Bahnanarama

1. Akt

Sehr geehrte Damen und Herren,

am 28. 12. 2005 bin ich mit dem ICE 108 von Mannheim nach Frankfurt gefahren; der Zug hatte in Mannheim 45 Minuten Verspätung, dementsprechend Unmut und Gedränge im Zug, unterstützt noch von den in Mannheim zugeladenen Freigetränken. So kam es, daß keine Fahrkartenkontrolle stattfand; mein Online-Ticket blieb ungestempelt, kein Schaffner aufzutreiben.

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Im Ghetto

Um nur fünf Minuten habe ich die Straßenbahn nach Karlsruhe verpaßt, und so mußte ich fast eine Stunde auf dem Heilbronner Hauptbahnhof verbringen, an einem Samstagabend.

Kaum hatte ich mich in der Bahnhofshalle hingesetzt, torkelte ein Betrunkener auf mich zu, setzte sich zu mir, packte eine Flasche Bier aus, öffnete sie mit den Zähnen und bot sie mir an. Ich konnte mich irgendwann doch nicht mehr entziehen, nahm einen Schluck, und dann unterhielten wir uns.

Und zwar auf Englisch. Der Kroate (als der er sich im Laufe des Gesprächs herausstellte) war nämlich fest davon überzeugt, daß ich Engländer sei. Und so fragte er mich über die Bezugsmöglichkeiten von Drogen in England aus. Hier in Deutschland sei das ja alles schwieriger, er habe fünf Jahre in Amsterdam gelebt, dort kommt man viel besser an Stoff. Und außerdem: »In Germany all Nazzis.« (sic!)

Mühsam überzeugt ich ihn, daß ich erstens Deutscher sei (und damit nichts über den englischen Drogenmarkt wisse), zweitens deshalb »no Nazzi« und drittens wir uns ja auf Deutsch unterhalten könnten.

Haben wir dann auch getan (mitterweile hatte ich seine jugendlichen Freunde, die alle sehr nach Bande aussahen, kennengelernt, und wider Erwarten für sehr höflich befunden); ungläubig: ob denn wenigstens meine Mutter aus England sei. Nein. Woher dann? Nähe Karlsruhe. Und mein Vater? Dito. Und ich? Dito, jedoch derzeit Freiburg. Ob ich damit allein wohne? Ja. Allein wohnen nicht gut. Familie wichtig. Und warum er dann hier in Heilbronn und nicht in Kroatien sei? »My mother kill me.« Aber ich wohne allein? Immer noch. Ob ich denn nicht einsam sei? Eigentlich nicht. Und wenn doch, wisse er, wo es hier in Heilbronn Frauen gebe. Billig.

Es folgen Auslassungen über die rassistischen (eben für ihn nicht:) Arbeitgeber in Deutschland, daß er wieder zu seinem Bruder nach Holland ziehen würde, und schließlich suche ich ihm heraus, wo sein Zug fährt (was er herauszufinden nicht mehr in der Lage war). Kurz vor der Abfahrt: Ob ich denn nicht bei ihm übernachten wolle. Er habe noch Schnaps und das mit den Nutten könne man ja auch wieder aufgreifen.

Ich lehne nach eher kurzer Bedenkzeit ab und setze mich wieder zurück. Dort sind mittlerweile zwei Jugendliche. Kurze Haare, Armeehosen. Ich packe meine Lektüre aus (Rawls, Theorie der Gerechtigkeit). Man beugt sich rüber (Suhrkamp, fällt mir da ein, ist ja eigentlich fast schon so gefährlich in dieser Situation wie ein Antifa-Aufnäher). »Was liest der da?« – »Irgendwas mit Gerechtigkeit.« Ich zeige den beiden den Titel. »Glauben Sie an Gerechtigkeit?« Was soll man da sagen, ich maneuvriere mich drumrum. Incipit der eine: »Ich glaube eher an die Unschuld einer Hure/Als an die Gerechtigkeit der deutschen Justiz« (übrigens ein Slime-Zitat; ich glaube aber kaum, daß die beiden Klientel von Slime sind.)

