Freiheit des Andersdenkenden?

Am Wochenende fand in Berlin ein Schweigemarsch unter dem Motto »1000 Kreuze für das Leben« statt, organisiert vom Bundesverband für Lebensrecht. Wie üblich bei solchen Veranstaltungen gab es auch eine Gegendemo unter dem Motto »1000 Kreuze in die Spree«, zu der ein breites Bündnis Gruppen aus dem Antifa-Umfeld, aber auch ProFamilia und der Humanistische Verband Deutschlands aufgerufen haben. Interessant ist, daß auch die Amadeu-Antonio-Stiftung auf ihrer Seite »MUT gegen rechte Gewalt« gegen den Schweigemarsch mobilisierte.

Verschiedene katholische Blogs berichten von Übergriffen und Entgleisungen der Gegendemonstranten: Epistula Tiberii von verbalen Beschimpfungen, Geist und Feuer von Teilnehmern, die angespuckt wurden, Elsas Nacht(b)revier sammelte einige Eindrücke. Was da passiert ist, kann man sicherlich nicht der Gegendemonstration als ganzes zurechnen.

Ironisch ist es allerdings, daß zu dieser Gegendemonstration ausgerechnet von »Mut gegen rechte Gewalt« aufgerufen wurde. Wo ist denn die »rechte Gewalt« bei den Lebensschützern? Was ich gesehen habe (nur online, ich war nicht dabei) sieht für mich nicht nach Gewalt aus. Bleibt »rechts«. Vorgeworfen werden den Demonstranten »Antifeminismus«, »christlicher Fundamentalismus« und ein »völkisches Familienverständnis«. Den Antifeminismus mögen viele der Teilnehmer sicher teilen, für »christlichen Fundamentalismus« haben die Aufrufenden der Gegendemo eine sehr geringe Schwelle, und die Teilnehmer und Organisatoren sind auch eher im konservativen Teil der Kirche angesiedelt – aber pauschal völkisches Familienverständnis zu unterstellen, halte ich für problematisch.

Eine völkische Argumentation kann keine christliche sein: Jeder Kollektivismus steht dem christlichen Verständnis von Menschenwürde diametral entgegen. (Umso schlimmer, wenn christliche Lebensschützer dennoch völkisch argumentieren – was der Bundesverband Lebensrecht nicht tut – oder sich bei Völkischen taktische Partner suchen – was der Bundesverband Lebensrecht durch Interviews mit der Jungen Freiheit tut.)

»Lebensschützer« haben zurecht keine gute Presse, wenn sie vor Abtreibungskliniken Betroffene drangsalieren, wenn sie das US-amerikanische Klima loben, das zu Morden an Abtreibungsärzten geführt hat. Das delegitimiert aber noch lange nicht, daß man sich dafür einsetzt, daß es weniger Abtreibungen gibt – was denkt sich eine Stiftung, die sich auf die Fahnen geschrieben hat, »eine demokratische Zivilgesellschaft zu stärken, die sich konsequent gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus wendet«, wenn sie Menschen, die ein unbedingtes und absolutes Recht auf Abtreibung ablehnen, pauschal unter Rechts-Verdacht stellt? (Ist dann das Bundesverfassungsgericht auch »rechts«, wenn es dem ungeborenen Leben Menschenwürde attestiert?)

In jedem Fall halte ich es für sehr zweifelhaft, wenn eine massiv staatlich geförderte Stiftung, noch dazu mit solchen Zielen, sich vorbehaltlos auf die Seite von Gruppen stellt, die von der freiheitlich-demokratischen Grundordnung wenig halten. (Grußworte zum Schweigemarsch sprachen unter anderem der evangelische und der katholische Ortsbischof – was für eine Wahrnehmung ist das, daß man sich denen mit »Mut gegen rechte Gewalt« entgegenstellen muß?) Ralf schreibt dazu in einem von der Antonio-Stiftung bisher nicht veröffentlichen Kommentar:

Sie scheinen eine doch recht eingeschränkte Vorstellung der Demokratie in einer pluralistischen Gesellschaft zu haben. Wer gegen Abtreibungen ist, ist in Ihren Augen also per definitionem „fundamentalistisch“? Wer friedlich demonstriert, ist „schlimmer“ als die,die sich wünschen, eine Jüdin hätte abgetrieben?

