Mit uns zieht die Obrigkeit

Das baden-württembergische Finanzministerium fährt eine bizarre Anzeigenkampagne, um für seine Ausbildungswege zu werben. Mit dem Slogan »Was gibt’s zu glotzen?« wird Werbung gemacht für einen Bachelor of Laws, der zum Einsatz in der Finanzverwaltung befähigt. Zwei abweisenden jungen Leuten, sie die Arme vor der Brust verschränkt, er läßt sie hängen, wird der Slogan in den Mund gelegt.

Was will der Finanzminister uns damit sagen?

Wird hier selbstironisch eine Anrüchigkeit des Staatsdienstes unterstellt, die dann in Selbstbewußtsein umgemünzt werden soll? Möchte man die Steuerbürokratie mit dem coolen Hauch scheinbar jugendlichen, fatalistischen Null-Bock-Lebensgefühls sexy machen? Und glaubt man ernsthaft, das wirke glaubhaft?

Es ist dieselbe scheinbare Jugendlichkeit, die selbe Einstellung, die auch in einem Spot der Gebühreneinzugszentrale vorgeführt wird: Einem jungen Mann, dem die beflissene Verachtung des Gebührenprellers ins Gesicht geschrieben steht, wird als Begründung für die Gebühren in den Mund gelegt: »Weil es Pflicht ist« – ein Argument, das die GEZ für so schlagkräftig hält, daß es den Spot beschließt, das aber doch nur ein Verständnis von Pflicht bezeugt, das unbeleckt ist von Kant und nur gespeist wird aus einem nicht staatsbürgerlichen, sondern untertänigen, lemminghaften Staatsverständnis, das Autorität mit Legitimität in eins setzt.

Was über alles scheinbar Jugendliche hinaus aus dem Plakat des Finanzministeriums spricht, ist ein brachial-staatliches Recht des Stärkeren: Hier wird nicht geglotzt, wir stehen im Dienst des Finanzministers. Allein die Nennung des Finanzministers als Chef enthebt jede weitere Forderung nach Begründung ihrer Berechtigung. Man kennt dieses Muster: Jede Anfrage einer Maßnahme wird als grundsätzliche, existentielle Anfrage an die Person und mithin als Angriff gewertet – Polizeikontrollen funktionieren allzu oft nach diesem Muster. Wir sind die Guten, und wer uns nicht vertraut, ist schon verdächtig. Ob der Kaiser nackt ist, ist immer noch Sache des Kaisers. Arno Schmidts grundlegende (und die Herrschaft des Rechts über alle anderen Formen von Herrschaft moralisch privilegierende) Einsicht in die politische Anthropologie, daß »alle irgendwie Herrschenden oder Befehlenden« »Schufte« sind, wird nicht nur nicht rezipiert, sie wird als Majestätsbeleidigung diffamiert.

Die Plakatkampagne ist ein bald zynischer, bald sich selbst entlarvender politischer Kommentar: Was gibt’s zu glotzen? Was stellt ihr Kritikaster unverschämte Fragen nach Rechtsstaatlichkeit und Verhältnismäßigkeit, wo doch »jeder vernünftige Mensch weiß«, was zu tun ist? Unser Chef ist Finanzminister. Die Legitimation des arroganten Selbstvertrauens der auf dem Plakat Dargestellten ist der Abglanz der ministerialen Herrlichkeit, der diese einfachen Menschen über ihre zivile Existenz hebt: Wenn die Autorität mit uns ist – wer kann dann noch gegen uns sein?

Flattr this!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.