Endlich: die Straßenbahn.

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Bahnanadrama

Wieder mal: Die Bahn. Suizidversuch hinter Littenweiler, und sicherheitshalber bleibt meine Bahn also im Hauptbahnhof. Die ersten beiden Durchsagen waren noch vorbildlich deeskalierend, die dritte – nach einer halben Stunden – dann doch hörbar genervt:

Bevor wir die Sauerei während der Zugfahrt haben, bleiben wir lieber hier stehen.

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Bahnanarama

Kulanz à la BahnCard: Wenn der Automat in der Regionalbahn kaputt ist, muß man sich monatelang mit der Inquisition in Baden-Baden herumärgern – 40er ausstellen macht Spaß. Kontrolleure (die ich durchaus begrüße1!2) können aber doch kulant sein: OnlineTickets, auch ungestempelte, werden nämlich grundsätzlich nicht überprüft. OnlineTickets überprüfen macht keinen Spaß.

1 In dem Sinne, in dem ich auch Boxvereine begrüße: die Protagonisten sind zwar die letzten Proleten3, aber währenddessen sind die wenigstens von der Straße weg und der gesamtgesellschaftliche Nutzen ist größer als ohne, hier, weil sie so ihre Aggressionen sinnvoll kanalisieren können, und dort unter anderem genauso.

2 Meistens mit »Guten Tag«.

3 Damit meine ich in erster Linie die Kontrolleure im Verbund ohne die Servicekomponente. Am durschnittlichen Zub ist kaum etwas auszusetzen.

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Heimat, du bist wieder mein …

Kaum ist man drei Wochen nicht in der alten Heimat, ist alles anders. Nicht nur, daß die ständige Vertretung des Kienholzclubs bei der KiKaGe plötzlich gelb (quittegeel) gestrichen, dafür aber die Post geschlossen ist, nein: wir haben auch schicke neue 425er zwischen Karlsruhe und Mannheim. Mit Ansage. Automatisch. Ein Graus. Mannheim—Waghäusel ist, zugegeben, schwierig. Aber bis auf die korrekte Anfangsbetonung von Waghäusel läuft alles falsch: Neckarau mit Nebenbetonung und Glottisschlag, und, ganz verheerend, Neu-Lúßheim statt Neúlußheim.

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Mütze-Glatze

In der Straßenbahn. Einige etwa fünfzehnjährige Mädchen – ich will weder rassistisch scheinen noch Integration verhindern, doch mir schien: Hauptschule mit Migrationhintergrund – machen sich über einen etwa 18jährigen (irgendwo zwischen BVJ und Sozialhilfe) lustig. Er offensichtlich überfordert. Endlich: ein Lichtblick. Triumphierend kneift er die Augen zusammen. »Ey ihr Schlitzpisser: Wenn ihr nicht bald Ruhe gebt, gibt’s mit meiner Fleischpeitsche! – und ich war entsetzt, als ich im Freiburger Stadttheater das Lied von der, Zitat, kleinen Nymphomanin kennenlernte.

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Target marketing

Ich bin ein Apologet der Bahn. Wohlgemerkt: des Verkehrsmittels Bahn, nicht der Die Bahn. Daher lese ich öfter die im Zug ausliegenden wohlfeilen Magazine. Dieser Tage Mensch & Büro. Für diejenigen, die diese Publikation nicht kennen (ich verschrieb zunächst freudsch »nicht können«; gerade in diesem speziellen Fall ist aber »kennen« zweifelsfrei das Kausativum zu »nicht können«): der zeitschriftgewordene Geist neureicher Architekturphantasie, mit Rubriken wie »■RAUM Licht« [sic!] und dem Untertitel »Das Trendmagazin für den Lebensraum Büro«.

Nun sollte man denken, daß – nach zur Zeit vielbemühten Studien – die Schnittmenge aus der Zielgruppe eines solchen Machwerkes und Bahnfahrern überproportional viele Sympathisanten der Grünen (neuerdings auch Partei der besserverdienenden metrosexuellen Bürger) enthält.