Elsa hat einen Brief an die Antonio-Stiftung und Wolfgang Thierse, Schirmherr der Stiftung, ZdK-Mitglied und Donum-vitae-Gründungsmitglied geschrieben. Ihre Fragen stelle ich mir auch:

a) wie der Aufruf zur Gewalt gegen einen Schweigemarsch friedlicher, betender Christen mit dem Ziel der Stiftung, der Stärkung einer demokratischen Kultur, vereinbar ist?

b) Bedeutet Mut gegen rechte Gewalt für die gemeinnützige Amadeu-Antonio-Stiftung Mut zu linker Gewalt?

c) Wie kommt die Stiftung dazu, einen gewaltfreien Schweigemarsch betender Christen unter „rechte Gewalt“ einzuordnen – rechte Gewalt, wie sie zu dem Mord an Amadeu Antonio führte?

d) Wie steht eine gemeinnützige Stiftung zu der Tatsache, dass unter ihrem Namen ein Aufruf zur Schändung des zentralen Symbols einer religiösen Gemeinschaft erfolgen darf?

Ungeborenem Leben kommt Menschenwürde zu. Das ist das Menschenbild des Grundgesetzes. (Der Schweigemarsch, so falsch man ihn auch findet, bewegt sich also explizit und mitten im erlaubten Rahmen des Grundgesetzes.) Unter diesen Vorzeichen ist Abtreibung immer problematisch, selbst wenn man (wie ich) ein Verbot von Abtreibungen, eine Gleichsetzung mit Mord oder anderen Tötungsdelikten ablehnt. Ich teile auch die feministische Argumentation, daß eine Kriminalisierung von Abtreibung (die gerade den abtreibenden Frauen, die das ja nicht aus Spaß und feministischer Selbstverwirklichung tun, nicht gerecht wird) dem Lebensschutz zuwider läuft:

Wer sich gegen Abtreibung ausspricht und für ein staatliches Verbot eintritt, gefährdet das Leben tausender Frauen.
Es steht nämlich nicht zur Frage, ob Frauen Schawngerschaften beenden (Abbrüche gab es zu jeder Zeit), sonder nur wie sie es tun.
Auf sichere da professionelle und legale Weise oder illegal und unsicher.

Weltweit streben jährlich 70.000 Frauen an den Folgen einer unsachgemäßen Abbtreibung.

Ich selbst hätte übrigens nicht mitdemonstriert. Eine Kriminalisierung der Abtreibung lehne ich ab. Lebensschutz hat auch für mich wenig mit den Methoden der Lebensschützer zu tun. Lebensschutz aus christlicher Verantwortung heißt für mich:

