Die Wahrheit wird euch freimachen

Gestern war ich im Kloster St. Peter im Schwarzwald. Der Diözesanpastoralrat (ein Beratungsorgan des Erzbischofs) tagte, und während es um eine Weiterentwicklung der pastoralen Leitlinien, um die Kirchenaustrittszahlen und den Mißbrauch in der Kirche ging, zog übers Telefon via Twitter der völlig berechtigte Shitstorm gegen das Bistum Regensburg, ausgelöst durch den Artikel Stefan Niggemeiers, der für eine bloße sachliche Darstellung des Vorgehens des Bistums abgemahnt wurde.

Das Bistum Regensburg stellt sich mit seiner Einschüchterungskampagne gegen freie Berichterstattung nicht nur gegen die Grundlage unserer Demokratie (Stefan Niggemeier führt das im verlinkten Artikel aus), es zieht auch die Kirche in den Schmutz: Die Theologie, die aus seinem Handeln folgt, ist eine Theologie der Ängstlichkeit und Enge. Aus ihr kann nur gefolgert werden kann, daß die angebliche Wahrheit, die die Kirche in Christus hat, so wahr nicht sein kann.

Im Zentrum des christlichen Glaubens steht die Wahrheit: Als Christen gehen wir davon aus, daß Christus »der Weg, die Wahrheit und das Leben« (Joh. 14,6) ist. Diese Behauptung kann triumphalistisch, arrogant und intolerant gefüllt werden, und das war lange Zeit auch leider herrschende theologische Meinung (etwa in Leos XIII. Enzyklika Libertas praestantissimum donum von 1888), daß es »Freiheit nur für die Wahrheit, aber keine Freiheit für den Irrtum« geben dürfe, daß die von der Kirche präsentierte Wahrheit nicht hinterfragt werden darf. In der Tradition Augustinus wird Meinungsfreiheit als relativistisch abgelehnt. Konrad Hilpert erläutert diese Position in einem Artikel, der das gut zusammenfaßt, so:

Allein die Wahrheit kann beanspruchen, gehört und öffentlich verbreitet zu werden; und sie darf nicht verdunkelt werden, indem sie mit allen möglichen Irrtümern auf eine Stufe gestellt und der Beliebigkeit des subjektiven Meinens und Wählens ausgeliefert wird.

Dieses paternalistische Bild der Wahrheit verdunkelt aber gerade die Wahrheit: Wer die Wahrheit wirklich hat, braucht sich nicht vor Diskussionen fürchten. Nur wer der Wahrheit so gewiß doch nicht ist, wer die Wahrheit geringschätzt, muß abweichende Meinungen unterdrücken. Die Ängstlichkeit und Enge, die aus solchen (und anderen) Machtspielen spricht, zeugt von einer großen Verunsicherung: Plötzlich (für kirchliche Zeitmaßstäbe jedenfalls plötzlich) wird die Autorität der Kirche hinterfragt, muß sich die Kirche rechtfertigen. Eigentlich eine ideale Situation für die Kirche: Privilegien und Macht machen träge; eine Wahrheit, die man nur mit Gewalt verteidigen kann, ist nichts wert – und das ist auch gut biblisch: »Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt; aber antwortet bescheiden und ehrfürchtig, denn ihr habt ein reines Gewissen.« (1 Petrus 3,15f) Die Lutherbibel übersetzt hier »Seid allezeit bereit zur Verantwortung vor jedermann, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist«. Rechenschaft fordern heißt nicht nur, über die Grundlagen des Glaubens Auskunft zu geben. Rechenschaft geben heißt auch, daß jedes Handeln im Namen der Kirche natürlich hinterfragt werden kann und muß, gerade jetzt.

Daß die Öffentlichkeit Rechenschaft einfordert über den Mißbrauch in der Kirche, ist kein Angriff auf die Kirche, kein »Geschwätz dieser Tage«. Im Gegenteil: Das ist eine Öffentlichkeit, die die Kirche an ihren Worten und an ihren Taten mißt. Die Kirche, die ja auch eine weltliche Institution ist, ist auf die Kontrolle der Öffentlichkeit angewiesen. In Gaudium et spes gibt es einen eigenen Abschnitt »Die Hilfe, welche die Kirche von der heutigen Welt erfährt« (Nr. 44):

Die Kirche erfährt auch dankbar, daß sie sowohl als Gemeinschaft wie auch in ihren einzelnen Kindern mannigfaltigste Hilfe von Menschen aus allen Ständen und Verhältnissen empfängt. Wer nämlich die menschliche Gemeinschaft auf der Ebene der Familie, der Kultur, des wirtschaftlichen und sozialen Lebens, der nationalen und internationalen Politik voranbringt, leistet nach dem Plan Gottes auch der kirchlichen Gemeinschaft, soweit diese von äußeren Bedingungen abhängt, eine nicht unbedeutende Hilfe. Ja selbst die Feindschaft ihrer Gegner und Verfolger, so gesteht die Kirche, war für sie sehr nützlich und wird es bleiben.«

Mit dem letzten Satz wird zwar primär auf Märtyrer angespielt, in der Fußnote wird Tertullian zitiert: »Auch werden wir mehr, sooft wir von euch niedergemäht werden: der Samen ist das Blut der Christen!« Er gilt aber gerade auch für Kritik (auch wenn es meistens eine böswillig Unterstellung ist, überall Kirchenfeinde zu wittern, die »mit sprungbereiter Feindschaft« auf die Kirche »einschlagen«): Wenn die Kirche ihrer Wahrheit gewiß ist, dann kann sie gerade in der kritischen Anfrage diese Wahrheit umso besser darstellen. Und wenn die Kirche selbst Fehler macht, dann ist sie umso mehr auf Kritik von außen angewiesen.