Hand aufs Herz: sollte, lieber Chefredakteur mit der Sigel klü, man es dann nicht in Glossen (übrigens zur zwar zugegeben albernen, aber durchaus verständlichen Forderung, den Mehrwertsteuersatz für Currywurst zu heben) vermeiden, von grünen Grünkernbeißern und Sauerkrautsaft-Fans zu schreiben?

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Wanderer, kommst Du nach Spa…

Man kennt diese modernen Reisenden […] Ihr leichtes und bequemes Gepäck enthält Nahrungsmittel für einen Wolkenkratzer, Instrumente für ein Schlachtschiff und Waffen für eine Armee. Ein Buch darf es nicht enthalten. Ich wünschte, ich wäre so reich, daß ich einen Preis für vernünftiges Reisen ausschreiben könnte: zehntausend Pfund für denjenigen, der als erster die Reise Marco Polos unternimmt und dabei pro Woche drei Bücher liest, und noch einmal zehntausend Pfund, wenn er außerdem täglich eine Flasche Wein trinkt. — Robert Byron, »Der Weg nach Oxiana«

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Fahrradfahrer dieser Stadt …

Heute bin ich zum ersten Mal »Kids on Tour« gefahren. »Kids on Tour« (diese Bezeichnung wird seltsamerweise nie abgekürzt …) heißt: alleinreisende Kinder werden von der Bahnhofsmission betreut. Diesmal: Köln–Mannheim. Doch – bis ich erstmal dort war!

Der ICE war gestopft voll, hauptsächlich Soldaten auf Heimatfahrt und Geschäfsleute, ich bin dummerweise in den Raucherwagen eingestiegen (und es gab natürlich kein Durchkommen). Doch natürlich kommt es noch schlimmer.

Vielleicht hat der geneigte Leser es schon bemerkt: ich gebe mir zwar eine vorurteilsfreie links-alternativ-intellektuelle Anmutung (ich besitze sogar Yogi-Tee und diverse Werke von Heinrich Böll!), bin aber dennoch im tiefsten Herzen überzeugter Rassist. Ich verabscheue rheinischen Lebensstil; der Rheinländer an sich löst schon durch Dialekt und Gehabe Widerwillen in mir aus.

In meinem schönen Raucherabteil also saß eine köllsche Reisegruppe (mit Betonung auf dem Doppel-l von »köllsch«), bestehend aus einer Handvoll Ehepaaren im sogenannten »besten Alter«, die jedes Klischee erfüllten: die Damen in einer Weise elegant, die bestenfalls abgeschmackt zu nennen ist, die Herren in rot-braun-blauen Pullovern und mit Otto-Schily-Frisuren (und Joschka-Fischer-prä-Jogging- Bäuchen), und, natürlich, ein Fäßken (sic!) Köllsch (sic!), aus dem man dann und wann ein Gläsken (sic!) zapfte. Die Damen sprachen ihre Gesponse mit – natürlich! – »Daddy« an. Dabei allfällige Analysen über die deutsche Bahn im speziellen und die Lage der Nation im allgemeinen.

Entsprechend anti-rheno-guestphalisch kam ich also zum Rhein (zum Rhein, zum deutschen Rhein), ging auch gleich in die Bahnhofsmission (obgleich ich eigentlich noch eine Stunde gehabt hätte; doch innerhalb dieser Stunde hätte ich nur den Dom geschafft, und in meiner Situation auch noch an Card. Meisner erinnert zu werden …), wo mich der Leiter empfing. Eine ausgesprochen rheinische Frohnatur, die mir begeistert erzählt, daß sie in E-Mails an Mannheim immer »Mann, und dann Leerzeichen, heim« schreibe, »wie wenn da ein Mann heim müsse« – »Spaß« müsse ja »schließlich sein«, und das sei ja ein Wortspiel, »verstehen Sie?«, nudge nudge, knick knack.

Ansonsten war es doch ein recht nettes Erlebnis.

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