  • Keine völkische Argumentation, keine völkischen Bündnispartner! Völkische Argumentation hat mit dem Christentum nichts zu tun, und völkische Bündnispartner haben erst rechts nicht mit dem Christentum zu tun: Das sind die, die anderen Leuten fundamental das Lebensrecht absprechen! (Die Junge Freiheit ist doch auch kein geeigneter Bündnispartner, wenn man Redefreiheit gut findet!)
  • Eine ordentliche Faktenbasis verwenden! Ein Post-abortion syndrome hat weniger mit Wissenschaft als mit Propaganda zu tun, und für die Argumentation braucht man auch nicht die mutmaßlich künstlich hochgejazzte Zahl von 1000 pro Tag anzuführen. Überhaupt läuft diese Argumentation dem eigentlichen Ziel entgegen: Auch wenn es nur eine einzige Abtreibung gegeben hätte und die Frau hinterher glücklich wäre, würde das nichts am Würde-Argument ändern.
  • Keine Belästigung und Kriminalisierung von Betroffenen! Frauen vor Abtreibungskliniken zu beschimpfen ist alles andere als christlich.
  • Schließlich: Realistische Politik. Abtreibung ist ein Feld, bei dem es keine einfachen Lösungen gibt. Wer Abtreibung völlig freigibt, wird der Menschenwürde des Ungeborenen nicht gerecht (ich spreche bewußt nirgends von Lebensrecht; ich habe Judith Jarvis Thomson und Murray Rothbard gelesen), wer Abtreibung verbietet, wird der Menschenwürde der Schwangeren nicht gerecht, indem ignoriert wird, daß es Abtreibungen unabhängig von der Gesetzeslage geben wird. Die deutsche Lösung mit einem verpflichtenden Beratungsgespräch halte ich daher für gut, und ich finde es fatal, wenn die Kirche glaubt, es gäbe bei diesem Thema eine Möglichkeit, sich fein rauszuhalten. (Ich bin daher auch Donum-Vitae-Mitglied.) Christlicher Lebensschutz muß viel früher anfangen; indem es durch eine verantwortungsvoll gelebete Sexualität nicht zu ungewollten Schwangerschaften kommt, indem keine Frau aus ökonomischen Gründen abtreiben muß, indem ein Klima gefördert wird, das Behinderte akzeptiert und ihnen Lebensperspektiven eröffnet.

All das ist eine Politik, die ich viel eher bei Donum Vitae finde als ich sie den Schweigemarschierenden unterstelle. Dennoch: Rechte Gewalt sieht anders aus. Wo ist die Freiheit für diese Andersdenkenden?

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19 Gedanken zu „Freiheit des Andersdenkenden?“

  1. Hallo Felix!

    Das P.A.S., das Post-Abotion-Syndrome, wird zumindest in der Crème de la crème der medizinischen Fachjournals, in „The Lancet“, als für nicht mehr wegdiskutierbar erklärt (wer im Lancet publiziert wird, hat es geschafft):

    „Mitte August 2008 hatte die »American Psychological Association« (APA) den »Report of the APA Task Force on Mental Health and Abortion« veröffentlicht, wonach es keine wissenschaftlichen Daten gebe, die den Zusammenhang zwischen Abtreibung und psychischen oder auch psychosomatischen Erkrankungen bewiesen. Dem wurde unter anderem im Lancet, einer der führenden internationalen medizinischen Zeitschriften, widersprochen (Women should be offered postabortion psychological care. In: The Lancet, 372, 2008). Im Editorial fordern die Autoren psychologische Beratung und Hilfe nach einer Abtreibung, da unter anderem das »Journal of Youth and Adolescence« eine Studie veröffentlicht habe, die psychische Probleme nach Abtreibung nachweise (Resolution of unwanted pregnancy during adolescence through abortion versus childbirth: Individual and family predictors and psychological consequences. In: Journal of Youth and Adolescence, 35, 6/2006).“

    Bei Donum Vitae bin ich natürlich nicht, ebensowenig verkaufe ich Waffen, nur weil ich weiß, daß es andere auch tun und ich vielleicht jemanden von einer Gewalttat abhalten könnte.

    (Auch was die Beurteilung der Abtreibung angeht, gehe ich mit Vat-II konform)

    Wieso ght ein Verbot von Abtreibung gegen die Menschenwürde der Schwangeren? Kann man mit Anspruch auf seine Würde es einfordern, jemanden ohne eigenen Schaden töten zu können?

    1. In Sachen PAS haben Befürworter und Gegner von Abtreibungen ein großes Interesse daran, daß ihre Interpretation der Daten stimmt. Ich selber bin weder Arzt noch Psychologe, kann also nur feststellen, daß ein Dissens besteht und beide Seiten auf renommierte Fachzeitschriften verweisen. Egal wer recht hat, es bringt nichts, dieses Argument anzuführen: Man wird sich nicht einigen und leitet die Diskussion auf Pfade, die für das grundlegende Problem irrelevant sind. Selbst wenn PAS auch vom vehementesten Pro-Choice-Vertreter akzeptiert ist: Würde das etwas an seiner Position ändern – und umgekehrt?

