Meisners grobe Keile

Kardinal Meisner hat es mal wieder getan: Nazivergleiche in seiner Allerheiligenpredigt. Diesmal trifft es die »atheistische Wissenschaft«, und natürlich ist das Medienecho immens. Was hat er eigentlich gesagt? (Und warum bitteschön denn mal wieder so!)

Das eigentliche Argument läßt sich etwa so herauspräparieren: Der Mensch glaubt, auf Gott verzichten zu können, »indem der Mensch und seine Welt […] auf das quantitativ Messbare reduziert und gleichsam in das Gefängnis der Quantitäten eingesperrt werden.« Damit wird die Wissenschaft zum Götzen. »Als rein technisches Denken wird das Können des Menschen zum Maßstab seines Handelns. Ein von seinem Können abgetrenntes „Dürfen“ gibt es nicht mehr.«

Das wäre noch ein durchaus auch säkular zu begründendes Argument, und eines, das nottäte: Wissenschaft liefert empirische Beobachtungen; daraus schon Normatives zu folgern, wäre ein Fehlschluß. Meisner formuliert das bekannte Argument des Sein-Sollens-Fehlschlusses und des naturalistischen Fehlschlusses sehr eingängig: »[Naturwissenschaftler] haben Kompetenz im Labor, aber für die übrige Weltwirklichkeit sind sie nicht speziell zuständig, etwa um neue Zehn Gebote zu definieren.«

Aus diesem Material hätte man eine sehr solide Predigt ausarbeiten können, die angenehm unaufgeregt ein Plädoyer für Werte und ein kritisches Wissenschaftsverständnis dargestellt hätte. Man hätte sich sogar deutlich gegen eine ideologische Allzuständigkeit einer rein szientistisch-reduktionistischen Weltanschauung, für Naturwissenschaft aus christlicher Verantwortung aussprechen können:

Ideologiekritiker fordern gerne, man solle, statt normative Positionen einzunehmen, die Wirklichkeit, wie sie ist, erfassen. Doch schon Kant wusste: «Anschauungen ohne Begriffe sind blind.» Man misst immer nur, was man zuerst erdacht hat. Daten werden erst durch ein theoretisches Konzept interpretierbar. Und jedes solche Konzept ist notwendigerweise von Werten geprägt. (Gerhard Schwarz in der NZZ)

Das war Meisner aber nicht genug, vermutlich wollte er das auch gar nicht. Ihm ist seine These wichtiger, daß allein der Glaube Moral begründet, daß ohne Glaube zwangsläufig alles in menschenverachtenden Totalitarismus abdriftet (diese These halte ich nicht nur taktisch, sondern auch inhaltlich für falsch, gerade aus einer theologischen Begründung heraus, wie ich vor kurzem schon ausführlich dargelegt habe) – und dieser These opfert er alles kluge und diplomatische Abwägen.

Das ist auch inhaltlich gefährlich. Wenn man mit Meisner mitgeht und »[d]ie Leugnung der transzendenten Dimension des Menschen als Ebenbild Gottes und damit als moralische Person, welche die Würde des Menschen als Zweck an sich begründet« konstatiert, dann führt das in eine gefährliche Richtung. Deutlich wird dies in einem weiteren Zitat:

Der positivistische Materialismus und Evolutionismus der neuen Atheisten möchte – zusammen mit dem Glauben an Gott – auch die christliche Sicht des Menschen als Ebenbild Gottes und vernunftbegabte moralische Person ausmerzen. Auf dieser Grundlage muss jedoch auf eine substanzielle Begründung der Menschenrechte und der Menschenwürde verzichtet werden. Die Personalität des Menschen steht und fällt mit seiner Wahrheitsfähigkeit und Freiheit, die sittliches Handeln erst ermöglichen.

Wenn Würde substantiell nur transzendent begründbar ist, was heißt das in einer Gesellschaft, die gerade von einer Trennung von Kirche und Politik ausgeht? Was heißt das in einer Gesellschaft, die die Prämisse – nämlich das Transzendente – leugnet? Doch wohl nur, daß mit ihrer Widerlegung auch die Würde als widerlegt zu gelten hat; zumindest wird Würde aber verhandelbar. Das kann nicht im Interesse von Christen sein.

Gerade die Kirche hat aber mit dem Naturrecht ein Instrumentarium erarbeitet, das ethische Erkenntnis nicht zur (im Wortsinn:) Arkandisziplin macht, sondern allen Menschen guten Willens die Möglichkeit moralischer Erkenntnis zugesteht. Karl Rahner hat dieses pathologische Argumentationsschema gut herausgearbeitet:

Vor allem darf man bei moralteheologischen Lehrentscheidungen nicht einerseits sagen, sie seien naturrechtlichen Inhaltes und darum doch grundsätzlich jedermann zugänglich, und sich dann anderseits doch wieder auf die formale Lehrautorität mehr oder weniger allein berufen, ohne einen genügenden und zeitgemäßen Versuch zu machen, die innere Begründung von der Natur der Sache her überzeugend und lebendig vorzutragen. (Karl Rahner: Strukturwandel der Kirche als Aufgabe und Chance, Freiburg, 3. Aufl. 1973, S. 65.)

Mit seiner Rhetorik erweist Meisner seinem Anliegen, nämlich dem radikalen Szientismus eines Dawkins (in geringerem Maße, da weniger missionarisch, auch eines Singer) eine christliche Antwort entgegenzustellen, einen Bärendienst. Das wäre gerade heute nötig, wo diese Denkrichtung für sich eine totale Welterklärungskompetenz reklamiert. (Freilich: Gerade bei Dawkins gilt hier, daß Meisner einen groben Keil auf einen groben Klotz setzt.)

Mir ist es unverständlich, was Meisner mit solchem Verbalradikalismus bezweckt (gewollt dürfte es sein; die Predigt ist rhetorisch und formal sehr gelungen wenn auch in Teilen wohl ein Plagiat): Die Kritiker der Kirche bestätigt er damit, christliche Wissenschaftler stößt er vor den Kopf, »normale« Christen schütteln den Kopf und müssen ihren Panzerkardinal erklären (der Kölner Generalvikar räumt sehr schön hinter seinem Chef auf), nur die kreuz.net-Klientel freut sich, daß endlich jemand nicht der Diktatur des Relativismus nach dem Mund redet.

Meisner verschenkt eine Chance, wie der Kölner Stadtanzeiger kommentiert:

[D]er Dialog zwischen Kirche und Wissenschaft [ist] besonders hierzulande von enormer Wichtigkeit, um gegenseitig aufgebautes Misstrauen – wie in der Debatte um die Stammzellforschung – abzubauen. Diese Chance hat Kardinal Joachim Meisner nun vertan. Ein kardinaler Fehler.

Noch einmal Rahner (ebd.):

Die formale Autorität eines Amtes enthebt auch dann, wenn der Amtsträger an sich legitim von ihr Gebrauch macht, ihn nicht der Pflicht, von der Sache her und in wirklich heutigen Verstehenshorizonten um die echte Zustimmung derer effizient zu werben, die von einer solchen Entscheidung betroffen werden.

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