vorlesungen gehört und Seminare besucht), der tief über die menschliche Freiheit nachdenkt (hier ein willkürliches, weil verlinkbares Beispiel zum Thema Mohammed-Karikaturen) und ein großer Nietzsche-Kenner ist (hier eine Rezension). Ich denke an Studien wie Axel Heinrichs Soziobiologie als kulturrevolutionäres Programm, die mit Mitteln der Theologie kritisch und auch für Nicht-Gläubige gewinnbringend aktuelle Positionen reflektieren. Regina Ammicht Quinn, die über Leiblichkeit nachdenkt. Johann Baptist Metz, der die religionsgeschichtlichen Wurzeln unserer Kultur und ihren Einfluß freilegt. Die Mönche der Spätscholastik, die Pioniere der Wirtschaftswissenschaften waren. John Henry Newman, der im 19. Jahrhundert die Gewissensfreiheit hochhielt, und Friedrich von Spee, der die Hexenprozesse und -verfolgung des 17. Jahrhunderts auch theologisch bekämpfte.

      All das sind Beispiele, wie Theolog_innen produktiv zu gesellschaftlichen Problemkreisen Stellung beziehen und den wissenschaftlichen Diskurs bereichern. Um solche Beispiele fürchte ich, wenn ich meine Kritik wie oben formuliere.

      1. Ja, doch, an genau so etwas Grässliches wie diesen Magnus-Striet-Text habe ich bei meinem Kommentar auch gedacht.
        Allerdings will ich nicht bezweifeln, dass auch Theologen in der Lage sind, intellektuell sehr anspruchsvolle und interessante Gedanken zu fassen. Dass man in Bezug auf bestimmte Dinge falsch liegt, und wenn auch noch so dramatisch, heißt ja nicht, dass man zu anderen oder sogar zu diesen Dingen nichts Wertvolles beizutragen haben kann.

          1. So einiges, aber wenn wir uns auf das Offensichtlichste konzentrieren wollen, auf die Gefahr hin, dass du das kommen sehen konntest, nehmen wir diesen Abschnitt hier:

            Die von Johann Baptist Metz aufgeworfene Frage, ob nicht zuerst Gott und dann der Mensch stirbt, weil mit dem Tod Gottes auch das geschichtlich ins Bewußtsein gehobene Gedächtnis an die Würde aller Menschen verliere, scheint sich angesichts so mancher Exzesse einer sich gottlos verstehenden Welt zu bewahrheiten.

            Eine sich gottlos verstehende Welt? Wie hoch ist noch mal der Anteil der Atheisten an der Weltbevölkerung?
            Hat „die Welt“ sich schon immer gottlos verstanden, oder haben die Exzesse zugenommen? Seit wann?
            Gibt es irgendeine belegbare Beziehung zwischen dem Glauben an einen Gott und Respekt vor der Menschenwürde? Ich glaube, nicht. Ich glaube, das ist einfach nur frei aus dem Ärmel geschütteltes Geschwurbel zur Überleitung hierzu:

            Es gibt völlig berechtigt die Sorge, daß sich eine Gesellschaft falsch, egoistisch, womöglich menschenverachtend entwickelt, wenn sie sich ausschließlich im Säkularismus einrichtet

            Berechtigt? Durch was?
            Was berechtigt die Sorge, dass eine Gesellschaft ohne Religion sich falsch, egoistisch, menschenverachtend entwickelt?
            Sind es die vielen Daten, die belegen, dass Atheisten sich falscher, egoistischer, menschenverachtender verhalten als religiöse Menschen? Unwahrscheinlich, denn diese Daten gibt es nicht, soweit ich weiß.
            Was Striet da macht, ob vorsätzlich oder fahrlässig in gutem Glauben, ist in meinen Augen widerwärtig. Er insinuiert, dass Atheisten zu menschenverachtendem egostischem Verhalten neigen, und verleumdet damit ohne Grundlage eine Gruppe von Menschen, weil sie anderer Meinung sind als er.
            Oder was meinst du?

  2. Ist es nicht generell so, dass sich die Instutionen, sei es die Kirche oder andere, die es schon seit Jahrhunderten gibt von der Wirklichkeit entfernen und in ihren eigenen Dogmen gefangen sind?

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