      Ich bezweifle, daß Waffen verkaufen die richtige Analogie ist. Wenn wir martialisch bleiben, dann ist die Analogie (was auch immer die bringen soll) wohl eher eine Armee, die doch hoffentlich nicht mehr als ein notwendiges Übel ist.

      In einer idealen Welt brauchen wir keine Gesetze gegen Abtreibung, weil Abtreibung nicht stattfindet: Es gibt keine Vergewaltigungen, es gibt keine ökonomischen oder sozialen Umstände, die eine Abtreibung nötig machen, es gibt keine ungewollten Schwangerschaften. Wir haben aber keine ideale Welt, wir haben kein ideales Umfeld – ein Verbot von Abtreibungen führt nicht dazu, daß es keine Abtreibungen gibt, sondern daß sie illegal stattfinden mit schrecklichen Folgen für Frauen, die in existentiellen Krisen sind. Die Kirche kann die sauberen Hände in den Schoß legen, Rosenkränze für tote Mütter und tote Kinder beten und fein raus sein, während der säkulare Staat einen Kompromiß macht und Fristenregelungen einführt (wie etwa in Portugal). Das ist für die schöne Theorie moralisch einwandfrei, nur hat es in der Praxis zynische Auswirkungen: Dann gibt es kein maximal gesellschaftlich durchsetzbares restriktives Abtreibungsgesetz (wie in Deutschland), sondern entweder unangenehm laxe Gesetze (Portugal) oder ein totales Verbot, das Frauen zu Engelmachern treibt. Donum Vitae schafft es durch seinen Verbleib in der staatlichen Konfliktberatung, Menschen zu erreichen, die von einer scheinfreien Beratung nie erreicht würden. Donum Vitae macht darüber hinaus auch wertvolle Präventionsarbeit und wichtige Lobbyarbeit. Donum Vitae hat den Mut, auch Graubereiche zu riskieren, um Leben zu retten.

  2. Noch was: wenn ich Menschenleben retten kann, belästige ich immer gerne. Auch Herr Brunner hat die Männer „belästigt“, die auf die Jugendlichen einprügelten.

    Beschimpfen von Frauen geht natürlich gar nicht, habe ich aber noch nie erlebt.

  3. 1,) „Was da passiert ist, kann man sicherlich nicht der Gegendemonstration als ganzes zurechnen.“
    Ich stimme hier zu. Leider ist zu sagen, daß es nur eine einzige Dame gab, die anscheinend an einem niveauvollen Diskurs interessiert war. Sie hat schüchtern lächelnd an uns Demonstranten Flyer der Gegenseite verteilt. Ansonsten haben Feministen Dildos in die Höhe geschwungen, Lärm gemacht, einer Frau „Heul Doch“ entgegengerufen, Slogans wie „Kein Gott, kein Staat, kein Patriarchat“ und „Hätt Maria abgetrieben, wärt ihr uns erspart geblieben“ gerufen und quasi als Höhepunkt einige Kreuze versenkt und eine Bibel verbrannt.
    Wie ich mit der einen Dame sah – was mich übrigens auf der Kundgebung sehr freute – , gab es auch FeministInnen, die durchaus an einer sachlichen Gegendarstellung interessiert waren, die in einen Dialog treten und uns aufklären wollten. Aber wie eine Schwalbe noch keinen Sommer macht, macht ein nettes Mädchen noch keine gelungene Gegendemonstration. Und wie es leider immer bei Gegendemos der Fall ist, war der tobende Pöbel lauter. Und wollte weder diskutieren noch aufklären.