Was das Bistum Regensburg hier tut, ist Machtmißbrauch. Nicht einmal nur ein weltlicher Machtmißbrauch, indem das finanzstarke Bistum gegen kleine Blogger vorgeht. Es ist ein geistlicher Machtmißbrauch. Im alten Kirchenlied »Wachet auf, ruft uns die Stimme« wird die Machtbasis der Kirche benannt: »Von Gnaden stark, von Wahrheit mächtig« – das ist die Machtbasis Christi, und das ist es, was das Vorgehen des Bistums Regensburg in den Schmutz zieht. Selbst wenn die Behauptungen des Bistums wahr wären – in der Form diskreditieren die Forderungen die Kirche. Karl Rahner formuliert das so:

Die formale Autorität eines Amtes enthebt auch dann, wenn der Amtsträger an sich legitim von ihr Gebrauch macht, ihn nicht der Pflicht, von der Sache her und in wirklich heutigen Verstehenshorizonten um die echte Zustimmung derer effizient zu werben, die von einer solchen Entscheidung betroffen werden.

(Karl Rahner: Strukturwandel der Kirche als Aufgabe und Chance, Freiburg, 3. Aufl. 1973, S. 65.)

Im Grundgedanken der Wahrheit ist bereits Dialog angelegt. Das betrifft nicht nur die Kirche in ihrem Verhältnis zur Welt (wenn auch momentan besonders, wo Kritik – auch aus Regensburg – mit Kirchenfeindlichkeit gleichgesetzt wird) – das betrifft auch die Kirche in ihrem Innenverhältnis: Wie innerhalb der Kirche miteinander umgegangen wird. Die Geringschätzung der Erfahrung der Menschen im Bistum Limburg ist ein Beispiel. Ein weiteres trauriges Beispiel ist die Art und Weise, wie mein Erzbistum Freiburg in Heidelberg mit der ehrlichen Sorge um die Kirche, ihre sakramentale Struktur und um die Eucharistie umgeht: Die Pfarrgemeinderäte der Seelsorgeeinheit Christophorus haben eine Petition verfaßt, und das Erzbistum ist völlig unfähig zum Dialog und greift zu Machtmitteln, oder wie es hier heißt:

Es fehlt hier ganz offensichtlich die minimale Bereitschaft wenigstens die normalen Gemeindemitglieder zu hören. Ich schreibe bewusst “zu hören” es geht nicht einmal darum “auf sie zu hören”. Mir kommt das vor als würde ein kleines Kind sich die Ohren zu halten und “ich höre nichts” sagen.

Auch hier wird die Wahrheit verfehlt, und damit gibt die Kirche den Anspruch auf, wirklich aus der Wahrheit heraus zu leben. Aus falschverstandene Sorge um Geschlossenheit und Einheit wird nicht Christus der Maßstab, sondern Ängstlichkeit und Enge:

Wo der Dialog gelingt, erfahren wir das Wirken Gottes und seine Nähe. Wenn er mißlingt oder ihm wenig Bedeutung begemessen wird, verliert die Kirche ihre Zeichenhaftigkeit und wird unglaubwürdig.

So lebt die Kirche nur dann ihre Wahrheit, Abbild und Zeugin Gottes und Sakrament seinr Liebe zu sein, wenn sie sich als dialogische Gemeinschaft verwirklicht. Eine Kirche ohne Dialog widerspricht in der Tat dem Willen Gottes.

(Hermann J. Pottmeyer: Dialog und Wahrheit. Wie Kirche ihre Wahrheit findet und lebt. In:Annette Schavan (Hg.): Dialog statt Dialogverweigerung. Kevelaer 1994, S. 94f.

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7 Gedanken zu „Die Wahrheit wird euch freimachen“

  1. Auch Kant fände das Vorgehen des Bistums Regensburg wahrscheinlich höchst „unvernünftig“…

    „[Es] sind Gleichgültigkeit und Zweifel und endlich strenge Kritik vielmehr Beweise einer gründlichen Denkungsart. Unser Zeitalter ist das eigentliche Zeitalter der Kritik, der sich alles unterwerfen muß. Religion durch ihre Heiligkeit und Gesetzgebung durch ihre Majestät wollen sich gemeiniglich derselben entziehen. Aber alsdann erregen sie gerechten Verdacht wider sich und können auf unverstellte Achtung nicht Anspruch machen, die die Vernunft nur demjenigen bewilligt, was ihre freie und öffentliche Prüfung hat aushalten können.“

    Kritik der reinen Vernunft, A5 (Anmerkung)

  2. Danke, Felix für diesen wirklich guten Artikel, der sauber und fundiert mein derzeitiges Problem mit unserer Kirche zusammenfasst.

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