Politische Geographie

Politische Landkarte nach dem Wahl-o-mat (Christopher Schuster, CC by-nc-sa)
Politische Landkarte nach dem Wahl-o-mat (Christopher Schuster, CC by-nc-sa)

Christopher Schuster hat die Wahl-o-mat-Antworten aller Parteien ausgewertet und die Übereinstimmung zwischen den Parteien visualisiert, indem er die Übereinstimmungen und Unterschiede bei der Beantwortung der Thesen so dargestellt hat, daß die Länge der Linien die Größe der Übereinstimmung abbildet, »wobei längere Linien für größere Unterschiede im Antwortverhalten der Parteien auf Wahl-o-mat stehen.«

Natürlich ist der Wahl-o-Mat und seine schematische Einordnung anhand von tendentiell schwammigen Thesen nur ein grober Anhaltspunkt, für solche Auswertungen taugt er aber ganz gut. Das Ergebnis finde ich in mehrerlei Hinsicht bemerkenswert:

  • Es gibt eindeutige Blöcke: Der Rechtsblock (links oben), der Linksblock (rechts oben), und ein breiter Mitte-Block aus Sonstigen. Die im Bundestag vertretenen Parteien scheinen nicht nur von der Tradition und der Konsensfähigkeit ihrer Programme zu profitieren, sondern auch davon, daß Positionskomplexe sehr dicht besiedelt sind. (Das hat den Rechten nicht nur einmal Einzüge in Landtage verhagelt.) Die Linke als Sammelbecken fährt auch besser als die spezialisierten Linkssekten.
  • Interessant ist die Positionierung der Piratenpartei: Sie hat die größte Nähe zu den Grünen (19), gefolgt von Linken, SPD und FDP (je 25). Mit der CDU hat sie die geringsten Gemeinsamkeiten (45), die Rechten haben (trotz deren sozial-populistischem Antwortverhalten, das sie sonst hochspült) Entfernungen von 33–41. Das Ergebnis wird natürlich dadurch verfälscht, daß viele Aussagen der Piratenpartei kein Parteikonsens sind. Die Nähe zu den Grünen ist keine Überraschung (das muß man den Grünen lassen: In Sachen Netzpolitik sind sie der FDP weit voraus.), daß die anderen im Bundestag vertretenen Parteien außer der Union auf Äquidistanz sind, paßt zur Selbstwahrnehmung.
  • Die beiden Parteien, die am lautesten »gesunder Menschenverstand« rufen, die Freien Wähler und die Piratenpartei, sind mit einer Entfernung von 36 extrem weit voneinander entfernt (die durchschnittliche Entfernung aller Parteien untereinander beträgt etwa 29).
  • Am interessantesten finde ich die Stellung von Union und FDP, die beide sehr weit von anderen Parteien entfernt stehen: Die durchschnittliche Entfernung der FDP von anderen Parteien beträgt 36, der Union sogar 39. Damit weichen sie deutlich von der durchschnittlichen Entfernung von 29 ab, was noch schwerer wiegt, da die Standardabweichung nur 2,84 beträgt. (SPD, Grüne, Linkspartei und Piraten haben zu den anderen Parteien eine durschnittliche Entfernung, die etwa 29 ist.) Ein Grund dürfte sein, daß, während es genügend andere konservative und Bürgerrechtsparteien gibt, im deutschen Parteiensystem wirtschaftlicher Liberalismus klar ein Alleinstellungsmerkmal ist.

Die Auswertung der Wahl-o-Mat-Daten ist ein schönes Beispiel dafür, wie sinnvoll es ist, auch mit quantitativen Methoden Journalismus zu betreiben, und außerdem ein hervorragendes Beispiel dafür, wie Methoden des Web 2.0 auch politikwissenschaftlich nutzbar gemacht werden können; was wäre nur alles möglich, wenn wir Government 2.0 im Stile von data.gov auch hier hätten …

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2 Gedanken zu „Politische Geographie“

  1. Lieber Herr Neumann,

    ich kann wohl erkennen, welchen Erkenntnisgewinn der Politologe von dieser Auswertung hat.
    Inwieweit sie jedoch dem Journalismus irgendetwas Sinnvolles hinzufügt – das nun nicht. Das einzig annähernd nachrichtentaugliche Ergebnis – den schwarzgelben Platzhirschstatus – haben Sie herausgestellt. Aber ob das schon reicht, um für mehr statt weniger quantitativ aufgejazzte Meldungen à la „Wie eine Studie der renommierten Bla-Universität zeigte“ zu plädieren, das beantworteten in einer Blitzumfrage bei mir zu Hause 100 % der Befragten mit „Nein.“!

    1. Ich hätte gerade die entgegengesetzte Kritik erwartet: Zu untauglich das Datenmaterial im konkreten Fall, zu grob und zu wenig reflektiert die Auswertungsmethode, und dank der plakativen Darstellung gerade anfällig dafür, daß man auch plakative Schlüsse daraus zieht, und damit gerade eine journalistische und keine politikwissenschaftliche Herangehensweise.

      Für den Journalismus sehe ich den Gewinn darin, daß solche Methoden sich eignen, um komplexe Datenreihen auf einen Blick erfaßbar und intuitiv bewertbar zu machen. Zu oft werden noch (ein besonders abschreckendes Beispiel ist die Herder-Korrespondenz) ganze Absätze mit dem Referieren von Zahlenreihen gefüllt, wo eine Tabelle schon visualisierende Avantgarde wäre. Die Zeit macht es mit ihren Deutschlandkarten vor, wie man auch arbeiten könnte. Mit Nachdruck möchte ich auch nochmal das Interview mit Adrian Holovaty in der FAZ empfehlen, der auch einiges zum Umschlag von Quantität in Qualität durch die Nutzung von solchen Methoden zu sagen hat.

      Mir scheint es eine Notwendigkeit, daß Journalisten solche Möglichkeiten zur Verfügung haben: Heute, wo Speicherplatz nichts kostet und Information in rauen Mengen zur Verfügung steht, braucht es neue Methoden, um diese Flut journalistisch aufzubereiten. Einer umfangreichen Datensammlung wie die von wen-waehlen.de kann man sich entweder anekdotisch nähern oder mit quantitativen Methoden.

      (Den Hornissenplatzhirsch finde ich übrigens gerade aus einer wissenschaftlichen Warte interessant, die sich mit politischer Mentalität befaßt; den Nachrichtenwert schätze ich eher gering ein.)

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