    2.) „Ein Post-abortion syndrome hat weniger mit Wissenschaft als mit Propaganda zu tun“ vs „Ich selber bin weder Arzt noch Psychologe, kann also nur feststellen, daß ein Dissens besteht und beide Seiten auf renommierte Fachzeitschriften verweisen“
    Hier besteht ein größerer Dissenz als der von Dir postulierte! Es hat NICHTS mit Propaganda zu tun, wenn die Anhänger des PAS sich auf rennomierte Fachzeitschriften berufen können, jedoch, und hier stimme ich Dir zu, scheint dieses Thema noch kein beinhartes Faktum zu sein (wobei man auch fragen kann, welche Themen in der Psychologie solch harte Fakten sind). Solche Situationen, daß zwei Parteien sich auf Fachzeitschriften berufen können kennt die Wissenschaft auch ohne Propaganda – und auch ohne Propagandavorwurf.

    3.) „Keine Belästigung und Kriminalisierung von Betroffenen! Frauen vor Abtreibungskliniken zu beschimpfen ist alles andere als christlich.“
    Ich kann nun nur für die Abtreibungsgegner sprechen, die ich persönlich oder virtuell kenne, aber diese alle lehnen genau so wie ich die Beschimpfung von Frauen vor Abtreibungskliniken strikt ab – und, was mich betrifft, auch das beschimpfen von Abtreibungsärzten. Ich korrigiere mich: Sie sind vollkommen dagegen.

    4.) „Christlicher Lebensschutz muß viel früher anfangen; indem es durch eine verantwortungsvoll gelebete Sexualität nicht zu ungewollten Schwangerschaften kommt, indem keine Frau aus ökonomischen Gründen abtreiben muß, indem ein Klima gefördert wird, das Behinderte akzeptiert und ihnen Lebensperspektiven eröffnet.“
    Dem ist nichts hinzuzufügen. Einer Lebensschutzinitiative, die nur einen Gesetzesentwurf betreffs Abtreibungsverbot einreichen will, ohne sich um die Menschen zu kümmern, kann ich mich auch nicht anschließen. Jedoch sehe ich die von Dir angesprochenen Punkte bei den meisten Lebensrechtlern (in den deutschsprachigen Ländern) schon. In Amerika habe ich auch einen etwas anderen Eindruck, dort wird die Abtreibungsfrage deutlich mehr instrumentalisiert.

  4. Du hast Recht, Felix, in einer idealen Welt gibt es u.a. weder Abtreibungen noch Vergewaltigungen. Warum sollen wir also keine Gesetze zur straffreien Vergewaltigung ermöglichen?

    1. Politik ist immer in dem Dilemma, daß Menschenwürde nicht gegeneinander abwägbar ist und dennoch allgemeine Regelungen getroffen werden müssen. So unchristlich ein reiner Utilitarismus, ein reiner Konsequentialismus ist: Die Entscheidung muß getroffen werden, ob man bereit ist, eine völlig saubere Regelung zu treffen, die dazu führt, daß Frauen bei illegalen Abtreibungen sterben oder im Ausland abtreiben, wo die Regeln im Zweifelsfall deutlich laxer sind, ohne verpflichtendes Beratungsgespräch und Bedenkzeit – und ob man diese in der Theorie saubere Lösung mit seinem Gewissen vereinbaren kann. Die deutsche Rechtslage sorgt für einen besseren Lebensschutz als ein totales Verbot.

  5. Was ist denn das bitte für eine Argumentation, Ralf? Versetz dich in die Lage einer schwangeren Frau, die nicht weiß, was sie machen soll und dann kommst du mit solch zynischer Argumentation? Sie wird dir sicher dankbar sein für deine Nächstenliebe. Auch wenn man nicht einer Meinung ist, sollte man sich solchen Kram sparen.

    1. Mal ein eingeworfene Frage:
      Bevor Abtreibung straffrei wurde: Wieviele Frauen wurden denn aufgrund des Paragraphen 218 zu Haftstrafen verurteilt?

      Und ein weiterer Einwurf:
      Ist dir, Felix, bewusst, dass wir durch unsere Steuermittel Abtreibungen finanzieren? Und zwar rund 90% aller registrierten Abtreibungen…

      1. Wie Abtreibungen genau abgerechnet werden, weiß ich nicht; ich kann nur in der Wikipedia nachlesen. Überraschend ist es natürlich nicht, daß Abtreibungen so auch von der Solidargemeinschaft (sei’s über Steuern, sei’s über Versicherungsbeiträge bezahlt werden).

        Die Aufschlüsselung der 90 % fände ich aber auch wichtig zu wissen: Die meisten Abtreibungen werden nach Beratungsregelung und nicht aufgrund medizinischer oder kriminologischer Indikation vorgenommen, so daß die Kosten nur bei Frauen mit geringem Einkommen übernommen werden. (Alles vorbehaltlich Wikipedias Korrektheit; die Angabe dort wird mit Informationen von ProFamilia belegt.)

        Mein Regionalverband von Donum Vitae schlüsselt im Jahresbericht auch die von den ratsuchenden Frauen angegebenen Gründe auf, warum eine Abtreibung gesucht wird. Mit erschreckend hohem Abstand vor dem nächsten Themenkomplex (ich habe den aktuellen Jahresbericht leider nicht mehr da, online gibt es ihn nicht) waren verschiedene ökonomische Gründe an der Spitze der Auflistung.

        Wichtiger als den Hinweis, daß wir alle Abtreibungen mitbezahlen, finde ich daher den Hinweis, daß wir alle ein Sozialsystem mitbezahlen, daß in solchen Problemfällen zumindest nicht transparent genug Hilfe anbietet, um die ökonomischen Gründe für einen Schwangerschaftsabbruch zu lindern. (Und wir finanzieren ein Bildungssystem, das es anscheinend nicht zureichend schafft, Menschen darin zu unterstützen, eine verantwortet gelebte Sexualität zu entwickeln.) Dazu gehört auch, daß eine C(!)DU-Familienministerin eine Politik macht, die eher ein wirtschaftlich gewendetes völkisches Paradigma verfolgt, das nicht Ärmere darin unterstützt, daß sie sich ihre Kinder leisten können, sondern gutverdienenden und gutausgebideten Premiumgebärenden Anreize schafft.

        1. D’Accord, was deutsche Familienpolitik anbelangt. Vgl. hierzu den hervorragenden Text der Höchberger FDP. http://fdp-hoechberg.blogspot.com/2007/10/mehr-familie-weniger-staat.html

          Was die Finanzierung von Abtreibungen anbelangt, so wurde das mehrfach in Anfragen in den Parlamenten thematisiert.

          In der Tagespost aus dem Jahr 2003 wird der damalige Erkenntnisstand zusammengefasst: http://www.die-tagespost.com/Archiv/titel_anzeige.asp?ID=6186

          Und eine etwas aktuellere Zahl findet sich in der Antwort des rheinland-pfälzischen Sozialministeriums: http://www.landtag.rlp.de/landtag/drucksachen/163-15.pdf

          Daraus geht hervor, dass ein Großteil der registrierten Abtreibungen aus Steuermitteln finanziert werden. Unregistrierte Abtreibungen, die es sicher auch gibt (*), werden privat bezahlt oder aber als Fehlgeburt abgerechnet – wie mir von einer Hebamme mitgeteilt wurde.

          (*)Zumindest ist es schon aus statistischer Sicht unsinnig, dass die Abtreibungszahlen bis 1995 auf 200.000-300.000 jährlich angegeben wurde, und ab der Neuregelung ohne nennenswerte Abweichungen um die 130.000 jährlich betragen. Die Standardabweichung bei der Geburtenziffer ist um ein vielfaches höher als die Standardabweichung bei den offiziell gemeldeten Abtreibungszahlen – ein Indiz dafür, dass die Zahlen getürkt sind.

    2. Ich kann mir eines vorstellen, was sie machen soll: Adoptionsfreigabe.

      Was spricht so für eine Abtreibung,daß die Adoptionsfreigabe unter den Tisch fällt?

        1. Vorweg: Ich werde mich auf keine ernsthafte Diskussion einlassen. Bin nicht offen genug, was das Ergebnis der Diskussion angeht.

          Nur kurz zu deiner Frage, Ralf: Adoptionen schaffen wieder andere Probleme. Mit dem Ursprungskommentar hat das alles nichts zu tun.

          Den fand ich sehr daneben

  6. Die Frage, was „Mut gegen rechte Gewalt“ und Amadeu Antonio auf der Gegendemo machen, ist wirklich spannend; hast du die entsprechenden Fragen auch an die Organisationen geschickt? Falls ja, bin ich auf die Antworten gespannt!

    1. Elsa macht das mit vorbildlicher Beharrlichkeit und Gelassenheit. Ich habe nur gestern Wolfgang Thierse eine Mail geschrieben, von dem ich mir eher eine Antwort erwarte. Zur Not werde ich ihn auf der nächsten ZdK-Vollversammlung persönlich fragen.

  7. Was ist an Abtreibungen per se so schlimm, dass man sie verbieten müsste? Im Moment der Verschmelzung von Eizelle und Spermium haben wir menschliches Leben — wäre es „Mord“, diese eine Zelle zu töten? Wenn ich in vitro eine Eizelle befruchte, kommt ihr dann zusammen mit dem Spermium urplötzlich so etwas wie „Menschenwürde“ zu? Quasi unsichtbar wie der Leib Christi bei der Wandlung?

    1. @Julius:

      Es wäre auf jeden Fall Tötung, bei niederen Motiven Mord, ja. Und in der Tat, dieser einen Zelle (in wenigen Wochen Millionen Zellen) kommt die menschliche Würde zu.
      Nicht unsichtbar, sondern biologisch gesehen eindeutig. Wir entwickeln uns als Mensch, nicht zum Menschen. Die Natur kennt nur den lebenden oder toten Menschen, keinen Vormenschen, Bald-Menschen oder irgendso etwas.
      Diese philosphischen Konstrukte waren erst existent, nachdem die verbreitete Praxis der Abtreibung eine Rechtfertigung suchte.

  8. @Julius: Was an Abtreibungen so schlimm ist?
    Per se braucht man sie wegen mir nicht verbieten, ich bin keine engagierte Lebensschützerin (ich folge allerdings der Auffassung der Kirchenlehre dazu, die im Übrigen mit dem Grundgesetz konform geht). Aber du bist wohl keine Frau, nicht? Was ist denn wohl an einer Prostata- oder Blasenoperation so schlimm? Sie ist ein fürchterlicher Eingriff und sie ist sogar noch ausgesprochen und definitiv lebensrettend. Eine Abtreibung ist das jedenfalls für das Kind nicht (nämlich lebensrettend). Für die Frau, sowieso immer noch ein fürchterlicher Eingriff – da gibt es gar nichts schönzureden, das können noch so viele versuchen. Das sind Schmerzen, die kann sich ein Julius nichtmal in seinen Alpträumen vorstellen. Stell dir einfach vor, jemand haut dir eine Axt zwischen die Beine.
    Und mir geht es auch gar nicht um Abtreibung. Mir geht es um die großgeschriebene Zivilgesellschaft und die Förderung einer starken Gesellschaft gegen anti-demokratische Tendenzen etc. Diese Ansprüche, und dann die extrem ekelhaften Vorfälle bei der Gegendemo.
    (Nicht nur) Brennende Bibel. Dann sind wir im Namen des „Antifaschismus und der starken Zivilgesellschaft“ also bei den faktischen Straftatbeständen des STGB (166, 167)? Denn man tau. Es kann wohl nur besser werden.

  9. Ps: Es genügte in meinen Augen auch vollauf, wenn man sich von den Exzessen und menschenverachtenden Ausschreitungen distanzieren würde auf seiten der Initiatoren der Gegendemo, in deren Rahmen dies nun mal halt passiert ist, und ich denke nicht, dass das zuviel verlangt ist.

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